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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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9. Kapitel. Wer glaubt's?

Am andern Morgen erwacht Bubi wie immer in seinem Bettchen. Er reibt sich die Augen und guckt sich erstaunt in seiner Kinderstube um.

Nanu? Eben ist er doch noch mit dem großen Bär und seinem goldenen Sternenwagen durch die Luft gefahren. Wo ist denn der nur hingekommen? Kein großer Bär, kein goldener Sternenwagen mehr zu sehen. Nur die Sonne scheint golden in die Kinderstube hinein. Sie kitzelt die noch immer schnarchende Frau Annchen mit einem spitzen Sonnenstrahl unter die Nase.

»Hatschi« – macht die, und noch einmal »hatschi«. Da ist sie aufgewacht.

»Guten Morgen, Frau Annßen,« ruft Bubi aus seinem Bettchen herüber, »ich bin ßon ganz ausgeßlafen.«

»Aber Bubi, was fällt denn dir ein? Es ist erst sechs Uhr vorbei. Gleich legst du dich wieder hin und schläfst noch ein bißchen.«

»Och – och – ich werd' mich ja hüten. Ich bin doch eben erst von der Reise angekommen, da muß ich doch ßon ausgeßlafen sein.«

»Von der Reise?« Frau Annchen gähnt noch sehr müde.

»Weißte, wo ich und mein seine Mädi heut' nacht gewesen sind, Frau Annßen?« fragt Bubi geheimnisvoll.

»Na, in eurem Bettchen – – – huu – u – uh – –« Frau Annchen ist noch schrecklich müde.

»Behaupt nich. Ich und mein seine Mädi sind heut' nacht im Sternenland gewesen. Und der große Bär hat uns mit seinem goldenen Sternenwagen wieder nach Hause gefahren.«

»Hahaha«, lacht Frau Annchen und ist mit einemmal ganz munter. »Hahaha – na, da hast du ja was Schönes geträumt, Bubi.«

»Bestimmt nich. Ich und mein seine Mädi und Braunßen und das große Fernrohr, wir sind alle im Sternenland gewesen. All die niedlichen Engelßens hab' ich gesehn und'n Onkel Mond und'n Wolkenmann. Und der olle Wind hat mich immer weggepustet«, erzählt er.

»Na, das kannst du einem andern weismachen, Bubi.« Frau Annchen hat mehr zu tun, als sich Träume erzählen zu lassen. Die muß der Minna beim Zimmeraufräumen helfen.

»Na, wenn du's nich glaubst, Frau Annßen, denn brauchste ja bloß mein seine Mädi zu fragen.« Bubi ärgert sich sehr, daß Frau Annchen seine Reise ins Sternenland nicht glauben will. »Mädi – Mädißen – wach mal doll snell auf!«

Aber Mädi fällt es gar nicht ein, doll schnell aufzuwachen. Die ist noch sehr müde. Na, ja, der weite Ritt auf Braunchen bis ins Sternenland ist ja auch anstrengend.

»Bubi, weck' mir die Mädi nicht auch noch auf«, sagt Frau Annchen warnend, ehe sie aus der Kinderstube geht. »Gleich schläfst du noch.«

Bubi ist niemals sehr für Gehorsam. Meistens denkt er erst, wenn es schon zu spät ist, daran, daß er das ja eigentlich nicht hätte tun dürfen. Und nun gar auf Befehl wieder einschlafen. Das ist wirklich nicht so leicht. Bubi gibt sich die größte Mühe. Er kneift die Augen ganz fest zu. Aber die gehen immer von allein auf.

Mädi fällt es noch immer nicht ein, aufzuwachen. Bubi schaut aus dem Fenster zum Himmel hinauf. Ist der weit. Solche lange Reise hat er gestern gemacht. Da kommt eine große Wolke angelaufen. Ob das der Wolkenmann ist?

Bubi fängt an, sich zu langweilen.

