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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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20. Kapitel. Wieder in der Kinderstube

Mädis neues Schwarzwälder Kind heißt Lotti. Aber sie ist gar nicht recht zufrieden mit ihrer kleinen Puppenmutter. Mädi behandelt die neue Lotti auch nicht besser als Elschen und Lilli daheim. Sie wird nicht ausgezogen und nicht angekleidet, und sie muß hungern.

Lotti erkundigt sich nachts, als Mädi schläft, bei Schnuteken, der noch nicht mal Elschens Reisekleider abgelegt hat, ob das kleine Mädchen daheim denn auch nicht besser für seine Puppen sorgt. Schnuteken schüttelt betrübt den weißen Karnickelkopf ohne Ohren. Er kann leider keine günstige Auskunft geben.

»Noch tausendmal schlechter, Fräulein Lotti. Sie dürfen doch wenigstens mal mit Mädi spazierengehen. Und Sie haben vor allen Dingen noch beide Arme und Ihre Nase. Aber die Puppen zu Hause in Berlin müßten Sie mal sehen. Ich sage Ihnen, ein trauriger Anblick. Das Herz kann einem brechen.«

Puppe Lotti richtet sich aus ihrer Pappschachtel – denn ein Bettchen hat ihr die schlechte kleine Mutter noch nicht gemacht – kurz entschlossen auf.

»Fällt mir gar nicht im Traume ein, mit der Mädi nach Berlin zu reisen. Ich bleibe nicht bei ihr. Ich gehe wieder in meine Heimat. Ich finde schon wieder in den Spielzeugladen zurück, aus dem mich die Omama gekauft hat. Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich werde den lieben Gott bitten, daß er mich zu einem ordentlichen kleinen Mädchen, das Liebe für seine Puppenkinder hat, schickt.«

»Ich kann es Ihnen nicht verdenken, Fräulein Lotti. Am liebsten wanderte ich mit Ihnen mit. Aber man soll nicht undankbar sein. Die Mädi hat mich auf die Reise mitgenommen. Da mag ich nicht heimlich auskneifen«, gibt ihr Schnuteken zur Antwort.

Am andern Morgen ist Puppe Lotti verschwunden. Die Pappschachtel ist leer.

Oh, Mädi weiß ganz genau, wo sie hin ist. Sie hat ja das Gespräch zwischen ihr und Schnuteken deutlich im Schlaf mitangehört.

»Frau Annchen, denk' bloß mal, die Lotti is ausgekneift.« Ganz heimlich teilt Mädi beim Anziehen ihrer Kinderfrau die traurige Botschaft mit.

»Ausgekniffen, die Lotti? Warum nicht gar! Du wirst sie sicher verschmissen haben, Fräulein Liederlich.«

Um Fräulein Liederlichs Mund zuckt es weinerlich.

»Wenn sie doch aber in ihre Heimat zurückgereischt is.« Mädi schielt zu Schnuteken hin. Der nickt vorwurfsvoll.

»Kann se behaupt nich. Onkel Opapa hat die Tür ja abgeschlossen«, beruhigt Bubi sie.

»Denn is sie aus'm Fenschter gesprungen.« Aber Mädi wird sie schon wieder zurückholen. Es ist nur peinlich, daß man die Omama fragen muß, wo sie die Lotti gekauft hat.

Der Morgenkaffee wird im Garten unter dem Nußbaum getrunken. Kaum hat Mädi der Omama guten Morgen gesagt, da erkundigt sie sich auch schon: »Grosche Omama, wo haschte denn mein seine Lotti gekauft?«

»Ja, Mädi, gefällt dir die Lotti denn nicht mehr? Willst du sie etwa umtauschen?«

»Nee, bloß wieder holen. Weil die Lotti doch in ihre Heimat zurückgereischt is.« Das kleine Mädchen kann nicht weitersprechen. Das Lachen der Großen übertönt ihr Stimmchen.

