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Bunte Steine

Adalbert Stifter: Bunte Steine - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBunte Steine
authorAdalbert Stifter
year1998
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
isbn3-442-07547-5
titleBunte Steine
pages3-269
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
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»Ich habe Licht durch diese Fenster scheinen gesehen«, sagte er in guter deutscher Sprache, »und bin hereingekommen, eine Bitte vorzubringen.«

»Und welche?« fragten der Verwalter und der Schloßherr zugleich.

»Sie werden mir gefälligst auf die Spitze des dicken Turmes folgen«, sagte der Fremde, indem er auf den Verwalter zeigte.

Er hatte hiebei den einen Arm erhoben, den Mantel gelüftet und man sah, daß er in der Hand des anderen Armes eine doppelläufige Pistole habe.

»Wer kann das fordern, ich bin hier der Gebieter«, rief der Schloßherr.

»So? Sie sind der Gebieter?« sagte der fremde Mann, »Sie gehen auch mit hinauf.«

Hiebei griff er mit der freien Hand auf die Pistole und spannte beide Hähne, daß man sie knacken hörte.

»Sie werden eine Laterne auf die Treppe mitnehmen und vor mir gehen«, fuhr er fort, »es wird keinem ein Haar gekrümmt, solange alles ruhig ausgeführt wird. Wenn ich aber Verrat merke, muß ich von den Waffen Gebrauch machen, es geschehe dann, was wolle. Bleibt hier ruhig sitzen, ihr andern, bis sie wieder zurückkehren«

Er war mit dem Rücken gegen den Türpfosten stehen geblieben, hatte die Pistole in der Hand und sah alle an.

»Es ist nichts, seid nur ruhig, und ihr folgt uns«, sagte der Verwalter, indem er den Schloßherrn bei der Hand nahm, »und ihr verlaßt keines das Gemach, bis wir wiederkommen.«

Er langte bei diesen Worten mit der Hand nach der Laterne, die neben dem Weihbrunnenkessel hing, machte sie auf, zündete das Stümpfchen Kerze in derselben an, schloß sie wieder gut zu, schritt in die Stube vor und sagte: »Wenn es gefällig ist.«

Der fremde Mann ließ, indem er sich seitwärts stellte, den Verwalter und Schloßherrn bei der Tür hinaus und folgte ihnen dann, mit dem Körper seitwärts gewendet, daß er die in der Stube und die Vorangehenden zugleich überblicken konnte.

Die Zurückgebliebenen hatten kein Wort gesagt, die Sache war einesteils so schnell vor sich gegangen, und die Ruhe des Verwalters hatte ihnen anderenteils Vertrauen eingeflößt.

Die zwei Männer gingen mit der Laterne den Gang entlang, der zu dem Turme führte, der Fremde folgte ihnen, daß sie die Sporne, die er an den Füßen hatte, stets hinter sich klirren hörten.

Sie kamen an die Treppe und stiegen hinan. Als der Fremde merkte, daß sie bald oben seien, befahl er ihnen, stille zu stehen, die Laterne auf eine Stufe zu stellen, zu öffnen und mehrere Stufen aufwärts zu gehen.

Als sie das getan hatten, näherte er sich der Laterne, zog aus seiner Manteltasche ein sehr kleines Laternchen heraus, zündete ein fast unscheinbares Lichtchen in demselben an, ließ die andere Laterne auf der Treppe stehen, stieg gegen die Männer, die indessen gewartet hatten, hinan, und befahl ihnen, weiter zu gehen.

Als man auf das Steinpflaster des Turmes hinausgekommen war, welches, wie oben gesagt wurde, die Stelle des Daches vertritt, hieß er die Männer an einem Platze der Brustwehre, wo er sie sehen konnte, stehen bleiben, er selber ging an eine andere Stelle der Brustwehr, stellte sein sehr kleines Laternchen darauf, legte die Pistole daneben, zog eine Brieftasche heraus und fing an, bei dem Scheine seines Lichtchens in dieselbe zu schreiben oder zu zeichnen. Die Nacht war so finster, daß man von der Gegend nichts sah als einen einzigen schwarzen Raum, in welchem die Lichter und Wachfeuer wie rote Sternchen sich zeichneten. Von dem Dorfe sah man nichts als den Umriß mancher Dächer und der Kirche. Von dem Platze war ein Teil durch die Feuer der Truppen beleuchtet.

