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Gutenberg > Carl Sternheim >

Bürger Schippel

Carl Sternheim: Bürger Schippel - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleBürger Schippel
authorCarl Sternheim
year1988
publisherLuchterhand Literaturverlag
addressDarmstadt
isbn3-630-86687-5
titleBürger Schippel
pages69
created20120206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der erste Aufzug

Bürgerliches Wohnzimmer bei Hicketier.

Erster Auftritt

Thekla, (ganz blond, tritt von links ein) Bist du allein, Jenny? Um Mitternacht höre ich vom Zaun her, sehe einen Schatten, eine Mannsgestalt gebückt.

Jenny Thekla!

Thekla Gebückt eine Ewigkeit lang, die ich hinstarre. Der Kerl hat mich bemerkt, rührt sich nicht. Schließlich, ihm aus seiner Lage zu helfen, trete ich zurück. Fort ist er. Wer war's?

Jenny Wer grade für dich schwärmt.

Thekla Warum in schwarzer Nacht wie ein Dieb her und weg?

Jenny Du hast dich getäuscht. Dir steckt Adolfs Tod noch in den Gliedern.

Thekla Sprich von Naumann nicht mehr in solchem Sinn. Er war mein Verlobter, ein schreckliches Wesen. Ich krümmte mich unter seiner Geradheit.

Jenny Jetzt ruht er in Frieden. Die Männer werden gleich vom Begräbnis zurück sein. Ob es geklungen hat: »Wie sie so sanft ruhen« – ohne des Begrabenen Tenor?

Thekla Dieser Morgen! Da es feststand, er ist Staub. Die Freude darüber besiegte das Grauen vor dem nächtlichen Spuk.

Jenny Du dachtest einst besser von Naumann.

Thekla Ein Juniabend entschied. Wir beiden allein. Ich angefüllt von Glück, ihm als dem Weltall hingegeben. Das Wort mußte er sprechen, Zeichen geben, ich hätte ihn 8 überschüttet. Blödsinn schwieg er. Seine Augen eines Kalbes auf Stielen.

Jenny Kind!

Thekla Da war's vorbei. Ich wieder frei.

Jenny Verwische Tilmann das Bild des Freundes nicht.

Thekla So wenig wie mein eigenes hochheiliges. In meines Bruders Vorstellung bleiben wir das Brautpaar auf ein Postament hochgestellt. Ich spiele für ihn die Untröstliche.

Jenny Er braucht aus seiner Natur Symbole.

Thekla (hat einen goldenen Kranz vom Kissen unter einem Glassturz hervorgenommen und ihn sich lachend aufs Haupt gesetzt) Hier siehst du die beiden höchsten vereint: seine Schwester und den zweimal ersungenen Kranz.

Jenny Der durch Naumanns Tod kurz vor dem Wettgesang auf dem Spiel steht.

Thekla In der Hinsicht war sein Abscheiden rücksichtslos. Aber sie haben Aussicht, Schippel zu . . .

Jenny Mit ihm gibt's gefährliche Komplikation. Ich kann dir nicht sagen, welche.

Thekla Ich weiß sie längst: Er ist unehelich.

Jenny Vor Tilmann darfst du das Wort nicht kennen.

Thekla Vor ihm bin ich noch nicht bis zum Storch gekommen.

Jenny Es ist den Männern ein Greuel. Sie können sich nicht entschließen, ihn aufzufordern. Inzwischen fliegt die Zeit. Der Fürst ist gestern auf dem Schloß schon angekommen. Tilmann beherrscht sich zur Not; aber Wolke und Krey . . .

Thekla (lacht) Rasen!

Jenny Du spottest. Solche Männer sind dir nicht romantisch genug.

Thekla Sind mit Tilmann verglichen Spießbürger.

Jenny Weil du dir nicht die Mühe nimmst, ihre Tugenden anzusehen.

Thekla Hebe ich zu Krey den Blick, ist er entsetzt. Der Junggeselle hat vor dem ledigen Mädchen Angst. 9

Jenny Wolke möchte dich wohl; hat dich immer gemocht.

