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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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13. Kapitel. Kinder, die sich nicht vertragen

Bubi und Mädi sind miteinander böse. Zum erstenmal in ihrem noch nicht fünfjährigen Leben. Der Hund hat es nicht übelgenommen, daß Mädi vor ihm davongelaufen ist. Aber die Mädi hat es übelgenommen, daß ihr Bubi so häßlich zu ihr gewesen ist. Ganz still geht sie zum Sandhaufen und backt dort Kuchen. Zum erstenmal allein, ohne ihren Bubi, so lange sie denken kann. Es macht ihr gar keine Freude, mit den fremden Kindern zu spielen, weil ihr Bubi neben Frau Annchen auf der Bank sitzen muß. Wie gern hätte das gute Schwesterchen sich zu ihm gesetzt und ihm Gesellschaft geleistet. Aber wenn er sie doch nicht mehr lieb hat. Wenn er so häßlich mit ihr zankt! Ob sie nun gar nicht mehr sein Zwilling ist?

Bubi sitzt neben Frau Annchen mit trotziger Jammermiene. Die Tränen würgen ihn in der Kehle. Aber wenn man ein Mann werden will, darf man nicht weinen, ob man auch noch so klein ist. Er denkt betrübt an den allerliebsten kleinen Spitz, der nichts von ihm hat wissen wollen. Und er denkt noch viel betrübter an seine Mädi, die nun auch nichts mehr von ihm wissen will. Denn sonst würde sie doch nicht ohne ihn spielen.

Der guten Kinderfrau tut der kleinlaute Bubi leid.

»Na, Jungchen, du möchtest wohl gern auch Sand buddeln, was?« sagt sie wieder freundlich. »Wenn du mir versprichst, ganz artig zu sein und nicht mehr an die dummen Hunde zu denken, darfst du zu der Mädi gehen.«

»Nee, ich will gar nich zu der ollen Mädi gehen. Und an meine süßen Hünde denke ich ganz doll. Und zum Sandbuddeln bin ich behaupt viel zu traurig«, antwortet Bubi. Er will nicht artig sein. Nein! Wenn er keinen Hund bekommt, ist er auch nicht artig.

So viel Hunde gehen jetzt vorbei. Und keiner will bei Bubi bleiben. Alle laufen sie vorüber.

»Die ollen Hünde sind doll unartig!« sagt er aus tiefstem Herzensgrunde.

»Die Hunde sind schon artig, die laufen nicht davon«, meint Frau Annchen und läßt ihre Stricknadeln klappern. »Nur der Bubi ist nicht artig.«

Mädi schielt vom Sandhaufen zu Bubi herüber, und Bubi schielt zu Mädi hin. Und wenn sich ihre Blicke treffen, dann gucken sie alle beide schnell wieder weg. Weil sie sich voreinander schämen, daß sie böse sind.

Als Frau Annchen ihr Strickzeug zusammenpackt, um nach Hause zu gehen, marschiert Bubi links und Mädi rechts von ihr. Sie fassen sich heute nicht an, die beiden kleinen Zwillinge, wie sonst immer. Jedes geht für sich. Darüber müssen sich die Vögelchen auf den Bäumen, welche die Kinder schon gut kennen, sehr wundern.

»Piep – piep – piep!
Ihr Kinder, habt euch lieb!«

so piepsen sie. Aber Bubi und Mädi wollen sie nicht verstehen.

Im Treptower Karpfenteich die Fischchen, die Bubi und Mädi oft mit Brot füttern, heben verwundert die Köpfchen aus dem Wasser.

»Nanu – was ist denn heute mit Bubi und Mädi los?« würden sie sagen, wenn sie sprechen könnten. Aber die Fische sind ja stumm.

Der lustige Zeitungsmann an der Ecke, der ihnen immer zuruft: »Zeitung gefällig, meine kleinen Herrschaften?« hat heute die Augen zugemacht und schläft. Gewiß will er sie nicht sehen, weil sie miteinander böse sind.

Auch der Steinzwerg im Vordergärtchen muß es schon wissen, daß sich die kleinen Zwillinge gezankt haben. Er schaut sie heute gar nicht freundlich an. Nein, ernst und strafend sieht er drein. Mädi schämt sich furchtbar vor ihm. Droben in der Kinderstube merken sie's auch sofort, daß mit Mädi und Bubi nicht alles in Ordnung ist. Als Mädi Braunchen einen Kuß geben will, wie sie es jeden Tag tut, wenn sie heimkommt, ruft Bubi unfreundlich: »Du, das is behaupt mein sein Zaukelpferd!«

Mädi kommen die Tränen in die Augen. Braunchen aber ist geradezu empört über Bubi. Es bläht vor Wut die Nüstern auf und schaukelt ärgerlich hin und her. Was fällt denn dem Bubi ein, so unfreundlich gegen seine Mädi zu sein?

