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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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18. Kapitel. Die kleinen Zwillinge fahren in die große Welt

Die Puppen haben noch viel mehr Grund, sich zu ärgern. Der große Koffer wird für die Reise von Mutti gepackt. Aber ihre kleine Puppenmutti denkt gar nicht daran, den niedlichen kleinen Reisekorb, den die Omama Mädi zu Weihnachten geschenkt hat, für sie vorzuholen.

»Was meinen Sie, Fräulein Lilli, ob wir etwa zu Hause bleiben müssen?« Puppe Elschen schaut mißtrauisch den Reisevorbereitungen zu.

»Na, das wäre ja noch schöner!« empört sich Lilli. »Wir haben Erholung noch viel nötiger als Mädi. Und ich bin überhaupt von der Omama in Freiburg geschenkt worden. Da gehört es sich, daß ich sie mal wieder besuche.«

»Wie Mädi und ihr Bubi miteinander böse waren, da habe ich Mädi in ihrem Jammer getröstet. Da war sie so lieb und nett mit mir. Damals hat sie mir versprochen, wieder wie eine Mutter für uns zu sorgen. Aber das hat sie schon lange vergessen«, meint Puppe Elschen traurig.

Mädi hat keine Zeit, auf die Unterhaltung ihrer Puppen zu achten. Die ist bald bei Mutti, bald bei Frau Annchen und im nächsten Augenblick wieder in der Küche bei der Minna.

»Armes Minnachen, du muscht gansch alleine schu Hause bleiben.« Mädi bedauert Minna von Herzen. Aber die scheint gar nicht so traurig darüber zu sein.

»Wenn ich euch kleine Quälgeister mal'n Weilchen los bin, das is gerade so gut wie 'ne Badereise für mich«, sagt sie zu Mädis Verwunderung ganz vergnügt.

Drin verhandelt Bubi mit Mutti, was man wohl zum Spielen in den Reisekorb packen soll.

»Jedes Kind darf sich ein Spielzeug mitnehmen, mehr Platz ist nicht«, ordnet Mutti an.

O Gott, ist die Auswahl schwer. Sein Kegelspiel braucht Bubi bestimmt in Freiburg. Womit soll er denn sonst alle Neune schieben? Jeden Tag gibt es doch keine Klöße bei der Omama. Aber Nauke mit der Pauke ist auch nicht zu verachten. Der macht immer ein so ulkiges Gesicht, daß man lachen muß, wenn man ihn nur ansieht. Die Großeltern würden sich gewiß freuen, seine Bekanntschaft zu machen. Doch das nimmt der Hampelmann bestimmt übel, wenn er daheim bleiben soll. Und der ist doch wirklich schon zu wackelig auf seinen Füßen, der kann keine Reise mehr unternehmen. Vielleicht Schnuteken und Fifi?

»Tiere haben die Großeltern schon genug dort. Nimm dir ein ruhiges Beschäftigungsspiel mit, Bubi«, schlägt die Mutti vor.

»Au ja – jetzt weiß ich: Vatis großes Fernrohr!«

»Aber Bubi, das Fernrohr ist doch kein Spielzeug für Kinder. Und dann ist es auch viel zu groß. Das geht doch gar nicht in den Koffer hinein.«

»Och – och – Muttis ßöner Koffer is behaupt noch viel mehr groß als Vati sein Fernrohr«, meint Bubi. »Na, denn kann ja vielleicht die ßöne Pumpe in'n Hof mitgenommen werden«, überlegt er weiter.

»Mit allem Wasser? Na, Bubi, da schwimmen ja unsere Sachen davon«, lacht ihn die Mutti aus.

»Na, und du, Mädi? Was nimmst du dir mit?«

»Braunchen – das gute Braunchen.« Mädi hält den Hals des Schaukelpferdes zärtlich umfaßt.

Kann man es den Puppen verdenken, daß sie wieder über die Zurücksetzung, die sie erfahren, heiße Tränen vergießen?

»Ärgern Sie sich nicht, Fräulein Elschen. Undank ist der Welt Lohn«, tröstet sie der alte Hampelmann.

Braunchen schielt ängstlich zu Mädis Mutti. Was wird die dazu sagen?