Thekla Dann tausendmal eher Krey! Ihn könnte man erziehen. (Plötzlich.) Das Gespenst nachts, Umfang, Gestalt hatte Ähnlichkeit mit Wolke. Wär's möglich – Wolke romantisch nachts unterwegs? (Sie lacht stürmisch.) Um so etwas könnte sogar der mir gefallen. Denn nie war meine Erwartung so fieberhaft auf den Helden gestellt.

Jenny Mädchen!

Thekla (zieht Jennys Hände an ihre Brust:) Hier ist bald Tag- und Nachtgleiche. Sommeranfang.

 

Zweiter Auftritt

Treten auf Hicketier, Krey und Wolke in Gehröcken und Zylinderhüten.

Hicketier (auf Thekla zu) Arme geliebte Schwester!

Wolke Er ist sozusagen in Schönheit hingegangen, aus seines Lebens Blüte weggerafft. Die Bestattung großartig. Pastos ohne Tenor. Dunkel. Eine ganz eigene Wahrnehmung. Was meinst du, Krey?

Krey (leise) Halt's Maul!

Wolke (zu Thekla) Wir haben in richtiger Würdigung deiner Empfindungen . . . ja also wie?

Hicketier Liebes Kind.

Thekla Laßt mich jetzt! (Exit.)

Hicketier Dieser Blitz aus heiterem Himmel.

Wolke Hat sie in den Wurzeln erschüttert. Unsere Aufgabe muß sein – ja also wie? Er war, nehmt alles nur in allem, ein Mann.

Krey Wir wollen uns mit Geschwätz nicht aufhalten. Bring den Brief, Hicketier.

Hicketier Ich hole ihn. 10

Jenny Habt ihr an Schippel geschrieben?

Hicketier (zu Jenny) Bleib um Thekla. Sie macht trübe Stunden durch.

Jenny Und kommt als tüchtiger Mensch schon drüber hin.

(Jenny und Hicketier exeunt.)

Wolke Der Frauen rätselhafter Leichtsinn. Noch ist der Tote nicht kalt, die Braut kommt drüber hin. Macht vielleicht schon anderen Augen.

Krey Endlich dein sündhaftes Maul!

Wolke Als wüßte ich nicht Bescheid.

Krey Was soll das sein?

Wolke Du hast mir also nichts anzuvertrauen?

Krey Hüte dich!

Wolke Ich denke mein Teil.

Hicketier (kommt zurück) Die Schreibmaschine ersparte mir, mich handschriftlich vor dem Hungerleider zu produzieren. Ein Gummistempel setzte zum Schluß meinen Namen hin ohne »ergebenst« oder »achtungsvoll«.

Krey Das ist unter Umständen ein Fehler. Lies.

Hicketier (liest) Die Herren Hicketier, Krey und Wolke – ich habe die Namen alphabetisch geordnet – wären bei Eignung geneigt, Ihnen den Tenorpart in ihrem Gesangsquartett probeweise anzuvertrauen. Sie werden aufgefordert, sich Montag den dreizehnten – das wäre heute – gegen drei Uhr nachmittags zu dem Unterzeichneten zu verfügen. Hicketier.

Wolke Bravo. Bündig.

Krey So schnauzt man einen Hund ab. Ton eines behördlichen Mahnzettels.

Wolke Ist sozusagen dieser Schippel viel mehr als ein Hund?

Krey Hat er nicht Brei in Knochen, steht er Kopf.

Hicketier Ich kochte beim Schreiben vor Wut über die Demütigung, mich überhaupt meinerseits zuerst – es war das blutigste Opfer meines Lebens. 11

Krey Man hätte mich zu Rat ziehen müssen. Wozu kenne ich als schreibender Beamter den Briefstil aus dem Tz. Es gibt höfliche Redensarten, auch wenn man vor Wut birst. Auf solchen Wisch springt uns der Mann ab, und wir sitzen im Dreck.

Wolke Alsdann hat Hicketier trotzdem seine Schuldigkeit getan.

Krey Genügt das? Auf den Erfolg kommt es hier an.

Wolke Sollte er schreiben: wir geben uns die Ehre, hochachtungsvoll zu einem Ziehkind?

