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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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2. Kapitel. Zu Hause

»Mutti schu Hause?« Das ist stets die erste Frage, wenn Mädi und Bubi vom Spielplatz heimkommen.

Köchin Minna, welche auf das stürmische Klingeln Bubis schleunigst die Tür öffnet, schüttelt lachend den Kopf. »Nee, ausgeflogen. Aber erst sagt man doch schön guten Tag, Mädi.«

»Guten Tag, Minnachen. Aber nu sag bloß schnell, wo is Mutti hingeflogen. In'n Himmel?« Das kleine Mädchen hängt sich zärtlich an Minnas dicken roten Arm. Denn weiter reicht es nicht.

»Schon möglich«, lacht Minna.

»Mit'n Fernrohr?« Jetzt ist auch Bubi ganz Erwartung.

»Kann schon sein.« Minna lacht noch viel mehr.

»Aber Minna, reden Sie doch den Kindern nicht solche Märchen vor«, sagt Frau Annchen ärgerlich. »Mutti ist in die Stadt gefahren und kauft dort ein.«

Bubi ist eigentlich mit Frau Annchens Erklärung gar nicht einverstanden. Er hätte es entschieden viel schöner gefunden, wenn Mutti mit dem langen Fernrohr in den Himmel geflogen wäre. Vielleicht irrt sich Frau Annchen, und Minna hat doch recht.

Bubi preßt das Näschen gegen die verschlossene Glastür. Die Tür ist stets fest zugeschlossen. Erstens, weil Vatis großes Fernrohr dort steht, an das Kinder nicht herandürfen. Und zweitens, weil Bubi und Mädi von der Galerie herunterfallen können. Besonders der wilde Bubi, der stets klettert.

»Mädi, glaubste, daß Mutti in das Fernrohr eingestiegen is und mit in'n Himmel geflogen?« Er stellt sich das etwa wie eine Fahrt mit der Puffbahn vor.

»Nee«, sagt Mädi, die gerade dem Schaukelpferd guten Tag sagt. »Nee, da geht sie behaupt nich rein.«

»Is doch aber so mächtig lang, bis in'n Himmel.« Bubi ist anderer Meinung.

Mädi ist das Schaukelpferd Bubis bedeutend wichtiger als das Fernrohr. Sie liebt es mehr als ihre Puppen. Es heißt Braunchen und hat einen roten Sattel. Aus dem Park hat sie ihm in ihrem Eimerchen Grasfutter mitgebracht.

»Da, Braunchen, schönes Mittagbrot. Haschte Hunger, Braunchen?« Braunchen nickt mit dem Kopf und läßt sich das Grünfutter schmecken.

»Pferde fressen Heu, Mädi, das ist getrocknetes Gras«, meint Frau Annchen.

»Wart' mal, Braunchen, wir müssen das Gras erscht trocknen.« Mädi holt dem Pferd das Mittagbrot wieder aus dem Maul. »Du – beisch nich!« Sie hängt das Gras auf die Puppenleine zwischen zwei Stühlen, an der bereits ein Paar Puppenhöschen baumeln. Da es herunterfällt, wird es mit kleinen Puppenklammern festgemacht. Nun kann es trocknen und Heu werden.

Frau Annchen lacht, weil man Gras nur in der Sonne trocknen kann, damit es Heu wird und nicht auf der Leine.

Aber Braunchen ist wütend, daß man ihm sein Mittagbrot wieder fortgenommen hat. Es schaukelt vor Ärger hin und her.

»Bischte traurig, Braunchen?« Mitleidig umfängt das kleine Mädchen es mit seinen Armen.

Braunchen nickt.

»Sieh mal, Frau Annchen, wie'sch aussieht! Gansch traurig sieht das arme Braunchen aus! Es weint!«

»Hottepferdchen können nicht weinen.« Bubi fühlt sich wieder als der ältere. Er hat endlich genug überlegt, ob Mutti wohl in das Fernrohr reingegangen ist.

