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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Achtes Kapitel

Der gute Sor Rodolfo klagte den Seinen: »Was ist das nur mit Heinz? Was hat der Mann? Warum ist er so ganz absonderlich, seitdem er das Trinitatisheiligtum auf dem Monte Autore besucht hat? Daß ihm Landschaft, Volk und Fest großen Eindruck machen würden, habe ich mir gedacht, vollends die Darstellung der Passion. Lavinia, das Mädchen von Bellegra, soll das Weib von Magdala dargestellt haben. Ihr wißt doch, wer diese Lavinia ist? Roms berühmtestes Modell, für uns arme deutsche unerreichbar, nur für die Herren Franzosen der Villa Medici zugänglich. Sie leben in dem alten Mediceerpalast wie die Könige, und wie eine Königin ist diese Sabinerin. Aber – Was wohl dort oben mit Heinrich Weber geschehen ist?«

Als »ganz absonderlich« empfand der Professor das Wesen seines jungen Freundes, an dessen Genius er glaubte. Heinrich wohnte mit dem deutschen Künstlervolk im Casino Baldi, führte scheinbar mit den Genossen deren harmlos-heiteres Sommerleben, trieb auf dem grünen Hügel allerlei Kurzweil, machte an der mit Rosen überschütteten Tafel jedes Gericht Makkaroni zum Festmahl, hielt nachmittags bei hermetisch geschlossenen Fensterläden lange Siesta, wanderte gegen Abend in luftiger Gesellschaft nach jenem Stücklein Deutschland inmitten des Sabinergebirgs, half zwischen den Felsblöcken unter den ehrwürdigen Wipfeln deutscher Eichen bei Musik und Gesang phantastische Schäferspiele aufführen, schien durchaus der alte zu sein und – schien es nur. Des Professors liebevolle Augen erkannten die Wandlung, sein warmes Herz fühlte das Fiebernde im Wesen des Freundes, und er sorgte sich um ihn. Gehörte doch Heinrich Weber nicht zu den Gesunden und sollte er doch ein Ruhm deutscher Kunst werden. Leider – der Alte und Altmodische sagte es mit stets erneutem Kummer – leider einer ganz modernen, eben einer »neuen Kunst« ...

Jeden Tag erhob sich Heinrich in aller Frühe, gewöhnlich noch vor der Sonne, mit deren Ausgang sogleich die Hitze begann, und unternahm eine einsame Wanderung, während die Berge in mystischen Gluten entbrannten, an jedem Tage das nämliche feierliche Schauspiel, welches die Seele des jungen Künstlers vor der Erhabenheit der Schöpfung erschauern ließ. Jeden Tag ging er denselben Weg, die schmale Felsenstraße, die über Olevano nach Bellegra emporführte. Dem Horst eines Raubvogels gleich thronte der armselige Ort auf kahlem Gipfel hoch über den Abgründen, ehemals die Siedelung eines Urvolks und noch heutigentags mit den Resten seines zyklopischen Mauerringes ein gewaltiger Zeuge jener von der Sage umdunkelten Zeiten.

Täglich also den nämlichen Weg, der ihn jedoch keinen Tag zum Ziele führte: niemals bis nach Bellegra hinauf; niemals zu den höhlenähnlichen Hütten des Dorfes und seiner weltfernen von jeder Kultur getrennten, in starrender Öde hausenden Bewohnerschaft.

Tief unterhalb des Ortes befand sich der Felsenbrunnen, zu dem Bellegras Mädchen und Frauen in aller Frühe kamen, Wasser zu schöpfen. Den kupfernen Krug, die »conca«, trugen sie beim Hinabsteigen unter dem Arm; hatten sie das Gefäß gefüllt und am Brunnenrand genug geschwatzt, so hoben sie die schwere Amphora mit kraftvoller Bewegung aufs Haupt und schritten davon. Mit der Rechten den Krug haltend, die Linke gegen die kräftige Hüfte gestemmt, stiegen sie den steilen Pfad wieder empor, langsam und feierlich. Von seinem versteckten Platz aus beobachtete Heinrich die Wasserträgerinnen voller Entzücken. Aber voller Ungeduld wartete er auf die eine, die er einmal gesehen hatte und nicht wieder vergessen konnte. Aber sie kam nicht. Hinter einem Ginsterstrauch kauernd, stellte sich Heinrich die sehnlichst Erwartete vor und konnte von der Vorstellung ihrer eigentümlichen Schönheit nicht loskommen. Mit seinen inneren Augen sah er sie, als wären die Frauengestalten Anselm Feuerbachs, des Schöpfers der Iphigenie und Medea, lebendig geworden. In der nämlichen edlen Verkörperung erblickte sein geistiges Auge die Sabinerin. So hehr sah er sie bei jener Wallfahrt vor sich herschreiten und in der Nacht, an den aufflackernden Feuern vorbei, durch die Reihen der schlafenden Pilger wandeln; so hoheitsvoll stand sie in der Vorhalle des Trinitatisheiligtums ihm gegenüber, während die Gluten der Morgenröte die grauen Gipfel in Purpurglanz aufflammen ließen. Dann aber –

Dann die Darstellung der Passion des Gottessohns; dann das Mädchen von Bellegra als das Weib von Magdala, als die Sünderin und Büßerin, der Christus vergeben hatte, die Christus zu seiner Jüngerin erhoben hatte; erhoben von dem Heiland der Welt, dessen Füße sie gesalbt hatte mit Wohlgerüchen und Tränen und mit ihren Haaren sie trocknend.