Hicketier Daß er's durch die Stadt brüllt, wie wir Männchen machen?

Krey Makulatur. Sagt er ab, können wir nicht singen. Der Kranz ist hin.

Wolke Wahrhaftig – ja also wie?

Hicketier (sich den Schweiß trocknend) In welch fürchterlicher Situation sind wir eigentlich!

Wolke Ich kenne mich nicht mehr aus.

Krey Sintemalen es von diesem Burschen nach dem Urteil Berufener feststeht, seine Stimme übertrifft die Naumanns. Mit ihm boten wir den Anstrengungen der Quartette in allen Städten des Fürstentums ein Paroli.

Wolke Und du meinst?

Krey Ich kann mir nicht denken, ein unabhängiger Mensch kommt so brüsker Aufforderung nach.

Wolke O Gott, o Gott, o Gott!

Hicketier Ein armseliger Flötenbläser unabhängig? Bei unserem Einfluß in allen maßgebenden Stellen könnte es ihn die Existenz kosten.

(Die drei sitzen voneinander entfernt in drei Ecken des Zimmers und schauen sich hilflos an.)

Hicketier (kleinlaut) Wolke?

Wolke O Gott, o Gott, Krey, was sagst du?

Krey Herverfügen! Ha! 12

Hicketier Hätte einer von euch geschrieben. Ein Hicketier aber, die wir Goldschmiede seit dem Dreißigjährigen Krieg im Land sitzen.

Wolke Wolkes sind auch nicht die ersten besten.

Krey Sollte ich als höherer Beamter mich prostituieren? Wärst du zu mir gekommen; ich verfüge über ein ganzes Arsenal nichtssagender Floskeln.

Hicketier Was muß geschehen?

Krey Feststeht: wir können auf die Teilnahme am Wettsingen nicht verzichten.

Hicketier Als Männer aufgeben, was uns als Knaben bewegte.

Wolke Irrsinn!

Hicketier Was ich von Vorfahren übernahm. Was heilig zu halten wir dem Verstorbenen in seinen letzten Augenblicken gelobten.

Krey Also sind wir, da die Mitglieder eines Quartetts ortsgeboren und ortsansässig sein müssen, kein anderer Tenor zu finden ist, . . .

Hicketier Sind wir diesem Schippel auf Gnade und Ungnade ausgeliefert.

Wolke Und bei solchem Tatbestand schreibst du den Brief, Hicketier! Ich schwitze Blut und Wasser.

Hicketier (verzweifelt) Während in mir Unterstes zu oberst sich kehrte, habe ich meiner Natur das Menschenmögliche abgerungen.

Krey Damit war uns nicht hinreichend gedient.

Wolke Gott helfe uns aus der Bredouille, Amen.

Krey (der zum Fenster hinaussah, plötzlich) Schippel!

Hicketier und Wolke gleichzeitig Ha!

Hicketier Um drei Uhr bestellt; es ist noch nicht eins. Was sagt ihr?

Krey Das kann Übles bedeuten.

Wolke Ja also wie? Mir zittern die Knie, Krey, du hast mich völlig verwirrt. 13

Krey Jammerlappen! Stillgestanden!

Hicketier Wer spricht?

Krey Du bist Hausherr und Aufforderer.

Wolke Aber Vorsicht. Nachsicht mit ihm.

Krey Bedeutsam, aber unbeugsam.

Wolke Nur sacht!

 

Dritter Auftritt

Paul Schippel, mager, Rotkopf, etwa dreißigjährig, tritt auf.

Schippel Schippel . . . Paul.

Hicketier Schon gut.

Schippel Sie sind Hicketier?

Hicketier aufbrausend Herr, Herr! muß ich schon bitten.

Wolke Pst!

Schippel Verzeihung.

Wolke Buchdruckereibesitzer und Stadtverordneter Wolke. (Verbeugung.)

Krey Krey.

Hicketier Sie sind . . .

Schippel Blase die Klarinette. Ein schwarzes Querholz mit Nickelklappen, um einen Begriff zu geben.

Wolke (macht die Bewegung des Blasens) Weiß schon.