Er steht auf und geht an Mädis Puppenwagen. Die Puppen schlafen noch alle. Nur Schnuteken spitzt die langen Karnickelohren, als Bubi naht. Ja, was hat denn der hier schon in aller Herrgottsfrühe zu suchen? Nauke mit der Pauke tut, als ob er noch schliefe. Aber er blinzelt durch die Augenlider. Was hat Bubi denn für Absichten mit ihnen?

Bubi packt den blinzelnden Nauke, Schnuteken und Fifi und schleppt sie in sein Bett. So – nun hat er Unterhaltung.

»Wißt ihr, wo ich heut' nacht gewesen bin?« fragt er.

Schnuteken spitzt die Ohren. Nauke macht ein gleichgültiges Gesicht, als wenn ihn das gar nichts anginge. Nur Fifi schaut pfiffig drein.

»Du weißt es, Fifißen, nich wahr? Weil ich doch dein sein Maulkörbßen dem großen Fernrohr umgebindet habe, damit es nich beißt. Ja, Fifi, woher haste denn dein ßönes Maulkörbßen wieder bekommen?« verwundert sich Bubi.

Fifi schaut noch viel pfiffiger drein. Aber er sagt keinen Ton. Er blafft nicht mal.

»Du bist ja dumm, Fifi. Nich mal bellen kannste. Hat dir Vatis Fernrohr dein sein Maulkörbßen wiedergegeben?« erkundigt er sich noch einmal.

Fifi sieht Bubi an, als wollte er sagen: »Das verrat' ich nicht.«

»Na, denn läßt es eben bleiben!« Bubi ist wütend über Fifis Schweigen. Ärgerlich schleudert er ihn aus dem Bett.

O weh – Fifi ist in das zweite Gitterbettchen geflogen, wo Mädi schläft. Mit seiner Pfote hat er ihre Nase gekratzt. Mädi fährt erschreckt hoch und verzieht das Gesicht weinerlich.

»Guten Morgen, Mädißen. Haste ausgeßlafen? Wein' man nich – ich hab' den ollen Fifi bloß rausgeßmeißt und da is er zu dir hingeflogen. Biste noch müde von der Reise?«

Mädi kann sich noch nicht recht besinnen. »Wo bin ich denn hingereischt?« Sie ist doch in ihrer Kinderstube, da kann sie doch nicht verreist sein.

»Na, du weißt doch, Mädißen, heut' nacht, als wir in dem ßönen Sternenland gewesen sind. Weißte denn gar nich mehr, wie wir mit dem großen Bär und dem goldenen Sternenwagen die Milchstraße langgefahren sind?«

Mädi macht ein ganz dummes Gesicht und schüttelt das Köpfchen. »Ich hab' man bloß geschlafen.« Da gähnt sie schon wieder.

»Na, weißte denn gar nich mehr, Mädi, wie du mit Braunßen angereitet gekommen bist in'n Himmel?« erinnert sie Bubi.

»Nee!« Mädi weiß noch immer nichts.

»Mädels sind dämlis, wenn se auch Zwillinge sind.« Bubi kommt schließlich zu diesem Urteil.

Wieder macht Mädi ein Schippchen. Das Weinen ist ihr nahe. Warum ist denn Bubi heute bloß so häßlich zu ihr? Sie haben sich doch sonst beide so lieb.

»Na, denn frag' man Braunßen, der wird dir's ßon erzählen. Braunßen is viel slauer als du,« sagt Bubi ebenfalls ärgerlich, daß Mädi sich gar nicht besinnen kann.

Wirklich, Braunchen scheint ein besseres Gedächtnis zu haben. Als Bubi ihn fragt: »Weißte noch, Braunßen, wie du heut' nacht im Sternenland gewesen bist?« da nickt er, trotzdem Bubi ihn nur ein ganz klein bißchen angestoßen hat.

