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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Zwanzigstes Kapitel

An wen sollen wir uns halten? An die Regierungen? Was bedeutet ihnen der Jammer eines verratenen Volkes! Es sind fünf Jahrhunderte und mehr, daß sie uns verschachern wie die Händler die armen Neger. Es sind fünf Jahrhunderte und mehr, daß sie in uns nichts andres erblicken, als eine Ware für Verhandlungen und Verträge. Sollen wir uns an die Nationen wenden? Die Nationen stehen auf der Seite der Starken – und wir sind es nicht. Bis heute haben die Nationen kein Gefühl für das Unglück. Vielleicht werden sie uns ein unfruchtbares und kurzes Mitleid schenken. Was nützt das Mitleid? Aber haben sie uns auch nur einen Tropfen Heldenbluts erspart! Hebet nicht das Leichentuch! Können eure Tränen die Leichen wieder beleben?«


»Erinnert euch immer, daß man dem Vaterlande nicht nützt mit Schmeichelei oder indem man auf den Lorbeeren der Väter oder auf den Standbildern der Berühmten ausruht: sie hinterließen euch eine, heute leider befleckte Erbschaft, die zu unsrer Verurteilung dient, wenn wir sie nicht zu vergrößern wissen. Erinnert euch, daß dieses Vaterland, welches ihr nur zu oft mit Stolz erwähnt, Sklave der Fremden ist; daß wir, herabgekommen, ängstlich zitternd, ohne Namen, ohne Recht, ohne Ruhm, ohne bürgerliche und politische Existenz umherirren.«


»Wir ehren das alte Deutschland, das im Zentrum des Kontinents ein Schlachtfeld für den sozialen Gedanken geschaffen hat. Deutschland, das in seiner Brust eine Fackel entzündet, deren Feuer auf die noch ungebildeten Völker sich verbreiten kann, die es umgeben und die es, gemäß seiner Sendung, erleuchten und befreien muß.«


In seiner von Moder durchseuchten Wohnung saß Orazio Petroni und las in einem Werk Giuseppe Mazzinis, dieses großen Patrioten und Menschen. Er las mit halblauter Stimme weiter:

»Wer das Volk unter die Waffen rufen will, muß dem Volk stets das Warum sagen können, jeder, der ein Werk der Wiedergeburt unternimmt, muß einen Glauben haben. Hat er diesen Glauben nicht, so unterstützt er nur Wirren, ruft nur Anarchie hervor, der er weder Grenzen noch Heilmittel verschreiben kann.

»Oh! Eine Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf italienischer Erde –«

Weiter las Orazio Petroni nicht, dieser große Patriot, der Italiens Erde mit dem Blut von Italiens Söhnen hatte rein baden wollen von der »Last seiner Verbrechen und Gemeinheit«.


Seine schwesterliche Geliebte hatte ihre Aufgabe erfüllt. Sie hatte ihren jungen Leib hingegeben und als Preis dafür manche Nachricht erlistet, die der großen Sache Italiens dienen konnte: der Mann, der sie ausgesandt hatte, war mit ihr zufrieden.

Auch auf ihrer Seele trug sie es schwer, gleich »einer Last von Verbrechen und Gemeinheit«. Was konnte ihre beschmutzte Seele reinigen? Die Liebe des Geliebten? Denn sie liebte ihn, liebte ihn so leidenschaftlich, als liebte sie zum erstenmal. Die Schmach, daß sie sich an jenen Menschen verloren, hatte er indes von ihr nicht genommen. Jener Mensch war nicht der Deutsche, dem sie sich für anderes, für Höheres als für Geld verkauft hatte, sondern es war der Mann, dessen Name Italien in einem Jubelsturm durchbrauste:

»Mario Mariano, der Große, Gottbegnadete, selbst Göttliche!«

Heute nun sagte Orazio zu ihr:

»Nie wirft du dich mit Orangenblüten schmücken; niemals werden wir beide Hochzeit halten.«

Sie blieb stumm, dachte: ,Niemals wird er mich reinigen von dem, was nicht nur meinen Leib, sondern auch meine Seele beschmutzt ha.,'

Orazio fuhr fort:

»Italien wird besiegt werden. Es bedarf nicht einmal der deutschen Barbaren, um es zu besiegen: das von Italien verachtete Österreich genügt, um Italien niederzumachen. Und dieses verachtete Österreich wurde von Italien hinterrücks angefallen, als Italien es bereits halbtot glaubte – Solche Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf Italien! Was ich Italien wünschte, wofür ich mich lebendigen Leibes in Stücke würde reißen lassen, wird sich herrlich erfüllen: Das hinterrücks angefallene halbtote Österreich, welches von Italien den Gnadenstoß empfangen sollte, wird Italien besiegen! Niemals jedoch erfüllt sich das, was nach dem einen kommen muß: niemals wird das von einem nicht nur gehaßten, sondern auch verachteten Feinde schmachvoll zu Boden geworfene und zertretene Italien sich wieder erheben! Dadurch sich erheben, weil es niedergeworfen und zertreten ward ... Du hörst doch?«

»Ich höre.«

»Erhobenen Hauptes beging Italien den Treubruch, und sein Genius müßte das Haupt senken, niedergebeugt von der Last seiner Verbrechen und seiner Gemeinheit, um sein Antlitz nie wieder zu den Sternen emporzurichten ... Aber du hörst mich nicht.«

Sie wiederholte:

»Ich höre.« »Was sagte ich?«

»Daß ich niemals werde Orangenblüten tragen dürfen; daß ich niemals dein sein werde.«

»Niemals. Aber das – Das ist ja ganz gleichgültig.«

»Ganz gleichgültig.«

»Um Italien handelt es sich, nur um Italien ... Begreifst du nicht? Du, die du zu mir gehörst wie kein andres Wesen auf Erden. Und du begreifst nicht!«

»Ich begreife.«

»Was?«

»Daß ich niemals dein werden soll, da –«

»Warum verstummst du? Sprich! Sprich mir nach: Da Italien aus dem Abgrund seines Sturzes und seiner Schmach niemals sich wieder erheben wird ... So sprich doch!«

Sie sprach ihm nach:

»Da Italien aus dem Abgrund seines Sturzes und seiner Schmach niemals sich wieder erheben wird –«

»Selbst dann nicht sich wieder erheben wird, wenn nur das verachtete Österreich Italien besiegt, niederwirft, demütigt.«

Auch das sprach sie ihm nach. Orazio rief aus:

»Darum Treubruch und Verrat; darum ein Judas; darum von allen Nationen verachtet!«

»Also hoffst du nichts mehr?... Für uns beide nichts mehr?«

»Für uns? Was schert mich, was mit uns beiden geschieht?«

Da sagte sie:

»Also hoffst du nichts mehr für Italien?«

»Lies, was in diesem Buch über Italien geschrieben steht ... Du sollst lesen!«

Sie las:

»Eine Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf italienischer Erde –«

»Hörst du?« »Ich höre.«

»Lies, wer diese furchtbare Anklage wider Italien erhob, von wem Italien verdammt ward.«

»Von Giuseppe Mazzini.«

Der Jüngling, der sein Vaterland heilig liebte und dessen wahre Größe wollte, fuhr fort:

»Höre noch die Stimme eines andern. Auch sie tönt von den Lippen eines Toten. Aus hundertjähriger Gruft spricht sie zu den Lebenden als Seher und Prophet. Niccolo Macchiavelli ruft seinen Landsleuten zu:

»Wartet nur. Es wird eine Zeit kommen, wo die Heerscharen der nordischen Barbaren den Italienern die Augen öffnen werden; dann werden sie die traurige Ohnmacht der Söldner erkennen ... Aber es wird zu spät sein.«

Er wiederholte mit wie zur Verwünschung erhobener Hand:

»Aber es wird zu spät sein

Seiner Natur gemäß glaubte Orazio Petroni jetzt ebenso fanatisch nicht mehr an die Möglichkeit einer Wiedergeburt Italiens durch diesen Krieg, wie er ehemals fanatisch an Italiens Erhebung, Größe und zukünftige Herrlichkeit geglaubt hatte. Er aber wollte Italiens Schande nicht überleben.

Zusammen mit ihm sollte auch die Geliebte sterben.

An dem Tage, da Rom den Besuch des französischen Ministerpräsidenten empfing, wollten die beiden sich im Tode vereinigen. Vermählung wollten sie feiern.

Die Februarsonne schien mit Frühlingsglanz auf die Römer herab, die dem französischen Bundesgenossen triumphierenden Einzug bereiteten; auch dieses Mal wieder bestochener Gassenpöbel. Von neuem mußten Millionen verteilt werden; von neuem mußte der Advokat Minardi den Agenten, den Kuppler machen; von neuem wurde in den Herzen der Römer die Flamme der Begeisterung, der Siegeszuversicht, der Glorie Italiens entzündet, klägliches Theaterfeuer.