Schippel (lacht) Ausgezeichnet nachgeahmt. Arm bin ich, meine Herren. Aus der Hefe des Volks, wie man in Ihren Kreisen sagt. Der Rock, den ich trage, ist meine ganze Garderobe. Die Flöte spiele ich schlecht.

Wolke Schlecht und recht.

Schippel Sonst säße ich in einem guten Orchester, nicht hier zur Biermusik. Ich blase mehr aus Verzweiflung, eigentlich auf dem letzten Loch. 14 (Er lacht ungestüm.)

Hicketier Ich hätte Sie nicht überschätzt.

Schippel Jedenfalls als Bläser noch zu hoch geschätzt. Denn hier, meine verehrten Herren, das letzte Wort zur Sache: Ich blase fürchterlich; Mißtöne zum Bier.

Wolke (lacht stürmisch) Sehr gut!

Schippel Wollen Sie noch wissen, wieviel ich verdiene? Rund zwanzig Mark die Woche. Je zweimal Fleisch, sonst meist Heu, würde man beim Pferd sagen.

Wolke Gut!

Schippel Schlafe in einer Dachkammer, kämme mich mit ausgezähntem Kamm, meiner Zahnbürste fehlen die Borsten. Da mein ganzes Alibi.

Hicketier Ekelhafte Einzelheiten. Ihre Herkunft ist bekannt.

Schippel Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Hicketier.

Hicketier Uneheliches Kind.

Schippel (lacht.)

Wolke (lacht.)

Schippel Wie leichthin Sie das aussprechen. Ich hätte es in dieser Umgebung nicht über die Lippen gebracht. Sie als sicherer Mann brachen das Eis. Also nehme ich auch kein Blatt mehr vor den Mund: meine Herkunft ist nicht bekannt.

Krey Ein Malhörchen.

Hicketier Lassen wir es ruhen.

Wolke Im Dunkel.

Schippel Es gehört zur Sache, Verzeihung, meine Herren, soweit meine Wenigkeit dazugehört. Wir wollen es gleich klarmachen: ein Bankert bin ich, meine Herren. Das ist eine Einrichtung, mit der Sie wahrscheinlich das erste Mal zu tun haben.

Krey Schließlich eine öffentliche und schon weitverbreitete Institution.

Wolke Als Waisenrat kenne ich Sie hinreichend. 15

Schippel Man könnte fast sagen, eine erprobte, insofern . . .

Hicketier Ihre Phrasen beiseite, wollen Sie mit uns singen?

Schippel Lassen Sie mich gütigst aussprechen. Ich gebe ein für allemal den Inbegriff meiner Wenigkeit.

Krey Sein Alibi.

Schippel Fiel Ihnen nicht auf, ich trage den Kopf zur Erde gesenkt?

Hicketier Soviel Beachtung schenkte ich Ihnen nicht.

Schippel Das kommt so: Ich bin unfrei in mir, an und für sich schon. Tritt dieser Räume die Pracht hinzu. Was ich hier vorerst sage, stoße ich halb im Fieber heraus. Bitte also um Verzeihung, werde mich gleich sammeln. Als Kind ging ich zu andern Kindern auf die Straße. Beiläufig selbstverständlich. Man trat mich. Ein Mädchen spuckte mir ins Gesicht. Seitdem hielt ich den Kopf gesenkt, lernte die Erde besser auswendig als den Himmel.

Wolke Heutzutag kommt das nicht mehr vor. Die mir anvertrauten Kostkinder genießen alles in allem – ja also wie?

Schippel Sehr liebenswürdig. Kurz, ich lag seit ewig in einem Winkel, dahin Sonne nicht scheint. Kommt Ihr Brief. Begreifen Sie meine plötzlich veränderte Lage. Mißachtet, übersehen bis dahin, hungrig und durstig nach allem, was man sieht . . .

Hicketier Ist Ihnen dieser Ruf Erlösung aus proletarischer Not.

Schippel Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Wollen gütigst die Erschütterung verstehen, in der ich mich vor Ihnen befinde. Eine förmliche Umwandlung von Sekunde zu Sekunde, Wiedergeburt gewissermaßen geht vor sich.

Hicketier Das ist alles schön, höchstpersönlich . . .