Bubi will sich Fifi aus dem Puppenwagen herausholen, um doch einen kleinen Ersatz für den davongelaufenen Spitz zu haben. Da zieht Mädi den Puppenwagen so ungestüm fort, daß die Puppen, Nauke, Hampelmann, Schnuteken und Fifi alle durcheinander kugeln.

»Das is mein seins, den darfschte behaupt nich mehr anfassen«, ruft sie nun auch aufgebracht.

Aus dem Puppenwagen aber kommen entsetzte Stimmen.

»Ein Eisenbahnunglück!« kreischt Fräulein Lilli, denn sie hat schwache Nerven wie Frau Lehmann unten.

»Sie haben mir mein Ohr eingeklemmt«, wimmert Schnuteken.

»Einen Augenblick, Herr Nauke, Ihre Pauke drückt mir ja meinen Brustkasten ein«, jammert der Hampelmann.

Puppe Elschen aber richtet sich kerzengrade empor und schielt durch die blaue Gardine. »Was mögen denn Bubi und Mädi bloß miteinander vorhaben?« fragt sie ganz erstaunt. »So sprechen sie doch sonst nicht zueinander. Sonst sind doch die beiden ein Herz und eine Seele. Und was der eine hat, das gehört auch dem andern. Wie das unter guten Geschwistern sein muß. Was die beiden heute bloß haben?«

»Das will ich Ihnen ganz genau sagen, Fräulein Elschen. Verknurrt sind die beiden«, knurrt Fifi.

»Verkracht haben sie sich – bumderattata!« Nauke schlägt seine Pauke aus Entrüstung.

»Verknurrt – verkracht – ja, was soll denn das bedeuten, meine Herren?« erkundigt sich die Puppe.

»Böse sind sie miteinander, die schlechten Kinder. Gezankt haben sie sich. Und dabei sind es noch obendrein Zwillinge, die sich immer lieb haben müssen. In meiner Jugendzeit war das besser. Da kam so etwas nicht vor! O pfui!« Der alte Hampelmann schüttelt sein greises Haupt.

Und »pfui – pfui – pfui!« rufen auch die anderen Bewohner des Puppenwagens.

Mädi möchte sich am liebsten die Ohren zustopfen, um nichts mehr zu hören. Nein, wie muß sie sich schämen! Welch ein schlechtes Beispiel gibt sie ihren Puppenkindern.

Bubi aber schämt sich gar nicht. Der ärgert sich über die vorlaute Puppengesellschaft. Was geht es die denn überhaupt an, wenn er sich mit seiner Mädi zankt. Das ist doch seine Sache.

»Und Nauke und Fifi und der Hampelmann is behaupt mein seins.« Bubi zerrt die Betreffenden aus dem Puppenwagen heraus.

»Nanu – man nicht so grob!« schreit Nauke. Aber Bubi läßt sich nicht stören. »Und Snuteken gehört auch mir.«

»Is ja gar nich wahr! Schnuteken is unser beiden seins, hat die kleine Omama ekschtra gesagt.« Mädi ist nun auch aufsässig geworden. Sie will Bubi Schnuteken wieder fortreißen.

»O Gott – meine armen rosa Samtohren!« Schnuteken winselt herzbrechend. Aber es hilft ihm nichts. Bubi reißt nach links, Mädi nach rechts, Schwups – da hält jeder ein abgerissenes Karnickelohr in der Hand. Das arme Schnuteken aber liegt ohne Ohren auf der Erde.

Mädi fängt an zu weinen. Ob aus Mitleid mit dem ohrenlosen Schnuteken, oder weil sie unartig gewesen ist und ihn kaputt gemacht hat, weiß sie allein nicht.

»Gansch paputt!« schluchzt sie.

»Kaputt heißt es behaupt!« Trotzdem sie böse miteinander sind: Bubi muß Mädi dennoch belehren.

»Kannst dein olles Snuteken behaupt behalten.« Er stößt mit dem Fuß nach dem unschuldigen Schnuteken. Nein, ist der Bubi heute ungezogen!

