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Detlev Freiherr von Liliencron: Bunte Beute - Kapitel 49
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Beute
authorDetlev von Liliencron
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleBunte Beute
created20050419
sendergerd.bouillon
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Der Friedensengel.

          Mit seinen Flügeln peitschte mich ein Traum
Und ließ mich nicht die ganze Nacht hindurch.
So unaufhörlich quälte, schlug er mich,
Daß jäher Wechsel, Schlaf und Wachen, folgte.
Ich wollte mich erheben, und stets schlief ich
Im nächsten Augenblick schon wieder ein
Und träumte weiter, immer nur den einen,
Den einen Traum in wunderlichem Fortgang.

Am andern Morgen endlich, ganz erschöpft,
Erhob ich mich. Und wie nach langer Krankheit
Uns eine Schwäche bleibt, vielleicht durch Jahre,
So konnt ich mich den ganzen langen Tag
Nicht aus den Wirren meines Traumes lösen,
Bis ich die Kraft fand, ihn mir aufzuschreiben:

Wie sich Dachdecker manchmal von Turmspitzen
An starken Stricken pendelnd niederlassen,
Um da und dort die Schäden auszubessern,
Und zwischen Himmel nun und Erde hängen,
So hing auch ich an starken Schwebeseilen
Und saß auf einem Brett und hielt mich fest
An diesen Seilen, wie in einer Schaukel.
Nur daß ich mit den Beinen baumelte
Ins Freie, statt der Turmwand zugekehrt.
Denn ich: ich hing im weiten Himmelsraum
An keinem Kirchturm, nein, am Sirius.

So saß ich denn und schaute in die Welt,
Nahm mein Etui un smök mi en Sigarr an,
Saß völlig schwindelfrei und schreckensfrei,
Selbst als mich ungeheure Vögel sahn,
Die schweren Flugs an mir vorüber flogen.
Zuweilen, mit den Flügeln rüttelnd, standen,
So möcht ich sagen, standen sie vor mir
Und äugten mich mißtrauisch, finster an
Und wollten mit den Krallen auf mich los.
Dann rief ich husch und schwang mein Taschentuch,
Und mürrisch, zögernd, zogen sie von dannen.

Mit einem Mal hockt neben mir ein Männchen,
Ein putzig Kerlchen, wohl vom Sirius.
Es reichte, sitzend, knapp mir an den Arm,
Den links ich ausgestreckt, um mit der Hand
Am Tauwerk mich ein wenig festzuhalten.
In meine Rechte gab er mir geschmeidig
Ein Opernglas, das unsern Gläsern glich,
Die wir im Feld und im Theater brauchen.
»Sieh nur hindurch, es hat die Eigenschaft,
Daß es genau dir Alles zeigen kann,
Was du im Augenblick zu sehn begehrst.
Und weil zuerst dich deine Erde wohl,
Ich möcht drauf wetten, interessieren wird,
So nimm es vor die Augen«.

Ich nahms und sah sie im System Merkators,
Doch besser, ja, als im »System Merkators«,
Nenn ichs, ich sah sie wie 'nen Pfannekuchen,
Der glatt, mit kleinen Knubbeln, vor mir lag.
Es hüllten nämlich Wolken meine Erde.
Nur ragt aus ihnen steil: ist das ein Turm?
Ists ein Gebirge? ragt etwas hervor,
Das ich mir erst durchaus nicht deuten konnte.
Was? Ein Gesicht? Ein Kopf? Ein Engelshaupt?
Wahrhaftig! Und nun auch der Hals, der Rumpf.
Der klar empor bis an die Hüften taucht.
Und lange Flügel zieren seinen Rücken.

Hoch hielt der Engel eine Friedenspalme,
Mit beiden Händen hielt er sie zu Häupten.
So schritt er langsam durch die Dünstedecke.
Jetzt auch erkenn ich deutlich sein Gesicht:
Das wechselt immerfort: bald ists treuherzig
Und wie verklärt von Liebe und Erbarmen,
Bald herzlich dumm, bald schaut es »idealisch«
Mit Schwärmeraugen in die Götterhöhn,
Bald sieht es aus wie eine Heuchlermaske.
Der Friedensengel? Wie? Der ewige Friede?
Ich rufe Hallelujah und Hurra!
Der ewige Friede zog auf Erden ein!

Ach, plötzlich reißt der Nebel wie Kattun,
Und hell im Morgenlichte prunkt die Erde.
Nun seh ich auch des guten Engels Beine
Und seine Füße. Weh, sie waten ja
In einem Meer von Blut und Schleim und Schmutz.
Das also ist des »ewigen Friedens Basis«?
Hier oben hatt ich wirklich mal geglaubt,
Der Friede sei auf Erden eingewurzelt.
Genug, genug! Da, nimm dein Glas zurück,
Ich danke auch für all die andern Sterne,
Dort ist es eben so. Was soll das Ganze?
Kampf, ewiger Kampf, ich jauchze dir Willkommen!

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