Schippel (ist im Zimmer umhergegangen, steht vor einem Bild) Ein himmlisches Bild! Ölmalerei, wie ich unterscheide. 16

Hicketier Sie singen heut noch Probe, und wir beschließen.

(Schippel stößt singend ein leuchtendes A heraus, das er lange hält.)

Krey Oho!

Hicketier Der Ton läßt vermuten.

Wolke Bravo!

Schippel Jawohl, meine lieben Herren, jawohl, herrlich soll das werden! Eine Mutter hatte ich übrigens, eine kreuzbrave Frau.

(Er hält Hicketier beim Rockknopf.)

Hicketier Lassen Sie meinen Rock los!

Schippel (in Verwirrung) Nichts für ungut.

(Hält ihm seine Hand hin. Hicketier übersieht sie.)

Schippel Die Hand darauf, die Hand, Herr Hicketier!

Hicketier Unsere rein geschäftlichen Abmachungen . . .

Schippel Eine Hand, nur die Hand, sage ich.

Hicketier Unsere rein geschäftlichen . . .

Schippel Warum nicht die Hand?

Wolke Hicketier!

Schippel Ich fordere doch einfach – was wie? Fordere doch wohl aber natürlich Händedruck, Willkomm jederzeit. Hier, überall Ihren Arm, Ansprache, Äußerung auf der Straße, in Wirtschaften, Wohnstuben. Was?

Krey Ihre Aufnahme ins Quartett involviert keine weiteren Beziehungen.

Schippel Involviert? Was heißt das? Wenn meine Stimme mit Ihren singt – Handschlag nicht einmal?

(Er schüttelt Krey stürmisch beide Hände.)

Hicketier Sind Sie rasend, Mann?

Wolke O Gott, o Gott!

Krey Da hört sich alles auf!

Hicketier Schluß, Freundchen. Sie haben eine Rakete im Hirn. Säubern Sie Ihren Denkkasten, und fassen Sie zu allem Anfang die nackte Tatsache: Ein Hungerleider, 17 sehen Sie in uns für das knappe Futter sozusagen Ihre Brotherrn, die wir Macht haben, Ihnen auch das noch zu nehmen. Wollen aber, wenn uns Ihre Stimme paßt, etwas für bessere Menage, einen andern Bratenrock, auch sonst noch einen Knopf ins Portemonnaie tun. Das ist alles, und im übrigen: Hand von der Butten.

Krey Basta!

Schippel (entsetzt) So? Ach so! (Er schlägt in Erregung die Faust auf den Tisch.)

Hicketier und Krey Herr!

Wolke: Ja also wie?

Schippel (exit) Mahlzeit die Versammlung!

Krey (konsterniert) Was war das?

Wolke Der Mann will nicht, das Spiel ist aus.

Hicketier Wir sind so weit wie vorher.

Wolke Zieht die Bilanz: wir sind zu Ende. Er stellte gewissermaßen seine Bedingungen; äußerst vorsichtig, weiblich zart muß ich sagen. Hicketier aber fährt ihm mit einer Rage in die Parade, die den Handel ein für allemal erledigt.

Hicketier Dieser Mensch schien entschlossen, eiserne Barrieren einzureißen.

Krey Bei dem nötigen Distanzgefühl hätte man gewiß Konzessionen gemacht.

Wolke Aber seine Rede blieb eine Häufung von gütigst und erlauben Sie.

Hicketier Hindurch klang Forderung nach persönlichem Umgang, plumper Vertraulichkeit. (Außer sich:) Soll mir der Kerl erst vor aller Welt die Schultern klatschen? Hast du kein Schamgefühl? Geben wir diesem Vieh einen Finger, wie Efeu wuchert es an uns hoch. Teufel, der Armeleutegestank! Mach die Fenster auf.

Wolke Und das A, mein Lieber? Dämmerte dir bei diesem Ton nicht, die Gesangsangelegenheit war sozusagen erledigt, wir quasi Sieger? 18

Krey Das freilich stand unbedingt fest. Naumann war's nicht annähernd imstande.

