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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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10. Kapitel. Am Telephon

Jeden Tag macht das Telephon »klinglingling«. Bubi und Mädi laufen dann neugierig herbei. Am liebsten würden sie wie Mutti den Hörer abnehmen und »Hier Professor Winter« hineinrufen. Aber das ist verboten. Sonderbar – alles, was Spaß macht, ist verboten.

Heute geht es wieder »klinglingling« in einem fort. Das Telephon ruft sich die Kehle aus. Aber keiner hört. Mutti ist mit Vati fortgegangen. Frau Annchen macht das Kinderzimmer rein und muß sich dann anziehen, weil sie mit Bubi und Mädi spazierengehen will. Und die Minna trägt gerade den Mülleimer hinunter.

Bubi und Mädi stehen an dem bimmelnden Telephon und sehen sich an.

»Hör bloß mal, Mädi, wie's ßreit. Soll ich's mal ganz snell runternehmen?« fragt Bubi mit pfiffigen Augen. Er hat die größte Lust dazu.

»Nee – nee!« Mädi ist ängstlich. »Frau Annchen erlaubt das nich.«

»Na, wenn sie doch aber gar nich hört.« Bubi steht unschlüssig da.

»Klinglinglingling«, macht das Telephon schon wieder.

Da hält Bubi den Hörer bereits in der Hand.

Aber Mädi will nun auch ihr Teil daran haben. Wenn Bubi eine Ungezogenheit macht, muß sie sich auch daran beteiligen. Denn sie sind ja Zwillinge.

»Hier Fresser Winter«, ruft sie ins Telephon hinein.

Lautes Lachen antwortet.

»Du, das Teleton lacht in einfort.« Das kleine Mädchen hält Bubi schnell den Hörer ans Ohr.

»Du mußt sagen: Hier Pofresser Winter.« – Bubi schreit es jetzt so laut, wie er nur kann, hinein. »Du, Mädi, das Telephon lacht noch viel doller.« Bubi hört gar nichts weiter als Lachen.

Mädi versucht noch mal ihr Heil. »Bitte, wer is denn da?« fragt sie genau so wie Mutti. »Omama! – Du, Bubi, mein seine kleine Omama! Kleine Omama, bischte da drin im Teleton? Scheig' mal!« Aber Mädi entdeckt nichts von der kleinen Omama im Telephon. Sie hört nur wieder lachen. »Na, wenn das dumme Teleton bloß immer lacht!« Jetzt hat Mädi genug davon. Bubi muß wieder heran.

»Omamaßen – kommste uns besuchen? Und bringste auch wieder ßöne Szokelade mit? Nee, Mädi, jetzt spricht mich doch, ich bin doch viel mehr alt.«

Das sieht Mädi ein. Sie hört auf, an der Telephonschnur zu zerren. Die Schokolade war doch gar zu verlockend. Die möchte sie auch gern haben.

»Ja, kleine Omama, mein sein Mädi und ich wollen dich besuchen. Sollen wir gleich kommen?« so schreit Bubi ins Telephon.

»Wenn Mutti erlaubt«, ruft Mädi wohlerzogen dazwischen.

»Ja, Mutti is mit Vati fortgegangen. Na ßön, denn können wir ja heute nachmittag zu dir kommen. Ganz bestimmt. Auf Wiedersehn, kleine Omama.« – Bubi hat nun auch keine Lust mehr zur Unterhaltung.

»Auf Wiedersehn!« trompetet auch Mädi noch in das Telephon hinein.

»Weißte, Mädi, wir können mit der ßönen Pferdeleine vom Telephon Pferd spielen.« Es fällt Bubi natürlich gar nicht ein, den Hörer, wie es sich gehört, wieder anzuhängen.

Mädi wird mit einem Arm an die Telephonschnur angebunden. Bubi holt seine Peitsche. Frau Annchen ist noch nicht fertig. Sie können noch schön spielen.

»Hü – hott – so, Braunßen, nur reite mal ganz snell wieder ins Sternland!« befiehlt der kleine Kutscher.

