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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Zwölftes Kapitel

Heinrich wollte zu Fuß nach Hause – Nicht doch! Nach Rom wollte er zu Fuß zurückkehren. Der Schnellzug nach München fuhr erst nachts nach zehn Uhr ab, und jetzt war es noch nicht acht. In zwei Stunden konnte er die Piazza delle Terme erreichen. Er konnte diese letzten Stunden nicht feierlicher verbringen, als mit einer Wanderung durch die in Dämmerung und Dunkel sinkende Campagna. Das würde ein Abschied von dem so heiß geliebten Lande sein, wie er schöner nicht zu denken war. Also begab er sich von dem hochgelegenen Telegraphenamt, an dem Palast vorüber, den Napoleons bestrickend schöne Schwester Pauline als Fürstin Borghese bewohnt hatte, zur Stadt zurück und unterhalb der Terrassen der Villa Torlonia durch die Ulmengänge der Passeggiata auf die römische Landstraße. Nur die Erhabenheit der Landschaft wollte er empfinden und konnte doch den Gedanken nicht gebieten, durch sein Hirn zu kreisen. Er gedachte der Stunde mit dem ehrwürdigen Freunde am Zypressenteich der Villa Falconieri und wie ihm dieser letzte Tag den Abschied von allem gebracht hatte: von der Hoffnung auf Leben, Liebe, Künstlerruhm und jenem Mystischen, von den Menschen Glück genannt. »Glück!« Vor ihm lag nur noch des Menschen letzte Hoffnung, der Tod. Allerdings war es für ihn die Hoffnung eines Todes für das Vaterland, also eine Hoffnung, wie sich solche glorreicher für einen Sterblichen nicht erfüllen konnte ...

Von den bacchischen Gefilden Frascatis stieg Heinrich hinab in Roms Totenland, aus purpurner Dämmerung hinein in Nacht. Oft war er dieselbe Straße gewandert, entweder allein oder mit guten Gesellen. Wie jung sie damals waren! Wie sie ihre Jugend genossen hatten! Wie Roms Landschaft genossen! Es war doch etwas Schönes um solch überströmendes Künstlerleben. Deutsche Lieder hatten sie gesungen: in Roms Campagna! Das war nicht gerade geschmackvoll; aber die Deutschen taten es nun einmal nicht anders. Sie wollten in fremden Landen ihr deutsches Bier haben, ihr deutsches Lied und ihre deutsche Gemütlichkeit.

Auch Kriegslieder hatten sie gesungen: Körners Reiterlied, Die Wacht am Rhein, das »Morgenrot, Morgenrot«, und: »Ganz Deutschland muß es sein!«

Durch ganz Deutschland würden jetzt die deutschen Lieder brausen und die ganze Welt würde davon donnern und dröhnen wie von Deutschlands Kanonen, wie von Deutschlands Jubelruf: »Sieg! Sieg!« Sieg der gerechten Sache über Niedertracht, Neid und Haß. Daß er jemals diese Straße wandern würde mit solchen Gedanken –

Als er das erste Mal durch das Land strich, nicht auf gebahntem Wege, sondern von der Appischen Straße aus querfeldein über die Steppe den tusculanischen Höhen entgegen, verfolgte ihn ein Rudel jener großen weißen Wolfshunde, von jedem Campagnawanderer gekannt und gefürchtet. Sie umrasten den Einsamen mit heiserem Geheul, sprangen ihn an, schienen ihn lebendigen Leibes zerfleischen zu wollen. Er aber war wehrlos, hilflos. Endlich ward ihm die Sache zu toll, und er begann auf die wütenden Bestien dreinzureden: Was ihnen einfiele? Ob sie glaubten, einem harmlosen deutschen Gast ungestraft derartig bestialisch begegnen zu können? Und so weiter, eine donnernde Philippika, eine machtvolle Rede Ciceros, in dessen tusculanischem Villenbezirk er sich gerade befand. Und die Bestien hörten wahr und wahrhaftig auf ihn, zogen knurrend mit eingezogenen Schwänzen davon. Den sanften Predigten des heiligen Franziskus hatten die Vögel des Waldes gelauscht, dem Redeschwall des damals blutjungen deutschen Künstlers hatten die römischen Wolfshunde Ehrfurcht erwiesen, und lachend war der sonderbare Heilige seines Wegs weitergewandert. Das war sein erster Campagnagang gewesen, an den er heute abend denken mußte.