Mädi aber macht sich schluchzend daran, Schnuteken und seine rosa Samtohren in ihr Schürzchen aufzulesen. Vielleicht kann Mutti mit Nadel und Zwirn die armen Ohren wieder anheilen.

Bubi wendet sich Nauke, Fifi und dem Hampelmann zu. Aber die wollen alle drei von ihm heute nichts wissen. Nauke schlägt gar nicht lustig seine Pauke, sondern so drohend, als ob er Bubi gern dazwischenquetschen möchte. Der Hampelmann macht sich ganz steif. Er will heute absolut nicht zappeln, denn er hat die Gicht im großen Zeh. Und nun gar Fifi! Der schaut Bubi geradezu höhnisch an. »Ja, jetzt kommst du zu mir, wo all die andern Hunde und auch die Mädi nicht mit dir spielen wollen. Jetzt bin ich dir gut genug. Aber nun mag ich nicht.« Mit einem Satz springt er von Bubis Arm herunter.

»Na, denn nicht!« denkt Bubi. »Ich werde dich wohl noch bitten, du oller Stoffdackel. Nicht mal lebendig bist du.« Und er geht an seinen Kaufmannsladen.

Damit spielen die Kinder immer ganz besonders gern. Woher kommt es nur, daß es heute gar nicht so lustig ist wie sonst? Der Kaufmann aus Holz macht seine tiefsten Bücklinge. Er wiegt Reis und Zucker ab und füllt sie in die niedlichen Tüten. Aber es kommt keine Kundschaft. Hampelmann, Nauke und Fifi wollen nicht mitspielen. Und Mädi, die sonst bald als Minna, bald als Frau Annchen, als Mutti oder auch als kleine Omama einkaufen gekommen ist, sitzt drüben im Winkel bei ihrem Puppenwagen.

Wirklich, die Mädi erinnert sich heute, daß sie noch Puppenkinder hat, für die sie schon wochenlang nicht mehr gesorgt hat. Elschen und Lilli werden aus ihren ungemachten Betten herausgezogen. Nein, sehen die Kinder verwahrlost aus! Mädi beginnt Elschen, ihre Älteste, umzukleiden. Dabei hat sie aber noch Zeit, zu dem Kaufmannsladen hinüberzuspähen. Bubi braucht sie nicht. Der spielt allein mit seinem hübschen Laden. Tränen rollen wieder an Mädis Näschen herab und fließen über Elschens zerquetschte Nase. Mädi wischt sie mit Elschens Hemdchen ab. Denn sie hat gerade kein Taschentuch da.

Aber Elschen ist darüber nicht böse. Sie ist nicht nachtragend wie Puppe Lilli, die sich eigensinnig zur Wand umdreht und Mädi gar nicht anschauen mag. Nein, ihre kleine Puppenmutter ist traurig. Da muß sie dieselbe in ihrem Gram trösten. Fest schmiegt sich das gute Elschen an Mädis Herz.

Ach, wie wohl tut die Liebe von ihrem Puppenkinde! So verlassen ist sich die Mädi heute ohne ihren Bubi vorgekommen. Mutti und Vati sind nicht zu Haus. Frau Annchen und Minna in der Küche beschäftigt. Keine Menschenseele hat sich um Mädis Schmerz bekümmert. Nun nimmt doch wenigstens eine Puppenseele daran teil.

»Ich will auch wieder für dich und Lilli sorgen, Elschen, wenn du auch 'ne paputt'sche Nase hascht«, flüstert Mädi ihr zärtlich zu.

Elschen strahlt über das Versprechen ihrer kleinen Mutter. Lilli aber denkt: »Ja, wer's glaubt!«

Schon verschiedene Male hat Bubi zu der Puppenecke drüben herübergeschielt. Wie schön könnte er der Vati von den Puppen sein, wenn – ja, wenn er nicht mit seiner Mädi böse wäre. Und wie nett wär's, wenn sie mit ihren Kleinen in den Kaufmannsladen einkaufen käme. Sie hat sogar eine kleine Markttasche dazu und ein winziges Geldtäschchen mit Spielpfennigen.

Soll er sie bitten?

Nein, das hat er ja gar nicht nötig. Der Kaufmann aus Holz kann sie ja auffordern, ihn mal zu beehren.

Und er braucht auch gar nicht mit der Mädi zu sprechen, sondern ganz einfach mit der gnädigen Frau. Deshalb können sie beide, Bubi und Mädi, ja ganz ruhig weiter böse sein.