Mädi, oder vielmehr Braunchen, setzt sich gehorsam in Trab. Aber da der Telephonkasten, von dem die Schnur ausgeht, an der Wand befestigt ist, kommt sie nicht weit. Sicher nicht bis ins Sternenland.

Der Kutscher muß das faule Braunchen mit der Peitsche antreiben.

»Au – au – du tuscht mir ja doll weh, oller Kutscher!« Braunchens in weiß- und rotgeringelten Wadenstrümpfchen steckende Beinchen springen vor Schmerz in die Höhe.

»Nee, nu will mich nich mehr Braunchen sein, nu will mich Kutscher sein.« Mädi findet das entschieden angenehmer.

Aber Bubi hat auch keine Lust, sich durchpeitschen zu lassen.

»Nee – das geht behaupt nich. Wenn du ein kleines Mädßen bist, denn kannste doch kein Kutßer sein. Denn kannste nur Braunßen sein. Aber wir können ja Karsell spielen. Denn brauchste nich so snell zu laufen. Das niedliche kleine Pferdßen am Karsell im Park is auch ganz langsam gerannt.«

»Ja – ja – Karuschell spielen!« Mädi ist einverstanden.

Bubi holt den Puppenwagen mit sämtlichen Insassen herbei, denn Mädi ist ja angebunden und kann von ihrer Telephonschnur nicht los.

»Spielen meine Kinderchen auch schön?« erkundigt sich Frau Annchen, die in der Kinderstube ausfegt.

»Wunderßön!« versichert ihr Bubi.

Der Puppenwagen wird ebenfalls an die Telephonschnur gebunden. Der soll das Karussel sein, das Mädi oder vielmehr Braunchen zu ziehen hat.

»Ihr werdet erst mal rausgesmeißt«, sagt Bubi zu den Puppen. »Nachher dürft ihr alle einsteigen und ßön Karsell fahren.«

»Nanu – was ist denn hier los?« Puppe Elschen reißt ihre Klappaugen so weit auf, daß sie gar nicht mehr zugehen. Das Telephon ist doch im Leben kein Karussell? Das arme Elschen schaut, seitdem sie unter der Pumpe gebadet und am Zaun getrocknet worden ist, recht verwahrlost aus. Ihre schönen goldblonden Löckchen hängen ihr wie gelbe Borsten ins Gesicht. Das hübsche rote Kleid ist scheckig und fleckig geworden wie ein Tiger. Und eine Nase hat sie überhaupt nicht mehr, die arme Puppe. Die ist total eingedrückt, weil eine Kegelkugel neulich daraufgerollt ist.

»Ja, was soll denn das bedeuten, Fräulein Elschen?« fragt auch Puppe Lilli erstaunt. »Soll ich mir vielleicht zu meinem kaputten Arm auch noch das Bein brechen.« Sie blickt stirnrunzelnd auf die Vorbereitungen, die Bubi mit der Telephonschnur macht.

Auch Fifi knurrt mißtrauisch. Nur Schnuteken und Nauke sind ganz bei der Sache. Für die beiden ist das was. Aber auch der lahme Hampelmann macht ein bedenkliches Gesicht. Für ältere Leute scheint das ein recht zweifelhaftes Vergnügen. Er ist doch schon recht alt, noch von Weihnachten her.

Bubi läßt sich durch das Gebrumm seiner Puppengäste durchaus nicht stören. Er hört es noch nicht mal, daß sie schimpfen. Weil er selbst so laut schreit und kommandiert.

»So – nun is alles ßön fertig. Bitte ßön, einsteigen, meine Herrßaften!« Puppe Elschen ohne Nase nimmt in dem Karussellwagen Platz. Lilli sitzt auf ihrem Schoß. Schnuteken springt mit einem Satz kopfüber sofort in das Karussell, daß die Puppen erschreckt aufkreischen. Nauke schlägt seine Pauke, denn Musik gehört zu einem richtigen Karussell. Fifi hält es für geraten, sich die Sache erst von draußen anzugucken.

»Ein Pferd, Bubi – ein Hottepferd muß auch noch beim Karuschell sein – du mußt Braunchen auch noch holen, Bubi«, verlangt Mädi.

