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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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7. Kapitel. Das große Fernrohr

Bubi und Mädi dürfen heute auch Abendbrot in dem Eierhäuschen essen. Für jedes Kind wird beim Kellner ein weiches Ei bestellt. Damit sie doch auch wissen, daß sie im Eierhäuschen sind.

Vati ist auch noch gekommen. Er geht mit seinen beiden Kleinen an die Spree hinunter und zeigt ihnen, wie schön die Sonne untergeht.

»Ein großer roter Luftballon is an'n Himmel«, sagt Mädi bewundert.

»Vati, gehört der den Engelßen?« fragt Bubi.

»Das ist die Abendsonne, die geht so schön rot zu Bett. Nun werden auch bald die Sternchen aufstehen. Wenn die Sonne sich schlafen legt, werden die Sterne munter.«

»Heute darf uns Frau Annßen aber ganz bestimmt nich ins Bett bringen. Heut' mußt du uns durch dein sein großes Fernrohr gucken lassen, Vatißen. Weil ich und mein sein Mädi so doll artig waren«, bettelt Bubi.

»So artig«, bestätigt auch Mädi.

»Ja, wart ihr denn auch bestimmt so artig?« erkundigt sich der Vater.

»Bloß einmal hab' ich geweint, Vati, weil die olle dicke Wüffelfrau mir die schöne, niedliche, kleine Badewanne nich schenken will«, berichtet Mädi.

»Na, dann wollen wir mal sehen«, lacht der Vater.

»Du bischt mein allersüschtes Vatichen!« schmeichelt Mädi zärtlich.

Denn wenn Vati sagt, wir wollen mal sehen, dann ist es schon so gut wie sicher.

»Frau Annßen«, Bubi läuft spornstreichs zum Tisch zurück. »Frau Annßen, heut' gehen wir erst doll spät schlafen. Vati erlaubt, daß wir in sein großes Fernrohr gucken dürfen.«

»Ih, der Tausend«, sagt Frau Annchen, »wenn ihr man nicht vorher einschlaft. Der Sandmann weiß das doch nicht, daß ihr in das Fernrohr gucken dürft.«

Richtig, der Sandmann! Ja, wenn man's dem nur mitteilen könnte, damit er Bescheid weiß. Aber weder Mutti, noch Vati, selbst die kleine Omama, die doch schon so alt ist, wissen, wo der Sandmann wohnt.

Als Bubi und Mädi ihr Abendbrot aufgegessen haben, ist es schon beinahe dunkel. Mädi reibt sich bereits die Augen. Ob der Sandmann am Ende schon vorbeigekommen ist? Auch Bubi ist müde. Aber er reißt die Augen kugelrund auf, damit sie bloß nicht zuklappen.

»Wir wollen mit dem Dampfer nach Hause fahren, unsere kleinen Krabben sind müde«, schlägt der Vater vor.

Mit dem Dampfer? Au, fein! Bubi und Mädi sind plötzlich wieder ganz munter, weil sie mit dem Dampfer fahren sollen. Da kommt er auch schon an. Ganz laut macht er »tu – u – ut.« Aber Bubi kann's noch besser. Noch viel lauter. Der tutet so laut, daß selbst der Dampfer einen Schreck kriegt.

Mädi hat ein bißchen Angst auf dem großen Schiff. Sie sitzt zwischen Mutti und Vati. Da fühlt sie sich ganz sicher, wenn der große Dampfer auch noch so sehr schreit.

Hu – sieht das Wasser schwarz aus. Auch der Himmel ist schon ganz dunkel.

»Ein Stern!« ruft Bubi. Er hat in seinem vierjährigen Leben noch nicht oft Sterne gesehen. Denn meistens schläft er schon, wenn die Sterne kommen.

»Der große Stern da oben, das ist der Abendstern«, erklärt der Vater den Kindern. »Das ist der allerschönste und größte von allen. Der kommt immer zuerst am Himmel heraus.«

»Bubi kennt den großen Stern ganz genau. Der is im Tiergarten, und da wohnt gleich die kleine Omama«, teilt der Kleine voller Stolz mit.

»Das ist ein anderer großer Stern, mein Jungchen.« Alle lachen und die Omama am meisten.

»Schünden die Engelchens die schönen Sternchens an?« erkundigt sich Mädi schlaftrunken.