Da Mädi sich mit seinem Schaukelpferd beschäftigt, läuft Bubi zu ihrem Puppenwagen in der anderen Ecke. Dort sind die Puppen noch viel wütender auf Mädi als Braunchen. Wirklich, Mädi kümmert sich nicht viel um ihre Puppenkinder. Sie spielt viel lieber mit Bubis Spielsachen. Sie denkt nicht daran, daß Puppen genau solchen Hunger haben wie Schaukelpferde. Neidisch sehen die Puppen zu, wie Mädi Braunchen jetzt füttert. Denn Mädi findet, daß das Heu schon genug getrocknet sei. Und das Gras gäbe doch solchen guten Puppenspinat. Wenigstens werden die armen Puppen jetzt aus ihrer Ecke hervorgezogen. Bubi ladet sie alle in den Puppenwagen auf. Da liegt Elschen mit der verbeulten Nase, die einarmige Lilli, der lahme Hampelmann, Nauke mit der Pauke, der Filzdackel Fifi und Schnuteken, das weiße Karnickel. Alles durcheinander.

»So, nun kommen wir doch auch ein bißchen ins Freie, Fräulein Lilli«, meint Nauke mit der Pauke frohlockend.

»Ja, wenn Bubi nicht wäre, Mädi ließe uns hungern, dursten und ohne Luft und Licht ersticken.« Lilli ist furchtbar böse auf ihre Puppenmutter. Kein Wunder! Seit zwei Tagen hat sie sich den Arm zerschlagen. Mädi denkt nicht daran, daß sie sich verbluten kann. Wenn Bubi ihr nicht einen Verband aus Zeitungspapier gemacht hätte, wer weiß, ob sie überhaupt noch am Leben wäre.

»Also jetzt fahren wir spazieren, und du kannst in deinem Stall bleiben«, ruft Elschen höhnisch im Vorbeifahren dem Schaukelpferd zu. Braunchen können die Puppen alle nicht leiden. Weil es Mädis Liebling ist und ihnen vorgezogen wird.

Ach, es ist keine große Annehmlichkeit, mit Bubi spazierenzufahren. Über Stock und Stein geht es. Über Fußbänke, Türschwellen, Bausteine und Eisenbahnschienen. Rrrrr – durch die Wohnung.

Rrrrrr – Elschen und Lilli kreischen vor Entsetzen über die wilde Fahrt. Nauke mit der Pauke stöhnt; ihm ist ganz schwindlig. Denn er ist ein alter Hampelmann, schon von Weihnachten her. Fifi blafft wie besessen. Nur Schnuteken quiekt vor Vergnügen. Je wilder, desto schöner!

Rrrrrr – da ist Bubi im Wohnzimmer an das Tischchen gefahren, auf dem die schöne Vase mit Blumen steht.

Klirr – ergießt sich ein Glas-, Wasser- und Blumenregen über die entsetzten Insassen des Puppenwagens. Elschen wird die verbeulte Nase noch mehr verschrammt.

Bubi, der Kutscher, blickt ebenso entsetzt drein wie seine Fahrgäste.

»Paputt!« sagt es hinter ihm. Mädi schaut erschreckt auf das Unheil, das ihr Bubi angerichtet hat.

»Kaputt heißt es«, muß Bubi Mädi noch belehren, trotzdem er sich augenblicklich am liebsten in ein Mausloch verkriechen möchte. Denn schon naht Frau Annchen, Unheil ahnend.

»Na, das ist ja eine nette Bescherung! Laß du man Mutti nach Hause kommen. Die schöne Vase ganz kaputt! Das kommt bloß von dem Toben!« Die gute Kinderfrau ist ernstlich böse. Denn sie hat Bubi schon soundso oft verboten, mit dem Puppenwagen durch sämtliche Zimmer zu rasen.

Bubi meint, das kommt nicht bloß von dem Toben, sondern daher, daß soviel Möbel in den Zimmern herumstehen, an die man leicht gegenfahren kann. Aber er traut es sich nicht zu sagen, weil Frau Annchen böse ist.

Da klingelt es auch noch obendrein. Sicher Mutti! Nein, daß sie auch jetzt gerade kommen muß, wo Frau Annchen noch nicht einmal die Scherben beiseite gebracht und die Überschwemmung aufgewischt hat. Bubi wünscht augenblicklich, daß Mutti wirklich mit dem großen Fernrohr in den Himmel gereist wäre. Da könnte sie doch nicht so schnell zurück.

Nein – es ist nicht Mutti. Bubi und Mädi atmen erleichtert auf. Denn Mädi fühlt sich genau so schuldbewußt wie Bubi. Trotzdem sie doch eigentlich nichts dafür kann. Aber sie ist doch sein Zwilling.