Hicketier Und ob mein halbes Herz daranhängt – ich brächte es nicht über mich. So wenig wie ich eines Edelmanns Umgang wollte, wie mir dessen Vertraulichkeit unverständlich, Greuel wäre. Meine Gebiete will ich abgezirkt, nach oben und unten.
Wir begruben Naumann. Mir ist, es gilt an diesem Tag noch größerem Schmerz ins Auge zu sehen: unseren liebsten, unablässigen Traum zu bestatten.

Wolke Gibt es denn keinen Ausweg ohne Schippel?

Krey Wir stellten fest: keinen. Zwei Wochen kaum bis zum Fest, und kein Tenor am Ort außer ihm.

Hicketier Denn dieser Mensch, uns einmal näher bekannt, hätte die Stirn, auch noch die Frauen freundschaftlich zu grüßen. Wie sollte man dem Mädchen, die pure Existenz eines solchen Zwitters – guter Gott! Thekla plausibel machen?

Wolke Und doch bricht's dir das Herz.

Hicketier Keine Leichenrede. Zwei an einem Tag sind zuviel. Dann eben Schicksal. Das Leben hat kein Geländer. (Exit.)

Wolke Thekla! Da hast du's! Er selbst ließe sich schließlich zum Umgang herbei. Aber Thekla, das schutzlose Mädchen, die sozusagen hochherrschaftliche Hicketier!

Krey Was soll das?

Wolke Willst du leugnen: der Umstand, daß sie durch Naumanns Tod gegen jenes Individuum nicht mehr gedeckt ist, gab den negativen Ausschlag?

Krey Und?

Wolke Ich wiederhole, wir sind allein; du darfst dich geben.

Krey Fisematenten.

Wolke Man muß männliche Scham nicht zum Exzeß verdichten. 19

Krey Allmächtiger!

Wolke Du liebst Thekla. Und wüßte Hicketier sie an deiner Seite in Obhut . . .

Krey Hier geht ein Verbrechen vor sich. Weil ich an Maulfertigkeit dir nicht gewachsen bin, muß ich diese stinkende Komödie dulden. Du, nicht ich, liebst das Weib.

Wolke Es liebt sie – du.

Krey Qual ist sie mir, ihr Auftritt jedesmal Ekel. Anblick, Anhauch Widerwillen.

Wolke Ich kenne deinen Kern.

Krey Gomorra und Sodom! Ich lebe so gemütlich – und du . . .

Wolke Liebst sie! Halte an um sie! Der Augenblick ist historisch.

Krey Liebst sie! Ich weiß es seit Jahr und Tag.

Wolke Liebst sie! Und bliesest du mit himmlischen Posaunen deine Lüge mir zu, ich weiß, du liebst sie, und ich ermahne dich: rette die heikle Situation, indem du dich deiner Glückseligkeit hingibst.

Krey (enteilt) Ich hänge mich auf!

Wolke (ihm nach) Farusches Temperament, verbohrter Stolz. Aber ich lasse dich nicht.

(Man hört draußen verworrenen Lärm. Alsbald öffnet Krey die Tür und tritt mit tiefer Verbeugung in den Eingang.)

 

Vierter Auftritt

Tritt auf der Fürst, zwanzigjährig, in Uniform. Nach ihm kommen Krey und Wolke ins Zimmer.

Der Fürst In wessen Haus falle ich? Soweit ich sah . . .

Krey (mit erneuter Verbeugung) Hicketiers, Durchlaucht.

Der Fürst Schafft einen Streifen Leinwand, eine Schale 20 Wasser. Ins Schloß Nachricht hinaufgeben, der Arzt soll mich erwarten.

(Er läßt sich in einen Lehnstuhl nieder, öffnet den zerfetzten Ärmel seines Waffenrocks. Sieht dann plötzlich starr auf Wolke. Krey ist hinausgegangen.)

Wolke (scheu gegen die Wand gepreßt mit tiefer Verbeugung:) Wolke.

Der Fürst Wieso? – Verdammter Schinder! Auf das Zischen der Maschine pest er los, nicht mehr zu halten, wie Blitz in die Chaussee. Ich steuere ihn hart an die Wand dieses langen Hauses, scheure, bremse gewissermaßen. Greift so ein beherzter Knecht zu. Das Luder steht.