»Na, aber Mädi, die Engelßens sind doch lauter kleine Himmeljungs, die dürfen doch keine Streichhölzer anfassen«, belehrt sie Bubi eifrig.

Die großen Leute, die ringsum sitzen, lachen schon wieder. Bubi weiß wirklich nicht, warum die bloß immer lachen. Er hat doch ganz recht.

»Nun paßt mal auf, Kinderchen. Nun will ich euch noch etwas Schönes zeigen«, sagt der Vater. »Grade über uns die sieben hellen Sterne, die wie ein Wagen mit einer Deichsel dran aussehen, die heißen der ›große Wagen‹ oder auch ›der große Bär‹.«

»Fahren die Engelßens mit dem großen Wagen spazieren?« will Bubi wissen. Er wäre gern mitgefahren.

Mädi aber hält sich fester an Vaters Hand. »Beischt der große Bär auch nich?« erkundigt sie sich ängstlich.

»Nein, der beißt nicht, mein Herzchen«, beruhigt sie der Vater. »Seht ihr, nun kennt ihr schon ein Sternenbild. So nennt man die verschiedenen Sterne.«

Bubi denkt angestrengt nach. »Das ist das ßöne Sternbilderbuch von all den kleinen Engeljungs«, meint er schließlich. »Und wenn Bubi und sein Mädi heut' in das große Fernrohr gucken dürfen, dann können sie all die kleinen Engeljungs sehen, wenn sie sich ihr ßönes Bilderbuch begucken, und wenn sie mit dem feinen Sternwagen spazieren fahren.«

»Bubi, stell dir bloß nicht zuviel vor, das gibt sonst eine Enttäuschung«, lacht der Vater. Und um ihn auf andere Gedanken zu bringen, zeigt er auf einen hellen Sternenstreifen. »Seht ihr den hellen Streifen da oben am Himmel? Das ist die Milchstraße.«

»Au, gansch weiß is die! Da hat ein unartiges Engelchen bestimmt seine schöne Milch umgeschmeißt!« Mädi reißt wieder die Augen auf.

»Paul, zeig' den Kindern nicht zuviel, sie können es noch nicht fassen«, meint Mutti.

»Aber wenn Bubi durch das Fernrohr guckt, dann kann er all die Sternßen anfassen.« Der Kleine denkt, er kann bis an den Himmel reichen.

»Heute ist es schon zu spät für das Fernrohr, heute müssen meine Kinderchen in die Baba«, findet die Mutti.

»Nee – nee – immer is es zu spät! Und die ollen Sternßens kommen doch immer erst, wenn der liebe Gott dunkel gemacht hat. Und Vati hat's uns versprochen, und wenn man was verspricht, muß man's auch halten«, beschwert sich Bubi aufgebracht.

»Und Mädi und mein sein Bubi is behaupt noch gansch doll munter.« Das kleine Mädchen gähnt dabei aus Leibeskräften.

»Na, so doll munter scheinst du mir ja nicht mehr zu sein, mein Goldchen«, lacht die Großmama.

»Meine Kinder müssen doch mal die Sterne kennen lernen, mit denen ihr Vater sich sein ganzes Leben lang beschäftigt«, sagt der Vater.

So dürfen Bubi und Mädi wirklich heute durch das große Fernrohr gucken. Wenn Mutti und Frau Annchen auch meinen, es wäre besser, sie würden gleich ins Bett gesteckt.

Zuerst Bubi. Vater stellt das Fernrohr ein. Dann rückt er einen Stuhl auf die Galerie. Bubi klettert hinauf. Nun kann er gerade in das Fernrohr hineinsehen.

»Also zuerst der große Wagen. Erkennst du ihn wieder, Bubi?« fragt der Vater.

»Nee – da is bloß was olles Helles. Behaupt kein Wagen und keine Engelßen.« Bubi schüttelt unzufrieden das braune Köpfchen.

»Ja, aber die Sterne mußt du doch sehen, mein Jungchen«, wundert sich der Vater.

»Bloß so 'ne ollen doll viele Sterne. Nich mal das kleine Mädßen mit den Sterntalern is drin.« Bubi ist ungeheuer enttäuscht von dem großen Fernrohr.

»Ja, Bubi, die kannst du auch nicht durch das Fernrohr erkennen. Nun kommt Mädi dran. Vielleicht sieht die mehr.« Der Vater nimmt sein Töchterchen empor.