Frühlingssonne und Frühlingswonne über Rom! Niemals hatten auf Tusculum die Veilchen so frühzeitig geblüht; niemals schienen die Lerchen über Roms Campagna ihre Frühlingshymnen so jubelnd gesungen zu haben wie an dem Tage, an dem die beiden ihren Todesweg antraten,

»Unser Hochzeitstag bricht an, in dem Scharlach der Kaiserfarbe – der Farbe der Revolution!«

Mit diesen Worten begrüßte Orazio den Tag.

Silvia hatte die armselige Wohnung gereinigt; hatte Lorbeer und wilde Myrten über den Boden gestreut und Sträuße roter Orchideen vor das Fenster und auf den Tisch gestellt. Jetzt legte sie ihr Festgewand an, nahm einige der glühenden Blumen und steckte sie sich ins Haar.

Darauf traten beide zum letztenmal über die Schwelle ihres armseligen Heims. Sie verschlossen es und gaben den Schlüssel einer Nachbarin, einem alten bresthaften Weibe, mit dem sie häufig das Brot ihrer Armut geteilt hatten, sagten zu der Greisin:

»Heute halten wir Hochzeit!«

»In welcher Kirche?«

»Unter Gottes ewigem Himmelsdom.«

»Ohne Priester?«

»Mit der Gottheit.«

»Ihr armen Verlorenen! Ihr für alle Ewigkeit Verlorenen!«

»Legt Eure Hand auf unsere für die Ewigkeit vereinigten Hände. Es wird für uns eine Mutterhand, also ein Segen sein.«

»Gesegnet möget ihr sein!«

So wurden denn auch sie getraut. Sie gingen. In andrer Richtung schlugen sie den nämlichen Weg ein, den sie in jener stürmischen Winternacht zuerst miteinander gegangen waren.

Sie gingen die Flaminische Straße; gingen durch das Tor des Volkes; gingen den Korso hinauf, vorüber an dem Hause, in dem der große deutsche Dichter gewohnt hatte, ein Mann aus dem Lande jener Barbaren, denen Italien gleichfalls die Treue gebrochen.

Sie gingen weiter durch das erwachende Leben der großen Stadt, wo die Scharen der Bezahlten sich bereits zusammenrotteten; gingen vorüber an Café Aragno, wo Italiens Politik, Italiens Zukunft und Schicksal geschmiedet wurde; gingen vorüber an Piazza Colonna, auf deren Säule der Apostel seit dem letzten Erdbeben in den Abruzzen sein Haupt vom Monte Cittorio, dem Palast der Regierung, darin Italiens Untergang beschlossen ward, abgewendet hatte; gingen zum Venezianischen Platz, erstiegen den Marmorberg des Monuments König Viktor Emanuels bis zur höchsten Terrasse; warfen einen letzten langen Blick auf das ihnen zu Füßen liegende Rom; hörten den Jubel der Römer, der die eintriumphierenden Franzosen umbrauste, und Orazio Petroni sprach als Abschiedsgruß an Italien Dantes gewaltige Strophen aus dem sechsten Kreise seines »Fegefeuers«, an Italien gerichtet:

»Sklavin Italia, alles Leids Kastell,
Schiff ohne Steuermann im Wirbelwinde,
Nicht der Provinzen Herrin, nein, Bordell!

Du bietest den Lebendigen überall
Nur Krieg, und schon zernagen sich die Leute,
Die doch umhegt ein Graben und ein Wall!

Unsel'ge, such an deinen Küsten heute
Und schau in deine Brust, ob ringsumher
Ein Ort ist, der sich Friedens noch erfreute –«

Sie umschlangen sich, hielten sich fest Brust an Brust, warfen sich hinab. Ihr vermähltes Blut rötete die von der Frühlingssonne verklärte, goldig strahlende Bildsäule des Herrschers, der Italien zwar hatte einigen, aber nicht hatte groß machen können.

Nicht einmal Italien hatte bewahren können vor Verrat und Schande.

 
Ende.


Am 23. Mai 1916, dem Tage der großen Nationalfeier, an dem Italien den ersten Jahrestag seines Verrats festlich beging.

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