Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Detlev Freiherr von Liliencron: Bunte Beute - Kapitel 60
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Beute
authorDetlev von Liliencron
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleBunte Beute
created20050419
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Kleine Legende.

        Heut bin ich durch Ried und Rohr gegangen,
Durchs Moor hindurch, ums Moor herum,
Luft und Land waren leer und stumm,
Dann hat ein Zischelwind angefangen.
Ich nahm, wie mans so tut im Schritt,
Ein ausgewachsen Schilfblatt mit
Und entdeckte, auf der innern Seite,
Zwei Vertiefungen in gleicher Weite,
Als hätte dort jemand hineingebissen,
Mit seinen Zähnen hineingerissen.

Ich kenne lange die tiefe Sage,
Das Volk erzählt sichs noch heutzutage:
Als der Heiland über den Kidron ging,
In der Leidensnacht ihn ein Zittern befing,
Da riß er aus des Bächleins Rohr
In seiner Angst ein Schilf empor
Und biß, wie vor Schmerz, in das Blatt hinein
Und prägte die Vorderzähne ihm ein.
Auf jedem Schilfblatt blieb seitdem
Der Einbiß als ein Wunder stehn.

Erst konnt ich nicht von der Stelle weichen,
Und küßte demütig das heilige Zeichen.
Dann stampft ich wild auf den brüchigen Grund,
Daß es erdbebte im ganzen Torfstichrund.
Und ich lief glutrot weg aus Ried und Rohr,
Bis ich mein Moor aus den Augen verlor.

 << Kapitel 59  Kapitel 61 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.