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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Siebentes Kapitel

Die Scharen der Nebelgeister umkreisten das hohe Haus über den Sümpfen am Meeresstrand. Sie schienen in das Gebäude eindringen zu wollen, um sich daraus einen Gefährten zu holen, wallten und wogten hin und her, schienen zu winken, zu locken:

»Komm doch! So komm doch!«

Und das Kind, hätte es die Geistersprache verstanden, würde geantwortet haben:

»Ich komme. Wartet nur, ich komme. Bald, bald ...«

Über Nacht hatte die Marchesina das Fieber bekommen. Nicht das gewöhnliche, schleichende, langsam zehrende, sondern das tödliche, die Perniciosa.

Wie war es möglich gewesen? Bis zu der Höhe des Felsenhauses gelangte die furchtbare Fliege mit ihrem Seuche und Tod bringenden Gift nicht. Die verzweifelnde Mutter fragte es jeden. Sie fragte in wildem Aufschrei Gott und fragte die Mutter des Heilands, Maria zur Göttlichen Liebe, der sie die Wallfahrt gelobt hatte, wenn – er kommen würde. Keiner konnte der Verzweifelnden Antwort geben. Die alte Kammerfrau hätte es können; denn sie fand das feuchte, wie von Regen durchnäßte Nachtgewand des armen Kindes; aber dieses hatte mit solcher flehentlichen Gebärde ihr Händchen auf die Lippen gelegt – sprechen konnte es nicht mehr – daß die Getreue Schweigen versprach: Verschweigen. Und nun lag das Kind still und weiß mit geschlossenen Augen in seinem Bettchen.

Das ganze Haus war Jammer und Leid; denn – Wie war es nur möglich gewesen? Des Hauses Liebling, das lichte, leuchtende Kind, das gestern noch in jungem Leben blühte, heute plötzlich welkend; heute schon eine geknickte holde Menschenblume –

Ein Bote sprengte zum Arzt nach Porto d'Anzio, ein weiter Weg, durch Wildnis und Sumpfland. Vor sechs Stunden konnte der Mann nicht dort sein, hetzte er auch das Pferd halb zu Tode. Und bis er den Arzt fand, bis dieser kam! Er mußte kommen; mußte helfen, retten!

Ein zweiter Berittener mußte den Priester holen: von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe am Fuß der Albanerberge. Auch dieser Weg war weit über Steppe und durch Buschwald.

Der zweite Bote wollte Herr Mariano sein. Er tat es nicht anders. Er selbst wollte den Geistlichen holen und mit diesem zurückkehren zu ihr, die eine Todkranke war, aber keine Sterbende sein durfte. Kein anderer würde den weiten Weg in so kurzer Zeit zurücklegen; kein anderer so schnell wiederkehren.

Die Mutter dankte ihm. Sie sprach nicht. Nur die Hände erhob sie zu ihm, ihre, ach, so hilflosen Mutterhände, die nur beten, nur danken konnten.

Als die beiden Boten fort waren, wurde es ruhiger in dem Hause, in das die gespenstischen Nebelgestalten gewaltsam einziehen wollten. Man verschloß vor ihnen Tor und Tür. Und man verschloß vor den alles durchdringenden Sonnenstrahlen die Fensterläden, daß zu dem Schweigen im ganzen Haufe tiefe Dämmerung herrschte ...

Bei der Kranken weilte die Mutter. Sie allein. Selbst die alte Getreue hatte sie hinausgeschickt. Keine Seele sollte um sie sein. Nur wenn er dagewesen wäre –

Doch auch nicht er. Denn sie war über Nacht eine alte Frau geworden. Auch er durfte sie nicht sehen. Sie hatte sich ankleiden müssen, frisieren, pudern, schminken. Aber selbst die Schminke würde nicht geholfen haben, vor ihm zu verbergen, daß sie über Nacht plötzlich eine alte Frau geworden war und dann – Ja, und dann wäre es mit allem aus und vorbei gewesen. Aus und vorbei! Aus und vorbei! Zusammengekauert saß sie an dem Lager ihrer Tochter, starrte auf sie hin, wollte beten, wollte die Gottesmutter um Barmherzigkeit anrufen, murmelte:

»Aus und vorbei! Aus und vorbei!«

Aus Barmherzigkeit –

War es nicht das Wort gewesen, das er in der Nacht zu ihr gesprochen hatte? »Aus Barmherzigkeit!« Es war solch heiliges Wort und war für sie solch furchtbares Wort geworden; ein tödliches, ein mordendes Wort, von ihm gesprochen zu ihr. Aus Barmherzigkeit hatte er sie bisweilen – nur bisweilen! – in seine Arme genommen, sie bisweilen geküßt, und um Barmherzigkeit wollte sie in ihrer Sünden Übermaß die Gottesmutter anrufen, zu deren Heiligtum sie zu pilgern gelobt auf bloßen Füßen, durch Disteln und Dornen, im Sonnenbrand. Und jetzt –

»Aus und vorbei! Aus und vorbei!«

Er selbst war geritten, den Priester mit dem Sakrament zu holen; er selbst wollte den Ehrwürdigen herbringen. Er würde zurückkehren; würde mit ihr, die sich alsdann aufgerafft hatte und wieder menschlich geworden war, am Bette des Kindes wachen und warten. Worauf? Auf ein Wunder. Noch immer konnten Wunder geschehen; konnte der Himmel ein Wunder geschehen lassen. Sie mußte darum nur beten. Aber –

»Aus und vorbei! Aus und vorbei!«

Wie toteneinsam es um sie war. Und diese Stille! Grabesstille war's. Immerhin – das Kind atmete noch, lebte also noch. Wenn es auch so regungslos dalag, als wäre es bereits –

Unterhalb des Burgfelsens hatten sich die Hörigen versammelt, eine Gemeinde schwankender Gestalten mit fahlen Gesichtern und tief in den Höhlen liegenden Augen, darin das Fieber brannte. Es war ein getreues Volk. Seit Jahrhunderten getreu einer Herrschaft, die sich um sie kaum kümmerte, die jedoch – eben die Herrschaft war, für die schon vor Jahrhunderten die Ahnen dieser Aussterbenden elend gelebt hatten und elend gestorben waren, getreu bis zum Tod. Jene kleine Schar Übriggebliebener waren die letzten.

Sie standen beisammen, schauten zu dem hohen Hause hinauf, wagten nicht zu fragen, warteten auf Arzt und Priester. Wenn der Ehrwürdige mit dem höchsten Heiligtum kam, würden sie sich zu Boden werfen und flehende Hände erheben...

Auch die Mutter wartete. Wie die Stunden schlichen! Die Sekunden schienen zu Minuten zu werden. Mittag! Um aller Heiligen willen, erst Mittag! Die Sonne stand auf ihrer Höhe, die Gluten drangen durch das mächtige Mauerwerk und erfüllten das totenstille Haus mit erstickender Schwüle. Es drangen die Strahlen durch die Lücken der Läden und zeichneten eine neue Geisterschrift auf die Fliesen und an die Wände, flimmernd und funkelnd, gelb und grell.

Sie zeichneten das Antlitz der neben dem Lager der Tochter knieenden Frau, malten geheimnisvolle Zeichen auf das Bett, auf die über der Decke gefalteten schmalen blassen Hände, auf die weiße Stirn. Gewiß war der himmlische Glanz für die Sterbende auch eine Weihe ...

Jetzt konnte der Bote in Porto d'Anzio angelangt sein! Die Stunden schlichen und schlichen und jede Minute längeren Harrens war verlängerte Qual.

Abend!

Die Geisterschar, die das Tageslicht vertrieben hatte, quoll von neuem empor, umzog das hohe Haus, wallte und wogte, wollte eindringen; wollte die Gefährtin holen, das Opfer. Blutrot glitt die große Flammenscheibe ins Meer. Seltsam, daß die Wellen unter gewaltigem Brausen nicht aufsprühten, als die Gluten darin versanken.

In dem Hause der qualvoll Harrenden wich die Dämmerung der Dunkelheit. Sie war so schwarz! Im Grabe mußte solche Dunkelheit sein! Nur das Bettuch gab einen Schein, der über die leise atmende Brust, die gefalteten Hände hinleuchtete. Und es leuchtete das holde Gesicht mit den geschlossenen Augen ...