Es ist bloß die Mathilde von der alten, nervösen Dame aus der Parterrewohnung unten. Frau Lehmann – so heißt die alte Dame – ließe um Ruhe bitten. Das sei ja gerade, als ob ein Eisenbahnzug einem über den Kopf fahre. Bei dem Radau könne sie ihr Nachmittagsschläfchen nicht halten. Frau Winter möchte doch dafür sorgen, daß ihre Kinder nicht so lärmen.

Mathilde geht wieder, nachdem sie ihre Botschaft ausgerichtet hat. Dieselbe macht keinen besonderen Eindruck auf Bubi und Mädi. Denn Frau Lehmann schickt mindestens einmal am Tage herauf und läßt um Ruhe bitten. Im Winter, wo Bubi und Mädi mehr zu Hause sind, sogar zweimal. Dafür ist sie eben nervös und alt, meint Bubi, und kann keinen Kinderradau mehr vertragen.

Frau Annchen beseitigt die Scherben. Bubi wird in einen anderen Kittel gesteckt, denn er ist pitschenaß. Die armen Fahrgäste im Puppenwagen umzukleiden, daran denkt weder Mädi noch Bubi. Die können in der Nässe liegen und sich einen Schnupfen holen. Auch Mädi bekommt statt der Spielhöschen ein Kleidchen an. Nun sieht sie wie ein kleines Mädchen aus. Kein Mensch kann sie mehr mit Bubi verwechseln.

Es klingelt zweimal. Bubis Herz macht poch – poch. Sonst pflegen die beiden Kleinen der Mutter jubelnd entgegenzustürzen. Heute bleiben sie in ihrer Kinderstube.

»Komm, Mädi, wir wollen Versteck spielen.« Bubi ist plötzlich verschwunden. Er hält es nicht unbedingt für notwendig, daß man gleich da sein muß, wenn man eine Vase zerschlagen hat.

Schon draußen hört man Muttis liebe Stimme.

»Ei, wo bleiben denn meine beiden Kleinen? Freuen sie sich denn gar nicht mit ihrer Mutti?«

Mädi kann es nicht länger im Kinderzimmer ertragen. Sie läuft hinaus und verbirgt das Gesicht an Muttis hellem Sommerkleid.

»Nanu, Mädi, was hast du denn? Ist was passiert?«

Merkwürdig – Mutteraugen können sofort sehen, wenn irgend etwas los ist.

»Was paschiert«, bestätigt Mädi und da kullern auch schon die Tränchen.

»Warst du unartig im Park?« forscht die Mutter.

»Bloß ein klein bißchen, aber – – –«

»Na, was ist denn sonst noch Schlimmes geschehen, Mädi?« Mutti hebt ihr Gesicht zu sich empor.

Ja, da muß man alles gleich sagen, wenn Mutti einem so in die Augen sieht. Der Kindermund sagt es ganz von allein: »Die grosche Vasche is paputt.«

»Aber Mädi, die schöne Vase hast du zerschlagen? Wie kam denn das bloß? Ihr sollt doch gar nicht in mein Zimmer hinein, wenn ich nicht da bin.«

Mädi schielt zu Mutti hinauf. O weh – sie macht böse Muttiaugen.

»Schäm' dich, Mädi, ich habe dich gar nicht mehr lieb, wenn du so wild und unbändig bist. Du darfst heute nicht zu Tisch kommen. Du wirst in der Kinderstube bei Frau Annchen essen.«

Das ist eine schlimme Strafe. Erst seit ganz kurzer Zeit sind die beiden Kleinen zu dem Mittagstisch der Eltern zugelassen. Weil Vater sonst zu wenig von seinen »Krabben« hat. Bubi und Mädi sind ungeheuer stolz darauf, daß sie jetzt groß sind und mitessen dürfen.

Trotzdem sagt das gute Schwesterchen kein Wort davon, daß Bubi eigentlich der kleine Bösewicht gewesen. Leise weinend schleicht es sich in die Kinderstube zu Braunchen. Mädi ist ja Bubis Zwilling, da ist es ganz gleich, wer die Strafe von beiden bekommt, denkt sie.

Mutti legt ihre Sachen im Schlafzimmer ab. Da schaut ein braunes Kinderbeinchen unter dem Bett vor. Daran hängt Bubi.

»Ei, Bubi, willst du Mutti nicht guten Tag sagen? Was machst du denn da unten?« Der Mutter kommt die Sache verdächtig vor. Hat Bubi etwa auch was angestellt?

»Och, wir spielen man bloß Versteck, mein sein Mädi und ich«, klingt es unter dem Bett hervor. Freilich ein wenig leiser als sonst. Muttiohren hören das sofort.

