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Detlev Freiherr von Liliencron: Bunte Beute - Kapitel 46
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Beute
authorDetlev von Liliencron
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleBunte Beute
created20050419
sendergerd.bouillon
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Die Mörderin.

(Grelles Mondlicht. Aus einem Gebüsch kommt, gleichsam nachtwandelnd, langsam ein junges Weib, einen Dolch in der Rechten. Sie starrt mit weitgeöffneten Augen in den Mond. Anzug: Luise Millerin. Kranz Opheliens im Haar.)

(Groß, rauh:)
                  Du Mond, gib all dein silbernes Licht,
Daß ich in Strömen stehe von Stahl,
Wie die Furie aus einem Nachtgedicht.
(Mit völlig veränderter, mit süßer Stimme)
Wie die betaute Blume nach sengender Qual,
Wie ein Mädchen, das erreicht hat, was Liebe gewollt,
Die nicht mehr bettelt, die nicht mehr schmollt –
Beglänze, Mond, meinen Hochzeitssaal.
(Sie betrachtet den Dolch:)
Du warst mein Erlöser. Ich hab mich gerächt.
Er hat mich gequält. Meine Seele zersprang.
Mein Blut ist toll und ungeschwächt,
Ich ertrug nicht mehr diesen furchtbaren Drang.
Ich hab ihn ermordet, das war mein Valet;
Geknickte Zweige sind sein Bett.
Nun stimm ich an meinen Festgesang:
(Lyrisch gedacht und lyrisch gesprochen:)
Ein Frühlingstag, weißt du, der Buchfink schlug,
Du fandest mich unter dem Apfelbaum,
Über uns schwenkte ein Taubenflug,
Und die Blüte sank, wie ein Traum, wie ein Traum.
Und als du mir lachtest, komm, sei mein,
Da lag ich im Arm dir, und war dein,
Und du küßtest meines Kleides Saum.

Ich war dir Alles, dein Herd und dein Haus,
Keine Stunde wolltest du von mir gehn;
Ich war deine Braut, dein Weib, deine Maus,
Für mich ließest du weithin die Fahnen wehn.
Und was du mir absehn konntest, geschah,
Um was ich dich bat, schon war es da.
Und ohne mich konnte die Welt nicht bestehn.

Ich gab dir mich, mein einzig Geschenk,
Weiter hatt ich für dich keinen Lohn.
Wohl blieb ich stumm und ungelenk
Und schüchtern und fand nicht den Wunderton.
Doch war ich allein, wie hab ich geweint,
Dann war ich mir selbst mein bitterster Feind
Und zerriß mein Hemd mit hungrigem Hohn.

(Kleine Pause.)
Da ließ er von mir. Die andre kam;
Die kreuzte den Weg ihm, wohl unbewußt.
Und als er an sein Herz sie nahm
Und sie zärtlich drückte an seine Brust
Und mit ihr scherzte, an mir vorbei,
Als wenn ich für ihn nie gewesen sei,
Da überfiel mich die kochende Lust.
(Schnell, wild:)
Du sollst ihn nicht haben, nein, du nicht, du,
Und keine soll seine Liebste sein.
(Rasch, wie in Parenthese erzählend:)
Und ich hatte keine Minute mehr Ruh,
Und ich schürte zu Flammen hoch, hoch meine Pein.
Heut wußt ich bestimmt, er kommt diesen Weg,
Er geht hier über den Brückensteg.
Und ich verbarg mich hinter dem Hünenstein.
(Plötzlich ganz verändert. Sie greift mit der Linken
an die Stirn. Starrt vor sich hin:)
Wo bin ich? Hab ich, was hab ich getan?
(Gang schlaff. Der Dolch entfällt ihr.)
Nein, nein –
(Sie sieht auf den Dolch nieder.)
                    Du bist ja mein liebes Kind,
(Sie hebt den Dolch auf und küßt ihn:)
Mein Püppchen bekam seinen ersten Zahn.
(Sie wickelt den Dolch in ihren Ärmel und wiegt ihn in den
Armen und singt:)
Eia, poppeia, es raschelt der Wind.
(Sie schleudert plötzlich den Dolch mit Entsetzen von sich,
daß er im Boden zitternd stecken bleibt, und kriecht langsam
auf die Coulisse zu, woher sie gekommen ist:)
Du, du, mein Liebster, liegst du im Busch?
Flog nicht ein Vögelchen auf – – husch husch.
Ich komme – ich komme –

(Sie verschwindet in der Coulisse. Fünf Sekunden Schweigen. Dann ein gellender Schrei. Man hört sie an der Leiche des Ermordeten niederfallen.)

(Vorhang. Schnell.)

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