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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Sechzehntes Kapitel

Weihnacht war gewesen, das traurigste Fest, welches Rudolf Müller seit dem Tode seiner Frau gefeiert hatte, das traurigste seines Lebens überhaupt. Im Deutschen Kunstverein hatten zwar die Deutschen als treue Gemeinde sich zusammengefunden, hatte ein deutscher Tannenbaum im Kerzenglanz gestrahlt, und Tante Minchen hatte sich nicht nehmen lassen, eigenhändig eine Thüringer Weihnachtsstollen zu backen, ohne die es nun einmal kein wahres Weihnachten gab. Aber es war eben doch ein gar zu stilles Fest geblieben, trotz aller deutschen Siege und Heldentaten. Ein Fest war's gewesen, gleichsam inmitten von Feindesland. Und das für die Deutschen in Rom!

Der Professor gedachte seiner ersten römischen Weihnachten, zu welchen aus den Abruzzen die Pifferari zur Ewigen Stadt gewallfahrtet kamen, Hirten der Bergwildnisse, um vor den Bildnissen der Gottesmutter die himmlische Gnade anzurufen und dem lieben Jesusknaben in der Krippe auf ihren Dudelsäcken vorzuspielen, in dem frommen Kinderglauben, Mutter und Kind freuten sich der wüsten Töne, die das Schönste waren, was sie den beiden darbringen konnten zu der Zeit, in der das Heil der Welt zu Bethlehem im Stalle geboren wurde. Sie, die Hirten eines rauhen Berglands, waren die nächsten dazu, um der Verkündigung der Engel zu gedenken und den Herrn der Heerscharen zu loben, weil er seinen eingeborenen Sohn in die Welt geschickt hatte, um diese durch seinen Kreuzestod von der Schuld zu erlösen und ihr den Frieden zu bringen.

Den Frieden

Das neue Jahr 1915 brach an, von den Römern gefeiert mit bejubelten Siegesnachrichten der Feinde Deutschlands. Es brach an mit neuen Lügen und Verleumdungen, neuen Beschimpfungen der Barbaren, die noch immer Italiens Verbündete waren, Italien mußte daher auf Mittel und Wege sinnen, um mit seinem erhabensten Pathos, seiner großartigsten Geste zu erklären: es sei höchste nationale Pflicht, sei Italiens Ehrenpflicht, das Bündnis zu brechen, und das »hocherhobenen Hauptes«, mit dem Bewußtsein seiner sittlichen Berechtigung, ein Judas Ischariot als Italiens Idealgestalt ...

In den ersten Tagen des neuen Jahres hatte Rudolf Müller einen notwendigen Gang zu tun. Ihm begegnete ein Leichenzug. Er glaubte zuerst, es sei der lärmende Umzug einer politischen Partei; es war jedoch wirklich ein Kondukt, mit allem theatralischen Pomp, dem grellen Pomp des Südens, in Szene gesetzt. Der Sarg des Toten wurde von Männern in hochroten Blusen getragen, das Leichengefolge bestand zum Teil aus Roms übelster Straßenjugend – dem »populace« – , Italiens Trikolore bedeckte den Sarg, eine Musikbande zog voraus. Sie spielte als Trauermarsch die Marseillaise, und eine schaulustige Menge bildete Spalier. Ein Schauspiel war's, nichts andres als ein Schauspiel, obgleich man einen Toten zu Grabe trug: den zum Kampf wider die deutschen Barbaren ausgezogenen, in dem Kampfe gefallenen Nationalhelden Bruno Garibaldi.

Durch ganz Rom wurde der Tote geführt, ein Schaustück für gaffendes Volk, eine Reklame für Italiens Heldentum, eine Demonstration gegen Deutschland –

Kurze Zeit nach diesem einen Toten sollte es in Italien eine Heerschar von Toten geben; in Italien bebte die Erde! In den nahen Abruzzen stürzten ganze Ortschaften ein. Ihre Trümmer begruben die Bewohner, verstümmelten, zermalmten sie. Für die das furchtbare Elementarereignis Überlebenden aber kam aus Italiens naher Hauptstadt die Hilfe, was Italien Hilfe nannte, erst nach Tagen.

