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Detlev Freiherr von Liliencron: Bunte Beute - Kapitel 58
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Beute
authorDetlev von Liliencron
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleBunte Beute
created20050419
sendergerd.bouillon
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Ein Tag aus dem Leben des kleinen Herrn Wulff.

        Er ist grade drei Jahre alt
Und denkt noch nicht an meucheln und morden.
Ist er auch Liliput noch und Lamm,
Schwillt ihm zuweilen doch schon der Kamm.

»Lockwagen, Lockwagen« war sofort,
Als er erwachte, sein erstes Wort.
»Nur Geduld, mein Wölfchen, ich muß ihn erst schmieren,
Dann kannst du mit ihm umher kutschieren.«
Nun ist er im Hemdchen, mit bloßen Beinen,
Entsetzlich! auf den kalten Steinen.
»Du kannst dir ja den Tod wegholen,
Schockschwernot, was sind das für Kapriolen.«
Beim Waschen und Anziehn schreit er stark,
Ich hör es bis in mein innerstes Mark:
Auf meinem Zimmer, und das liegt weit
Von allem Tageslärm sonst gefeit.
Wenn er frühstückt, bleibt kein Rest,
Mit den Händchen hält er sein Milchkännchen fest
Und trinkt es wahrhaftig bis auf die Neige,
O Gott, es tropft aufs Schürzchen, ich schweige.
Dann geht der Spektakel munter los,
Im Lachen und Weinen ist er groß.
Die erste Post! Die muß er mir bringen,
Die läßt er sich von keinem entringen.
Kaum hab ich meine Briefe gelesen,
Hör ich schon wieder ein Teufelsunwesen.
Aus dem Papierkorb reißt er ein Kuvert.
»Nun, was willst du haben? Ein Hottepferd?«
So zeichn ich ihm ein Haus, eine Muhkuh,
Bis er mich endlich läßt in Ruh.
Aber ich komme trotzdem nicht davon,
Erst will er noch »haben« den Luftballon,
Der gestern flog über unsre Wiesen,
Den kann er nicht vergessen, den Riesen.
Was? Mehr? Nein, sag ich, jetzt hats ein Ende!
Hab keine Zeit! Geh, wasch dir die Hände!
Da legt er sein Köpfchen ins Genick,
Na, wer hält denn aus solchen Unschuldsblick.
So zeichn ich ihm ferner ein Viergespann,
Einen Wagen, und einen Jägersmann.
Er scheint sich auf etwas zu besinnen,
Ich danke dem Schöpfer – er läuft von hinnen.
Wohin sich wohl seine Füßchen wandten?
In die Küche zu den Lieferanten?
Besonders kennt er, und kennt sie genau,
Die alte Wendten, die Kuchenfrau;
Die alte Wendt, die Kuchenfrau,
Die kennt alle Menschen ganz genau.
Nun holt er sich Abels Puppe Mienchen,
Den Pudel, das Lämmchen und das Kaninchen;
Der Pudel, das Karnickel, und das Schaf
Sind alle aus Werg und Wolle brav.
Doch dem fehlt ein Auge, dem fehlen die Ohren,
Das Schäfchen hat gar ein Beinchen verloren.
Bald liegen sie alle im Zimmer verstreut,
Es scheint mit ihnen zu Ende heut.
Hinaus ins Freie, hinaus in den Garten,
Wo ihn die kleinen Piepvögel erwarten,
Und wo er die Rosen will beehren,
Und leider auch die Stachelbeeren.
Der gutmütige Sander, der Gärtner, hört böse
Das herannahende Tummelgetöse,
Und mit finsterm, mißtrauischem Sinn
Sieht er auf den zarten Zerstörer hin:
Denn der tobt mit Schaufel und mit Harke
Wie nichts Guts herum im saubern Parke,
Gräbt hier ein Loch, verschüttet dort Sand,
Macht überall Unfug, auf Beeten, im Grand.
Was? Weggelaufen? Wo ist denn der Bengel?
Aus dem wird sicherlich niemals ein Engel.
Er jachtert die Enten; und den Hühnerstall
Öffnet er, scheußlich, mit Knall und Fall.
Die liebe Ida sucht kreuz und quer
Und rennt vergebens hinter ihm her.
Geschrei? O jerum! er liegt in der Pfütze!
Sein neues Kleidchen, die neue Mütze!
Die liebe Ida trägt ihn ins Haus.
Hilf Himmel, wie sieht der Junge aus!

Zuweilen ist er recht eigensinnig,
Brüllt: »Nei–ihhn, nei–ihhn, ich will nicht, süß bin ich.«
So gehts den Nachmittag weiter und weiter,
Bald störrisch, bald »lieb,« bald heulend, bald heiter.
Endlich kommt der Abend heran
Und wir sind ihn los, den Purzelmann.
Er schläft; im rechten Arm hält er sein Mienchen,
Im linken das arme, kaputte Kaninchen.

Mein Sohn, tolle fort, so lang es geht;
Rasch sind die schönen Tage verweht,
Und weit liegt im Nebel, ach, weglos weit
Die Kinderzeit, die Kinderzeit.

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