»Na, du bist doch Braunßen«, wendet Bubi ein.

»Nee, nee, das arme Braunchen weint, wenn's nich mit Karuschell fahren darf.« Mädi ruht nicht eher, als bis ihr Freund Braunchen auch noch aus seinem Stall geholt und an die Telephonschnur angeknotet wird. Der alte Hampelmann reitet auf Braunchen.

»So – nu man los!« Bubi knallt mit der Peitsche. »Immer im Kreis herum, Braunßen, wie im Karsell.«

Ja, lauf' einer mal im Kreis herum, wenn er an der Telephonschnur hängt. Das Kunststück muß Bubi der Mädi erst mal vormachen. Der kleine Karussellbesitzer sieht das nicht ein. Wieder saust seine Peitsche um die rot- und weißgeringelten Wadenstrümpfchen. Mädi springt wie besessen in die Höhe und brüllt wie am Spieß.

»Pfui, wie grob!« Sämtliche Puppen sind empört über Bubi.

Von einer Seite stürzt Frau Annchen herbei, von der anderen Minna, den Mülleimer noch in der Hand.

»Na, wo brennt's denn, Kinder?«

»An mein seine Beinchen. Der olle Kutscher hat mich so doll gehaut.« Mädi schmiegt das Köpfchen schutzsuchend an Frau Annchens Brust.

»Aber Bubi, schämst du dich denn gar nicht, dein Schwesterchen zu hauen? Noch dazu, wo ihr Zwillinge seid!« sagt Frau Annchen vorwurfsvoll und streichelt mit ihren rauhen Händen zärtlich Mädis verweintes Gesicht.

»Na, wenn se doch gar nich mein sein Swesterßen is, wenn se doch jetzt Braunßen is. Braunßen is doch nich mein sein Zwilling«, verteidigt sich Bubi. Er hat auch Tränen in den Augen. Denn es tut ihm leid, daß er seiner Mädi weh getan hat.

Frau Annchen hat nur Augen für ihre arme kleine Mädi. Sie sieht gar nicht, was für eine merkwürdige Pferdeleine die Kinder zum Spielen benutzt haben.

Aber Minna entdeckt es. Die stellt ihren Mülleimer vor Schreck mitten auf den Teppich. »Na, nu hört sich ja aber alles auf! Was hängt denn hier für 'ne ganze Gesellschaft an der Telephonschnur? Ihr dürft doch überhaupt nich ans Telephon rangehn!«

Die Puppen rufen: »Wir können nichts dafür.« Aber Bubi übertönt sie.

»Na, wenn's so doll klinglinglingling ßreit, und wenn keine Frau Annßen hört, und keine Minna hört, und kein Vati und Mutti sind da, denn muß ich und mein sein Mädi doch aber mit'n Telephon sprechen.« Das muß doch die Minna und Frau Annchen einsehen.

»Und wenn die kleine Omama doch im Teleton drin gesessen und wenn sie uns doch eingeladen hat, denn muß mein sein Bubi auch reinschrein.« Das gute Schwesterchen hat schon wieder vergessen, daß Bubi ihr weh getan hat. Sie ist sein Zwilling, folglich muß sie ihm beistehen.

»Hundert Augen kann man bei den Krabben haben«, sagt Frau Annchen.

Bubi findet, daß zwei Augen auch schon genug sind, um alle Ungezogenheiten zu entdecken.

Mädi wundert sich: »Hundert Augen haschte, Frau Annchen? Machste die alle zu, wenn du schläfst?«

»Nein, eins bleibt immer offen,« sagt Frau Annchen, »damit ich sehe, ob ihr auch keine Dummheiten macht.«

»Haach – nachts, wenn's dunkel is, denn kannschte ja gar nich gucken«, ruft Mädi.

»Und wie ich ins Sternland gefahren bin, da haste mich behaupt nich gesehn, Frau Annßen. Da haste mit all deinen hundert Augen gesnarcht«, lacht Bubi sie aus.