Und jetzt? Nach Jahren?

Das letzte Mal auf der nämlichen Straße war er an der Seite seiner Frau im Wagen gefahren. Auch damals kam er von dem Zypressenteich der Villa Falconieri nach einer ernsten Stunde mit dem Freunde, nach einer »Weihestunde«, wie der alte Idealist sie genannt hatte. Auch damals brach die Nacht herein. Aber damals war es Frühling gewesen.

Gewesen ... Wenige Worte der Sprache hatten solchen Klang. Das war nun alles eben – gewesen.

Jeder Stelle des Weges erinnerte sich der nächtliche Wanderer. Bei den Ruinen von »Roma Vecchia« hatte er zu seiner Frau dieses, bei jener einsamen Zypresse nahe der Osteria von Mezza Via jenes gesprochen. Als sie durch den gewaltigen Torbogen der Acqua Felice fuhren, war an ihrem Gefährt das Auto der Marchesa Margherita di San Silvestro vorübergesaust, die jetzt nach dem Tode ihrer Tochter auf ihrem Kastell in den Lateinischen Sümpfen in Irrsinn verfallen sein sollte. Damals war sie elegant und strahlend, in Veilchen von Tusculum eingehüllt gewesen und der große Dichter Mario Mariano hatte sie sich als Opfer erkoren: als Opfer nicht seiner Leidenschaft, sondern seiner Spekulation.

Vorüber, ihr Gestalten! Vorüber!

Auf das Todesschweigen des großen Leichenfeldes folgte die häßliche Vorstadt mit ihrem nächtlichen Gewimmel und Getöse, dem scharfen Geruch von Fischen, ranzigem gesottenem Öl, von Gebratenem und Gebackenem. Gassenjungen schrieen ein Extrablatt aus: »Glorioser Sieg der Franzosen, Belgier und Engländer über die Deutschen!« Das Volk riß sich um die Blätter. Da nur wenige lesen konnten, wurde die aufregende Neuigkeit dem Volk von irgend einem Wissenden pathetisch vorgetragen. Sie flog von Mund zu Mund. Das Volk der Gasse schrie, heulte, jubelte. Es jubelte! Roms Volk jubelte über die Niederlage der deutschen Bundesgenossen ... Roms Volk? Nicht doch: Roms Pöbel war's, die ewige Plebs der Ewigen Stadt. Heinrich hörte die Botschaft von dem Siege der Feinde, doch ihm fehlte der Glaube.

Auf dem Bahnhof erwartete ihn die Magd mit seinem Gepäck. Er sagte ihr:

»Es ist gut. Du kannst wieder gehen ... Was willst du noch?«

»Kommt der Herr diese Nacht nicht mehr nach Hause?«

»Nein.«

»Soll ich der Frau von dem Herrn etwas ausrichten?«

»Nichts.«

»Daß der Herr diese Nacht nicht wiederkommt?«

»Ich reise noch diese Nacht.«

»Keinen Gruß vom Herrn?«

»Du kannst gehen.«

Er warf der Person ein Geldstück zu. Gierig griff sie danach. Sie trat Heinrich näher, raunte ihm zu:

»Wenn der Herr wissen will –«

»Ich will nichts wissen.«

»Ich könnte dem Herrn sagen –«

»Fort mit dir!«

Er hätte das Weib am liebsten mit dem Fuß fortgestoßen wie ein ekelhaftes Insekt: die Kupplerin!

Die Magd ging, keifend und grinsend zugleich. Auch das war abgetan.

Heinrich wartete auf den Abgang des Zuges nach Florenz – Bologna – Bozen.

Schon dort war Heimatland!

