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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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3. Kapitel. Große Wäsche – kleine Wäsche

Heute können Bubi und Mädi nicht spazierengehen, wenn auch die liebe Sonne scheint. Frau Annchen hat keine Zeit dazu. Sie muß Minna bei der großen Wäsche helfen. Mutti hat einen Geburtstagsbesuch zu machen, zu dem sie die beiden Kleinen nicht mitnehmen kann.

So werden Bubi und Mädi in ihren grauen Spielhöschen mit dem Puppenwagen und dem Ball ins Gärtchen hinuntergeschickt. Dort sollen sie spielen.

Eigentlich gibt es zwei Gärtchen an dem Haus, in dem Bubi und Mädi wohnen. Eins vorn, eins hinten. Das vor dem Haus ist viel schöner, als das andere. Da gibt es Rosenbäumchen und ein Beet mit blauen und gelben Stiefmütterchen. Auch ein niedlicher kleiner Steinzwerg mit einer roten Zipfelmütze sitzt da und hält Wache, daß keiner Blümchen abreißt. Der ist sicher aus Schneewittchen. Mädi hat ihn gleich wiedererkannt.

In das Gärtchen, wo der kleine Zwerg sitzt, dürfen Mädi und Bubi nicht hinein. Der Zwerg würde es ja vielleicht erlauben; denn er sieht Mädi und Bubi immer recht freundlich an, wenn sie ihm zunicken. Aber der Wirt, dem das Gärtchen und auch der Zwerg gehört, der erlaubt das nicht. Den Wirt haben die Kleinen noch nie zu sehen bekommen. Darum denkt Mädi, der liebe Gott sei der Wirt. Aber Bubi weiß es besser. Der weiß, daß der Wirt in Berlin wohnt und nicht im Himmel. Na ja, Bubi ist ja auch zwei Stunden älter als Mädi.

Aber trotz der schönen Blumen und trotz des Zwerges, finden Bubi und Mädi das Gärtchen hinter dem Hause ungleich schöner als das vorn. Es hat zwar bloß struppiges Gras und gar keine Blümchen. Nur ein paar alte rote Ziegelsteine liegen an dem zerbrochenen Zaun. Die haben die Arbeiter liegen gelassen, als sie neulich etwas an dem Hause ausbesserten. Aber man darf in das Gärtchen hinein – und das ist die Hauptsache. Man kann dort auch toben, soviel man will. Wenn nicht etwa die alte nervöse Dame auf der Galerie sitzt. Die »Lehmfrau« nennt Bubi sie. Sie heißt zwar Lehmann. Aber da sie gar keinen Mann mehr hat, muß sie doch die Lehmfrau sein. Meistens sitzt die alte Dame aber vorn auf dem Balkon. Weil da die Sonne wärmer scheint.

Das Gärtchen hinter dem Hause hat auch noch andere Vorzüge. Niedliche Putthühnerchen gibt es da. Freilich laufen sie nicht dort umher. Sonst würden sie durch den zerbrochenen Zaun bald Reißaus nehmen. Sie wohnen hinter einem Drahtgitter und haben immer eine große Freude, wenn Bubi und Mädi ihnen ein bißchen die Zeit vertreiben. Denn bloß immer Eier legen, das ist schließlich langweilig.

Bubi und Mädi sorgen für Abwechslung. Sie füttern die Hühner mit Brotstückchen. Manchmal führen sie sie auch an und werfen ihnen kleine Steinchen hinein. Dann werden die Hühner böse und hacken mit den Schnäbeln nach ihren Fingerchen. Der Hahn aber wird ganz rot im Gesicht und schreit wütend: »Kikeriki!« Das heißt in der Hühnersprache: »So 'ne Frechheit!«

Zeck spielt Bubi ganz besonders gern mit den Hühnern. Allerdings ist er immer derjenige, der dran ist und sie jagt. Er wirft ein großes Stück Holz gegen das Drahtgitter, da bekommen die Hühner einen Schreck und flattern ängstlich auf. Nein, wie freut sich Bubi dann. Mädi aber tun die armen Hühnerchen leid.

Der Herr Verwalter, dem die Hühner gehören, und der beinahe soviel ist wie der Wirt, freut sich auch nicht, wenn Bubi seine Hühner jagt. Er nimmt Bubi bei den Ohren und sagt, wenn er seine Hühner nicht in Ruhe läßt, hänge er ihn mit den Ohren oben an dem Wetterhahn auf.