Mädi will nicht ausgelacht werden. Nein!

»Na, denn fragt doch gefällischt Schnuteken, wenn ihr's nicht glaubt«, sagt sie ärgerlich.

Die Großen lachen noch viel mehr. Nur Bubi hat Verständnis für seine Mädi.

»Wir können ja vielleicht mal Hexe fragen, die schläft doch an der Tür.«

Aber Hexe macht ein dummes Gesicht. Sie sagt »Wauwau« und sonst nichts.

»Ich zeige dir das Spielgeschäft mal, wenn wir vorüberkommen, mein Liebling«, beruhigt Omama inzwischen ihr Herzblatt.

»Kommen wir heut mal vorüber?« Mädi fürchtet, wenn sie allzulange wartet, wird Lotti inzwischen vielleicht zu einem ordentlichen kleinen Mädchen gegangen sein.

»Nein, heute bestimmt nicht. Der Opapa will heute mit uns einen Ausflug mit der Höllentalbahn bis nach Himmelreich machen«, erzählt die Omama.

»Hahaha –« Jetzt lachen Bubi und Mädi die Großen aus. »Mit der Höllenbahn kommt man behaupt nich in'n Himmel, sondern in die Hölle«, ruft Bubi schlau.

»Unser Himmelreich liegt im Schwarzwald und man fährt durch das Höllental hin«, erklärt der Opapa.

Mädi hat gar keine rechte Lust, mitzufahren. Die Hölle und der Schwarzwald, das ist beides recht graulich.

Jedenfalls nimmt sie sich noch Schnuteken zum Schutz mit. Er hat es ja auch verdient, daß er den Ausflug mitmachen darf. Er ist ja getreulich bei ihr geblieben und nicht mit Lotti ausgekniffen.

Die Fahrt mit der Höllentalbahn ist herrlich. Mädi hat jetzt gar keine Angst mehr davor. Auch Schnuteken nicht. Selbst der Schwarzwald sieht im Sonnenschein gar nicht so schwarz aus.

Das Gasthaus, das mitten im Walde liegt, heißt Himmelreich. Dort wird Milch getrunken und Kuchen gegessen. Es wohnen auch Sommergäste hier.

Unter einer großen Tanne sitzt ein kleines Mädchen mit seiner Puppe. Es ist gar keine schöne Puppe. Elschen und Lilli daheim haben viel feinere Kleider. Aber die fremde Puppe sieht entschieden netter und sauberer aus als Mädis Kinder. Wenn sie auch nur ein einfaches Kattunkleidchen trägt.

Bubi geht mit Hexe spazieren. Das heißt, er muß mitspazieren, wohin Hexe ihn an der Leine, die er in der Hand hält, zieht. Mädi ist längst eifersüchtig auf Hexe. Bubi tut ja gerade, als ob Hexe sein Zwilling wäre. Trotzdem er doch immer nur einen Hund mit blonden Locken haben wollte.

Aber heute empfindet es Mädi nicht traurig, daß Bubi und Hexe sich so angefreundet haben. Sie schaut zu, wie das kleine Mädchen mit ihrer Puppe spielt.

Niemals hat Mädi gesehen, daß ein Kind seine Puppe so lieb gehabt hat. Die Puppe muß von der Birne, die das kleine Mädchen von ihrer Mutter bekommen hat, auch jedesmal abbeißen, wenn es selbst einen Happen nimmt. Das fremde kleine Mädchen küßt ihre Puppe, nennt sie »mein Liebling« und sucht ihr das weichste Mooslager aus, wo sie schlafen kann. Ja, es bindet sogar sein Schürzchen ab und deckt die Puppe damit zu, daß sie nur nicht friert. Dann setzt es sich an ihr Moosbettchen und paßt auf, daß keine Fliege die Puppe beim Schlafen stört.