Für das heilige Schauspiel welche Szenerie! Eine Landschaft von einer Trostlosigkeit, als gäbe es auf Erden weder Busch noch Baum, weder Halm noch Blüte, nur Gestein und starre Öde, in der kein Vogellied ertönte, in welcher Adler horsteten und Wölfe auf Raub schlichen.

In dieser Welt von fast furchtbarer Größe wurde die Passion Christi dargestellt, von Heinrich in seiner Phantasie immer wieder geschaut, immer wieder erlebt. Durch die Klippen entwickelte sich der Zug mit dem göttlichen Verurteilten, der außer dem Marterpfahl auf seiner Schulter das Leiden der ganzen Menschheit in der Seele trug. So schwer beladen zog der Sohn Maria seinem Golgatha entgegen, wo seine Mission auf Erden ihre letzte Erfüllung finden sollte: den Kreuzestod, von dem Gottessohn, von dem Menschensohn in allen seinen Qualen erduldet.

Darsteller der göttlichen Tragödie war das Volk der Sabina. Dieses Volk trug seine alte Tracht, durch welche das Ungeheuerliche, was vor bald zweitausend Jahren geschehen war, soeben erst zu geschehen schien: die Kreuzigung eines Unschuldigen, eines Guten und Gerechten, Vergangenheit zur Gegenwart machend. Ein prachtvoll gewachsener Jüngling aus Rocca San Stefano, eine der höchsten und wildesten Ortschaften der Sabina, stellte den Heiland dar, den das Volk durchaus in jugendlicher Gestalt sehen wollte. Die Menge, die ihn umdrängte, und durch die er schreiten mußte, schrie ihn tobend an, heulte ihm wütend nach. Da brach er unter der Last des Kreuzes und seines Seelenschmerzes zusammen.

Ein bärtiger stattlicher Mann trat hinzu und nahm unter dem Tosen des Volkes dem ermattet Hingesunkenen das Werkzeug seiner Hinrichtung ab; eine würdige Matrone drängte sich vor, beugte sich zu dem auf spitzem Gestein Liegenden herab und trocknete ihm den rinnenden Schweiß von der Stirn: Christi Antlitz trocknete das armselige Weib aus dem Volk. Es hob das Tuch.

»Ein Wunder! Ein Wunder!«

Auf dem Tuch des armseligen Weibes der blasse Abdruck des göttlichen Antlitzes!

Und Veronika wies das plötzlich heilig gewordene Linnen der Menge.

Diese verstummte, erschauerte, erstarrte; doch von neuem brach sie aus. Noch tosender heulte sie ihr: »Kreuzige! Kreuzige!«

Weiter wurde der Heiland geführt. Ihm nach wogten die Scharen seiner Feinde und Mörder, denen Heinrich in jener unvergeßlichen Stunde gefolgt war.

Der Gipfel des Berges: Golgatha!

Auf der Felsenklippe zwei hochragende Kreuze, daran bereits die beiden Schächer hingen. Ein drittes Kreuz lag am Boden, bereit, an seinem Holz den dritten Verurteilten zu empfangen. Sie rissen Christus die Kleider vom Leibe, schlugen ihn an das Marterholz, richteten es zwischen den andern auf.

In unverhüllter schlanker Jünglingsherrlichkeit erblickte ihn das Volk und – Jesus von Nazareth wurde gekreuzigt!

Dann sah der fremde Zuschauer sie; Heinrich sah Maria von Magdala.


Auch sie trug ihr heimatliches dunkles Gewand; aber sie hatte ihr Haar gelöst. Wie ein düstrer Schleier floß es an ihrer hohen Gestalt bis zu den Knieen hernieder. Mit der Mutter und dem Lieblingsjünger stand die entsündigte große Liebende unter dem Kreuz, von dem jetzt die Menge, nachdem Christus sein Haupt geneigt, wie in Ehrfurcht vor der Majestät des Todes zurückwich.

Es war vollbracht.


Während die Mutter, von Johannes gehalten, in leidenschaftliche Klagen ausbrach, blickte Maria von Magdala tränenlos zu dem Verschiedenen empor. Beide Arme hob sie auf, als könnten ihre Arme, als könnte ihre Liebe und ihr Leid den Toten herabziehen vom Kreuz und von neuem beleben.

So stand sie regungslos, einer Bildsäule gleich, mit einem Antlitz, als erduldete sie Christi Todesqualen an sich selbst. Plötzlich brach sie zusammen mit einem Aufschrei, der wie ein Todesschrei klang. Mit dem ganzen Leibe hingestreckt lag sie am Boden, das Kreuz umklammernd, daran das Heil der Welt für die Sünden der Welt verschieden war; verschieden der Göttliche, der Maria von Magdala die Schuld verziehen hatte. Denn ihre große Schuld war ihre große Liebe gewesen.


Christus war gestorben; aber es wurde bei seinem Tode nicht Nacht. Über dem Gipfel des Monte Autore erhob sich die Sonne. Strahlend überflutete sie die graue Öde mit Glanz; überflutete sie Himmel und Erde mit dem Licht, welches das Leben des Weltalls erhält.

Unter dem Kreuz hingesunken, das Kreuz umklammert haltend, sah Heinrich das Weib, welches er nicht wieder vergessen konnte, und auf welches er fortan wartete. Morgen für Morgen, das heilige Schauspiel auf dem Monte Autore im Geist immer von neuem erlebend.

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