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Detlev Freiherr von Liliencron: Bunte Beute - Kapitel 16
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Beute
authorDetlev von Liliencron
firstpub1903
year1903
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleBunte Beute
created20050419
sendergerd.bouillon
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Die alte Hure im Heimatsdorf.

                        Sie ist schon an die fünfzig heran
Und stellt noch immer ihren Mann,
Und weiß in den krummen, verrufnen Gassen
Gut auf ihr Geschäft zu passen.
Zwar trinkt sie zuweilen zu viel Bier
Und ist dann betrunken wie ein Tier.
Im übrigen, nun, sie wird mal verderben,
Und muß, wie wir alle, dran glauben und sterben.

Noch einmal möcht sie die Heimat sehn.
Das will ihr nicht aus dem Kopf rausgehn.
Sie schmückt sich mit dem, was ihr steht zu Gebot,
Und schminkt sich die Backen kräftig rot.
Und steht auf dem Bahnhof, nimmt ein Billet,
Fährt dritter Klasse ganz nett und honett,
Und läßt dort ihre Talmipretiosen
Von den Mitfahrenden neidisch bebosen.

Da ist die Station. Hier steigt sie aus
Und hat noch ein Stündchen bis nach Haus.
Die Eltern leben schon lange nicht mehr,
Sie sucht vergebens, fragt hin und her
Nach Hans und Trina, nach Peter Krohn,
Doch keiner kennt mehr die alte Person.
Nun gibt sie im Dorfkrug »einen aus«
Und verzehrt einen ziemlich tüchtigen Schmaus.
Die Bauern haben sie bald umstellt
Und flüstern: »Gottverdori, de Dam hett Geld.«

Am Nachmittag hält hier die innre Mission
Einen gewaltigen Kirchensermon.
Auch spricht von der äußern Herr Missionar Schnuggen
Von dem Menschenfresserstamm der M'nemuggen.
Der Gutsbesitzer, Baron von den Eichen,
Ein frommer Mann, ganz ohnegleichen,
Gibt den Platz her in seinem Park
Und steuert einen Beitrag von neunhundert Mark.

Das Wetter ist herrlich, das Fest verläuft,
Bis alles in Tränen der Rührung ersäuft.
Doch will ich frisch und mit Freuden bekennen:
Es ist dabei viel Gutes zu nennen,
Manch echtes Wort der Herren Pastoren
Ging nicht wie Spreu im Wind verloren.

Als nun die Herren Hirten gesprochen,
Ist der heilige Bann gebrochen.
Da darf denn wohl ein sittsam Vergnügen
Keiner der »lieben Versammelten« rügen.
Erst tutet noch der Posaunenchor
Der christlichen Jünglinge allen was vor.
Dann wird es zwangloser: Topfschlagen und Spiel,
Zuletzt sogar, weils heut mal gefiel,
Will man ein unschuldig Tänzchen wagen
Und tummelt sich fröhlich und mit Behagen.

Was? Auch der Herr Baron von den Eichen,
Dieser fromme Mann ganz ohnegleichen,
Bewegt sich mitten im Tänzerkreise
Und tanzt eine lustige Walzerweise
Mit der Dame, die heute früh angekommen
Und an dem Seelenfest teilgenommen.
Aber plötzlich läßt dies Lamm aller Lämmer
Jählings fallen seinen Klemmer.
Nahm seine Tugend überhand?
Hat er sie einstmals vielleicht gekannt?
Und er löst sich los von der städtischen Taube,
Und macht sich regelrecht aus dem Staube.
Herr Kandidat Bozi, ein hübscher Junge,
Denkt, da bin ich mal schön im Schwunge,
Und tanzt auch mit der »Dame aus der Stadt,«
Die sein schüchtern Herz gefangen hat.
Ja, später hat er, jasminenumlaubt,
Ihr gar ein leichtes Küßchen geraubt,
Und träumte dann die ganze Nacht,
Wie ihn dies Küßchen so selig gemacht.

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