Der kleine Bruder des Mädchens reitet inzwischen auf seinem Steckenpferd mit Hü und Hott im Walde herum. Das kleine Mädchen legt den Finger auf den Mund.

»Pst – Hansel, 's Annele schläft.«

So, nun weiß Mädi, wie die Puppe heißt. Aber daß man darauf Rücksicht nimmt und keinen Lärm macht, wenn eine Puppe schläft, das ist ihr ganz neu. Eine Puppe ist doch keine Lehmfrau.

»Hast du noch mehr Kinder?« erkundigt sich Mädi. »Bloß das Annele. Aber das ist brav«, antwortet das kleine Mädchen. »Annele und ich, wir haben uns so lieb – so lieb – – – .« Vor lauter Liebe holt es die Puppe aus ihrem Moosbett hervor und drückt sie an sein Herz.

»Wie heischt du denn?«

»Gretl, und du?«

»Ich bin doch die Mädi. Und das da is mein sein Bubi. Der is mein Schwilling. Hascht du auch 'nen Schwilling?«

Nein, das Gretl hat nur Bruder Hansel, der ist ein Jahr jünger als sie.

»Wohnt ihr vielleicht im Pfefferkuchenhäuschen?« Mädi sieht sich etwas scheu im Walde um. Hansel und Gretl kann sie sich nur im Pfefferkuchenhäuschen vorstellen.

»Nein.« Gretl schüttelt den Blondkopf. »Ich bin nur zu Besuch hier. Wir wohnen in Freiburg. Da hat mein Vater seinen Laden. Wir verkaufen Brot und Semmel.«

»Behaupt keinen Kuchen?« Mädi findet das entschieden nicht in der Ordnung.

»Nein, nur noch Milch und Käse. Und was verkauft dein Vater?« erkundigt sich jetzt das Gretl.

Mädi steht ratlos. Sie hat niemals gesehen, daß ihr Vater etwas verkauft hat. Auch einen Laden haben sie nicht in Berlin. Mädi findet, daß man sich deswegen schämen muß.

»Bubi.« Sie ruft ihr Brüderchen zu Hilfe. Das ist doch zwei Stunden älter. Vielleicht weiß es besser damit Bescheid. »Du, Bubi, was verkauft denn unser Vati? Gretls verkauft Brot und Semmel.«

Wirklich, Bubi besinnt sich keinen Augenblick. »Na, unser Vati verkauft doch Sterne«, sagt er mit ungeheurem Selbstgefühl.

»Die kann man gar nicht verkaufen.« Gretl ist schon ein Jahr älter als die beiden kleinen Zwillinge und daher bedeutend schlauer. »Die Sterne sind doch am Himmel festgewachsen.«

»Na, unser Vati holt sie eben mit seinem großen Fernrohr runter.« Gegen Bubis Bestimmtheit gibt es keine Widerrede.

»Wollen wir zusammen spielen?« fragt Gretl die Mädi. »Hole doch auch deine Puppe.«

»Mein seine Puppen sind in Berlin geblieben.« Mädi wird rot, wenn sie daran denkt, in welchem elenden Zustande sie die armen Puppenkinder zurückgelassen hat. »Und die Schwartschwald-Lotti is wieder nach Haus gelaufen. Ich hab' bloß Schnuteken da.« Schnuteken wird herbeigeholt.

Gretl rümpft die Nase. »Das ist ja gar kein Kind, das ist ja bloß'n Karnickel. Armes kleines Mädchen, du hast ja nicht mal ein Puppenkind, das dich lieb hat«, sagt das fremde Gretl voller Mitleid und drückt das eigene Kind zärtlich an das Herz.

Mädi wird es ganz merkwürdig dabei zumute. Niemals ist sie sich bisher bedauernswert vorgekommen.

