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Detlev Freiherr von Liliencron: Bunte Beute - Kapitel 19
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Beute
authorDetlev von Liliencron
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleBunte Beute
created20050419
sendergerd.bouillon
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Mach es auch so.

                          Was, ihr wolltet mir suggerieren,
Wolltet einmal es an mir probieren?
Kamen zuerst zwei liebe Tanten
In Begleitung andrer Verwandten.
Führten mich zu Klopstocks Grab,
Sahen mit mir auf den Rasen hinab,
Und zeigten mit dem Sonnenschirm:
Sieh, das war ein Meister, brav und firm,
Der heilig hielt die göttlichen Gaben,
Und was er schrieb, war erhoben, erhaben.
Mit bitterem Ernste, mit strengem Gesicht
Schuf er fleißig Gedicht auf Gedicht.
Und ich beugte mich vor dem großen Geist,
Der als Seraph nun über uns kreist.
Vom Messias les ich mein Leben lang
Stets gern den zweiten und vierten Gesang.
Aber die Weiheschrift, dies Geschwöge,
Wie langatmig, pathetisch und dröge;
Nur eine Stelle, die mich umsonnte:
»Den Knaben, den nicht dir gebären ich konnte,«
Er liegt der guten Meta im Arm;
Das rührte mich tief und liebewarm.
Seine zweite Frau, das kommt so vor,
Ruht etwas abseits am Gittertor.
Und die Tanten gingen mit mir davon,
Versprachen sich einen guten Lohn.
Ich aber empfahl mich dankend ihnen,
Und bin alsbald bei Pfordte erschienen,
Wo wir, eine lustige Kumpanei,
Champagner tranken, dideldumdei.
Machten zuletzt ein kleines Jeu,
Warf ich jubelnd mein Herz in die Höh.

Kam mir ein guter Freund daher,
So ein feiner, gewichster Mynheer,
So ein frumber, mit sich zufriedner Held,
Stets alles in Ordnung, Gewissen und Geld.
Der sah mich sehr von oben an:
Ich habe mit dir zu sprechen, Mann.
Deine Wüstheit gefällt mir nicht, denk ans Ende,
Ich wünsche deinem Leben die Wende.
Geh in die Kirche: Mein Herr Pastor
Soll die Leviten dir lesen, du Tor.
Das ist ja ein Skandal mit dir,
Verhunzt vollkommen in Weibern und Bier.
Halt, rief ich, nicht weiter, ich bin nicht dein Knecht,
Du hast, mich zu schulmeistern, nicht das Recht.
Und ich ließ den Pedanten allein,
Ah, da schlage der Teufel drein.

Und so gings mir in dieser Zeit
Mit vielen, die schnell schlagbereit
Mir ihre weisen Lehren gaben,
Als hätten sie vor sich einen Knaben.
Zuletzt ward ich ganz irr und wirr,
Wäre fast klein geworden und kirr.
Bis ich schließlich bin aus der Traufen
Zu einem alten Oheim gelaufen.
Dem legt ich meine Klagen vor:
Bin ich denn wirklich schwarz wie ein Mohr?
Komm mit, meine Junge, wir gehn nach Hiller,
Dort aber nichts von Goethen und Schiller.
Du weißt, mit deinem poetischen Kram
Machst du mir nur die Seele lahm.
Aber erzähle mir dein Leid,
Und kann ich helfen, bin ich bereit.
Da öffnet ich ihm meines Herzens Schrank,
Ob in der Tat ich verkraust sei und krank;
Ich müsse, schlüg ich die Freudenklappern,
Aller Welt mein Glück ausplappern.
Und ich schwieg, und der Alte auch,
Und er trank langsam, wies sein Brauch,
Ein volles Glas Sekt, wischt sich den Bart,
Wie er das hat nach seiner Art,
Und sprach, ein wenig feierlich,
Höre mich an, und das sag ich:
Zuerst: Selbstzucht vor allen Dingen,
Soll dir im Leben dein Leben gelingen.
Das hast du mit dir allein auszumachen,
Und keinen kümmern deine Sachen.
Was deine Fröhlichkeiten betrifft,
Die sind für alle übrigen Gift.
Wir könnens nun einmal nicht ertragen,
Wir Menschen, schaun wir der andern Behagen.
Du ahnst es nicht, wie groß der Neid,
Die Scheelsucht sind, die Erbärmlichkeit.
Drum heimlich, machs heimlich, um Gotteswillen,
Willst du dir eine Sehnsucht stillen.
Nur frank, was sich bietet mitgenommen,
Vielleicht ruft morgen der Tod dir: Willkommen!
Dir gähnt deine Grube, es hilft kein sich Sperren,
Kein Bitten, Paktieren, kein Jammern und Plerren.
Ich wiederhole: Selbstzucht üben,
Laß dich weiter durch nichts betrüben.
Und kommt dann einer, bist du vergnügt,
Der Moral dir paukt, deine Grundsätze rügt,
Nimm ihn ganz sanft beim Kragen, mein Lieber,
Sei Dränger und Drücker, Schupser und Schieber,
Und gib ihm, hast du ihn vor der Tür,
Noch einen gesegneten Tritt dafür.

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