Der Wetterhahn wohnt hoch oben auf dem Dache. Er kann nicht »Kikeriki« machen, und er hat auch nicht so schöne Federn wie der Hahn unten im Gärtchen. Er ist aus Eisen. Aber er ist viel klüger. Er weiß stets ganz genau, woher der Wind weht. Bubi hat große Angst davor, daß der Herr Verwalter ihn mit den Ohren an den eisernen Wetterhahn hängt. Er jagt die Hühner jetzt nie mehr – wenn der Herr Verwalter zu Hause ist.

Noch etwas Schönes gibt es in dem Gärtchen hinter dem Hause, was das Vordergärtchen trotz all seiner Rosen nicht besitzt. Das ist die große Pumpe. Die quiekt wunderschön, wenn man den Brunnenschwengel in Bewegung setzt. Bubi und Mädi nennen ihn »Anhänger«. Denn sie müssen sich immer alle beide daran anhängen, weil er so schwer zu bewegen ist. Die Pumpe ist die allerbeste Freundin der Kinder im Gärtchen. Sie kann aus ihrem eisernen langen Schnabel so schön mundspülen, wie Bubi und Mädi des Morgens. Und dabei macht sie noch Musik.

Natürlich ist es verboten, am Brunnen zu panschen. Komisch, daß alles, was einem Spaß macht, meistens verboten ist. Darüber wundert sich Bubi oft.

Die beiden Kinder sind auch gehorsam und panschen nicht. Wenigstens vorläufig nicht. Vorläufig bauen sie aus den Ziegelsteinen, die da herumliegen, eine Straße mit einem Haus, in dem ihre kleine Omama wohnen soll. Und weil die kleine Omama kein Gärtchen hat, pflanzt Mädi geschwind aus Gras eins um das Ziegelsteinhäuschen herum. In der Mitte ist ein Weg; da kann die kleine Omama spazierengehen.

Elschen, die kleiner ist als Puppe Lilli, wird als kleine Omama mitten auf den Weg vor das neue Haus gesetzt. Sie ist zwar immer noch ein ganzes Ende größer als ihr neues Häuschen. Aber das macht nichts. Sie kann ja durch den Eingang hineinkriechen. Sie denkt aber gar nicht daran. Sie ist froh, daß sie im warmen Sonnenschein sitzen kann. Denn ihre Sachen sind noch von gestern feucht. Sie hat auch die ganze Nacht gehustet. Hätte Mädi nicht so fest geschlafen, würde sie es bestimmt gehört haben.

Herrn Nauke mit der Pauke ernennt Bubi zum Verwalter des neuen Hauses. Darauf ist Nauke sehr stolz. Natürlich muß das Haus nun auch einen Wetterhahn bekommen. Damit der Herr Verwalter kleine Jungs, welche die Hühner jagen, mit den Ohren daran aufhängen kann. Ein alter verrosteter Nagel, der so freundlich ist, irgendwo herumzuliegen, gibt einen prächtigen Wetterhahn ab.

So – nun ist alles fertig.

»Wir müssen unser Gärtchen begieschen, Bubi. Sieh bloß mal, was für'n groschen Durst das arme Gras hat.« Mädi sieht betrübt auf das ausgeraufte Gras, das in der Tat ziemlich welk aussieht. »Aber wir dürfen ja nicht panschen.«

»Begießt is nich gepanst«, überlegt Bubi. Und dann läuft er auch schon zur Pumpe und hängt sich an den Schwengel. Aber seine Ärmchen sind zu schwach, trotzdem er schon puterrot im Gesicht vor Anstrengung ist.

»Mädi, bitte ßön, komm ßnell mit angehängt. Der olle Anhänger wartet bloß auf dir.«

Die Pumpe möchte Bubi gern sagen, daß es »wartet nur auf dich«, und nicht »auf dir« heißt. Aber da muß sie auch schon Wasser spucken, anstatt zu sprechen. Denn Mädi hängt bereits ebenfalls an ihrem »Anhänger«. Den vereinten Kräften der beiden kleinen Zwillinge kann sie nicht mehr widerstehen.