»Ach,« sagt sie eifrig, »Braunchen hat mich ja dafür lieb. Und schu Haus hab' ich behaupt gansch schöne Puppen. Sie sehen man bloß'n bißchen blaß aus. Sie müssen verreisen, daß sie rote Backen kriegen.«

»Warum hast du sie denn nicht mitgebracht? Ich lasse mein Kind niemals allein zu Hause. Dann weint's ja und hat Sehnsucht nach seiner Mutti.«

Wieder wird Mädi rot und muß sich schämen. Hat sie wohl jemals gefragt, ob ihre Puppen weinen und Sehnsucht nach ihr haben? Aber schön ist es doch, wenn eine Puppe seine kleine Puppenmutter so lieb hat, wie Annele das Gretl. Beide Arme streckt die Puppe der Mutti entgegen.

»Wenn mein seine Lotti wiederkommt, will ich sie auch doll lieb haben«, sagt Mädi.

»Und Elschen und Lilli? Haben die nicht noch mehr Anrecht auf deine Liebe? Sind das nicht deine älteren Kinder?« Irgend jemand hat es ganz deutlich zu Mädi gesagt. Es kann nur Schnuteken gewesen sein, denn weiter kennt ja keiner Elschen und Lilli.

»So, du kannst mein Kindermädel sein«, ordnet Gretl an.

»Nee, ich bin behaupt Frau Annchen, daß is unsere Kinderfrau.«

»Schön, dann gehen Sie mit dem Kind spazieren, Frau Annchen.« Mädi schleift Annele an einem Arm hinter sich her durch den Wald.

Aber da ist mit einem Satz Gretl hinter ihr. »Sie reißen ja meinem Kind den Arm aus! Wenn Sie so wenig Liebe für Kinder haben, kann ich Sie nicht gebrauchen.« Mädi ist entlassen.

Ganz bestürzt schaut sie drein. Da ist sie doch manchmal mit Elschen und Lilli noch ganz anders umgegangen. Ohne daß die Puppen sich gewehrt haben. Nein, es ist wirklich kein Wunder, wenn ihre Kinder sie nicht so lieb haben, wie das Annele seine kleine Mutti. Aber sie wird sich jetzt auch bessern. Sie wird sich ein Beispiel an dem Gretl nehmen und ebenso für ihre Kinder sorgen. Das will die Mädi ganz bestimmt.

»Wenn mein seine Mädi nich mehr Frau Annßen is, kann ich es ja vielleicht sein«, schlägt Bubi vor. Da sie Zwillinge sind, kommt es ja nicht darauf an, wer von beiden es ist.

»Du?« verwundert sich Gretl. »Du bist doch ein Büble. Buben spielen doch nicht mit Puppen!«

Jetzt wird Bubi rot, denn er hat eigentlich immer recht gern mit Mädis Puppen gespielt.

Der kleine Hansel kommt auf seinem Steckenpferd angeritten und lacht den Bubi aus. »Der Bub will mit Puppen spielen. Der ist gar kein rechter Bub, gelt, Gretl? Hansel reitet immer nur auf seinem Pferdchen. Hast du gar kein Pferdchen, armes Büble?« .

»Natürliß. Ich hab' doch Braunßen.« Dabei fällt es Bubi ein, daß Braunchen eigentlich Mädi viel lieber hat als ihn. Weil sie stets an Braunchen denkt und für dasselbe sorgt, und er nicht. Das muß jetzt anders werden. Wenn sie auch Zwillinge sind – ein Junge gehört zu seinem Pferdchen und ein Mädchen zu den Puppen.

Die Kinder haben gar nicht gemerkt, daß der Himmel sich inzwischen bezogen hat. Erst als lautes Donnerkrachen durch den Wald dröhnt, schreit Mädi erschreckt auf und läuft geschwind zu Vati und Mutti. Bubi hinterdrein, obgleich er ein Junge ist.

Nun sitzt man in der Veranda und schaut von dort dem Gewitter zu. Mädi hat den Kopf fest an Omamas Brust gedrückt.

