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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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5. Kapitel. Zöpfchen und Schnurrbart

Morgens, wenn Bubi und Mädi ausgeschlafen haben, kommt Frau Annchen und zieht sie an. Mädi schreit manchmal noch beim Waschen, wenn die Kinderfrau ihre Ohren zu doll rubbelt. Trotzdem Mädi selber gern panscht, kann sie das kalte Wasser nicht leiden, wenn Frau Annchen sie damit bearbeitet. Bubi weint nicht mehr beim Waschen. Erstens ist er zwei Stunden älter, und dann ist er ja auch ein Mann. Die Puppen freuen sich, wenn Mädi beim Waschen weint. Denn Mädi rubbelt sie noch viel doller; manchmal denken die armen Puppen, die Haut wird ihnen vom Gesicht gerissen. Und sie können nicht mal schreien. Das ist der Mädi ganz recht, daß sie mal fühlt, wie unangenehm solche Rubbelei ist. Selbst Braunchen, ihr bester Freund in der Kinderstube, hat kein Mitleid mit dem kleinen Mädchen. Jeden Morgen nimmt Mädi ihren kleinen Puppenschrubber und geht dem armen Braunchen damit zu Leibe. Sie will ihn gern schön weiß scheuern, daß er ein Schimmel wird und kein Braunchen mehr ist. Aber was einer mal ist, muß er auch bleiben. Aus Braunchen wird sein Lebtag kein Schimmel, wenn Mädi ihm auch das ganze Fell vom Leibe scheuert.

Die Puppen sind recht unzufrieden mit ihrer kleinen Mutter. Sie zieht sie nicht an, sie macht ihnen nicht das Bettchen, ja, sie müßten sogar verhungern, wenn Bubi sich nicht ihrer erbarmte. Nauke mit der Pauke maust sich auch manchmal, wenn Bubi und Mädi nicht da sind, eine Rosine aus ihrem Kaufmannsladen.

»So, Mädi, du bist fertig«, sagt Frau Annchen, nachdem sie ihr das Schleifchen in den kleinen Haarpinsel gebunden hat. »Nun kannst du deine Puppen aufnehmen.«

»Nee, Braunchen muß erscht gewaschen werden.« Braunchen zittert bereits vor dem Rubbelschrubber. Jetzt geht's ihm gleich ans Leben. Es bäumt sich – aber Mädi klopft ihn beruhigend.

»Braunchen is so artig. Komm, mein Braunchen, jetscht wirschte schön weiß gewaschen.« Alles Sträuben und Sichbäumen hilft dem armen Schaukelpferd nichts. Mädi und der Puppenschrubber rubbeln, was das Zeug hält.

»Is er ßon'n Szimmel?« erkundigt sich Bubi, den Frau Annchen augenblicklich unter den Händen hat, eifrig.

»Nee – die olle braune Farbe geht gar nich ab.« Mädi muß sich furchtbar anstrengen.

»Du, mach' das Schaukelpferd nicht kaputt, Mädichen«, warnt Frau Annchen.

Braunchen fühlt sich schon total kaputt. Aber Mädi hört erst auf, ihn zu schrubbern, als ein seifenschaumiges Gesicht zur Kinderstubentür hereinschaut.

»Sind meine beiden Mausekinder schon auf?« fragt eine Stimme.

»Vati – Vati rasiert sich!« Wenn Vater sich rasiert, das ist Mädi noch viel interessanter, als daß aus Braunchen ein Schimmel wird. Der arme, gepeinigte Gaul atmet auf. Mädi verschwindet im Schlafzimmer der Eltern. Bubi spornstreichs hinterdrein. Ehe Frau Annchen ihn noch gepackt hat, ist er schon davon, trotzdem er noch gar keine Schürze vor hat.

Drin im Schlafzimmer der Eltern ist's wundervoll. Da kann man mit einem Satz in Vatis oder Muttis großes Bett springen, das gar kein Gitter hat, wie das von Mädi und Bubi. Da kann man Vaters Manschetten mit einem Bindfaden als Puffbahn im Zimmer herumfahren. Das macht ungeheures Vergnügen. Merkwürdig, daß Vati das gar nicht findet. Der ist immer ärgerlich, wenn seine Manschetten dabei unsauber werden.

Bubi sitzt neben Muttis Spiegeltoilette und schaut andächtig zu, wie Mutti sich frisiert. Ach, wenn er doch auch so lange Haare hätte. Dann brauchte man gar keine Leine zum Pferdspielen.

