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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Vierzehntes Kapitel

Bleibe solange wie möglich in der Villa Falconieri! Arbeite solange wie irgend möglich an deinem Bilde! Erlebe die Größe unsres Vaterlandes dort oben auf den lichten Höhen über dem Dunst der Tiefe, unter den Wipfeln der Steineichen, am Rande des Zypressenteichs: Bist du doch dort oben in Deutschland!«

So lautete jedes Schreiben aus Rom von Rudolf Müllers Tochter an den Vater; so bat Romana bei jedem Besuche ihren Vater, den der Stolz auf Deutschlands Herrlichkeit das greise Haupt höher tragen ließ, dem der Schmerz über Italiens »Neutralität« den Geist beugte. Ihm war zumute, als müßte er sich schämen und aus Scham sich verbergen: aus Scham über Italiens »Neutralität«.

Also blieb er dort oben, wo Roms erstickend schwüle Sommerluft linder wehte, der Erdenstaub nicht hinaufdrang, die Welt schöner war, und selbst der Schirokko, der Samum der Wüste, die Menschen nicht niederwarf.

Der auf des Künstlers Leinwand emporsteigende verderbliche Südwind hatte inzwischen die kriegführenden Reiche mit Tod und Grauen überzogen. Die Farbe war nicht schwarz, sondern rot, blutrot. Von der mit dem Blut der gefallenen Söhne aller Staaten überschwemmten Erde stieg es empor zum Himmel, welcher über Frankreich, Belgien und Rußland, über Elsaß und Ostpreußen in blutroten Flammen zu lodern schien wie bei Sonnenuntergang der Himmel Roms. Der Samum der Niedertracht, des Neides und Hasses raste von Westen und Norden und Osten her über die Reiche der Mitte. Es fehlte nur noch der Süden, um Deutschland und Österreich-Ungarn von allen vier Himmelsrichtungen aus zu überströmen mit einer Sturmflut von Grauenvollem und Gräßlichem, wie solche die Erde seit der Sündflut nicht erfahren hatte; diese war freilich von Gott gekommen, dem höchsten Richter über menschliche Schuld. Daß der Herr, unser Gott, auch jetzt seines Amtes ohne Erbarmen mit den Schuldigen nach seiner ewigen Gerechtigkeit walten möchte ...

Wenn Rudolf Müller, von seiner Arbeit ausruhend, auf seinen Streifereien über die in vollem Sommerglanz strahlenden tusculanischen Höhen Hirten und Landleuten begegnete, so ließ er sich, seiner Gewohnheit nach, gern mit dem Volk ins Gespräch ein; stets nur über die eine große Sache, den Krieg. Für das lateinische Landvolk bedeutete Krieg Verwüstung und Schrecken, Jammer und Not, davor alle guten Heiligen Italiens Volk in Gnaden bewahren mochten. Italiens Volk dachte noch immer an Adua, und Deutschland war für das Landvolk des alten Latiums noch immer das Land Bismarcks, dieses Gewaltigen, des Deutschen Reiches Schöpfers. Latiums Landvolk wußte nur wenig von Kaiser Wilhelm, dem Hort und Hüter des Friedens; wußte nur von dem Eisernen Kanzler, Deutschlands unsterblichem Ruhm; auch jetzt dessen Schutz und Schirm, Feldherr und Heerführer. Wenn es in dem Hohenliede der Deutschen hieß: »Deutschland, Deutschland über alles!« – so konnte Deutschlands Feldgeschrei jetzt auch lauten: »Bismarcks Geist über allem und allem!«

Der Sommer verging. Die ersten Regen kündigten den Herbst an. Der Vorbote des Winters kam jedoch in dieses Land nicht als schwermütiger Genius, sondern gleich dem Frühlingsgott, bekränzt die heitere Stirn und Blumen am Saum seines Gewandes, welches von glanzvoller Schönheit war.

