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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Siebentes Kapitel

Die Damen machten im Casino Baldi Besuch bei ihren Landsleuten, die in dem hellen Hause auf dem grünen Hügel mit dem weiten Ausblick auf das hochgipflige Felsenland ein fröhlich-sonniges Sommerdasein führten. Sor Rodolfo war abwesend. Er war hinabgestiegen zu der mittelalterlichen Ruine des Städtleins, um deren braunrote Mauern ein wilder Garten rosiger und violetter Levkoien aufgeschossen war, ein Blütenzauber, davon der alte Herr eine Skizze machen wollte. So befand sich denn Dame Filomena als unbestrittene Herrin des Hauses mutterseelenallein mit den Vorbereitungen für die ländliche Abendmahlzeit beschäftigt: als Vorgericht ein Speckeierkuchen, eine »frittata«, mit zarten, in Marsala gedünsteten Artischocken gefüllt und ein köstliches »stuffato«, fettes Hammelfleisch mit allerlei Kräutern, Steinpilzen, Tomaten und Kartoffeln gedünstet, beides zu verzehren unter den hundertjährigen Kastanien bei verglühendem Sonnenuntergangsfeuer hoch über einer Welt von Erdenschönheit.

Die ehemalige Frau Amme des Haustöchterchens war noch in voller Tätigkeit begriffen, als sie Besuch erhielt. Es war ihr Neffe, der Adonis von Olevano, in eigener unwiderstehlicher Person, im weißen Sommerhabit nach letzter römischer Mode, einem echten Panama mit grellrotem Bande, eine grellrote Blume im Knopfloch und seinem Vater an Gestalt, Angesicht und Charakter so unähnlich, wie das eigentlich für einen Sohn ganz unnatürlich war. Auch von seiner Mutter, der prächtigen Frau Pia, besaß der hübsche Junge weder die Gesinnung noch das Gemüt. Er zählte eben zu der gewissen Gattung moderner Jugend, die es selbst im wilden Sabinergebirge gab.

Den rotbebänderten Strohhut schief auf den schwarzen Lockenkopf gedrückt, das Stöcklein mit dem Goldknauf schwingend, grüßte Amerigo Minardi seine Frau Tante, die – ebenso wie des jungen Herrn Mutter – ihren Stolz darein setzte, die altehrwürdige Volkstracht der Sabinerberge zu tragen. Doch teilte auch Dame Filomena die Ansicht der meisten ihres Geschlechts, daß der junge Herr das Prunkstück der Familie sei und ein heiliges Recht besitze, vom Kopf bis zu den Füßen als Signore gekleidet, in süßem Nichtstun von seines Vaters sauer erworbenem Gelde zu leben und die Zeit mit Warten auf irgendein schicksalvolles Etwas zu verbringen, das in einem lebenslänglichen dolce far niente bestehen würde: war doch auch dieser Jüngling im Lande der Goldorangen nur ein Typus.

Nachdem die beiden zärtlichen Verwandten die Ereignisse des vergangenen Jahres zur Genüge beschwatzt hatten, begann das hübsche Herrlein:

»Was macht dein Fräulein?«

»Die Madonna segne das Kind!«

»Das Kind?«

»Ein so gutes Geschöpf!«

»Wie alt ist eigentlich das Kind?«

»Wie alt?«

»Du mußt es doch wissen. Dein Mann ist doch schon eine ziemliche Weile in eine bessere Welt hinübergegangen.«

»Ein so guter Mann! Gott hab' ihn selig! Messen ließ ich genug für ihn lesen.«

»Es sind gewiß bald dreißig Jahre her, daß ihm der Herr ein seliges Ende bescherte?«

»Und mir ist's, als sei es erst gestern gewesen, daß ich ihn begraben mußte. Ein Begräbnis war's wie für einen Grafen.«

»Gleich darauf wurde dein Sohn Emilio geboren.«

»Ein so süßes Kind! Alle Heiligen seien bedankt, daß es noch die heilige Taufe empfangen konnte.«

»Zu gleicher Zeit kam in Rom die Frau deines Professors nieder, starb an der Geburt, und du wurdest der kleinen Romana Amme: weil du aus Olevano warst. Nur deshalb! Und weil dein Padrone in Olevano vernarrt ist. Bald dreißig Jahre muß es her sein.«

»Wenigstens über fünfundzwanzig.«

»Also ist das Kind gerade kein Kind mehr.«

»Nun ja, freilich.«

»Demnach ist es höchste Zeit, für das Kind einen Mann zu suchen.«

»Wenn es doch keinen nehmen will.«

»Keinen nehmen will? Es bekommt keinen.«

Dame Filomena rief entrüstet:

»Es bekäme keinen? Mit dem blonden Haar und dem vielen Geld!«

»Hat dein Fräulein das wirklich? Ich meine das viele Geld?«

»Ob es das hat!«

»Höre, Tante?«

»Ich höre. Wie bist du nur heute?«

»Sie sieht mich immer so sonderbar an.«

»Wer?«

»Nun, das Kind.«

»Madonna!«

»Sie ist in mich verliebt. Und wie verliebt!«

»Heilige Katharina, was sagst du?«

»Hast du das nicht gesehen und siehst doch sonst alles?«

Aber Dame Filomena konnte vor Schreck über ihre Blindheit nur wieder die Madonna anrufen. Deshalb also nahm das bereits etwas ältliche Kind keinen Mann? Weil es in den hübschen Schlingel verliebt war! Und sie, Dame Filomena, die das Kind an ihrem Busen genährt und die im Hause Müller, trotz Tante Minchen, die eigentliche Herrscherin war, hatte es nicht gesehen!