»Na siehste, Mädi, Braunßen weiß es auch noch. Aber du kannst nich dafür, weil du doch ßwei Stunden jünger bist als ich«, begütigt er wieder.

Da ist Mädi einigermaßen getröstet.

Auch Nauke und Schnuteken wollen Bubis Reiseerlebnisse nicht recht glauben. »Was« – sagt Schnuteken zu Nauke – »im Sternenland will der Bubi gewesen sein? Der redet uns ja bloß was vor. Höher als ein Karnickel kann kein Mensch springen. Und ich bin noch nie bis ins Sternenland gekommen, so hoch ich auch gesprungen bin.«

»Der schwindelt ja, der Bubi«, stimmt Nauke mit der Pauke ein. »Da muß er sich aber Dümmere suchen, die das glauben.«

Inzwischen hat Frau Annchen ihre Kinder angezogen. Mädi ist heute mit dem linken Fuß aufgestanden. Sie ist ungnädig.

Der Kamm ziept heute so doll wie noch nie. Trotzdem Mädi jetzt eine kurze Jungstolle hat. Der Schwamm kratzt und die Seife beißt.

»Aber Mädichen, was hast du denn bloß heute, mein Herzchen?« wundert sich Frau Annchen. Sie kennt das sonst so liebenswürdige kleine Mädchen gar nicht wieder.

»Ich weiß, was mein seine Mädi hat«, ruft Hosenmatz Bubi dazwischen. »Sie hat noch nich ausgeßlafen, weil sie doch so 'ne große Reise gemacht hat.«

»Ei, der Tausend – die Mädi war auch mit?« Frau Annchen lacht, daß ihr Zahn wackelt. »Ja, Mädi, war's denn schön im Sternenland?«

Mädi fängt jetzt wirklich an zu weinen. »Mein sein oller Bubi soll mich nich immer los ärgern, wenn ich doch gansch genau weiß, daß ich nich dagewesen is«, heult sie.

»Wer tut meiner Mädi was?« Mutti tritt zur Tür herein. »Ei, Kinder, am frühen Morgen schon Tränen, wenn die liebe Sonne so schön scheint! Dann fängt die Sonne auch gleich an zu weinen, und es regnet«, sagt sie.

»Nee, regnen kann's heut' bestimmt nich«, behauptet Bubi.

»Na, du mußt es ja wissen«, lacht Mutti.

»Weiß ich auch«, bestätigt der Kleine wichtig, »der Onkel Regenmann is erst heut' nacht spazieren gegangen. Jetzt släft er unter seinem großen Regenßirm, weil Bubi so artig ist.«

»Was redest du da, Bubi?« fragt Mutti erschreckt. »Bist du etwa krank, hast du Fieber?« Sie faßt nach der Stirn des Kleinen.

»Behaupt nich krank!« Bubi ist entrüstet. »Aber der Wind hat's mir doch heut' nacht verzählt.«

Mutti macht schon wieder ein besorgtes Gesicht. Redet der Bubi am Ende doch im Fieber?

»Nee – nee – Frau Professern, unser Bubi ist ganz gesund«, lacht da Frau Annchen. »Aber eine weite Reise hat er heute nacht gemacht. Denken Sie doch bloß mal, unser Jungchen war ja im Sternenland.«

Und nun lachen sie alle beide, Mutti und Frau Annchen. Mädi lacht ebenfalls mit, Nauke, Schnuteken und Fifi, sie alle lachen den dummen Bubi, der im Sternenland gewesen sein will, aus.

»Das hast du geträumt, Bubi«, erklärt ihm die Mutti.

»Nee – nee – es is aber doch bestimmt wahr. Vati wird's schon glauben, der reist ja auch immer los mit dem großen Fernrohr ins Sternenland. Vati« – Bubi schreit es durch sämtliche Zimmer – »Vati!« Spornstreichs geht's zum Kaffeetisch, wo Vater bereits seine Zeitung liest.