Frau Annchen lacht mit. »Na, wartet, wenn ihr eure alte Kinderfrau auslachen werdet!« sagt sie. Aber ihr freundliches Gesicht sieht dabei gar nicht böse aus. »Nu komm her, Mädichen, und laß dich endlich wieder abschirren. Himmel, was hängt denn hier noch alles dran!«

Es ist gar nicht so einfach, die ganze Gesellschaft wieder loszumachen. Denn Bubi hat sein Karussell gründlich an die Telephonschnur angeknotet. Während Frau Annchens schon etwas steife Hände sich noch abmühen, den Knoten zu lösen, geht es wieder klinglinglingling. Diesmal ist es aber nicht das Telephon, sondern die Türglocke.

Minna öffnet und kommt gleich darauf mit erschreckter Miene herein. »Na, ihr habt ja da was Nettes anjestellt. Da is'n Beamter vom Telephon. Er sagt, unsere Leitung sei gestört. Er muß sie nachsehen. Da is er ja schon selber.«

Ein Mann in blauer Bluse tritt ins Zimmer.

Wutsch – ist Bubi verschwunden. Er hält es für geratener, den Gang der Dinge von der Kinderstube aus zu beobachten. Am Ende will der Mann ihn und Mädi ins Gefängnis stecken, weil sie das Telephon gestört haben.

Mädi würde auch recht gern mit auskneifen. Aber leider ist sie ja noch am Telephon festgebunden. Sie kann nicht weg, so sehr sie auch zerrt und zieht.

»Na, was ist denn hier los?« fragt der Mann verwundert.

»Ach, lieber Onkel Teleton, wir haben man bloß'n bißchen Karuschell gespielt, mein sein Bubi und ich«, sagt Mädi herzklopfend. »Bitte, bitte, verhauen Sie uns doch nich!«

Der Mann lacht und fährt Mädi über die Jungstolle. »Na, weil du's bist, Kleiner, will ich noch mal 'n Auge zudrücken. Aber das Telephon ist kein Spielzeug. Das merk' dir. Ich hab' mehr zu tun, als mir umsonst die Stiefel abzulaufen.« Er knotet Mädi von ihrer Leine los. Dann kommt Braunchen an die Reihe. Und zuletzt der Puppenwagen, dessen Insassen genau so ängstliche Gesichter machen wie Mädi. Nun hängt er den Hörer wieder an den Haken. »So – dann wäre ja die Sache wieder in Ordnung.«

Bubi hat sich, als er den Beamten lachen hört, auch wieder aus der Kinderstube herausgewagt. »Onkel Telephon, wohnste da drin?« Bubi zeigt auf das Telephon.

»Ih, du meine Güte – da is ja Nummer zwei«, lacht der Mann. »Na, dich soll ich wohl mal hier in das Telephon einsperren, was?«

»Ja«, sagt Bubi erfreut. »Bitte ßön, lieber Onkel Telephon, sperr' mich mal ganz snell ins Telephon rein.« Bubi möchte nämlich gar zu gern wissen, wie es da drin aussieht. Ob da wirklich die kleine Omama drin sitzt.

Der Beamte nimmt Bubi auf den Arm.

»Na, denn man rein mit dir!«

Aber Mädi brüllt wie am Spieß.

»Mein sein süscher Bubi soll nich in das olle Teleton versperrt werden.« Das Kind regt sich entsetzlich auf.

»Der Onkel macht ja nur Spaß«, beruhigt sie Frau Annchen.

Wirklich, der Mann setzt Bubi wieder auf seine beiden Füße. »Na, diesmal will ich's noch so durchgehen lassen. Aber wenn ihr noch mal mit dem Telephon spielt, werdet ihr alle beide da in den dusteren Telephonkasten eingesperrt. Morjen!« Weg ist er wieder.

»Das war ein guter Onkel Teleton!« sagt Mädi anerkennend.

»Ob's wirkliß da drin so duster is?« überlegt Bubi.

»Wehe euch, wenn ihr noch mal rangeht!« droht Frau Annchen.

Aber sowohl Mädi wie Bubi schütteln das braune Köpfchen.

Nein, in ihrem ganzen Leben spielen sie nicht wieder Karussell mit der Telephonschnur.

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