Plansch – ein silberner Wasserstrahl braust hernieder, zersprüht in viele kleine Tröpfchen und spritzt Bubi und Mädi naß. Das ist die Strafe, weil sie etwas Unerlaubtes tun. Aber die kleinen Zwillinge lachen und jauchzen und merken gar nicht, daß ihre Freundin, die Pumpe, ärgerlich auf sie ist.

Hurra – da liegt eine alte Konservenbüchse. Die hat gewiß die Minna oben oder die Mathilde unten aus dem Küchenfenster geworfen.

»Eine feine Gieschkanne, Bubi!« Mädi hält sie bereits der Pumpe an den langen Schnabel. Die spuckt noch viel ärgerlicher ihr Wasser hinein und macht Mädi von Kopf bis Fuß naß.

»Naß« – sagt Mädi und schüttelt sich. Sie weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll.

»Szad' niß, Mädi!« Wenn Bubi meint, daß es nichts schadet, sieht Mädi keinen Grund mehr, zu weinen. Bubi muß es wissen, er ist der ältere.

Über das Gärtchen der kleinen Omama ergießt sich plötzlich ein Sturzbach. Armes Elschen! Eben haben die warmen Sonnenstrahlen es erst ein bißchen getrocknet, und nun sitzt es zitternd da, wie bei einem Wolkenbruch. Hätte ihm Mädi doch bloß das rosa Schirmchen aufgespannt. Na, wenn es sich heute nicht die Lungenentzündung holt, heißt es Mops und nicht Elschen. So denkt die Puppe. Sie schüttelt sich vor Nässe, wie es vorhin Mädi getan.

Bubi ist stets für gründliche Arbeit. Er hat bereits die zweite Gießkanne über das neue Haus herabbrausen lassen.

»Du – die kleine Omama is weggeschwimmt«, ruft Mädi erschreckt.

»Is se ßon versauft?« Bubi betrachtet mit Teilnahme Puppe Elschen, die hilflos auf dem Bauch liegt und alle viere von sich streckt.

Der Herr Verwalter Nauke mit der Pauke macht ein höchst unzufriedenes Gesicht, daß man solche Überschwemmung in dem neuen Hause verursacht. Am liebsten würde er Bubi und Mädi an dem Wetterhahn mit den Ohren anhängen.

In Mädi erwachen jetzt doch Muttergefühle. Sie angelt ihr Kind aus dem Erdschlamm auf. O weh, wie sieht Elschens hübsches rotes Kleid aus. Ganz braunfleckig. Auch die verbeulte Nase ist rabenschwarz von der nassen Erde.

Mädi fängt an zu weinen. Frau Annchen wird gewiß schimpfen.

»Wein' man nich, mein Mädi. Halt se man bloß in die Pumpe rein. Denn wird se ßön sauber!« tröstet Bubi sein Schwesterchen.

»Erlaubt das Frau Annchen?« Mädi kommt die Geschichte doch etwas zweifelhaft vor.

»Die wäßt doch oben«, überredet sie Bubi.

»Und wenn Elschen wieder schön sauber is, denn kann sich Frau Annchen freuen.« Mädi überredet sich jetzt selber.

O Gott, wie zittert die arme Puppe an allen Gliedern. Sie wehrt sich. Sie sträubt sich. Sie strampelt aus Leibeskräften mit Armen und Beinen. Sie ruft Lilli und Fifi, Nauke, Schnuteken und den Hampelmann zu Hilfe.

Vergebens.

»So, mein Elschen, jetscht geht's unter die grosche Brause«, sagt Mädi noch ganz freundlich zu ihr. »Wein man nich – Mutti läscht nich ertrinken. Die macht bloß Spaß.«

Das war doch kein Spaß – das ist bitterböser Ernst! Puppe Elschen vergehen die Sinne unter der eiskalten Brause. Sie wird ohnmächtig und schließt, zum Sterben elend, ihre Klappaugen.

Als sie dieselben wieder öffnen kann, hört sie das jammernde Stimmchen ihrer kleinen Mutti: »Sieh bloß mal, Bubi, das schöne rote Kleid is gansch paputt!«

Daß die arme Puppe kaputt ist, das scheint Mädi weniger zu Herzen zu gehen.

»Kaputt heißt es, Mädi«, verbessert Bubi mit Gemütsruhe.