Mädi hockt auf der anderen Seite neben Vati. Soviel Schlagsahne macht Vati aus Seife in sein Rasiernäpfchen. Aber kosten mag Mädi die schöne weiße Schlagsahne nicht mehr. Einmal hat sie ein bißchen davon geleckt. Au – hat das eklig gebissen. Mit dem niedlichen Pinsel schmiert Vati sich das ganze Gesicht voll Schlagsahne.

»Beischt das nich?« fragt Mädi teilnehmend.

Aber Vati schüttelt lachend den Kopf. Wenn er aber das scharfe Messer vorholt, dann fängt Mädi beinahe an zu weinen.

»Nich – das olle Messer soll Vati nich weh tun!« Die Kleine hängt sich zärtlich an den Arm des Vaters.

»Mädi, laß los – ich schneide mich ja sonst.« Das versteht Mädi nicht, wie das Messer Vater schneiden kann, wenn sie es festhält.

Wenn Vati die Schnurrbartbinde umtut, schauen beide Kinder begeistert zu.

»Sieh mal, wie Vati aussieht!« Jeden Morgen wundert sich Mädi aufs neue darüber, daß die Schnurrbartbinde Vatis Gesicht ganz verändert.

Wenn Vati und Mutti Kaffee trinken, kriegen auch Bubi und Mädi ihre Milch. Jetzt weiß ein jeder, wer Bubi und wer Mädi ist. Kein Mensch könnte sie jetzt noch verwechseln. Denn – denkt euch mal – Bubi trinkt morgens noch sein Fläschchen. Er schämt sich gar nicht, der große Junge, trotzdem er doch zwei Stunden älter ist als Mädi.

»Mädi trinkt aus der Tasche«, sagt die Kleine jeden Morgen stolz, wenn Frau Annchen ihr das rosa Täßchen mit dem Goldrand, das sie ihr zum Geburtstag geschenkt hat, auf das kleine Tischchen setzt.

Auch Bubi hat von Frau Annchen sein Täßchen bekommen. Hellblau ist es und hat ebenfalls einen Goldrand. Aber Bubi stellt sich furchtbar ungeschickt an, wenn er aus dem Täßchen trinken soll. Er gießt sich den Mund ganz voll Milch, als ob er gurgeln will. Mädi versteht es viel besser. Das liegt sicher daran, daß ihr Täßchen rosa ist, und Bubis hellblau. Aber trotzdem sie mal getauscht haben mit ihren Täßchen, wollte das rosa Täßchen bei Bubi auch nicht leer werden. Frau Annchen bringt ihm lieber sein Fläschchen. Aber Mutti sagt, Frau Annchen verwöhne den Jungen. Und Vati lacht: »Bubi, wenn du erst eine Braut hast, darfst du nicht mehr aus der Flasche trinken.« Darum will Bubi lieber keine Braut haben.

Große Leute trinken viel länger Kaffee, als kleine. Das liegt daran, weil Kinder keine Zeitung dabei lesen und auch keine Zigarre rauchen. Mutti und Vati sitzen noch am Kaffeetisch. Da sind Bubi und Mädi schon längst wieder davon.

Die haben nicht soviel Zeit. Die haben heut' etwas ganz Wichtiges vor.

Bubi steht an Vatis Waschtisch und hat die Schnurrbartbinde beim Wickel. Mädi macht Schlagsahne in dem kleinen Schälchen. Au, die wird fein! Noch schöner als bei Vati, denn Mädi spritzt noch viel doller.

»Erst mußte mich ßön rasieren, dann rasier' ich dich ßön«, befiehlt Bubi und tut das Handtuch um wie Vati. Schwaps – da hat er auch schon von Mädi einen Schlagsahnenklecks auf der Nase.

»Du – nich doch auf die Nase! Da is doch mein sein Snurrbart gar nich«, schimpft Bubi.

Mädi seift jetzt Stirn, Backen und auch das braune Haar von Bubi tüchtig mit Schlagsahne ein.

»Du – das ist mir ungenehm«, widersetzt der sich aufs neue.

»Ja, wenn du immer nich willscht, denn kannschte auch kein Schnurrbart kriegen«, meint der kleine Barbier. »Nu halt mal gansch still – nu kommt das grosche Messer.« Mädi sucht umsonst nach dem großen Messer. Vater hat es zum Glück eingeschlossen.

»Szad' nich, Mädi«. Bubi mit dem Schlagsahnenkopf weiß Rat. »Da nimmste die Zahnbürste.« Mädi nimmt gehorsam Vaters Zahnbürste. Aber die Zahnbürste kratzt Bubi; denn sie ist sehr aufgebracht darüber, daß die Kinder an Vaters Sachen gehen.