Die braune Campagna ergrünte, als der Himmlische darüber hinwegschritt; die Dünste lösten sich, wogten und wichen; in dunklem Azur und lichtem Smaragd wölbte es sich über Rom; die etrurische Ebene lag bis zu den Grenzen Umbriens, der Meeresstrand bis gegen Civita Vecchia weithin ausgebreitet vor den staunenden Blicken Sor Rodolfos, der die römische Landschaft noch niemals in solcher Herrlichkeit erlebt zu haben glaubte, sie von den Terrassen der Villa Falconieri aus überschauend. Mit bloßen Augen erkannte er die Zypressen und Pinien der Villa Hadrians, den Rand des Sees von Bracciano und den Turm von San Michele bei der Tibermündung zwischen der Heiligen Insel und Ostia antica. Wie sollte er sich jemals von diesem Lande trennen können? Nur im Tode! Jetzt aber mußte er leben, um Deutschlands Sieg zu feiern: Deutschlands Sieg über alle seine Feinde. Und –

Ja, und er mußte erleben, daß Italien sich dennoch und dennoch als Deutschlands getreuer Bundesgenosse erwies. Man hatte es dem alten Herrn verschweigen können, daß Italien gleich bei Beginn des Krieges seine Truppen von der französischen Grenze zurückgezogen, und daß dadurch, da Frankreich seine Heere von der italienischen Grenze hatte zurückziehen können, die Schlacht an der Marne für Deutschland verloren gegangen war.

Von Heinrich Weber kam ein Brief mit der Mitteilung, es sei ihm gelungen, in den Heeresdienst aufgenommen zu werden: er gehe zur Ostarmee. Das Schreiben war eine einzige Dithyrambe auf Deutschlands unbesiegbare Herrlichkeit. Etwas später, bereits vom Kriegsschauplatz aus, gelangte von ihm ein Schreiben an Romana; seltsamerweise ein Sonett, in der ersten Hälfte von Michelangelo, an dessen Seelenfreundin Vittoria Colonna gerichtet, der Schluß war eigene Dichtung. Das Ganze lautete:

»Von eines Menschen Form den Geist erfüllt.
Beginnt, was vor den innern Blick getreten,
Der Künstler als ein erst Modell zu kneten
In schlechtem Ton, der kaum die Form enthüllt.

Doch dann in Marmor, langsam. Schlag auf Schlag,
Lockt die Gestalt der Meißel aus dem Steine,
Damit sie rein, wie er gewollt, erscheine,
Und nun beseelt, erblickt sie so den Tag.

So ich, wie ich zuerst war; ganz mein eigen.
Dann fand ich – sie und wähnte durch mein Lieben
Als höhrer Mensch und Künstler mich zu zeigen.

Zertrümmert liegt, von eigner Hand zerschlagen,
Wodurch ich glaubte, daß ich wär' geblieben
In meiner Liebe bis zu fernsten Tagen.

Besiegt zwar, werd' ich doch den Lorbeer tragen:
Die Todeswunde für das Vaterland,
Als blut'ger Kranz geschenkt von Feindes Hand.«

Unter dem Gedicht in wenigen Worten die rechtskräftige Bestimmung, daß der Marmor »Die Madonna mit dem Kinde« aus des Künstlers Hinterlassenschaft an Rudolf Müllers Tochter übergehen sollte.

Nach diesem hörten die Freunde nichts mehr von Heinrich Weber.


Auf den Hängen der Albanerberge flutete der Strom der herbstlichen Weingefilde in breiter goldiger Woge zu Tal; auch nach Frascati brachten Ochsengespanne in mächtigen Kufen die heilige Bacchusfrucht zur Kelter. Diese befanden sich in den grottenähnlichen Lagerhäusern der Weinbauern, und es quoll daraus hervor, bis auf die Gasse hinaus: rot, blutrot! So, gerade so floß das Blut der blühenden Jugend aller wie im Wahnsinn einander sich mordenden Völker in Strömen durch die Lande und färbte die Erde mit der Purpurfarbe der Kaiser und Könige. Für Italien jedoch war die rote Flut lediglich ein Symbol; denn Italien blieb – »neutral«.

Als das Gold der Rebenfelder vergilbte und abfiel, der Monte Cavo und die Berge des wilden Algidum im Scharlach ihrer herbstlichen Kastanienwälder erglühten, hatte Rudolf Müller sein großes Gemälde für den Kaiser vollendet und verließ des Kaisers Haus, erbaut auf den Stätten des großen Schweigers und Feldherrn Lukull und des Marcus Tullius Cicero.

Des Kaisers Haus wurde geschlossen, und es lag darüber eine Schwermut ausgebreitet, als sollte es niemals wieder geöffnet werden, um in seinen Sälen ausruhenden Gelehrten und schaffenden Künstlern Asyl und Werkstatt zu gewähren.