»Gansch voll Blut, Bubi«, Mädi weint herzbrechend. Sie preßt ihr blutendes Kind an die Brust.

Das rote Blut fließt in Strömen ans Elschens Kleid. Denn dasselbe ist nicht waschecht und geht unter dem Brunnen aus.

»Mädi, du bist auch ganz voll Blut.« Bubi sieht jetzt ebenfalls erschreckt auf Mädis graue Spielhöschen. Natürlich, das nasse Puppenkleid hat bei der innigen Umarmung abgefärbt.

»Au, Frau Annchen wird doll böse sein!« Mädi schielt ängstlich zum Küchenfenster empor. Aber Frau Annchen zeigt sich zum Glück nicht.

»Zieh aus, Mädi, wir wassen die Hößen unter der Pumpe.« Bubi weiß immer eher Rat als Mädi. Er ist ja der ältere.

»Och nee – och nee – nich ausschien – denn blutet es noch döller!« Mädi hat Angst.

»Wird bestimmt ßön sauber. Denn ßimpft Frau Annßen behaupt nich.«

Bubi macht Mädi den Knopf am Spielanzug auf. Nun steht sie in weißen Höschen da.

»Abc – die Katze lief in Snee,
Und als sie wieder raus kam,
Da hat se weiße Hößen an«

lacht Bubi. So singt Mutti immer. Da muß auch Mädi wieder lachen. Und weil das Panschen ein großes Vergnügen ist, sind sie alle beide bald wieder quietschvergnügt. Die Pumpe ist aber nicht quietschvergnügt. Trotzdem sie wunderschön quietscht. Die ist schon ganz heiser vor Wut. Die rote Farbe aus den Spielhöschen hat sie zwar herausgewaschen, denn Mädi hat doll gerubbelt. Aber die beiden Kinder triefen vor Nässe.

»Nu müssen wir die Höschen aufhängen, daß sie trocknen.« Jetzt zeigt sich Mädi, trotzdem sie zwei Stunden später das Licht der Welt erblickt hat als Bubi, doch schon als richtige kleine Hausfrau. »Soll ich mein seine kleine Puppenleine runterholen?«

»Nee – nee – wir hängen die Hößen man bloß hier auf'n Zaun auf«, wehrt Bubi ab. Er hat nämlich jetzt doch Angst, daß Frau Annchen schimpft. »Mein seine Hößen müssen behaupt auch trocknen.« Ehe Mädi es sich versieht, hängen Bubis nasse Spielhöschen ebenfalls an einer Zaunlatte. Als kleiner Hemdenmatz springt er jubelnd im Gärtchen herum.

»Szön molliß, Mädi.«

Natürlich, die liebe Sonne scheint hübsch warm, und das nasse Zeug war kalt am Körper.

Mädi macht alles nach, was Bubi tut. Denn er ist ja ihr Zwilling.

Frau Sonne traut ihren Augen nicht. Da springen doch wirklich jetzt zwei kleine Hemdenmätze in dem Gärtchen herum. Denn auch Mädis weiße Höschen bammeln an einer Zaunlatte. Nein, die liebe Sonne muß sich sehr wundern. Sie mag die ungezogenen Kinder gar nicht mehr wärmen. Rasch kriecht sie hinter eine Wolke.

Aber noch mehr Leute im Gärtchen wundern sich. Vor allem die Pumpe. So lange sie hier steht, hat sie noch nicht so unartige Kinder gesehen. Und wäre sie nicht so heiser von dem vielen Quietschen, sie würde ihnen bestimmt sagen, daß sie sich erkälten können.

Elschen, das arme Kind, kann nur noch leise wimmern. Bubi hat sie mit den Flachshaaren ebenfalls an eine Zaunlatte zum Trocknen gehängt. Au – wie das ziept! Wenn man das nur mal mit ihm so machte.

Der Hahn schreit, so laut er nur kann, sein Kikeriki, um Frau Annchen herbeizurufen. Aber die spült oben die große Wäsche. Nauke schlägt seine Pauke, was das Zeug hält. Vergebens. Der grauhaarige Kopf der guten alten Kinderfrau zeigt sich nicht am Küchenfenster. Die beiden kleinen Hemdenmätze fassen sich an die Händchen und hopsen singend im Kreise herum: »Große Wäsche – kleine Wäsche.«

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