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Bürger Schippel

Carl Sternheim: Bürger Schippel - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleBürger Schippel
authorCarl Sternheim
year1988
publisherLuchterhand Literaturverlag
addressDarmstadt
isbn3-630-86687-5
titleBürger Schippel
pages69
created20120206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der vierte Aufzug

Gleiche Szene. Frühmorgens.

Erster Auftritt

Hicketier sitzt schlafend in einer Laube.

Jenny (erscheint in der Haustür) Ich bringe es nicht übers Herz, ihn zu wecken.

(Wolke kommt vom Zaun her.)

Jenny (zeigt auf Hicketier) Pst!

Wolke Potz!

Jenny Da saß er die ganze Nacht. Als ich morgens wach werde, finde ich ihn nicht im Bett.

Wolke Sorgen. Schippel!

Jenny Macht er auch gute Miene zum bösen Spiel, innerlich duldet er Qualen.

Wolke Er soll sich die wenigen Tage bis zum Fest noch zusammennehmen. Wolkes sind auch nicht die ersten besten. Hast du mit ihm über unseren Plan gesprochen?

Jenny Welchen?

Wolke Krey. Ich möchte, Verlobung und Singfest wird mit einem gefeiert.

Jenny Du bist unbedingt auf dem Holzweg. Krey wurde bei einer zarten Anspielung auf ein nächtliches Schleichmanöver so ungeschliffen grob...

Wolke Stimmt! Er ist ein Luchs, Fuchs, Kuckuck. Es gibt, meine Gute, Perversionen der Liebe, von denen du nichts ahnst. Wir haben da zum Beispiel den Korybanten, der im Traum die Geliebte in schlimmste Gefahren, widerlichste Schliche verstrickt, sich einbildet, aus denen sein Mut sie errettet. 50

Jenny Gräßlich!

(Hicketier macht im Schlaf einen Schnarcher.)

Wolke Bravo! Allmählich nun und das ist das Dämonische an der Geschichte entfernt er sich von der harmlosen Wirklichkeit der Angebeteten so bedeutend, daß er sie in ihrer schlichten Gesundheit überhaupt nicht mehr zu schätzen vermag. Wirkung: Katastrophe. Mütter jammern, Väter wimmern unter Trümmern. Ursache: Korybant. Ohne nun behaupten zu wollen, mit Krey wäre es so, hat es mit ihm doch das auf sich, was Natur ein Phänomen nennt, das heißt in folgender Beziehung: seine geistige Überlegenheit

Jenny Daß du ihn für so klug hältst!

Wolke Ein Universalgenie, Jenny! Sprich über die Juden mit ihm. Ah, ein Köpfchen! Oder nimm die Technik, Physik, Algebra, und halt dabei seinen Augapfel in acht. In der quicken Pupille, wie sie zuckt und schlitzt, liegt der geheimnisvolle Vorgang.

Jenny Kurz?

Wolke Er hat Thekla in sich zu ausbündiger Vollkommenheit erhoben. Platonische Idee. Nun traut er sich nicht.

Jenny Und hat einigermaßen recht. Sie ist eine Hicketier und dazu ein himmlisches Kind.

Wolke Eine Leckerei ohnegleichen. Zugegeben. Nun höre meinen Feldzug: ich drang mit Reden in ihn, ließ ein Bild, ihre Schrift bei ihm liegen; füllte seine Sphäre mit ihrem Geist, ihrem Geruch, ich der Ausdruck sei erlaubt verpestete sein Leben mit ihr. Schließlich, da der Koloß in seinen Knien wankt, fuhr es mir heute nacht ihm gegenüber heraus, sie habe in Liebesraserei seine und ihre Initialen verschlungen in die große Ulme dieses Hofes geschnitten.

Jenny Wolke!

Wolke Es geschah von meinen Händen zwischen fünf und sechs Uhr heute morgen. Sieh her. 51 (Er zeigt ihr die Stelle.)

Jenny Aber!

Wolke Da sah ich Hicketier schon. Er schnarchte regelmäßig und fest. Ich machte mir gleich meine ernsthaften Bedenken über ihn dort am Tisch. Und was gilt nun die Wette: Krey, ehe er zum Bureau geht, jeden Augenblick jetzt erscheint, sich zu vergewissern.

Jenny Da ist er!

Wolke (zieht Jenny hinter den Wagen) Zurück!