Niemals wieder geöffnet –

Doch das war lediglich die schmerzlich erregte Phantasie Rudolf Müllers, die ihm diesen Gedanken eingab, hervorgerufen durch die Wehmut des Scheidens. Seit einiger Zeit fühlte er mehr und mehr, daß er ein alter Mann war, und für solchen konnte ein »Niemalswieder« nur zu leicht möglich sein ...

Romana empfing ihren Vater an der Bahn, und kaum hätte der Alte sie wiedererkannt. Ihr Gesicht trug die Spuren eines qualvollen Seelenleidens; aber es war ein fast schönes Frauenantlitz geworden: schön im Ausdruck tiefer Ruhe und stiller Kraft. Es war das Gesicht einer Frau, welche die Prüfung bestanden und das Leben auf sich genommen hatte, um es hinfort nicht mehr für sich selber zu leben, sondern für ihren jungen Sohn und ihren alten Vater. Für beide mußte sie stark sein.

Um den Heimgekehrten auf die neuen Verhältnisse vorzubereiten, sagte sie ihm gleich nach der ersten Begrüßung:

»Du wirst in Rom manches sehr anders finden als du erwartest.«

»Du scheinst mich auf etwas vorbereiten zu wollen?«

»Das will ich auch.«

»Was ist es?«

»Du wirst in Rom überall Plakate und Blätter sehen, grelle, bunte, widerliche, darauf den Römern die Untaten der deutschen Barbaren geschildert werden.«

»Der deutschen Bundesgenossen? Und diese begingen Untaten?«

»In Belgien an Gefangenen; an Frauen und Kindern.«

»Die Deutschen Untaten an Frauen und Kindern?«

»So wird es in ganz Italien in Tausenden und Abertausenden von schändlichen Illustrationen verbreitet.«

»Aber doch voller Empörung als schändliche Verleumdung erkannt und gegeißelt?«

»Von ganz Italien als heilige Wahrheit geglaubt.«

»Unmöglich! Unmöglich!«

»Voller Hohn und Haß geglaubt.«

»Voller Haß? Italien voll Haß auf uns?«

»Mein guter Vater –«

»Lüge, Verleumdung!«

»Du wirst Postkarten sehen – du kannst sie in jedem Tabakladen für zehn Centesimi kaufen – mit den nichtswürdigsten Karikaturen der Kaiser von Österreich und Deutschland; mit den abscheulichsten Schmähungen deutschen Wesens ... Ich mußte es dir sagen. Wir müssen stark sein, mein Vater.«

»Sprich weiter. Sage nur alles.«

»Du wirst Flugblätter ausrufen hören: Siege Frankreichs, Englands, Rußlands – Niederlagen Deutschlands und Österreich-Ungarns.«

»Lüge! Lüge!«

»Gewiß; aber –«

»Aber?«

»Die Lüge wird in Rom und ganz Italien geglaubt; mit Jubel und Frohlocken geglaubt. Hörst du also den Jubel, so denke an die Lüge. Lies sie nicht, weder in den Zeitungen noch in den Gesichtern der Römer. Sei stark, mein Vater. Wenn es auch nur wir sind: wenige Deutsche in Rom; und wenn uns auch das Herz bricht, so wollen wir uns den Römern gegenüber doch stark zeigen. Ja, und stolz.«

»Stolz als Barbaren?«

»Stolz als Barbaren und Hunnen.«

»Das uns! Das uns von Italien!«

So wußte Rudolf Müller es denn. Aber auch er trug sein Haupt hoch; auch er war stark und stolz. So stolz war der alte Herr, wie noch niemals in seinem Leben: stolz als deutscher Barbar, Hunne und Unmensch. Bei den Briefen seiner verstorbenen Frau lag das Eiserne Kreuz aus den Jahren deutschen Ruhmes 1870 – 71. Das Kreuz holte er wieder hervor, legte er wieder an. Mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust ging Rudolf Müller erhobenen Hauptes durch Rom, vorüber an den verlogenen Anzeigen von Siegen der Feinde Deutschlands; vorüber an den schändlichen Schilderungen deutscher Untaten, den Verzerrungen deutscher Art, den Karikaturen seines Kaisers; vorüber an den Gruppen der die Niederlagen Deutschlands bejubelnden »Bundesgenossen«. In den Augen des Alten leuchtete ein Funke jener Flamme, welche die Herzen aller Deutschen in Brand gesetzt hatte. Es war heilige Glut.

