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Detlev Freiherr von Liliencron: Bunte Beute - Kapitel 48
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Beute
authorDetlev von Liliencron
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleBunte Beute
created20050419
sendergerd.bouillon
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Eine Drehorgel zieht vorüber.

1.
            Armselig Volk wohnt in der schmutzigen Gasse,
Vor allen Türen stehen freche Weiber,
Geschminkt, entblößt, gemeines Wort im Munde.
Gleichgültig schreit hindurch der Karrentreiber,
Der seine Waren preist im engen Passe,
Und wüstes Leben wogt hier jede Stunde.
Ach, aus dem eklen Schlunde,
Der plötzlich in ein vornehm Viertel mündet,
Wo sehr gewitzt der große Kaufherr handelt
Und mancher Gauner wandelt,
Der seinen Reichtum stolz der Welt verkündet,
Aus diesem Schlunde gähnt es so alltäglich
Wie nebenan, wo die Paläste prunken,
Und alles schwer in Üppigkeit versunken.

Dort geht die Sünde nackend, hier verkleidet,
Ihr werdet andern Unterschied nicht finden,
Des Lebens krasse Roheit zu benennen.
Sie war und bleibt, und niemals wird sie schwinden,
Und wenn ihr ängstlich auch die Wege meidet,
Ihr fühlt geheim auf eurer Stirn sie brennen.
Wird Gott die Straßen trennen,
Wenn diese zitternd einst Gericht erwarten,
Gedrängt wie Schafe, die zum Tode lenken?
Erschließt er ohn Bedenken
Den übertünchten Menschen seinen Garten,
In Abgrundnacht die andern zu verstoßen?
Er wird nicht fragen und nicht erst ergründen,
Mit seiner Liebe sühnt er alle Sünden.

 
2.
O holde Zeit, du lichter Maienmorgen,
Verstecktes Waldbächlein der ersten Liebe,
Erinnerung von einem schönern Sterne,
Was drängst du dich ins öde Weltgetriebe,
In diese ewige Schlacht von Qual und Sorgen,
Und leuchtest einmal noch aus fernster Ferne?
O komm, wie gern, wie gerne
Halt ich dich fest, und sind es Augenblicke,
Und ist es nur wie Sonnenblitz im Nebel,
Des Herzens nur ein schneller Kummerhebel,
Der bald versagt, ich schicke
Dir dankbar meiner Seele tief Empfinden.
Und ein unnennbar glückliches Vergessen
Vertauscht den grauen Tag mir unterdessen.

Die Regimentsmusik spielt zur Parade,
Andächtig horcht die Stadt ihr auf dem Markte.
Ich stand, ein Knabe, ihren Klängen lauschend,
Und wenn sie mich zu hohem Flug erstarkte,
Fand ich ein Mädchen dort auf jenem Pfade,
Mit ihr die ersten Liebesblicke tauschend.
Und glühend mich berauschend,
Folgt ich dem Kinde, die kaum fünfzehn Jahre
Die Kirschenblüte sah am Baume zittern,
Das Blatt im Herbst verwittern.
Ich folgte bebend ihrem blonden Haare.
Und da, wohl kanns ein einsam Erlenbäumchen,
Das am entlegnen Wege träumt, bekunden,
Hab ich den ersten Frühlingskuß empfunden.

 
3.
Im Saale klingt ein fröhlich Gläserklirren.
Nach langer Felddienstübung, im Kasino
Schmeckt uns das Essen und der Nierensteiner.
Vom Garten schallt ein lustig Concertino,
Gelächter schüttert, Wort und Witze schwirren,
An Gräberkreuze dachte sicher keiner.
Doch neben mir saß einer,
Mein Herzensfreund, reich, ein Verzug der Frauen,
Leichtsinnig, hohen Geistes, ohne Schlacken,
Mit Kraft in Faust und Nacken,
Mit sanften Augen, die wie Veilchen schauen,
Der war heut still . . . Was willst du Grillen fangen,
Stoß mit mir an: Gut gehts uns bis zum Sterben!
Und böse brach sein Rheinweinglas in Scherben.

Es waren manche Jahre hingegangen,
Als einst in einer großen Stadt im Süden
Ich meine Schritte durch die Straßen lenkte.
Schon wollte mich der lange Weg ermüden
Durch zu viel Eindruck, den ich dort empfangen,
Und der, ein Netz, sich auf mein Auge senkte.
Da, wer, na nu, wer schwenkte
Aus jener Gasse . . . Bin ich sinnestrunken?
Und vor mir stand mein alter Zechgenosse,
Gezogen aus der Gosse,
Ganz elend, ganz verkommen, ganz gesunken.
Und er: Hast du für mich nicht ein paar Lire?
Ich gab sie schnell. Er eilte gleich von dannen.
Wie einst und jetzt! – und meine Tränen rannen.

 
4.
Zieh hin, mein Orgeldreher.
Kaum hör ich noch von weitem deine Klänge,
Die du mir, Vielverwünschter, eben sandtest,
Und mich tagabwärts banntest
In alte, längst vergeßne Herzensgänge.
Nun tauch ich wieder auf aus dunklem Schachte,
Denn vor mir steht, er muß sich noch gedulden,
Herr Nathansohn, der Bräutigam meiner Schulden.
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