Als der Fremde eine Weile gezeichnet oder geschrieben hatte, steckte er seine Brieftasche wieder ein, nahm sein Laternchen in die eine, seine Pistole in die andere Hand und hieß die Männer vor sich hinabgehen.

Als man zu der Stelle gekommen war, wo die Laterne stand, mußten sie dieselbe nehmen und den Mann in der Weise, wie man heraufgekommen war, wieder zurückführen.

Da man an der Tür der Gartenhalle angekommen war, sagte der Fremde, daß ihn nun die zwei Männer auch durch den Garten bis zu dem Gitter, das auf das Feld hinausführt, begleiten müßten. Wenn er außerhalb des Gitters wäre, könnten sie zurückkehren. Die Laterne müßten sie in dem Torwege, der an der Halle vorbeiführt, stehen lassen.

Der Schloßherr und der Verwalter gingen also in dem finstern Garten vor dem Fremden her.

Nicht weit von dem Schlosse fand man ein Pferd an einem Baume angebunden. Der Fremde löste es los, schlang den Zügel um den Arm und führte es hinter sich her. Er führte es nicht auf dem Gartenwege, auf dem die zwei Wegweiser gingen, sondern auf dem Rasen daneben, damit die Hufschläge nicht gehört würden.

Als man in die Nähe des Gitters kam, zeigten sich dunkle Gestalten an demselben. Der Fremde näherte sich den beiden Vorgängern plötzlich und flüsterte ihnen zu: »Halt.«

Dann schaute er sehr lange und, wie es schien, anstrengend auf die Gestalten.

Endlich sagte er sehr leise, sie sollten ihn wieder zu der Halle zurückführen.

Sie taten es, er zog sein Pferd hinter sich her.

Da sie bei der Halle angekommen waren, befahl er ihnen, das Tor, welches den an der Halle vorbeiführenden Torweg schloß und überhaupt das Haupttor des Schlosses war, zu öffnen.

Der Verwalter ging um den Schlüssel, während der Schloßherr in der Gewalt des Fremden bleiben mußte, und da der Verwalter aus der Gartenhalle, in welcher sich der Schlüssel befunden hatte, heraustrat, folgten ihm auch neugierig die Leute, die in der Halle gewesen waren. Der Fremde hielt sich an sein Pferd, hatte den Schloßherrn immer im Auge und die Pistole in der Hand. Der Verwalter und ein Knecht sperrten das Tor auf, taten im Laternenscheine den großen eichenen Querbalken weg, öffneten die beiden Flügel, daß man in den schwarzen Raum hinaussah.

»Tut die Laterne zurück«, sagte der Fremde.

Als man das getan hatte, schaute er eine Weile scharf bei dem Tore hinaus, den Blick aber jeden Augenblick kurz auf den Schloßherrn richtend, daß derselbe sich nicht entfernen konnte. Dann, soweit man bei dem Scheine der Laterne beurteilen konnte, richtete er etwas an dem Pferde, prüfte anderes, und da es gut befunden war, schwang er sich hinauf. Da er einmal oben saß, war es nur ein Augenblick, in welchem er sich gleichsam festzusetzen suchte, dann gab er die Sporen, tat einen Ruf und mit einer so fürchterlichen Schnelligkeit, daß man kaum mit den Augen blicken konnte, daß die Funken in Schwärmen sprühten, flog er über den Steindamm hinaus. Als er jenseits war, wie man aus dem schwächeren Hufschlage schließen konnte, schoß er rechts und links einen Pistolenschuß ab, worauf sogleich Blitze hinter ihm sichtbar wurden, Schüsse krachten, Geschrei sich erhob und sich ferner zog.

»Das ist ein Mann«, rief Lulu jubelnd.