»Die grosche Lampe kommt!« schreit sie jedesmal ängstlich, wenn ein Blitz durch den Wald zuckt.

Bubi ist mutiger. Er schaut wie ein Mann in das Toben hinein.

»Spielen die kleinen Engeljungs jetzt da oben Kegel, Vati?« erkundigt er sich zur allgemeinen Heiterkeit.

Drüben steht das Gretl und hält ihr Kind fest an ihr Herz gepreßt. Gewiß hat das Annele auch Angst vor dem Gewitter.

Plötzlich durchzuckt es Mädi – sie hat ja das arme Schnuteken in dem Unwetter draußen vergessen. Noch gestern würde sie sich wohl kaum darum gekümmert haben. Aber heute hat Gretls Beispiel ihre Mutterliebe geweckt. Wenn das Puppenkind auch nur ein Karnickel ist.

»Schnuteken is ganz allein in dem ollen schwartschen Wald vergeschen worden. Da drüben liegt's, das arme Schnuteken, und hat so 'ne Angscht vor der ollen groschen Lampe.« Mädi weint heiße Tränen um Schnuteken.

Der gute Onkel Ernst hängt seine Lodenkapuze um und eilt in den Pladderregen hinaus, um das aufgeregte Kind zu beruhigen. Schnuteken wird aus dem Sumpf aufgefischt. Es ist beinahe ohnmächtig vor Furcht, Nässe und Kälte.

Mädi flößt ihm von ihrer heißen Milch ein. Da erholt er sich allmählich und schaut das kleine Mädchen dankbar an. Ach, was ist das für ein gutes Gefühl, wenn man für andere sorgt.

Wenn die Lotti wiederkommt, soll sie's auch gut bei ihr haben, das nimmt sich Mädi vor.

Aber Lotti kommt nicht wieder. Die Wochen vergehen, und der Koffer steht wieder zur Heimreise gepackt. Den Großeltern wird es recht schwer, die lieben Kinderchen wieder hergeben zu müssen.

»Eins von euch beiden könnt' doch eigentlich bei uns bleiben«, neckt Onkel Ernst. »Eure Eltern haben doch an einem Kind genug. Wir wollen auch eins behalten.«

Mädi schüttelt das braune Köpfchen. »Ich muß bestimmt nach Haus zu Elschen und Lilli. Die Kinder haben schon doll Sehnsucht nach ihrer Mutti«, sagt sie.

»Nun, Bubi, dann bleibst du bei uns. Nach dir haben die Puppen doch keine Sehnsucht.«

»Aber mein sein Braunßen.«

»Und was soll denn Hexe hier ohne dich anfangen?« fragt auch der Opapa.

Freilich der Abschied von Hexe ist recht schwer. Hexe ist eigentlich noch Braunchen vorzuziehen. Bubi überlegt hin und her. »Nee, Onkel Opapa, es geht doch nich, daß ich hierbleibe. Wir sind doch Zwillinge, mein sein Mädi und ich. Die dürfen sich doch nicht trennen.« Der schwere Kampf ist entschieden.

»Ich laß dich nicht fort, Bubi.« Onkel Ernst hält Bubi an beiden Ohren fest.

»Onkel Spaß macht ja behaupt nich Ernst«, lacht Bubi ihn aus. »Die Lottemotive wird mich ßon mitnehmen.«

Und wirklich, die Lokomotive nimmt Bubi mit. Aber noch zwei fahren mit nach Berlin, welche die Hinreise nicht mitgemacht haben.

Die eine Reisende liegt in einer Pappschachtel. Sie hat schwarze Zöpfchen, ein grünes Röckchen, eine geblümte Schürze und ein schwarzes Häubchen mit langen Bandenden.