Das mögt ihr wissen, ihr, die ihr Deutschland überfallen habt wie eine Bande von Wegelagerern und Meuchelmördern, Wisset es!


In seinem Hause sah der Professor nur heitere Gesichter. Tante Minchen war ganz treue Schwesterliebe und strahlende Siegeszuversicht. Was Dame Filomena betraf – Selbst diese bedeutende Persönlichkeit zeigte in dieser schwersten aller Zeiten ihrer deutschen Herrschaft, daß der schöne Ausdruck »famiglia« auch dieser Dienerin als Ehrenname gebührte. Ohne ein kränkendes Wort für die eigenen Landsleute zu haben – ein solches durfte in dem Hause des Professors auch jetzt nicht gesprochen werden – , schien sie, die Tochter der Sabina, mit Leib und Seele eine gute Deutsche zu sein. Ja, ihren begeisterten Reden über Deutschlands einige Größe nach zu urteilen – mit welchem Pathos, welcher Geste vorgetragen! – hätte sie sogar eine Landsmännin ihrer Konkurrentin in der Herrschaft des Hauses Müller sein und aus Naumburg an der Saale stammen können.

Am verklärtesten jedoch war Tante Minchen jeden Donnerstagnachmittag. An diesem Tage fanden nämlich in Roms »Rosenvilla«, dem römischen Hause König Ludwigs des Ersten von Bayern – jetzt dem Fürsten Bernhard von Bülow gehörend – die Teenachmittage der Fürstin Maria von Bülow statt, dieser wahrhaft fürstlichen Tochter Italiens mit dem für Deutschlands Recht und Ruhm schlagenden Herzen.

Welche Gäste aber waren auf diesen Donnerstagnachmittagen um die Fürstin versammelt? Deutsche Mädchen und Frauen! Was taten Wirtin und Gäste? Sie tranken Tee – natürlich. Und sie schwatzten dabei. Auch natürlich. Aber sie tranken und schwatzten nicht nur, sondern sie strickten: Wirtin und Gäste strickten in der Villa Malta jeden Donnerstagnachmittag Strümpfe, Leibbinden, Pulswärmer, Sturmhauben. Besonders Strümpfe, Strümpfe zu vielen Dutzenden für Deutschlands Helden im Norden, im Westen und Osten. Die große Halle in Villa Malta füllten die guten hilfreichen Frauen. Sie saßen auf der Diele, auf dem oberen Umgang, auf der Treppe. Jawohl! Selbst auf den Treppenstufen saßen sie, strickten, strickten, strickten bei Tee und Kuchen und belegten Brötchen, Fürstin Maria mitten darunter. Wenn sie bei ihrem Stricken Zeit fanden zum Schwatzen, so war es von Deutschland, vom Vaterland. Da war nicht ein einziges Frauenherz, das nicht stolz und stark schlug, das nicht unerschütterlich glaubte an Deutschlands endgültigen Sieg über alle seine Feinde.

Dann stimmte wohl die eine oder die andere einen Gesang an: ein deutsches Lied. Das klang hinaus aus dem Hause, hin über Rom, ein Sang glühender Begeisterung, unerschütterlicher Zuversicht. Rom hätte das Lied der deutschen Frauen hören können; hätte darauf lauschen müssen in schweigender Achtung vor dem deutschen Geist, der sich nicht brechen, nicht einmal sich beugen läßt: nicht durch eine Welt von Feinden!

Hörst du das, Rom? Hörst du das, du von den Deutschen, geliebte Stadt? Hörst du das, Italien, du von den Deutschen geliebtes Land? Einstmals geliebte Stadt; einstmals geliebtes Land

Wer bei den Donnerstagen der Fürstin Bülow am allereifrigsten strickte, am zuversichtlichsten von Deutschlands Sieg sprach, am begeistertsten deutsche Lieder sang, war das kleine rundliche Tante Minchen, welches, obgleich länger als dreißig Jahre am Tiberufer lebend, den Dialekt ihrer lieben Heimat sorgsam bewahrt hatte und zu dem heimatlichen Dialekt das ehrliche deutsche Gemüt.

Aber auch das war nur etwas durchaus Natürliches, wie alles, was von deutscher Art gut und echt, wahrhaft und wehrhaft ist.

Auch das höre, Rom! Italien, höre es!

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