Mädi schlingt die Ärmchen um Vaters Hals. »Beischt es auch bestimmt nich?« erkundigt sie sich vorsichtig. Sie hat eigentlich mächtige Angst vor dem langen, schwarzen Fernrohr. Aber sie schämt sich, daß sie weniger mutig ist, als Bubi.

»Nein, es beißt nicht, wenn der Vater dabei ist. Nur wenn die Kinder allein herangehen«, beruhigt sie der Vater. »So, Mädi, siehst du den großen Bär?«

»Nee – nee – lieber nich – lieber nich – der olle Bär beischt! Schu Frau Annchen gehn – schu Frau Annchen – Frau Annchen is so allein.« Mädi bricht in lautes Geheul aus und strebt von dem gefährlichen Fernrohr fort.

»Du bist ja ein dummes Mädelchen«, lacht der Vater sie aus. »Der große Bär am Himmel kann doch nicht beißen. Das ist doch bloß ein Sternenbild, kein richtiger Bär.«

Aber Mädi ist recht froh, als Frau Annchen jetzt kommt.

»Das arme Würmchen schläft ja schon mit offenen Augen, Herr Professor.« Die gute Kinderfrau nimmt Mädi auf den Arm und bringt sie ins Bettchen.

Bubi wird von Mutti ins Bett spediert. Trotzdem er gar zu gerne noch gesehen hätte, wie's auf der Milchstraße aussieht. Ob da die Engelchen ihre Milch vergossen haben.

Aber alles Betteln nützt jetzt nichts mehr. Es ist höchste Zeit, für solchen kleinen Jungen, ins Bett zu gehen. Das findet auch der Mond, der über die Bäume des Parks herüberguckt und sich furchtbar wundert, daß die beiden kleinen Zwillinge heute noch nicht schlafen.

»Ich bin klein,
Mein Hertsch is rein,
Soll niemand drin wohnen
Als Gott allein«

betet Mädi mit ihrer Mutti. Aber ehe sie noch »Amen« sagen kann, ist auch schon der Sandmann da. Schwapp – da schläft sie bereits.

»Abend«, sagt Bubi statt ihrer. Er denkt, es wird dem lieben Gott wohl gleich sein, ob er oder Mädi »Abend« sagt, weil sie doch Zwillinge sind.

Bubi kann nicht einschlafen, obgleich der Sandmann auch ihm eine ganze Hand voll Sand in die Augen gestreut hat. Er ist zu aufgeregt von all dem neuen, was er heute gesehen.

Da ist erst das Eierhäuschen mit der dicken, schimpfenden Würfelfrau. Dann der große Tutdampfer. Und schließlich all die vielen, vielen Sternchen am Himmel. Trotzdem Bubi die Augen zumacht, steht alles wieder ganz deutlich vor ihm. Sicher sind auch die Engelchen und das kleine Mädchen mit den Sterntalern durch das Fernrohr zu erkennen, wenn man nur recht aufpaßt. Ach, gar zu gern möchte Bubi das doch sehen! Vati ist ja so gut. Wenn Bubi ihn recht schön bittet, läßt er ihn gewiß noch mal durch sein Fernrohr durchgucken.

Das weiße Kinderbett in der Ecke knarrt entrüstet. Ja, was fällt denn dem Bubi ein? Da klettert er ja über das Gitter herüber aus dem Bett. Taps – taps – barfüßig geht es in die andere Ecke, in der Mädis Bett steht. Mädi muß auch mitkommen, sie ist ja sein Zwilling.

Aber Mädi rührt sich nicht, trotzdem Bubi sie an den Arm packt. Sie brummt nur ein bißchen im Schlaf, als ob sie selbst der große Bär sei.

In dem langen Bett schläft Frau Annchen. Sie schnarcht bereits. Das hört sich an, als ob eine Puffbahn abgeht.

»Frau Annßen, erlaubst du, daß Bubi noch mal durch Vatis großes Fernrohr guckt? Bitte, bitte, erlaub's doch.«

Frau Annchen hört nicht. Sie knurrt nur. Gewiß zankt sie sich im Traum mit der dicken Würfelfrau.

Na, Vater wird seinen Jungen schon hören. Ob Vati und Mutti wohl noch auf dem Balkon sitzen? Bubis kleine weiße Nachthöschen laufen durch das Speisezimmer, in das Wohnzimmer zum Balkon. Da ist kein Mensch mehr.