»Ausgeschlossen, Mädi«, lacht Frau Professor Winter. »Solch ein großes Tier kann ich nicht in den Koffer packen. Nimm lieber eine von deinen Puppen mit.«

»Hahaha« – jetzt lachen die Puppen Braunchen aus. »Siehst du, jetzt kommen wir an die Reihe.« Aber sie freuen sich zu früh, die armen Puppen.

Mädi zieht sie aus dem Puppenwagen zwischen Schnuteken und Fifi hervor, um ihre Wahl zwischen Lilli und Elschen zu treffen. Die beiden, die sonst ein Herz und eine Seele sind, betrachten sich jetzt mit feindseligen Blicken. Wehe – wenn die andere mitgenommen wird, während man selbst daheim bleiben muß.

»Lillis Arm is noch nich wieder angewachsen.« Mädi hält den zerschlagenen Arm mit traurig verwundertem Gesicht hoch. »Die is noch schu krank. Da kann sie ja die Lungenentzündung von kriegen. Und Elschen? Die hat behaupt keine Nase mehr. Mutti, kann man ohne Nase nach Freiburg reisen?«

»Natürliß. Wenn man ein Bilsett hat, braucht man behaupt keine Nase«, belehrt Bubi sein Zwillingsschwesterchen.

Aber Mutti ist wieder anderer Meinung. »Nein, mit den verwahrlosten Puppen kannst du nicht auf Reisen gehen, Mädi. Die werden bei den Großeltern in Freiburg gar nicht hineingelassen. Du bist eine schlechte kleine Puppenmutter, daß du nicht besser für deine Kinder gesorgt hast.« Mutti nickt vorwurfsvoll mit dem Kopf. Und alle Puppen nicken vorwurfsvoll mit. Unerhört, daß sie durch Mädis Liederlichkeit um die schöne Reise kommen.

Mädi hat inzwischen Schnuteken Lillis Regenmantel angezogen und ihm Elschens Pelzmützchen aufgesetzt. Gut, daß er keine Ohren mehr hat, sonst würde die Mütze nicht festsitzen. Es ist zwar Sommer, aber der Pelz paßt so schön zu seinem Fell. Schnuteken gebärdet sich wie toll vor Freude, daß er mit soll. Er macht seine wildesten Sprünge von Mädis Arm herunter.

»So'n Kiekindiewelt darf mit auf Reisen gehen, und unsereins muß zu Hause bleiben.«

»Und unsere Sachen hat die Mädi ihm noch obendrein angezogen!« Keiner von den Bewohnern des Puppenwagens gönnt dem jugendlichen Schnuteken die schöne Reise.

Der aber kümmert sich nicht um die neidischen Blicke seiner Gefährten. »So – ich bin reisefertig, meine Herrschaften!« Hops – vor Freude springt er kopfüber vom Puppenstühlchen herab, auf das Mädi ihn gesetzt.

Nicht lange dauert es, da sind auch Bubi und Mädi reisefertig. Das große Bild von dem Photographen, das trotz aller Schwierigkeiten wunderschön geworden ist, reist auch mit. Bubi und Mädi haben ein Gedicht zum Geburtstag der Omama gelernt. Vati hat gesagt, sie dürfen nur mit, wenn sie das Gedicht gut können. Nun sagen sie es andauernd abwechselnd vor sich her. Denn der Onkel Schaffner, dem die Puffbahn gehört, wird doch sicherlich gleich danach fragen.

»Schum Geburschtag, Omama,
Is heut' Mädi – Bubi da,
Bringen ßöne Blümßen dir,
Und das hübße Bild sind wir.
Daß du stetsch gesund mögscht sein,
Wünschen Bubi – Mädi klein.«

»Geburtstag mußt du doch sagen, Mädi.« Bubi ist mit Mädis Vortrag nicht recht einverstanden.

»Vati, wird man von der Puffbahn mitgenommen, wenn man noch nich Geburschtag gansch richtig sagen kann?« fragt Mädi ängstlich.

Der Vater beruhigt sein kleines Mädelchen. Der Schaffner wird's wohl nicht so genau nehmen.