Auf dem Bahnsteige drängten sich die Reisenden, darunter viele Bekannte, Deutsche, die der Heimat zueilten. Der Zug stand zur Abfahrt bereit; aber niemand durfte einsteigen. Man wartete und wartete. Plötzlich hieß es: auf der Linie sei eine Verkehrsstockung entstanden und das Geleise werde erst um Mitternacht frei sein. Also wartete man geduldig bis Mitternacht, Das heißt: geduldig warteten die römischen Reisenden; den Deutschen brannte der Boden unter den Füßen, der sonst so geliebte römische Boden, der für viele Deutsche heiliges Land war.

Heinrich hielt es auf der Station nicht aus. Auch nicht bei seinen Landsleuten, so sehr er mit diesen als ein Volk von Brüdern sich fühlte. Aber die Verheirateten unter ihnen wurden von ihren Frauen begleitet und das war mehr, als er in dieser Stunde ertragen konnte. Er trat daher hinaus auf den Platz vor den Diokletiansthermen, auf dem sich das Denkmal – eine kleinliche Pyramide – der bei Adua von wilden Horden Gemordeten erhob.

Wilde Horden sollten – so hieß es – Engländer und Franzosen gegen die Deutschen loslassen. Nicht getötet, sondern geschlachtet sollte Deutschlands blühende Jugend werden. Heinrich stand vor dem Monument und grüßte Italiens Opfer mit abgezogenem Hut. Dann schritt er vorüber.

Auf und ab schritt er auf dem wohlbekannten, mit japanischen Fliederbäumen bepflanzten Platz, den jeder von Deutschland Kommende mit stiller Inbrunst begrüßte: »Rom! Du bist in Rom!« Goethe hatte seinen Einzug durch die Porta del Popolo gehalten, fühlte sich dann erst Roms sicher. Der Moderne mußte sich von seinem Glück: Roms sicher zu sein, auf diesem Platz durchdringen lassen ...

Um Mitternacht kehrte Heinrich auf die Station zurück. Noch immer harrte alles der Abfahrt. Endlich erfuhr man: der Zug könne erst am Morgen abgelassen werden. Die meisten kehrten daher um, zurück in ihr Heim, Heinrich wurde gefragt:

»Sie gehen doch auch wieder nach Hause, zu Ihrer Frau?« »Auch ich gehe wieder nach Hause.«

Nach Hause ... Zu seiner Frau –

Wohin sollte er, der kein Zuhause und keine Frau mehr besaß?

In den ersten besten Gasthof, nahe der Bahn.

Nur durfte ihm auf dem Wege dorthin kein Bekannter begegnen; er wäre dann auf einer Lüge ertappt worden: ertappt auf der Lüge, daß er noch ein Haus besaß, noch eine Frau –

Also wartete er, bis die Menge sich verlaufen hatte und der Platz öde dalag. Dann wollte er gehen, um für die Nacht eine Unterkunft zu suchen: irgend eine. Einige Stunden der Ruhe taten ihm not. Zufällig faßte er in seine Tasche und fühlte etwas Hartes, Eisernes. Ein Schlüssel war's, der Schlüssel zu seiner Wohnung.

Was überkam ihn plötzlich? Doch nicht etwa Sehnsucht? Der leiseste Anflug von Sehnsucht wäre Schwäche, Feigheit gewesen! Wie aber, wenn er sich heimlich, ganz heimlich in seine Wohnung schlich? Niemand würde ihn sehen. Sie würde in tiefem Schlaf liegen. Er konnte sich in ihr Schlafzimmer schleichen, in dem jede Nacht ein Lämplein brannte: vor einem Madonnenbild, und er würde – Noch einmal sie sehen würde er! Sie war im Schlaf so himmlisch schön und – Nur noch einen allerletzten Blick auf ihre in Schlaf gesunkene Schönheit, und dann –

Und dann wieder hinausgeschlichen, von keinem Auge gesehen; von ihr in ihrem Schlaf, ihrem Traum, nicht geahnt.

Und plötzlich mußte Heinrich Weber erkennen, daß er dieses Weib nicht nur immer noch liebte, sondern auch, daß er heimlich gehofft hatte, sie werde auf die Bahn kommen, um von ihm Abschied zu nehmen: letzten, ewigen Abschied!

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