»Meine Schwartschwald-Lotti is wieder da!« jubelt Mädi los, als die Omama ihr beim Abschied den Pappkarton in den Arm drückt. Sie hat kaum Zeit, sich von den Großeltern und Onkel Ernst zu verabschieden. »Wo bischt du denn bloß hingelaufen, Lotti?« fragt sie und küßt ihr Kind in zärtlicher Wiedersehensfreude.

»Ich habe doch bei der Omama im Wäscheschrank gewohnt, weil du mich nachts ganz allein im Garten hast liegenlassen«, flüstert Lotti ihrer kleinen Mutti ins Ohr.

»Von jetscht an werd' ich bestimmt eine gute Mutti sein«, verspricht Mädi ihr.

Auch Bubi ist für keinen mehr zu sprechen. Der hält eine Tortenschachtel in seinen Ärmchen, die Onkel Ernst ihm mit vielsagender Miene überreicht hat: »So, Bubi, das schenkt dir die Hexe.«

»Eine Torte? Hexe kann doch behaupt keine Torte gebacken haben«, lacht Bubi. Aber die Torte krabbelt so merkwürdig in der Schachtel herum. Und jetzt beginnt sie sogar zu winseln.

Vor Schreck hätte Bubi sie beinahe hinfallen lassen.

»Onkel Ernst – die Torte krabbelt und weint!« Onkel Ernst öffnet den Deckel.

»Ein Baubau – ein niedlißer kleiner Baubau.«

Bubi wagt kaum zu atmen vor Glückseligkeit. Der kleine Hund ist nicht größer als die Hand von Onkel Ernst. Er sieht genau so aus wie Hexe. Auch so schwarz und glatt.

»Das ist Hexes Söhnchen. Du sollst es dir mitnehmen, Bubi, und es großziehen. Aber blonde Locken hat es leider nicht.« Onkel Ernst weidet sich an dem Kinderglück.

»Szad behaupt nich. Ich hab' ihn auch mit ohne blonde Locken doll lieb. Wie heißt mein sein Baubau denn?«

»Bubi«, antwortet Onkel Ernst lachend.

»Bubi? Ach, genau wie ich. Dann sind wir bestimmt Zwillinge!«

Der schrille Pfiff der Eisenbahn übertönt das Lachen von Onkel Ernst und von den Großeltern.

Tü – ü – üh – – – da schleppt die große schwarze Lokomotive Bubi und Mädi wieder heim nach Berlin.

Der Wetterhahn daheim auf dem Dach kann am weitesten sehen, über alle Bäume des Treptower Parks hinweg. Er erblickt die heimkehrenden kleinen Zwillinge zuallererst. Er quietscht laut vor Freude, daß Bubi und Mädi nun wieder nach Hause kommen.

Da wissen es auch die Hühner und der Hahn unten im Hofgärtchen: »Bald sind unsere kleinen Zwillinge wieder da!«

»Kikeriki – kikeriki – – –
Bubi und Mädi
Sind bald wieder hie!«

Der Hahn kräht so laut, daß es bis in die Kinderstube hinaufschallt. Dort ist man schon schrecklich aufgeregt. Braunchen kann gar nicht still stehen vor Erwartung. Er scharrt mit den Schaukelhufen; er zieht das Maul von einem Ohr zum andern und wiehert laut.

Nauke schlägt seine Pauke: »Alle Mann heraus – unsere Kinder kommen!«

Der Hampelmann, so alt und gebrechlich er auch ist, steht Kopf vor Freude.

Fifi gebärdet sich wie toll. Er blafft und möchte am liebsten bis auf die Treppe hinauslaufen.

Puppe Elschen und Lilli aber sagen keinen Ton. Vor lauter Glück können sie kein Wort sprechen. Ach, wie haben sie sich die ganze Zeit gebangt. Wenn Mädi auch eine schlechte kleine Puppenmutter war, sie haben sie ja doch lieb. Nein, wie haben die kleinen Zwillinge all den Spielsachen in der Kinderstube gefehlt.