Unten vor der Haustür steht ein Auto, das ist tausendmal so groß wie das, was Bubi dem Fliegenstockjungen geschenkt hat. Der Zwerg unten im Vorgärtchen reckt neugierig seine rote Zipfelmütze. Potztausend – ist das ein großer Koffer, der da aufgeladen wird. Da kommen ja auch seine kleinen Freunde Bubi und Mädi in ihren blauen Mäntelchen, Matrosenmützen auf dem braunen Haar, seelenvergnügt die Treppe heruntergehopst. Ja, wo soll denn die Reise in aller Nacht hingehen? Es ist doch bald dunkel. Der alte Zwerg schüttelt sein greises Haupt. Kinder gehören des Abends ins Bettchen und nicht ins Auto. Er weiß ja nicht, daß Bubi und Mädi die ganze Nacht durch reisen müssen und dann noch einen halben Tag, weil es gar so weit ist bis Freiburg, wo die Großeltern wohnen.

»Vatißen, erlaubst du, daß Minnaßen ein bißen mit dem ßönen Auto mit spazierenfährt, sie möchte so srecklich gern«, bittet Bubi. Er hat Gewissensbisse, weil er ihr sein Versprechen damals mit seinem kleinen Auto nicht gehalten hat.

Aber Minna, die das Gepäck mit herunterschaffen hilft, schüttelt lachend den Kopf. »Nee, Bubi, heute nich. Glückliche Reise, die Herrschaften! Und kommt auch gesund wieder, Kinderchen.«

Mädi sitzt zwischen Vati und Mutti, Bubi zwischen Frau Annchen und der großen Reisetasche.

»Auf Wiedersehn, Minnaßen – auf Wiedersehn, Schwerg – auf Wiedersehn, Lehmfrau, nu macht bloß noch Minnaßen oben Radau – – –.« Allen Freunden im Hause wird noch ein Lebewohl zugerufen.

»Minnachen, grüsch' auch noch die Puppen und Braunchen.« Im letzten Augenblick erinnert sich Mädi der armen Daheimgelassenen. Ach, wenn sie wüßte, wie traurig die da oben in der Kinderstube sitzen, während sie vergnügt in die weite Welt hineinfährt. Puppen fahren auch gern Auto.

Wie der Wind fliegt das Auto dahin. Es geht beinahe so schnell, wie Bubis Reise mit dem Fernrohr. Da ist man schon an dem großen Bahnhof.

Himmel, gibt es viele Menschen auf der Welt! Sie laufen und hasten durcheinander, sie schreien, winken mit Taschentüchern und machen schrecklichen Lärm.

»Gut, daß hier keine Lehmfrau wohnt, Frau Annßen«, meint Bubi. So keck er sonst ist, heute hält er die Hand seiner guten alten Kinderfrau fest umklammert. Mädi kriecht vor Angst beinahe in Muttis Mantel hinein.

An der Sperre, wo der Schaffner die Fahrkarten knipst, macht Mädis Herzchen besonders stark poch – poch. Wenn sie nun ihr Gedicht nicht kann, und der Onkel Schaffner läßt sie nicht durch! Während der Vater die Fahrkarten hinreicht, beginnt Mädi mit angstgepreßter Stimme:

»Schum Geburschtag, Omama,
Is heut' Mädi – Bubi da – – –«

Aber der Schaffner hört gar nicht auf das kleine Ding. Der macht bloß immerzu »knips – knips«.

Mädi atmet auf – sie ist glücklich durch. Mutti kann gar nicht mit ihr mitkommen, so schnell zieht Mädi sie davon. Damit der Schaffner sie bloß nicht wieder zurückholt.

Nein, wie merkwürdig! Mitten in dem Gewühl trifft man mit einemmal die kleine Omama.

»Kleine Omama, wirst du auch mitgereist?« fragt Bubi freudig.

»Nein, eure Omama wird nicht mitgenommen«, sagt die alte Dame.

»Bischte traurig, kleine Omama? Haschte dein sein Gedicht nich gekonnt, daß der Onkel Schaffner dich nich mitgenommen hat?« Der Mädi tut die kleine Omama recht leid.

Bubi aber meint gleichgültig: »Szad nich, Mädi, wir haben ja da 'ne große Omama.«

»Also wer von meinen Goldkinderchen will denn nun bei mir bleiben?« fragt die Omama scherzend.