»Du Scheusal, du kleine Ausgeburt«, schrie der Schloßherr, »du fällst in Bewunderung unsern Feinden zu.«

»Er ist ja kein Franzose«, antwortete Lulu, »er spricht so schön Deutsch.«

»Um so schlechter, um so tausendmal schlechter ist er«, sagte der Schloßherr, »als ein Deutscher sollte er lieber in die fernsten Gegenden ziehen und betteln, ehe er mit dem Erzfeinde sich verbindet, ja er sollte lieber den Tod leiden. So aber nimmt er von unserem Turme die Stellung der Verbündeten auf, verrät sie, und wir werden es morgen früh schon sehen, wenn sie ihn nicht niedergeschossen oder erwischt haben.«

»Er rennt mit seinem Pferde an ein Haus an und zerschmettert sich und das Tier«, sagte eine Magd.

»Der rennt nicht an«, erwiderte ein Knecht, »er sieht sich die Sache gut zusammen und versteht sein Ding.«

»Er ist doch ein Mann, wenn er auch ein Feind ist«, sagte Lulu.

»Warum hast du ihn denn nicht umgebracht, da er einen weißen Mantel hat?« fragte Alfred den Schloßherrn.

Dieser schaute den Fragenden an und antwortete nicht.

»Kinder, Leute, wir werden hier bald ein anderes Schauspiel haben«, sagte der Verwalter, »dieser kühne Mann mag nun umgekommen sein oder nicht, er ist ein Feind, wie sich aus seinem Tun gezeigt hat, er ist aus unserem Schlosse in unsere Verbündeten gesprengt, bald werden sie da sein und werden Rechenschaft fodern. Sehe jeder, daß er sich genau merke, wie die Sache, bei der er war, hergegangen ist, damit er die Wahrheit bekennen könne, daß sich keine Widersprüche finden, die uns arge Dinge bereiten könnten. Die Soldaten im Dorfe draußen sind auf dem Rückzuge begriffen und sind erbittert. Laßt uns das Tor wieder schließen, aber bei dem ersten Stoße an dasselbe es gerne und schnell öffnen. Bis dahin gehen wir wieder in die Gartenhalle.«

Die Knechte schlossen das Tor, taten den Eichenbalken vor, gaben dem Verwalter den Schlüssel, und man ging mit der Laterne wieder in die Halle.

Man war noch nicht lange dort, als sich Schläge an das Tor vernehmen ließen.

Die Mutter tat einen schwachen Schrei und bewegte sich gegen den Vater hin. Dieser beruhigte sie, ließ das Tor öffnen und ging selber den Eintretenden mit einem Lichte entgegen. Es waren zwei Vorgesetzte mit Begleitung von Soldaten. Der Steindamm war mit Soldaten bedeckt.

»Sind noch mehrere Feinde hier?« fragte einer der Vorgesetzten in ziemlich verständlicher deutscher Sprache.

»Es war der einzige, der eben hinausgeritten ist«, antwortete der Verwalter.

Sofort ließ der Krieger alle Aufgänge, alle Türen und die Ausgänge in den Garten mit Mannschaft besetzen. Die Schloßleute wurden in der Halle bewacht, und der Schloßherr und der Verwalter mußten unter Bedeckung von Soldaten in alle Räume des Schlosses gehen, daß man dieselben untersuchte. Der Schloßherr war viel geselliger, gesprächiger und freundlicher gegen die jetzigen vielen bewaffneten Soldaten, die ihn begleiteten, als er es früher gegen den einzigen gewesen war. Als man nirgends etwas Verdächtiges fand, kehrte man zu der Gartenhalle zurück. Den Garten untersuchte man nicht, nur wurden die Ausgänge aus dem Schlosse zu ihm sehr verrammelt, daß ein Feind, wenn einer im Garten wäre, schon dadurch gefangen war.