»Komm nur vor, Bubi, Mädi spielt jetzt nicht mehr. Die ist unartig gewesen. Ich will doch wenigstens ein gutes Kind haben.«

Bubi kommt hervorgekrochen. Viel langsamer, als das sonst seine Art ist. Er sieht durchaus nicht wie ein gutes Kind aus. Wagt es auch nicht, die Arme wie sonst um Muttis Hals zu schlingen. Seine Schuld steht ihm deutlich auf der Stirn geschrieben.

Draußen an der Eingangstür schließt Vaters Schlüssel. »Laß dir die Hände von Frau Annchen waschen und komm zu Tisch, Bubi. Mädi ißt heute in der Kinderstube Mittagbrot.« Mutti geht voran ins Eßzimmer.

Da fühlt sie sich am Kleid zurückgehalten.

»Warum soll mein sein Mädi nich mit Mutti und Vati bei Tiß sitzen?« Bubis laute Jungenstimme klingt gepreßt. Denn er weiß die Antwort im voraus.

»Weil sie Muttis Vase kaputt gemacht hat.«

Einen Augenblick überlegt Bubi noch. Nur einen ganz kleinen. Dann hat die Liebe zu Mädi gesiegt.

»Mädi soll an den großen Tiß gehen. Bubi kann ja in der Kinderstube bei Frau Annßen essen«, schlägt er möglichst harmlos vor.

»Du – Bubi? Nein, du bist doch artig gewesen. Du hast doch die Vase nicht entzwei gemacht.«

Ach, ist das schwer, sein Unrecht einzugestehen.

»Nee, der olle Puppenwagen hat sie kaputt gemacht.« Bubi ist glücklich, daß er die Schuld auf den Puppenwagen abwälzen kann.

»Der Puppenwagen kann doch nicht von selbst in Muttis Wohnzimmer hineinfahren. Mädi muß ihn doch hineingeschoben haben«, sagt Mutti. Sie sieht traurig aus, weil Bubi nicht die Wahrheit sagt. Sie weiß es längst, wer es gewesen ist.

Traurige Muttiaugen – die kann Bubi nicht mitansehen. Dann noch eher böse.

»Muttißen soll nich traurige Augen machen, weil Bubi den Puppenwagen gegen die Vase geßoben hat.« Da ist es heraus.

Ordentlich erleichtert fühlt Bubi plötzlich sein kleines Herz.

»Du warst es, Bubi? Das sagt man der Mutti doch sofort. Damit wartet man doch gar nicht erst so lange und versteckt sich noch obendrein.«

Nein, wirklich, es ist zu merkwürdig, daß Muttis gleich alles wissen.

»Na, wenn du immer böse Muttiaugen machst«, versucht Bubi sich zu verteidigen. Die Tränen würgen ihn im Hals. Aber er schluckt sie herunter, denn er ist ja ein Mann. Männer weinen nicht.

Plötzlich fühlt sich Bubi durch die Luft fliegen. Er sitzt oben auf der Schulter des soeben ins Zimmer getretenen Vaters. Aber er jauchzt nicht wie sonst dabei. Denn die Tränen stecken noch immer in seiner Kehle.

»Na, mein Hundetierchen, wo ist denn Nummer zwei?« Mädi pflegt immer auf Vaters anderer Schulter Platz zu nehmen. Und so ziehen sie stets zusammen zu Tisch.

»Ich bin heut nich Vati sein Hundetierßen, bloß sein Slingel«, flüstert Bubi in plötzlich erwachender Wahrheitsliebe dem Vater ins Ohr.

»Nanu?« Vater zieht die Stirn in Falten. »Was ausgefressen, Bubi?«

»Nee, noch gar niß gefressen. Bloß die olle ßöne Vase kaputt gemacht.«

»Bubi ißt heut in der Kinderstube Mittagbrot, Paul«, sagt Mutti zu Vati. »Mädi darf zu Tisch kommen.«

Aber Mädi kommt nicht. Sie ist Bubis Zwilling und bleibt da, wo ihr Bubi ist. Nein, die läßt ihren Bubi nicht allein. So sitzen sie alle beide an ihrem kleinen Kindertischchen und essen dort ihr Süppchen. Aus dem Puppenwagen aber recken Elschen und Lilli, der Hampelmann, Fifi, Schnuteken und Nauke mit der Pauke schadenfroh die Köpfe: »Etsch – ihr seid noch lange nicht groß.«

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