»Keins – bloß Frau Annchen.« Mädi weiß einen Ausweg.

»Aber bei mir hast du doch den Prinz, Bubi«, meint Omama lächelnd.

Bubi überlegt nur eine Sekunde. »Na, für Prinßen haben wir da ja'n Opapa. Der is noch viel ßöner als Prinßen.«

Die kleine Omama ist gar nicht beleidigt. Sie lacht und holt aus ihrer Tasche Schokolade für ihre Goldkinderchen.

Dann muß man in die große, schwarze Puffbahn einsteigen. Klapp – da schlägt die Tür zu.

»Tü – ü – ü – üh«, schreit die Puffbahn. Es tut ihr gewiß weh, daß sie so viele Menschen schleppen muß.

Die kleine Omama, die ihnen nachwinkt, wird immer kleiner und kleiner. Nun ist sie ganz verschwunden.

»Schschschsch – schschschschsch –«, macht die Puffbahn schwer atmend. Bubi und Mädi helfen ihr dabei. Bis Frau Annchen aus ihrer Korbtasche das Abendbrot ausgepackt. Da haben sie dann Wichtigeres zu tun.

Draußen sind schon längst keine Häuser mehr. Nur Wiesen und Felder. Ab und zu kommt auch ein dunkler Wald. Dann schmiegen sich Bubi und Mädi fest an Frau Annchen. Immer finsterer wird's da draußen. Man kann kaum noch die Bäume erkennen, die ganz schnell neben der Puffbahn herlaufen.

Aber jetzt wird's mit einem Male wieder heller. Irgendwo muß eine Laterne angezündet worden sein. Ja, da oben hängt sie ja am Himmel. Der Mond blinzelt mit einem Auge hinter ihr vor und wundert sich furchtbar, daß Bubi und Mädi heute nicht in ihrem Bettchen liegen.

»Der Onkel Mond reischt immer mit uns mit«, sagt Mädi schlaftrunken.

»Nun kommen auch gleich die Sternßen, nich wahr, Vati?« Bubi ist noch erstaunlich munter. »Warum haste denn nich den großen Bär mit seinem ßönen Sternwagen bestellt? Da wären wir behaupt doll snell zur großen Omama hingekommen.«

Ja, daran hat der Vati nicht gedacht.

»Mädichen, komm, mein Herzchen, wir legen dich jetzt schlafen. Du kannst ja kaum noch aus den Augen sehen.« Mutti nimmt ihr kleines Mädelchen liebevoll in den Arm.

»Hier is doch gar kein Bettchen«, gähnt Mädi.

»Frau Annchen macht unseren Kindern zwei schöne Bettchen zurecht.« Aus Decken und Kissen richtet die Kinderfrau aus jeder Bank ein Lager für Bubi und Mädi.

»Nee, nee – da fällt mich bestimmt runter.« Mädi hat wieder mal Angst.

Frau Annchen setzt sich so, daß sie Mädi festhalten kann. Kaum liegt das kleine Mädchen, da schläft es auch schon.

»So, Bubi, nun legst du dich auch hin, der Sandmann ist schon da.« Mutti streicht dem Jungchen über das braune Haar.

»Och – och – hier is bestimmt kein Sandmann. Wie soll er denn behaupt hier in die Puffbahn rein? Er hat ja gar kein Bilsett.« Bubi lacht so laut, daß er Mädi wieder munter macht.

Aber der Sandmann muß doch wohl irgendwie in die Puffbahn reingekommen sein. Bubis Augen werden kleiner. Er beginnt sie zu reiben. Nun liegt auch er seiner Mädi gegenüber und lauscht schlaftrunken der Puffbahnmusik.

»Muttißen, macht die Puffbahn auch so'n Radau, wenn die Lehmfrau mitreist? Denn ßickt se bestimmt die Manthilde zur Lottemotive und läßt um Ruhe bitten. Vati, släft denn die Lottemotive behaupt nich?«

Bubi kann die Antwort nicht mehr verstehen. Denn er schläft bereits.

Auch die Eltern und Frau Annchen machen die Augen zu.

Nur der gute Mond paßt auf, daß die kleinen Zwillinge nicht von ihrer Bank herunterpurzeln.

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