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Detlev Freiherr von Liliencron: Bunte Beute - Kapitel 23
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Beute
authorDetlev von Liliencron
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleBunte Beute
created20050419
sendergerd.bouillon
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Erscheinung.

Es war an einem jener »zehn Sommertage« im Januar. Ich kam von den Barbecker Teichen, wo ich nach Enten gesucht hatte. Auf der Nachtkoppel, durch die ich ging, machte ich, wie fast immer, wenn ich sie durchgehe, Halt, um mich der weiten Aussicht zu erfreuen. Mein Hund Flambeau, den ich kurz Taps nenne, setzte sich mit mürrisch hängenden Lippen neben mich. Das Gewehr unterm rechten Arm haltend, vergrub ich meine Hände in die muffenähnlichen Taschen meines Jagdrocks.

Eine große Stille lag um mich her; auch nicht der leiseste Ton drang nah und fern an mein Ohr. Nur einmal hörte ich die drei wie eine Klage klingenden Töne der Haubenlerche, die mir, blödsinnigerweise, immer vorkommen wie das wehmütige, gefaßte Lachen einer alten, unverheirateten, humorvollen Tante. Statt mich in Jägergedanken zu vertiefen oder meine Aufmerksamkeit der Umgegend zu schenken, tat ich allerlei unnötige Gehirnsprünge: daß es so angenehm ist, denken und schweigen zu dürfen, daß wir in der Lebensposse, meist als Statisten, einige Male hin und hergeschoben werden, um dann spurlos in einer Versenkung zu verschwinden, daß, wer in Deutschland Schiller oder den Storch angreift, sofort gesteinigt wird, daß mir Lionardos Reiterschlacht besser gefällt als sein Abendmahl, daß mich Kant, als ich ihn gestern Abend wieder »vornahm«, tödlich langweilte, daß ich heute Abend bei der kleinen Line mich himmlisch unterhalten werde, daß heute Morgen Hans Discher (Hans Petersen, der Tischler) bei mir gewesen sei und mir gesagt habe: »Min Hermann is bi Gott«.

»Min Hermann is bi Gott«; und ich verweilte bei Hermann Petersen. Hermann Petersen war der Hochschule entlaufen und »Dichter« geworden. Einige Male, während seines Aufenthalts bei seinem sich schwer durchschlagenden Vater, hatte er mich auf meinem Hofe besucht.

Um die deutsche Literatur kümmere ich mich wenig. Das, was mir mein Buchhändler wöchentlich in einem Packet als »Neuste Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt« sendet, wird kaum je von mir eingesehen. Fast die ganze heutige deutsche Literatur scheint mir für artige Knaben und ganz junge Mädchen »hergerichtet«. Und Hermann Petersen . . . nun, einer jener unzähligen Poeten. Aber hatte ich nicht irgendwo gelesen, daß er seine eigne Bahn verfolge? Doch dafür danke ich erst recht. Soll ich mich auch noch beim Lesen »anstrengen«? Und doch, ich hatte gewußt, daß es ihm schlecht und kümmerlich gehe, daß die Schmach und Schande der Armut mit ihren grauenhaften Demütigungen ihn niederdrücke. Wenn ich ihm vielleicht aus meiner Räucherkammer einige Mettwürste und Speckseiten geschickt hätte . . .

Da hatte mich jemand hinten am Kragen und hielt mich mit eiserner Faust. Und wunderbar, während der Druck wieder von mir ließ, sah ich durch ein kleines Fenster in einen großen, düstern Saal hinunter, der nur in den vier Ecken von je einer in einem schräg stehenden Halter gefaßten Fackel erhellt war. In der Mitte stand ein mächtiger Tisch, wie ihn die Operationszimmer zeigen. Auf diesem lag Hermann Petersen ausgestreckt. Eine himmelblaue Decke überzog ihn bis an die Achseln. Die nackten Arme breiteten sich wie am Kreuz aus. Hals, Hand- und Fußgelenke waren mit eisernen Ringen an den Tisch gefesselt. Zwischen den unnatürlich weit gespreizten Fingern saßen hölzerne Pflöcke. Es war totenstill; nur zuweilen, in bestimmten Abständen, klang irgendwo aus dem Dunkel eine Stimme: »Anziehen«. Dann hörte ich die Schrauben und die Fingergelenke knacken. Hermann Petersen wurde gefoltert. Der Gepeinigte hielt die Augen nach oben gerichtet. Keine Miene bewegte sich im fahlblassen Gesicht. Die Lippen preßten sich fest aufeinander. Einmal erschien ein Herr in der kleidsamen Uniform der Gerichtsvollzieher und trat zu ihm: »Nun, nun, das ist nicht so gefährlich, das kommt in den besten Häusern vor.« Dann verschwand dieser Herr wieder. Plötzlich stand, lichtverbreitend, an des Dulders Fußende eine menschengroße Engelsgestalt mit tiefschwarzen langen Flügeln. Diese tiefschwarzen Flügel an dem weißen, faltigen Hemde entzückten mich.

Der Engel ging an das Kopfende und bog sich über das Haupt des Gequälten und brachte ihm seine Lippen. Dann sprach er klar und langsam: »Du warst ein deutscher Dichter und arm. Ich habe dir den Fluch von der Stirn geküßt. Sei erlöst von deiner Qual und von deinem Volke«. Und Hermann Petersen lehnte den Kopf an des Engels Brust und verschied.

*           *
*

Ich fühlte in der linken Kniekehle ein Reiben. Es war Taps, der mir zu verstehen geben wollte, daß es höchst überflüssig sei, noch länger hier auf dem Felde zu verweilen.

Und wir wanderten nach Hause. Dort fand ich mein Buchhändlerpacket mit den »Neusten Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt«.

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