»Siehst du es jetzt?«

Wiederum nur Ausrufe höchsten Staunens und Anrufe der Madonna und aller Heiligen. Der Adonis meinte lächelnd: »Wenn du es jetzt siehst, so wirst du gewiß –«

Er stockte; es war jedoch nur eine Kunstpause. Sie sollte seine Frau Tante vorbereiten, und zwar auf etwas Erstaunliches, Großes. Dann fuhr er fort:

»Da das Fräulein blondes Haar und Geld hat, sehr schönes blondes Haar und sehr viel Geld – sie hat es doch? – so wird dein lieber Neffe sie zur Frau nehmen, und du wirst deinem lieben Neffen helfen, daß er das blondhaarige Fräulein mit dem vielen Geld zur Frau bekommt.«

»Ich dazu helfen? Dazu? ... Junge, Junge!«

Der Junge erwiderte mit wahrhaft antiker Ruhe: »Und zwar noch diesen Sommer zur Frau.«

Neben dem Herd, darauf das stuffato, köstlichen Wohlgeruch verbreitend, über sanfter Glut schmorte, sank des Jungen Frau Tante auf einen Schemel, ihren Blutsverwandten ob solcher Verwegenheit sprachlos anstarrend: Der Junge wagte, seine schwarzen Augen zu der Tochter ihrer Herrschaft zu erheben. Sie seufzte auf, daß es wie ein Stöhnen klang, im geheimen sich gestehend – was sie mit großem Familienstolz tat – daß der kühne Brautwerber wirklich einer der hübschesten Schlingel war, den Olevanos Sonne jemals beschienen. Erst nach geraumer Weile, wahrend welcher der Unwiderstehliche eine Arie aus Puccinis »Tosca« trällerte, erlaubte sie sich eine schüchterne Einwendung:

»Du bist ja doch um volle sechs Jahre jünger als sie.« »Also wird sie mich erst recht zum Manne nehmen.« Dame Filomena fuhr in klagendem Tone fort: »Bist du dann noch immer ein junger frischer Mensch, wird sie bereits alt sein.«

Er lachte laut auf, wobei unter dem sprießenden schwarzen Schnurrbart zwischen den roten Lippen seine Zähne blitzten und blinkten. Darauf entwickelte er seinen Werbeplan:

»Wenn du mir hilfst, so ist die Sache so gut wie abgemacht; und du wirst mir helfen. Ich bekomme eine nicht mehr junge, aber sehr vermögliche Frau, und sie bekommt dafür einen jungen frischen Mann, der mit ihrem Gelde in Rom eine Advokatur eröffnen wird und es bis zum Deputierten bringen kann. Welcher Stolz für die Familie, der du angehörst; welcher Stolz für ganz Olevano, dessen Sohn ich bin. Denke doch, Tante! Diese Deutschen sind nun einmal samt und sonders in uns Italiener vernarrt. Vollends sind das die deutschen Frauen, die gelbes Haar und blaue Augen haben. Einfach vernarrt sind sie in unsre schwarzen Haare und schwarzen Augen, genau so toll vernarrt wie in unser Land. Ganz Rom, ganz Italien wimmelt von diesen Deutschen. Sie sind überall, können es nicht lassen, zu uns zu kommen. Die größten Italiennarren aber sind dein Professor und das Fräulein. Auch dein alter Herr wird glücklich sein, wenn er Enkel bekommt, die deinem lieben hübschen Neffen gleichen. Hilf mir, und du sollst es bei deinem Herrn Neffen und deiner Frau Nichte gut haben bis an dein seliges Ende.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte der reizende Knabe seinen Hut mit dem feuerroten Band noch schiefer auf sein edles Haupt, winkte der Tante mit dem Stöcklein einen huldreichen Abschiedsgruß zu, begann die Toscaarie, die er vorhin nur geträllert hatte, nunmehr laut zu singen, so lustig, als ob Puccinis Schaueroper eine Operette sei, ging seelenvergnügt seines Wegs hinunter zum Stadtlein, als dessen höchste männliche Zierde er galt. Er kannte daher seinen Preis, war jedoch deswegen um kein Haar schlechter als tausend andere seiner lieben Landsleute, die irgendein nicht sehr sauberes Geschäft abschließen wollten...

Auf dem sanftlodernden Herdfeuer schmorte in dem wie dunkles Gold glänzenden Kupfergeschirr das leckere Hammelgericht, prasselten in der Pfanne die Speckstücke zu dem Eierkuchen. Dame Filomena aber saß daneben, ließ schmoren und prasseln; ließ den Speck anbrennen, sann und sann. Das Kind war in Wahrheit bereits eine etwas ältliche Jungfrau und schien an dem jungen Herrn mit dem schwarzen Lockenhaar, den Funkelaugen, den Kirschenlippen und der Adonisgestalt wirklich ein lebhaftes Wohlgefallen zu finden. Er hatte ganz recht: wo hatte sie, des Jungen Tante und des Kindes Amme, ihre sonst so scharf blickenden Augen gehabt? Augen, welche die heimliche Eifersucht auf ihre Herrschergewalt in dem sonst so reinen Busen Tante Minchens wühlen und wüten sahen. Und die heimliche Liebe des guten Kindes hatte sie nicht gesehen. »Romana Müller«. Was für ein mißtönender Name in seiner letzten Hälfte! Dagegen: »Romana Minardi!« Der Name hatte einen wahren Wohllaut! Das Klangvolle dieses Namens würde auch für den Vater dieser Romana Minardi Melodie sein.

Und Dame Filomena ließ das Leibgericht ihres guten Herrn achtlos verbrennen. Ihr Entschluß aber war gefaßt:

Fräulein Romana Müller sollte Signora Romana Minardi werden!

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