Dann schritt man zum Verhöre. Der Verwalter erzählte die Sache, wie sie sich begeben hatte. Er stellte die Vermutung auf, daß der Fremde durch den Garten gekommen sein müsse, weil das Tor geschlossen gewesen sei, und in dem Dorfe sich ja die Verbündeten befunden hätten. Wenigstens habe der Fremde durch den Garten fortgewollt, dies werde sich deutlich in den Fußstapfen und namentlich in den Hufspuren im Grase zeigen, wenn man sie morgen bei Tag untersuchen wolle.

»Man wird die Sache untersuchen«, sagte der Krieger.

Hierauf wurde der Schloßherr abgesondert vernommen und dann alle andern, selbst die Kinder.

Als dieses vorüber war, wurden die Männer in ein Gewölbe des Turmes abgeführt, dort eingesperrt und bewacht. Die Weiber und die Kinder wurden in der Gartenhalle gelassen, wurden aber dort ebenfalls eingesperrt und bewacht.

Von da an verging die Zeit, die Ängstlichkeit und die Besorgnis abgerechnet, ruhig. Nicht ein Laut war zu vernehmen, als zuweilen der Schritt einer Wache vor der Tür, das Rasseln eines Gewehres oder ein Kolbenstoß. An dem Himmel war kein Lüftchen, die Wolken schienen unbeweglich dort zu stehen, und die Wipfel der Bäume im Garten regten sich nicht. Unter diesen Betrachtungen brachten die Gefangenen der Gartenhalle die Nacht zu. Daß kein Schlaf in ihre Augen kam, ist begreiflich. Wohin man die Männer gebracht hatte, wußten sie nicht.

Als endlich das Morgengrauen anbrach, hörte man verworrenes Getöse, wie Fahren, Reiten, Gehen, Rufen, man hörte endlich Hörnerklänge, Trompeten und Trommeln, aber alles gedämpft, da es von der entgegengesetzten Seite des Schlosses herkam. Sehen konnte man nichts, da die Tür verschlossen war, und vor den Fenstern nur die Bäume des Gartens standen, deren dunkle Wipfel sich immer deutlicher gegen den grauen Lichter werdenden Himmel zeichneten.

Endlich geschah ein dumpfer ferner Schlag, der aber so schwer war, daß die Luft beinahe erzitterte. Gleich darauf ein zweiter. Sie folgten nun schneller, und es war beinahe wie ein entfernter Donner, der so tief ging, daß manchmal die Fenster leise klirrten. Die Trompetenklänge, das Blasen der Hörner, das Wirbeln der Trommeln nahm in der Nähe zu.

Der Tag wuchs immer mehr dem Morgen entgegen.

Das Rollen des Donners kam näher, es ging in ein Krachen über, und hinter den Gipfeln der Bäume stieg ein weißer Rauch auf. Endlich krachte es auch ganz nahe an dem Schlosse, man konnte nicht erkennen, woher es kam, bald war es rechts bald links, bald vorn bald hinten, bald mehr bald weniger, aber furchtbar war es, daß das Gemach sich zu rühren schien; und wenn der kleinste Zwischenraum eintrat, so hörte man einen Ton, wie wenn unzählige Hölzlein aneinandergeschlagen würden, es waren die Schüsse der kleinen Gewehre. Sogar die Trommeln konnte man zuweilen vernehmen.

Der Rauch war endlich so in den Garten gedrungen, daß er wie ein Nebel in den Bäumen war. Er vermehrte und verdichtete sich stets, daß kaum die nächsten Stämme zu sehen waren. Im Zimmer entstand übler Geruch.

Als dieses lange gedauert hatte, zog sich der Donner auf der entgegengesetzten Seite in die Ferne, das Rollen wurde dumpfer, einzelne Schläge waren in der Nähe noch zu vernehmen, aber man hörte Geschrei, Brausen und verworrenes Getöse. Zuletzt wurde auch das immer schwächer, man hörte nichts mehr, der Rauch zog sich langsam aus den Räumen, die Wolken waren auch gleichsam durch den Schall verjagt worden, und die Sonne, die anfangs als eine rote Scheibe in dem Rauche gestanden war, glänzte endlich freundlich auf den Garten hinunter.

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