 

Zweiter Auftritt

Krey (kommt, sieht sich vorsichtig um und springt an die Ulme) Wahrhaftig! (Er lehnt gegen den Stamm und wischt sich den Schweiß von der Stirn, aufstöhnend:) Entsetzlich! Ich scheine verloren. (Exit.)

Wolke (tritt mit Jenny hervor) Tränen? Jetzt ist jede Diskussion geschlossen. Ja teurer Freund ich wollte dein Glück. (Ihm in Bewegung nach.)

Jenny (tritt in die Laube und setzt sich Hicketier gegenüber) Geliebte Seele.

Hicketier (aus dem Schlaf) He?

Jenny Es ist acht Uhr vorbei.

Hicketier (jäh erwachend) Thekla?

Jenny Du schliefst die Nacht hier?

Hicketier Schloß kein Auge.

Jenny Laß endlich deine Sorge. Habt ihr den Kranz, entledigt ihr euch Schippels.

Hicketier Ein übler Traum war das. Sag mir deine heimlichsten Gedanken.

Jenny Ich habe keine. Den Kaffee hol ich dir. 52

Hicketier Und Thekla?

Jenny Soll heiraten.

Hicketier Weiß Gott!

Jenny Sie ist im Alter. Nur wird sie mit ihrem Kopf Besonderes wollen.

Hicketier Zu niemandem ein Wort, zu ihr selbst nicht: Schippel!

Jenny Tilmann!

Hicketier Wir hatten die Köpfe im Sand. Inzwischen ist's weit gediehen. Weigerung meinerseits verbürgt eine Katastrophe.

Jenny Thekla HicketierSchippel! Mit allen Kräften...

Hicketier Nein, ich habe einen Plan: dem Burschen wird ein Stammbaum gezimmert. Jener verabschiedete Offizier, Junggeselle, der an Schippels Leben schuld sein dürfte, soll ihn adoptieren. Der Vermögenslose ist zu bewegen. Leib und Seele setze ich daran. Frage nicht! Du weißt Bescheid. Kein Wort mehr bis zum endgültigen Abschluß.

Jenny Ich machte mir Vorwürfe doch war sie unaufrichtig.

Hicketier Das war sie.

Jenny Vielleicht könnte Schippels wegen der Fürst...

Hicketier (springt auf) Keine Krume von den Großen! Kein Gequengel und Gebettel, Almosen und zum Schluß Verlegenheiten. Mit fester Hand alles selbst!

Jenny Das walte Gott. (Exit.)

 

Dritter Auftritt

Thekla öffnet im Haus ihren Fensterladen. Noch nicht völlig bekleidet, breitet sie die Arme gegen die strahlende Sonne. Man erblickt am Oberarm den goldenen Reif.
Hicketier tritt aus der Laube in die Mitte der Szene ihr stumm gegenüber. Thekla löst das Band vom Arm und wirft es dem Bruder zu.

Hicketier (fängt es und wirft es zurück. Eindringlich) Nichts gibt's, das die Gebärde rechtfertigt. Am entscheidenden Ort keine Romantik. Eine Mitteilung, auf die ich Antwort will: deine Hand ist gestern von Herrn Schippel gefordert. (Thekla leiser Aufschrei.)

Hicketier Bedenken, von mir erwogen, haben praktischen Einwendungen nicht standhalten können.

Thekla entgeistert Bruder . . .

Hicketier Alle Aber fallen in die Nacht. Heute, morgen, dein Leben lang.

Thekla Mein Schicksal!

Hicketier Bürgerin!

Thekla Ich oh Herz (Verbirgt ihr Gesicht in den Händen.)

Hicketier (abrupt ausbrechend) Traum hin. Ins Licht gesehen. Stolz, Stolz, Hicketier: Auf Mark und Knochen besonnen, ehe du durch Jux und Faxen lächerlich, verspült wirst.

Thekla Ich komme! (Sie stürzt vom Fenster, ist gleich darauf auf der Szene und fliegt Hicketier in die Arme.) Was du willst. Aus deiner Seele geschieht mit mir Wahrhaftigkeit, fühle ich.