Der Kaufmann macht seinen allertiefsten Bückling. Aber Mädi schaut ihn leider nicht an. Er muß sich dazu entschließen, den Mund aufzumachen und zu reden.

»Gnädse Frau, wollen Sie denn behaupt keinen ßönen Reis und süßen Zucker für die Kinderßen mehr kaufen?« läßt Bubi seinen Kaufmann sagen.

Mädi antwortet nicht. Sie ahnt nicht, daß man sie mit »gnädige Frau« meint.

»Na, wenn mein sein Kaufmann gnädse Frau sagt, denn kannste doch kommen«, ärgert sich Bubi. »Der Kaufmann und die gnädse Frau sind doch nicht böse.«

»Nee, die sind nich böse!« Mädi strahlt über das ganze Gesichtchen, daß sie jetzt als gnädige Frau mitspielen kann. Elschen und Lilli werden in den Puppenwagen gesetzt, die kleine Markttasche und das Geldtäschchen wird herbeigeholt. Und da hält die Equipage auch schon vor dem Kaufmannsladen.

»Was gefällig, gnädse Frau?« dienert der hölzerne Kaufmann.

»Bitte schehn Pfund Reis und schwanschig Pfund Grießbrei und doll viel Schotelade«, bestellt die gnädige Frau.

»Außerdem noch Befehle?«

»Und Kaffee für die kleine Omama und – und – was koscht denn jetzscht Bonbons?«

»Die ßönen Bonbons kosten tausend Mark. Das is noch ßrecklich billig.«

»Na, denn schicken Sie mir hundert Pfund Bonbons mit, für mein sein Bubi«, bestellt die gnädige Frau.

»Das is behaupt nich Ihr sein Bubi, der is ja mit dir böse«, schreit der Kaufmann.

Die gnädige Frau kriegt einen mächtigen Schreck, daß sie das beim Spiel ganz und gar vergessen hat. Sie sagt nur noch »auf Wiedersehn« und fährt mit ihren Kindern davon.

Aber nach einem Weilchen hält ein kleines Auto an der Puppenwohnung. Bubi ladet verschiedene Tüten ab.

»Der Herr Kaufmann ßickt die ßönen Tüten und nu müssen Sie auch bezahlen!«

»Was muß ich denn beschahlen?« erkundigt sich die gnädige Frau.

»Macht tausend Marks.«

Die gnädige Frau bezahlt, und der Kaufmann fährt mit seinem Auto wieder davon.

Mädi kocht für ihre Kinder Grießbrei. Plötzlich fällt ihr ein, daß sie keinen Zucker und Zimt dazu hat. Sie läuft noch mal schnell zum Kaufmannsladen. Hoffentlich ist er noch nicht geschlossen.

»Haben Sie schon schu, Herr Kaufmann?« fragt sie ängstlich.

»Nee, is noch doll auf. Was soll's denn sein, gnädse Frau?«

»Schucker und Schimt«, verlangt die gnädige Frau.

Der kleine Kaufmann wiegt die Ware ab.

Da geht die Tür. Mutti kommt nach Hause.

»Ei, spielen meine guten Kinder artig miteinander?« Zärtlich umfängt Mutti die gnädige Frau und den kleinen Kaufmann.

»Nee, gar nich artig«, sagt Bubi wahrheitsgetreu.

»Wir sind böse, mein sein Bubi und ich«, berichtet Mädi beschämt.

»Was seid ihr? Böse?« Mutti kann's gar nicht glauben. »Ihr habt doch noch eben so hübsch miteinander gespielt.«

»Nee, das war behaupt nich wir, das war doch der Herr Kaufmann und die gnädse Frau«, erklärt ihr Bubi.

»Ach so.« Mutti beißt sich auf die Lippen, um nicht zu lachen. »Aber ich möchte auch, daß meine Kinderchen, die sich immer lieb gehabt haben, wieder gut miteinander sind. Ihr wißt doch:

Kinder, die sich nicht vertragen,
Die sich zanken, stoßen, schlagen,
Haben böse kleine Herzen,
Machen ihren Eltern Schmerzen.«

sagt sie ernst mahnend.

»Geslagen haben wir uns behaupt nich –«

»Und gestoßen auch nich – – –« Mädi und Bubi sehen sich beide an. Und dann geben sie sich einen Kuß.

Und es ist alles wieder gut.

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