»Au – nich doch so doll – das halt' ich nich aus! Nu werd' ich dich mal lieber ßön rasieren.« Bubi hat genug davon.

Mädi sitzt auf dem Stuhl, hat das Handtuch vor und bekommt ebenfalls einen weißen Schlagsahnenkopf. Selbst Mädis Pinselzöpfchen kriegt was von der schönen Schlagsahne ab. Mädi hält ganz still, sogar als die Zahnbürste ihr mit scharfen Borsten im Gesicht herumspaziert.

»So – nu kriegste die ßöne Snurrbartbinde umgebindet«, verkündet der kleine Barbier und klemmt dem Schwesterchen die Gummischnur hinter die Ohren.

»Nu sieht Mädi gansch genau wie Vati aus!« Das kleine Mädchen beguckt sich, soweit sie überhaupt ihre Augen vor Seifenschaum aufmachen kann, stolz im Spiegel.

»Nu kriegste einen ßönen langen Snurrbart, Mädi.« Der kleine Barbier ist nicht weniger stolz auf sein Werk.

»Nee – nee – ich will kein' Schnurrbart haben –.« Mädi fängt an zu weinen.

»Wein' man nich, Mädi, dann biste eben Bubi, der is doch'n Mann und muß'n Snurrbart haben. Und Bubi is denn Mädi. Wir sind doch Zwillinge.«

Mädi trocknet ihre Tränen. Natürlich, sie sind ja Zwillinge. Daran hat sie gar nicht gedacht. Dann ist es ja ganz dasselbe, ob sie der Bubi ist oder die Mädi.

»Denn muß ich aber auch das ßöne Stickereikleidßen mit der Szärpe kriegen«, überlegt Bubi weiter. »Und das Zöppßen muß Bubi auch haben, wenn er Mädi is. Du kriegst ja dafür den ßönen Snurrbart.«

Mädi sieht das durchaus ein. Das ist eine ganz gerechte Verteilung. Wenn Bubi von nun an Mädi ist, muß er ihr Zöpfchen haben.

Eine Schere liegt bei Mutti im Kasten. Sie dürfen sie nicht anfassen. Das wissen die Kinder ganz genau. Die Schere macht denn auch funkelnde Augen vor Wut.

»Messer – Gabel – Schere – Licht –
Dürfen kleine Kinder nicht!«

Hat das eben die Schere gesagt? Ganz deutlich hat Bubi, der schon die Hand danach ausgestreckt hat, es gehört. Soll er oder soll er nicht?

»Ach, du dumme Szere, du brauchst mich gar nich so wütend anzugucken, ich bin doch behaupt der Onkel Friseur.« Da hat der ungehorsame Bubi doch wirklich die Schere in der Hand.

Schnipp – schnapp – ab ist das Pinselzöpfchen mit dem roten Seidenschleifchen.

»Szenkste mir dein sein Zöppßen, Mädi?«

Bubi hält es selig in seiner Hand und betrachtet es mit glänzenden Augen. Nun geht sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung: Er hat ein Zöpfchen wie seine Mädi.

Mädi schaut ein wenig niedergeschlagen drein. Sie findet entschieden ein Zöpfchen schöner als einen Schnurrbart. Denn in einen Schnurrbart kann man doch kein rotes Schleifchen einbinden.

»Weischte was, Bubi?« meint sie schließlich. »Das Schöpfchen kann uns ja alle beide gehören. Ein' Tag hast du's, und ein' Tag hab' ich's. Weil wir doch Schwillinge sind.«

Damit ist Bubi einverstanden. »Nu muß aber mein sein Zöppßen angewachst werden«, verlangt er.

Das ist gar nicht so einfach. Mädi nimmt ihr Züngelchen und beleckt das Zöpfchen. Aber es will nicht an Bubis Kopf festwachsen.

»Wenn Frau Annchen eine Marke auf'n Brief anklebt, denn wächst sie immer an«, wundert sie sich.

»Gummi Kohlrabikum nimmt Vati.« Bubi weiß Bescheid, wie man etwas anklebt.

Vom Schreibtisch wird Gummiarabikum geholt. Vati liest noch immer seine Zeitung. Er ahnt nicht, was für Dummheiten seine kleinen Zwillinge inzwischen treiben. Mutti, die in der Küche Obst einkocht, denkt, sie seien bei Frau Annchen. Und Frau Annchen denkt wieder, sie wären bei der Mutti oder bei Minna.