Hicketier In einer Stunde bist du über alle Berge zur Tante, bleibst, bis ich dich in Ehre, Frieden und Gewißheit zurückrufe. Sei ausgiebig in deinem Schmerz, wirf dich ihm grenzenlos hin, zeichne durch seine gründliche Tiefe vor den Nächsten dich aus und ende ihn nicht zu frühzeitig. Doch verbirg ihn. Vom Mitmenschen mag die Welt nichts als seine Tüchtigkeit. 54 (Er macht, indem er den Arm um ihre Schultern legt, einige Schritte mit ihr.) Wenn dir als Gattin, Mutter oder Ahne der heutige Tag vor der Seele lebendig wird, muß eine überlegene Geste, die du gemacht, dir das Herz mit schöner Gewißheit füllen. Trete ich später über deine Schwelle, wird dasselbe Lächeln, das hinter Tränen dir schon um den Mund steht, uns erinnern, wer wir sind, woher wir stammen und was wir über uns vermocht. Segne Gott dich, Kind.

(Thekla zeigt in die Ferne, aus der Schippel auftaucht.)

Schippel (ruft) Guten Morgen allerseits!

Thekla Guten Morgen, Herr Schippel. (Exit.)

 

Vierter Auftritt

Hicketier Sie kommen wie gerufen.

Schippel Komme, gerufen von innerer Unruhe. Ab gestern abend hielt ich mich nie weit von Ihrem Haus entfernt.

Hicketier Wie ein Habicht um seine Beute kreist.

Schippel Auf jenen Hügel bis an den Bach kroch ich und hatte die Lichter dieses Zimmers (Er zeigt auf Theklas Zimmer.) fortwährend im Auge, die nicht erloschen. Mit welchen Gefühlen!

Hicketier Welchen?

Schippel Sagten Sie es nicht?

Hicketier Habicht!

Schippel Als Kind ging ich zu anderen Kindern auf die Straße. Ein Mädchen spie mir ins Gesicht: Thekla Hicketier.

Hicketier Ah!

Schippel Haß, der zwei Jahrzehnte geschwelt, brach in 55 dieser Nacht lichterloh aus in mir, überflammte mich. Als morgens der Bach lauter herabstürzte, überbrüllte ich ihn mit Tönen, die ich nie von mir gehört und die nun bis zum Singfest mein sind, weil einzig sie mir den Besitz dieses Mädchens verbürgen. Den halben Genuß meiner erfüllten Rache nähme ich mir aber, verschwiege ich Ihnen, welche Träume ich geträumt, welche Gebärden ich in der Einbildung mache, wie ich Hand legte an diesen Leib.

Hicketier Sie sind ein toller Bräutigam. Denn durch Zustimmung des Mädchens sind Sie's.

Schippel Ich hatte Gewißheit, als ich Sie beide eben überraschte.

Hicketier Und Ihre immer wieder an den Tag gebrachte Aufrichtigkeit...

Schippel In der wir uns treffen. Sie werden sich stets des Umgangs mit mir schämen.

Hicketier Gut kapiert.

Schippel Ohne Sorge. Mein Weltbild ist einbildungslos, solid. Aber die Gewißheit, ich halte Sie aus Ihrer Eitelkeit um den Kranz tagelang zwischen Händen, knete an Ihnen nach Gefallen

Hicketier Spielen so ein bißchen lieber Gott vor sich selbst.

Schippel Man hat's endlich nötig.

Hicketier Sind gewissermaßen von glücklichen Winden gebläht.

Schippel Habe Schwung und Einbildungskraft.

Hicketier Die Sie an Thekla legen.

Schippel An die Schwester, Schwager.

Hicketier Meinen, ich erbebe?

Schippel Habe meine Anzeichen dafür.

Hicketier Rückst mir wieder nahe. Bauch klopfen. Hahaha.

Schippel Seelisch, Freundchen. Hab's anders nicht mehr nötig.

Hicketier Strengst deine Warenhausphantasie mit Thekla mächtig an. Weil sie dich bespie... 56

Schippel Und so kommt die Stunde, da wir in meinen vier Wänden uns gegenüberstehn, Gatten

Hicketier (mit lautem Lachen) Und?

Schippel Ich abrechnend vor ihr aufwachse, balle die Worte im Mund...

Hicketier Und?

Schippel Beginne . . .

Hicketier Stolz in der Brust, einer Hicketier windiger Ehgemahl.

Schippel Vor der alles die Worte in Watte packte. Ich, irgendeiner, der aus Zufall wurde, in der Gosse aufwuchs, will jetzt die unbefleckte Bürgerin, will jetzt, packe sie an (Packt Hicketier.)

Hicketier Und?

Schippel Alter Fugger, kracht dir das Herz?