Der Professor gedachte Casamicciolas und Messinas; gedachte des Mitgefühls Deutschlands; gedachte dessen tatkräftiger Hilfe, die im Augenblick einsetzte, und die erst später, viel zu spät, an die Hilfsbedürftigen gelangte, und das nur zum Teil. Casanucciola hatte er selbst miterlebt, nach Messina war er sofort geeilt. Selbst miterlebt hatte er Deutschlands Schlachten in Frankreich. Er hatte das Schlachtfeld von Sedan gesehen und ihn hatte nicht das Grauen gepackt wie auf den Totenfeldern Siziliens und Ischias. Auch damals hatte Italiens Hilfe für sein eigenes unglückliches Volk sich nahezu als machtlos erwiesen; und so, genau so, geschah es dieses dritte Mal, wo Italiens Erde in ihren Tiefen gebebt. Mochte es dem Lande zur Warnung dienen, zu einem Menetekel in flammenden Trümmern, mit den Leichen der Erschlagenen auf den wankenden Boden geschrieben.

Wieder war Frühling: Frühling in Rom! Der Eichwald von Grottaferrata begann zu knospen, sein Unterholz von wildem Goldregen barg wilde Gärten purpurfarbener Zyklamen und ultramarinblauer Orchis; auf der Wiese der Villa Doria Pamfili pflückten Frauen und Kinder bunte Anemonen; unter den Pinien der Villa Borghese schimmerte es schneeig von der Blüte der Maßliebchen; auf den Ruinen des Palatins und der Aquädukte leuchteten Goldlack und silbriger Fenchel, wucherten gelbe Tazetten und rote Levkoien, und die Lerchenchöre der Campagna jubilierten Frühlingshymnen.

Keine Veilchen von Tusculum wurden dieses Jahr dem Professor von hellen Kinderstimmen angeboten; keine deutschen Rompilger freuten sich über die Blumenbalustraden auf der Spanischen Treppe. Die meisten der großen Fremdenherbergen waren geschlossen, verödet die Galerien; was von Ausländern in Rom weilte, waren Franzosen und Engländer, Russen und Serben, Dänen und Amerikaner, Deutschlands offenkundige und heimliche Feinde. Letztere die schlimmsten. In tiefer Einsamkeit konnte Rudolf Müller die Säle des Casino Borghese durchwandern und in der Sistinischen Kapelle zu dem Gott Michelangelos, dem gewaltigen Schöpfer des Himmels und der Erde, emporschauen; empor zu dem ersten Menschenpaar, die dieser Gott nach seinem Bilde geschaffen. Dem greisen Künstler erschienen die Völker, welche diesen Krieg entfesselt hatten und für seine Entmenschung verantwortlich waren, nicht mehr würdig des Namens: »Mensch.« Allein der »Barbar«, der »Unmensch« galt ihm als beseelt vom Hauche des Herrn; allein dieser als würdig, von der Hand Gottes berührt und emporgezogen zu werden zu Leben und Licht.

Wenn er in jenem hohen Tempel der Kunst aufblickte zum Jüngsten Gericht, so fühlte er sich durchdrungen von dem Glauben an den in Wolken thronenden Heiland, der gekommen war, zu richten die Schuldigen, die in diesem grimmigen Völkermorden die Deutschen nicht sein würden. An des richtenden und rächenden Sohnes Knie schmiegte sich die fürbittende Mutter. Nicht für die Deutschen und ihre Verbündeten brauchte die himmlische Fürbitterin flehende Hände zu erheben; wohl aber für jene, die den Völkermord gewollt, vorbereitet, herbeigeführt hatten. Aber der Mutter Fürbitte würde ihnen nicht helfen; der göttliche Richter würde über sie sein »Schuldig! Schuldig!« herabdonnern; würde verurteilen, verdammen nach seiner göttlichen Gerechtigkeit.