»Vatißen, nich wahr, ich bin doch heut' nacht im Sternenland gewesen?«

Um Vatis Lippen zuckt es. Seine Schnurrbartspitzen zittern ein bißchen. Aber er fragt ganz ernst: »Wirklich, Bubi – ja, wie bist du denn dahin gekommen?«

Jetzt kriegt Bubi einen mächtigen Schreck. Er wird rot, und er wird blaß. Nun muß er's erzählen, daß er heimlich an Vaters großes Fernrohr gegangen ist.

»Biste auch nich böse, Vatißen?« erkundigte er sich erst noch.

»Wenn du nicht unartig warst, bin ich nicht böse, Bubi.«

»Ich bin aber unartig gewesen. Und darum haben die niedlichen kleinen Engeljungs und die Wolkenjungs doch nich mit mir spielen wollen. Weil ich heimlich aus'm Bettßen aufgestanden bin und Vatis großes Fernrohr angefaßt habe.« Da ist es heraus.

Vati bekommt jetzt doch einen Schreck. Er runzelt sogar die Stirn. »Was, Bubi, an meinem Fernrohr bist du gewesen?« fragt er so streng wie nie.

Bubi nickt. In seiner Brust sind zwei verschiedene Gefühle. Furcht vor der Strafe, weil er ungezogen gewesen ist, und daneben ungeheurer Stolz, daß wenigstens Vater ihm glaubt. Na ja, Vati muß ja das auch am allerbesten wissen, wo die Sterne ihn doch alle so gut gekannt haben.

Der Vater sucht inzwischen in seinen Taschen und zieht einen Schlüssel hervor. Er lacht plötzlich wieder.

»Na, Bubi, nun erzähle mir mal, wie bist du denn auf die Galerie hinausgekommen?«

»Na, durch die Tür.« Bubi findet das höchst einfach.

»Ja, die war doch aber verschlossen, Bubi. Den Schlüssel habe ich hier in der Tasche.«

»Nee, die Tür ist auf gewesen. Und denn hab' ich'n Stuhl genommen und hab' dem Fernrohr Fifis Maulkörbßen angezogen, daß es nich beißt«, erzählt er dem Vater.

»So«, der Vater kann kaum ernst bleiben. »Nun komm mal mit, Bubi, nun wollen wir mal sehen, ob die Tür zur Galerie noch immer offen ist.«

Nein, die Tür ist verschlossen. Merkwürdig!

»Und Fifis Maulkorb hat das Fernrohr ja auch nicht um, Bubi.«

»Nee, den hat sich Fifißen ßon wiedergenommen.«

»Und was hast du durch das Fernrohr gesehen, Bubi?« fragt der Vater weiter. Denn die Sache macht ihm ungeheuren Spaß.

»Behaupt nich. Da is doll dunkel drin. Aber denn is das große Fernrohr mit mir nach'n Sternenland gereist«, berichtet der Kleine.

»Ei, wie war's denn da, Bubi?« fragt Vater.

»Na, da war'n Wolkenmann und'n Regenmann. Und denn hat Frau Holle in einem kleinen Sneehäuschen wie Frau Annßen gesnarcht, und der ßöne Abendstern, der is da oben der Herr Portseh. Der läßt keinen rein. Bloß mich, weil er dich kennt, Vati. Und da war mit einmal auch mein seine Mädi und Braunßen. Und der große Bär hat uns alle mit seinen ßönen Sternwagen nach Haus gefahren.« Bubi sieht den Vater prüfend an. Wird er jetzt etwa auch lachen, wie all die andern?

Nein, der Vater lacht nicht. Er streicht Bubi nur liebevoll über das Haar.

»Biste auch nich mehr böse, Vati?«

Vater schüttelt lächelnd den Kopf. »Aber wenn du wieder ins Sternenland reist, nimmst du den Vater doch mit. Ja, Bubi?«

Das verspricht Bubi denn auch.

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