Auch der Minna ist es recht einsam gewesen. Nun steht sie unten an der Haustür ebenfalls voller Erwartung. Der einzige, der keine Wiedersehensfreude empfindet, ist der Papagei von der Frau Lehmann. Der seufzt: »O weh, nun ist unsere schöne Ruhe hin, nun geht der Radau bald wieder los!«

Da hört man auch schon Kinderstimmen: »Minnachen, da sind wir wieder!«

»Minnaßen, ich hab 'nen richtigen, doll lebendigen kleinen Baubau gekriegt.«

»Und ich 'ne süsche Schwartschwald-Lotti!« Wie der Wind sind die beiden Kleinen an der Minna vorüber – trapp – trapp – die Treppe hinaufgetrampelt, daß Frau Lehmann und ihr Papagei vor Schreck zusammenfahren.

Da sind sie wieder in ihrer Kinderstube, der Bubi und die Mädi. Eins ist am Puppenwagen, das andere im Stall bei Braunchen.

»Mein Elschen und meine Lilli, nu is eure Mutti wieder da. Habt ihr mich denn auch so lieb, wie die Annele das Gretl? Ich hab' euch ja doll lieb, auch mit ohne Nase. Und ein kleines Schweschterchen hab' ich euch auch noch mitgebringt. Lotti heischt sie. Freut ihr euch denn ein bißchen mit mir?«

Na und ob sich die Puppen freuen. Sie strecken Mädi die Ärmchen entgegen. Jede will die erste bei ihr sein.

Braunchen schüttelt den Kopf, daß seine Mähne nur so fliegt. Er muß sich sehr wundern. Das ist doch nicht die Mädi, die ihn da auf den Rücken klopft und ihn streichelt. Sie sehen zwar ganz gleich aus, die kleinen Zwillinge, aber Mädi hatte doch immer braune Augen. Das ist doch der Bubi, der blauäugige kleine Kerl, der aus seiner Tasche Gras aus dem Freiburger Garten holt: »Da, Braunßen, das hab' ich dir mitgebracht. Nu wollen wir immer zusammen ßön reiten.« Braunchen strahlt über das ganze Gesicht, denn Schaukelpferde sind für kleine Jungs da und nicht für Mädels.

Einer aber in der Kinderstube zieht ein schiefes Maul. Einer ist eifersüchtig. Das ist Fifi. Als der den vierbeinigen Bubi erblickt, der so niedlich in der Kinderstube herumkrabbelt, ist er geradezu empört, daß er dem zweibeinigen Bubi nicht mehr genügt.

»Na, sieh doch mal, Fifißen, ich hab' dir ja'n kleines Baubaubrüderßen mitgebracht. Nu haben wir zwei Hünde. Freuste dich mit ihm, ja?« fragt Bubi voller Erwartung.

Nein, Fifi freut sich ganz und gar nicht. Ganz, ganz leise, daß Bubi es nicht hören kann, knurrt er sogar den fremden Eindringling feindselig an.

Auch die Puppen haben etwas Angst vor dem kleinen, schwarzen, fremden Gesellen, der in der Kinderstube bald hier, bald da herumspringt und noch nicht mal richtig bellen kann.

Aber Mädi nimmt sie schützend in den Arm: »Ihr braucht euch behaupt nich schu ängschten. Der darf euch bestimmt nich beischen. Eure Mutti is ja bei euch und pascht auf.«

»Glauben Sie's, Fräulein Elschen, daß die Mädi sich gebessert hat und uns jetzt eine richtige kleine Mutti sein wird?« flüstert Lilli noch immer zweifelnd ihrer Gefährtin zu.

Puppe Elschen nickt mit dem Kopf ohne Nase. Ja, sie glaubt es bestimmt.

Glaubt ihr es auch, meine lieben kleinen Leser?

Ei, davon verrate ich euch heute noch nichts. Das erzähle ich euch ein andermal.

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