In diesem Frühling kein Veilchenfest auf Tusculum! Gleichsam in unerreichbare Fernen entrückt, sah der Professor vom Palatin aus das Albanergebirge mit dem Monte Cavo in sanfter Linienschönheit vom Gipfel zur Ebene abfallend, bekränzt von dem leuchtenden Band seiner Städte; sah er den tusculanischen Burgfels und die Steineichen vor dem Hause seines Kaisers, für den im Lande der italienischen Bundesgenossen keine Beschimpfung beschimpfend genug, keine Verleumdung verleumderisch genug war. Gleichsam in unerreichbaren Fernen erschien ihm alle menschliche Schönheit und Güte, diese höchsten Besitztümer, die würdig zu verwalten des Menschen edelster Beruf war.

Von der deutschen Kolonie reisten viele ab. Weshalb reisten sie, ihren römischen Haushalt auflösend, wie flüchtend mit Weib und Kind und in einer Trauer, als gäbe es für sie, denen Rom eine zweite Heimat geworden, keine Wiederkehr mehr? Ja, weshalb? Denn:

»Lieber zwölf Kugeln in den Leib, als daß ich mein Wort breche!«

Ein Königswort war's! Ein Wort des Königs Viktor Emanuels. An der Wahrheit eines solchen Wortes zu zweifeln, war Majestatsbeleidigung. Dennoch verließen viele Deutsche fluchtartig Rom. Rudolf Müller wollte nicht zweifeln; wollte glauben, trotz allem und allem ...

Das Wetter wechselte zwischen Sonnenschein und Regen, Schirokko und Tramontana. Von dem Lande jenseits der Alpen fuhr der Nordsturm brausend über Italien, schneidend wie Schwertschlag, ein echter Germane, ein Barbar. Ein Wind war's, vor dem die Römer wie vor einem unwiderstehlichen Feinde die Flucht ergriffen, bei seinem Geheul bis ins Mark hinein erschauernd ...

»Przemysl, Österreichs stärkste Festung, gefallen!«

Das Telegramm, welches die Nachricht brachte, erregte einen Orkan von Begeisterung. Roms »Gasse« schwang die Trikolore, durchzog die Stadt zu Tausenden, von Tausenden jubelnd, johlend gefolgt. Dann kam der Tag der Palmen, an dem Jesus von Nazareth vom Volke Jerusalems mit Jubel und Jauchzen als Triumphator begrüßt wurde; von dem nämlichen Volk, welches dann dem Gottessohn sein: »Kreuzige! Kreuzige!« zuheulte. Judas ließ sich um dreißig Silberlinge erkaufen, wurde zum Ischariot und erhängte sich selbst. Du aber, Italien, standest da »hocherhobenen Hauptes«,

Roms Glocken wurden gebunden; in Roms Kirchen wurde für die Schuld und Sünde der Menschheit gebetet; wurde für den Gekreuzigten die Gruft bereitet und der tote Gottessohn, der als Menschensohn gelitten hatte, hineingelegt, von einem Lenz umblüht, von Kerzenschimmer umglänzt, und die Römer drängten sich wie gewöhnlich zu dem frommen Schauspiel, welches auch hier wieder, ach! nur ein Schauspiel war.

Am Gründonnerstag war Bismarcks Geburtstag. Geheimrat Kehr hielt im Palazzo Caffarelli die Gedächtnisrede, und wiederum erfüllte Bismarcks Größe die Seele aller Deutschen; wiederum fühlten sie seine Seele schwebend über dem bedrohten Vaterlande, gleich dem Geist über den tosenden Wassern, so daß das Fest zur Andacht wurde, zur Kirchenfeier.

Ein eisiger Sonntag brachte die Auferstehung des Herrn. Auch Italien schritt unaufhaltsam einem Ereignis entgegen, welches Italiens »Ostern« sein sollte: Bruch mit den Bundesgenossen, Kriegserklärung an Österreich-Ungarn, mit dem Deutschland sich eins fühlte, ein Bruderstaat ...

Als der Professor an diesem Ostersonntag zur Piazza Barberini wollte, fand er Truppen auf den Straßen; Truppen auf dem Spanischen Platz, auf der Spanischen Treppe; Truppen vor den Eingängen von Via Sistina und Via Gregoriana; Truppen vor den Zugängen zur Villa Malta.