Wolke (strahlend) Ausgezeichnet!

Der Fürst Aas! Kommt noch fester in die Kandare.

 

Fünfter Auftritt

Hicketier und Krey treten mit Verbeugung auf.

Hicketier Welcher Unfall . . . Die Gnade, Durchlaucht.

Der Fürst Wasser, Leinwand . . . Ein Weib am besten.

Hicketier Meine Frau flog davon.

Wolke (mit tiefer Verbeugung) Wolke!

Der Fürst Hörte schon. Was hat es für eine Bewandtnis? Nun, Herr Hicketier?

Hicketier Zu dienen?

Der Fürst Schinder. Blutige Schramme. Der Tag fing übel an. Lief ein altes Weib über den Weg, regnete langsam Tropfen, graue Wolke. (Er lächelt zu Wolke:) Jetzt verstehe ich – Melancholie . . . (Er sinkt hinüber.)

Krey (springt zu) Durchlaucht! Eine Ohnmacht. 21

(Hicketier und Wolke rasen ziellos durchs Zimmer, dann gegen die Tür, aus der)

 

Sechster Auftritt

(Jenny und Thekla treten. Jenny trägt eine Schale mit Wasser, Thekla Verbandzeug. Thekla kniet vor dem Fürsten, nimmt dessen herabhängenden Arm, beginnt ihn zu säubern und zu verbinden, während Jenny vorher bemüht war, den Ohnmächtigen zum Bewußtsein zurückzubringen.)

Der Fürst Kandare. Was ist? Himmlische Erscheinung? (Thekla vollendet geschickt ihr Werk.) Güte selbst. Schöne Gnade. Ich danke. Charming. (Die Frauen verlassen das Zimmer.)

Hicketier Sie hat, Durchlaucht, die Krankenpflege erlernt.

Der Fürst Charité, sage ich Ihnen. Nie gesehen. Vokabel bis dato. Ein Meisterstück der Verband. Charming. Es riß an den Nerven. Ein Schinder. (Er erhebt sich, greift zur Mütze.) Pardon, hatte ich nicht eine Peitsche? (Zu Wolke:) Warum sagten Sie Wolke?

Krey Sein Name, Durchlaucht. Buchdruckereibesitzer.

Der Fürst Ah – unser Wolke! Das blaue Schild am Markt: Drucksachen aller Art schnellstens.

Wolke Billigst.

Der Fürst Erfreut. Wohin gingen die Damen?

Hicketier Meine Frau, meine Schwester Thekla.

Der Fürst Thek . . . Mein lieber Herr Hicketier, sind uns ja nicht unbekannt. Früher oft . . .

Hicketier Durchlaucht, als Knabe mit dem hochseligen Fürsten . . . 22

Der Fürst Komme wieder. Das also ist Herr Wolke. Keine schlechten Schriften? Nichts Sozialistisches, Anarchisches?

Wolke Ausgeschlossen, Durchlaucht.

Krey Akzessist Krey.

Der Fürst Bravo! Der Bürgerstand, meine Herren, der Beamtenstand – hm. Meine Helferin? Warum nimmt man mir die Möglichkeit zu danken?

Hicketier Sofort. (Exit.)

Der Fürst (erblickt den Kranz) Goldener Kranz. Etwa?

Krey Zweimal von unserm Quartett ersungen.

Der Fürst Meines Vaters berühmter Liederkranz. Des Landes Meistersinger sozusagen. Fallen mir meine Sünden ein: in vierzehn Tagen – ich weiß – und das Preislied immer noch nicht bestimmt. (Zu sich:) So amüsante Sachen in nächster Nähe und man wiegt sich in schwarzer Langerweile. (Laut:) Der Männergesang, eine wichtige, dem Volk am Herzen liegende Sache, kann von uns allen nicht scharf genug ins Auge gefaßt, muß dem Ansturm idealloser Zeit kräftig entgegengesetzt werden. Das deutsche Lied, meine Herren! Wir werden diesbetreff außerordentliche Entschließungen treffen, die Wichtigkeit des vor der Tür stehenden Fests durch unser fürstliches Ansehn erhöhen. (Zu sich:) Himmel, was fällt mir bei! (Laut:) Zweimal von Ihnen ersungen. Ich hoffe sehr zuversichtlich, der Kranz entgeht Ihnen wieder nicht; der Sieg muß gerade diesmal Ihnen gehören.