Hicketier (mit dröhnendem Lachen) Es lacht über dich Lumpensammler, der du glaubst, ein Kleinod aufzupicken. Höhere Gesetze ducken dich: Was unsereins dir gewährt, ist höchsten Glanzes verlustig...

Schippel (prallt zurück.)

Hicketier Verlor, für dich noch tausendmal zu gut, an einen Besseren die Blüte.

Schippel Thekla . . . ?

Hicketier Ist dir gewährt.

(Große Pause, in der Schippel abgewendet steht.)

Hicketier (geschäftlich) Ich bin dem neuen Familienmitglied noch Aufklärung schuldig. Auch über die Höhe der Mitgift wollen wir in meinem Büro weitersprechen. (Er macht eine Gebärde gegen das Haus.) Darf ich bitten. Dann habe ich eine Möglichkeit ins Auge gefaßt, wie dem Mißstand Ihrer dunklen Geburt abzuhelfen sei. Es handelt sich um jenen ledigen Offizier, der an dem Unglück schuld war. 57

Schippel (dreht sich ihm zu) Ich nehme Ihre Mitteilung zur Kenntnis.

Hicketier Bravo.

Schippel Ohne weiteres wissen zu wollen . . .

Hicketier Bravo.

Schippel Glaube ich nicht, daß der in mir wurzelnde Begriff von Mannesehre mir erlaubt, die Werbung länger aufrecht zu erhalten.

Hicketier (konsterniert) Was?!

Schippel Glaube nicht. Muß mir Entscheidung vorbehalten.

Hicketier (mit ausgestreckten Armen gegen ihn) Fort, fort! Hinaus!

Schippel (tritt zurück) Spüre schon, Verwandte können wir nicht sein.

(Hicketier dringt auf ihn ein.)

Schippel (wehrt mit großartiger Handbewegung ab) Bescheiden in unserer Verlegenheit!

 

Fünfter Auftritt

Krey und Wolke treten auf.

Schippel Ich will beim Fest singen wie ein Gott!

Wolke Sehe ich Sie ohne Halstuch, ist mir stets um Ihren Kehlkopf angst.

Krey Malzbonbons.

Schippel Ohne Sorgen, meine Herren, ich kenne meine schwere Verantwortung als Gentleman.

(Hicketier ist aufs Haus zugegangen.)

Schippel Guten Morgen. (Exit.)

Wolke (zu Hicketier) Höre! 58

Hicketier (in der Haustür) Später. (Exit.)

Krey (zieht Wolke an die Ulme) Schwöre!

Wolke Ich könnte zwei Finger heben, und es wäre vollbracht. Aber erst will ich dir mehr von ihr sagen, was ich beobachtet: du kennst die Kamille, den Rittersporn und Löwenzahn, kurz, es blüht keine Blume, die sie nicht pflückte, zu fragen: er liebt mich nicht liebt mich!

Krey Schwöre, sie schnitt die Zeichen ein. Schwöre. (Er packt ihn.)

Wolke Du kennst den Majoran.

Krey (preßt ihn so stark, daß Wolke sich windet.)

Wolke Pechnelke meine ich.

Krey Schwöre! (Er tritt ihn, verfolgend, in den Hintern.)

Wolke (laufend) Und geht es auf mit: er liebt mich...

Krey (hat ihn wieder gepackt und schüttelt ihn, indem er ganz außer sich brüllt) Den Eid! Den Eid!

Wolke Was wäre dabei. (Er hebt die Hand zum Schwur.) Ich schwöre!

Krey (fällt auf einen Stuhl und verdeckt das Gesicht mit den Händen.)

Wolke Närrischer Mensch, gutes in Vorurteile gezwängtes Herz. Schau mich, deinen Wolke schau an, der dich herzlich liebt und keine Stunde länger deine Gewissensqualen mit ansieht. Der aber auch für sein eigenes Dasein fortan Ruh will. Krey, (Mit erhobenen Händen:) Krey, (Auf Knien vor ihm, ganz erschüttert:) hol dir Thekla.

Krey (hebt ihn auf und küßt ihn) Ich sehe nicht in Zusammenhänge, weiß nicht warum, da alles bisher so gemütlich war. 59 Doch aus deinem Herzenston hörte ich, es soll so sein. Kein Wort weiter. (Sie schütteln sich die Hände.) Warte hier; als Bräutigam komme ich wieder. (Geht ins Haus.)

Wolke Das ist ein Kerl, ein wonniger, gottbegnadeter! Wie komme ich arme Kreatur zu dem ja also wie?! 60

 

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