Mädi schmiert die Stirn und die Haare von Bubi mit dem flüssigen Gummi ein. Wundervoll ist das Zöpfchen jetzt angewachsen. Allerdings wächst es nicht auf dem Kopf wie vorher bei der Mädi. Nein, mitten auf der Stirn wächst es wie ein Horn, weil es da am besten geklebt hat.

»Nu siehste aus wie Braunchen mit 'ner feinen Mähne«, bewundert ihn Mädi. Auch Bubi bewundert sich und ist mit seinem Spiegelbild höchst zufrieden.

Da aber sieht er plötzlich ein entsetztes Gesicht über sich im Spiegel. Mutti steht hinter ihm.

»Ja, Kinder, was habt denn ihr hier angestellt?« Sie traut ihren Augen nicht.

»Ich hab' Bubi mein sein Schöpfchen verschenkt«, erklärt Mädi der Mutti treuherzig.

»Und Mädi hat dafür 'nen ßönen Snurrbart gekriegt«, berichtet auch Bubi. »Und nu is ich Mädi, weil ich doch'n Zöppßen habe und Mädi is nu mal'n bißen Bubi.« Die Sache ist für ihn höchst einfach.

Mutti steht starr und sieht erschreckt auf ihre mit Seifenschaum und Gummi verschmierten Kleinen und auf Mädis abgeschnittenes Zöpfchen.

»Ihr seid ganz unartige Kinder! Dürft ihr an Vatis Sachen gehen?«

»Nee – wenn Vati dabei is, nich – bloß, wenn er weg is«, erwidert Bubi.

»Nein, auch wenn er nicht da ist, dürft ihr nicht herangehen. Und wißt ihr nicht, daß ihr keine Schere anfassen sollt?«

Ja, das wissen sie beide ganz genau. Die Schere hat sie ja auch noch selbst gewarnt.

»Na, wenn das Zöppßen nich von allein abgeht, und wenn ich doch nu mal bißen Mädi sein muß –« verteidigt sich Bubi unsicher.

O weh – Mutti macht gar zu böse Muttiaugen.

»Ich wollte euch heute zur Omama mitnehmen, wenn ihr nicht unartig gewesen wärt. Aber nun kann ich das natürlich nicht tun – – –«.

Doppeltes Geheul unterbricht Muttis Worte.

»Nich wiedertun – nich wiedertun!«

Vater und Frau Annchen, selbst die Minna kommen auf das Geschrei herbei.

»Nanu, was haben denn meine beiden – – –«

Da bleibt auch Vater das Wort im Munde stecken, als er seine Zwillinge anschaut.

»Ja, seht sie euch nur an, die ungezogenen Kinder«, sagt die Mutti. »Das schöne Zöpfchen hat sich die Mädi abschneiden lassen, weil der Bubi jetzt Mädi sein will. Und sie hat dafür die Schnurrbartbinde bekommen. Na, Vati, nun bist du wohl recht böse?«

Man wird nicht recht klug daraus, ob der Vater böse ist. Er hat sich nämlich gerade umgedreht. Als sein Gesicht wieder zu sehen ist, schaut es eigentlich ganz vergnügt drein, findet Bubi.

»Ihr seid ja nette Schlingel«, sagt er bloß. Dann fährt er Mädi über den Kopf, auf dem die Haare jetzt in die Höhe stehen, wie bei einem Igel die Borsten.

»Als ob die Motten in Mädis Haaren gehaust hätten«, sagt er. »So kann das nicht bleiben. Frau Annchen, seien Sie so gut und waschen Sie die Mädi, ich muß sie mit zum Friseur nehmen, daß er ihr die Haare gleichmäßig schneidet.«

Mädi wird vom Onkel Friseur in einen weißen Mantel gehüllt. Dann kommt die große, große Schere, vor der Mädi mächtige Angst hat. Wieder geht es schnipp – schnapp. Und als Mädi dann in den Spiegel schaut, da hat sie einen ganz kurzgeschorenen Jungskopf. Nun ist sie wirklich Bubi.

Nur schade, daß Bubi sein Zöpfchen nicht mehr hat. Frau Annchen steckt ihn in die Badewanne; denn man klebt, sobald man ihn anfaßt. Das Schlimme ist nur, daß in der Badewanne beim Seifen auch das Zöpfchen mit abgeht. Und daß es trotz Bubis Geschrei: »Mein sein Zöppßen soll nich abgewassen werden!« nicht wieder anwachsen will.

Zur kleinen Omama aber dürfen sie alle beide heute nicht mit.

Seht ihr – das kommt davon!

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