Fürst Bülow mußte durch Truppen geschützt werden vor Roms Straßenpöbel, bezahlt von Frankreich, Rußland, England, welche stolzen Reiche durch ihre Agenten Roms Plebs kleiden ließen, damit dieser nicht in Schmutz und Lumpen für einen Bruch mit den Bundesgenossen, einen Krieg gegen Österreich-Ungarn demonstrierte und Deutschlands fürstlichem Botschafter, Italiens großem Freunde, einen Schimpf antat. Also tobte der süße Pöbel denn nur:

»Abbasso l'Austria! Abbasso la Germania! Evviva l'Italia! Evviva Savoja! Evviva la guerra!»

»Abbasso la Germania!«

Der Professor hörte das Geheul, und ihm war zumute, als gellte es durch sein Herz:

»Nieder mit dem Vertrauen! Nieder mit der Treue! Nieder mit dem Glauben! Nieder mit der Ehre und Würde eines Volks! Es lebe der Treubruch und der Verrat! Es lebe die heilige Selbstsucht!«

Da alle Wege durch Truppen versperrt waren, so kehrte er bei Capo le Case wieder um und versuchte über den Quirinal zur Via Quattro Fontane und nach Piazza Barberini vorzudringen, was ihm auch gelang. Er kam zu dem Palast des Königs. Auch hier eine Ansammlung, bekleidet und bezahlt von der Entente. Sie schrie nach dem König, und – König Vittorio Emanuele der Dritte, der Enkel eines andern, größeren Herrschers des nämlichen Namens, erschien, an seiner Seite die Königin, die Tochter der Schwarzen Berge, und an der Eltern Seite der Knabe, der dem Vater auf Italiens Königsthron folgen sollte. Derselbe König, der lieber zwölf Kugeln im Leib haben wollte, als sein Wort zu brechen, erschien mit Königin und Kronprinz auf das Gebrüll hin eines Haufens Bezahlter und Bestochener, die zu dem Monarchen aufheulten:

»Abbasso l'Austria! Abbasso la Germania! Evviva l'Italia! Evviva Savoja! Evviva la guerra!«

Und König und Königin grüßten herab; grüßten den bestochenen Gassenpöbel ...

Der Professor stand bei dem Brunnen, unter einem der hellenischen Rossebändiger, und schaute starren Blicks hinüber zum Königspalast. An der nämlichen Stelle hatte er gestanden, als nach der Thronbesteigung König Umbertos der deutsche Kronprinz den jungen Majestäten in Rom seinen Besuch abstattete. Auch damals drängte sich die Menge, darunter die besten Männer der Stadt. Auch damals trat auf den Balkon des Königspalastes ein Herrscherpaar heraus: der ernste Mann mit dem Königsblick, die holde blondhaarige Frau, Roms angebetete Königin Margherita. Neben den beiden ihr junger Sohn, Italiens Kronprinz. Und es stand dort oben der Gast aus dem Norden, Preußens Kronprinz, Deutschlands zukünftiger Kaiser, eine germanische Heldengestalt. Die Römer jauchzten ihm zu, wollten mit ihrem Jubel nicht enden; nicht enden, zu dem Herrlichen dort oben ihre Begeisterung emporbrausen zu lassen. Da nahm Kronprinz Friedrich Wilhelm den Knaben, ein unscheinbares schwächliches Kind, in seine Arme, zeigte den Römern ihren Kronprinzen, als wollte er ihnen durch den Knaben für ihre Huldigung danken lassen: »Seht den Erben von Italiens Thron und Krone! Seht Italiens Zukunft! Ich halte sie fest im Arm! So fest und so stark, wie Deutschland eurem Lande die Treue hält. Eurer glorreichen Zukunft, verkörpert in diesem Knaben, jauchzt zu, nicht mir!«

Aber der Römer Jubel galt der Gegenwart, die ihnen diesen Königsgast gebracht hatte: von Norden her, aus dem Lande der Barbaren, er selbst ein Barbar.

Jener unvergeßlichen Stunde gedenkend, war dem Alten zumute, als könnte das Ungeheuerliche, das er heute sah und hörte, nicht Wirklichkeit sein, sondern ein Traum, ein wüster, gespenstischer; als müßte ihm die Sonne des heiligen Tages das Erwachen bringen.

Wie schön wäre solches Erwachen gewesen! Auch dieses eine Auferstehung, ein Ostern.

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