Nur der Mond schaut herunter. Aber er macht gar nicht so ein freundliches Gesicht wie sonst. »Unerhört,« denkt der Mond, »daß der Bubi sich hier noch herumtreibt, wo selbst Vati und Mutti schon schlafen gegangen sind.«

Bubi steht im Mondenschein und überlegt. Soll er Vati wecken? Aber der arme Vati ist gewiß so müde.

Ach was, er kann ja auch ganz allein durch das Fernrohr durchgucken. Er ist ja schon groß. Und überdies steht ja auch noch der Stuhl zum Raufklettern auf der Galerie.

Aber wenn das Fernrohr nun böse wird und beißt? Es ist doch verboten, daß die Kinder allein herangehen. Bubi weiß Rat. Taps – taps – gehen die Barfüßchen wieder ins Kinderzimmer zurück.

Nun denkt ihr wohl, Bubi ist artig und wird sich jetzt wieder in sein Bettchen legen?

Ja Kuchen! An den Puppenwagen läuft er. Der Mond, der gerade ins Fenster guckt, kann es ganz genau sehen. Nanu, will Bubi etwa in aller Nacht mit den Puppen spielen?

Die Puppen schlafen ganz fest. Nauke mit der Pauke schnarcht beinahe so schön wie Frau Annchen. Aber Bubi reißt ihn unbarmherzig aus süßem Schlummer. Er zerrt Fifi, den Stoffdackel, der in einer Ecke des Puppenwagens sein Hundelager hat, hervor.

»Fifißen, borgste mir ein bißchen dein sein Maulkorb?«

Ehe Fifi noch antworten kann, hat Bubi ihm denselben bereits abgerissen. Fifi fliegt wieder in den Puppenwagen zurück, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Gerade Elschen auf die verbeulte Nase.

»Na, was ist denn das für eine Manier?« beginnt die schlaftrunken zu schimpfen.

Schnuteken wacht auf und spitzt neugierig die langen Karnickelohren. Auch Nauke mit der Pauke richtet sich erstaunt hoch.

Was hat denn der Bubi bloß vor? Wo will er denn mit Fifis Maulkorb hin?

Auf die Galerie hinaus läuft der unartige Junge.

Da steht es – das große Fernrohr. Schwarz und drohend im hellen Mondschein. Aber Bubi hat gar keine Angst, daß es beißen könnte. Er hat ja Fifis Maulkorb mitgebracht. Er steigt auf den Stuhl und hängt dem Fernrohr den Maulkorb um.

»So – nu beiß mal – wenn du kannst!« sagt er tapfer.

Das Fernrohr sieht ihn böse an, weil Bubi ungehorsam ist. Und noch einer schaut ganz bös. Das ist der Mond droben am Himmel.

»Du – Onkel Mond, guck' mal'n bißen weg!« Es ist Bubi doch unbehaglich, daß der Mond ihn so ärgerlich anschaut.

Und wirklich – der Mond will den ungezogenen Schlingel gar nicht mehr sehen. Er wandert hinter eine Wolke.

Schon steht Bubi auf dem Stuhl. Poch – poch – macht sein kleines Herz. Denn das weiß ganz genau, daß Bubi etwas Unrechtes tun will, was Vati und Mutti verboten haben. Wenn doch wenigstens seine Mädi bei ihm wäre!

In dem Puppenwagen drin in der Kinderstube haben sich die Puppen alle aufgerichtet. Sie spähen durch das Fenster, was Bubi denn da draußen auf der Galerie anstellt. Nauke schlägt seine Pauke, daß es nur so knallt, um Frau Annchen zu wecken. Aber die schnarcht ruhig weiter.

»Liebes Fernrohr! Laß mich doch all die niedlichen Engelßens und das kleine Mädßen mit den Sternentalers sehen«, bittet Bubi ganz schüchtern. »Ich möcht so gern mal mit dir in'n Himmel reisen.«

Er hat noch nicht ausgesprochen, da sitzt er plötzlich in dem großen Fernrohr drin.

»Tu-u-ut« macht das Fernrohr, genau so wie der Dampfer. Und dann geht's los.

Als der Mond einen Zipfel von dem weißen Wolkentuch hochhebt und auf die Galerie herunterspäht, ist kein Bubi mehr zu sehen.

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