(Wolke und Krey verbeugen sich.)

 

Siebenter Auftritt

Hicketier kommt mit Jenny und Thekla.

Der Fürst Über das Preislied wissen die Herren meine Meinung, lieber Hicketier. (Verbeugung vor Jenny und Handkuß:) Gnädigste Frau! (Verbeugung vor Thekla:) Charité. Walte ein Himmel über Ihnen! (Ganz leise zu ihr:) Thekla! (Salutierend ab.)

(Alle stehen tief verbeugt. Thekla sinkt in den Sessel, in dem der Fürst saß. Da derselbe abgewendet steht, bleibt sie fernerhin den auf der Szene Stehenden unsichtbar.)

Wolke Mir krachen die Schenkel.

Hicketier Dort stand er.

Krey (zu Hicketier) Dein Dach über des Fürsten Haupt.

Jenny Hoffentlich heilt die Wunde bald.

Krey Und wie schlicht, wie volkstümlich er sich vernehmen ließ.

Wolke Wie leutselig: Unser Wolke. Sein Wolke gewissermaßen.

Hicketier Aus höherer, anderer Welt.

Wolke Sie müssen im Wettgesang siegen, meine Herren. Charming.

Hicketier Sagte er?

Krey Wollte, befahl er ohne Widerrede. Das Auge durchbohrend.

Wolke Durchbohrend leutselig. Das deutsche Lied derAnarchie entgegen. Charming. Niemand außer Ihnen darf den Kranz gewinnen.

Jenny (zu Hicketier) Komm nun auch gleich zu Tisch. 24 (Exit.)

Krey Was geschieht nach diesem unwiderstehlichen Befehl?

Hicketier Es ist an einem von euch.

Wolke (zu Hicketier) Ohne Federlesen gestanden: du bist unter uns die Potenz. Nur du findest Mittel und Weg, Schippel aufs neue zu ködern, ohne uns in etwa zu demütigen.

Krey Da es, unsern persönlichen Wünschen weit entrückt, vor dem Fürsten jetzt Ehre oder Unehre gilt.

Hicketier Aber . . .

Wolke Der Fürst! Ach Hicketier, und wäre er nicht hinzugekommen – Auge in Auge mir – du hättest doch nicht geruht, nicht verzichtet, Wunsch und Willen durchzusetzen.

Krey Du kannst nicht leben, du zwängest diesen Schippel denn.

Wolke Und hast das Lapidare.

Hicketier (nach einer Pause) Wohlan denn! Wieder sind die Leidenschaften zu sehr aufgewühlt. Also reiße ich die Angelegenheit von neuem an mich, hinein in Ehre und Gewissen.

Wolke (leise zu ihm) Und auch für Thekla weiß ich guten Rat.

Hicketier (lacht) Davon ist mein Hirn, Himmel und Erde überangefüllt.

Wolke Geben wir uns die Hand. In Anbetracht der Wichtigkeit der Sache: wir schwören.

Hicketier, Krey und Wolke (vorn an der Rampe, die Hände ineinandergelegt, gleichzeitig:) Schwören!

Krey Das war ein Strauß! Ich bin ordentlich erleichtert.

Wolke Ein ereignisvoller Morgen. Doch schmeckt nach Kampf und Not das Mittagsbrot. Massiv ist Hicketier, he?

Hicketier Das muß ich gegen ein Scheusal erst beweisen. Und jetzt zu Tisch, Herren. 25 (Exit.)

Krey Privatim sprechen wir uns noch.

Wolke Ja also wie?

Krey Sinnfälscher, Roßtäuscher!

Wolke Meine Ware ist propre.

(Exeunt.)

(Thekla springt vom Stuhl ans Fenster, das sie aufreißt. Sie lehnt hinaus. Plötzlich hebt sie die Hand und winkt mit einem Tuch hinaus.) 26

 

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