Die alte Dienerin wagte sich herein. Sie entzündete das Lämplein vor dem Bildnis der himmlischen Jungfrau, die in der vorigen Nacht des Kindes Seligkeit mit angesehen hatte, die in dieser Nacht den Blick unverwandt auf die Sterbende richtete. Gern hätte die Alte vor dem heiligen Bildnis geweihte Kerzen angezündet, die sie von dem Altar der Kapelle über der fürstlichen Gruft hätte nehmen müssen. Aber dafür war es noch nicht Zeit. Geweihte Kerzen brannten an dem Lager einer Toten, und noch war atmendes Leben in der regungslosen lilienhaft holden Gestalt.

Also noch Hoffnung.

Der Arzt!

Es war bereits tiefe Nacht und der Mond aufgegangen. Gleich einer Flamme sprang das Himmelslicht aus dem Haupt des Monte Cavo.

Der Arzt war ein alter Mann, der Legionen Fieberkranker, von der Seuche des Landes Befallener, hatte sterben sehen, ohne helfen zu können. Er sah auch hier auf den ersten Blick, daß ärztliche Kunst nichts mehr retten konnte. Als die neben dem Lager ihrer Tochter kauernde Mutter des Mannes Kommen gehört hatte, war sie aufgefahren: Gewiß war es der Priester, und zugleich mit dem Priester kam er. Sie mußte – Was mußte sie doch gleich tun, sobald er zurückkam? Sie hatte es vergessen; hatte vergessen, daß sie über Nacht eine alte Frau geworden war...

Des Arztes Blick sagte es der Mutter; denn sprechen konnte er nicht, als er das Kind in all seiner Lieblichkeit sah. Also keine Hoffnung? Sein Blick erwiderte: Keine! Dann fragte er, ob er bei der Mutter bleiben und mit ihr wachen dürfte, bis – der letzte Augenblick kam?

»Nein.« War das ihre Stimme gewesen? Eine Fremde mußte gesprochen haben, mit heiserem hartem Ton. Das Wort war wie ein Röcheln gewesen.

Die harte heisere Stimme gab der Kammerfrau den Befehl, für den Arzt zu sorgen. Beim Gehen wandte er sich und sagte – Was sagte der Mann? ... In der Welt draußen war etwas geschehen, etwas Furchtbares, Fluchwürdiges: ein Königsmord ... Was ging das die Mutter der Sterbenden an? Etwas Furchtbares geschah jetzt ... Jener Mord, jener Königsmord – Nun ja, sie waren eben tot, Gatte und Gattin zugleich, Österreichs Thronfolger und seine Gemahlin! Weshalb sollten solche Leute nicht auch sterben; nicht auch gemordet werden? ... Schon vor einer Woche war es geschehen, die ganze Welt befand sich in wildem Aufruhr und hier wußte man nichts davon? ... Nichts! Die Bewohner des Felsenhauses am Meeresstrand schickten schon seit längerer Zeit keinen Boten nach Ardea, um von dort die Post zu holen. Es befand sich im Schloß ein Gast, der es so befohlen hatte. Im Augenblick war er gerade abwesend, um von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe den Priester zu holen. Er mußte im Augenblick zurückkommen ... Jawohl: im Augenblick!

Also der Thronfolger mit seiner Frau ermordet? Und die ganze Welt deswegen in Aufruhr? Mochte sie es sein! Es gab noch Gräßlicheres, noch Grauenvolleres auf der Welt. Sie mußte es noch einmal sagen: Weshalb sollten Könige und Thronfolger nicht auch gemordet werden? Immer und immer wurde auf der Welt gemordet. Die ganze Welt war getränkt von dem Blute der Gemordeten. Vernichtetes Glück und zerstörtes Leben waren auch Mord. Und Mord war verratene Liebe; war ein gebrochenes Frauenherz. Was also kümmerte sie die Mordtat von Sarajevo?

Der Arzt ging. Dem Manne war zumute, als hätte er die Reden einer Irren gehört. Ihm graute.


Keine Hoffnung, keine Rettung! Dabei mußte sie noch immer warten und warten. Aber jeden Augenblick mußte der Priester eintreffen, der dem sterbenden Kinde die letzte Hoffnung brachte: Vergebung ihrer Sünden, Verheißung ewiger Seligkeit ... Vergebung – göttliches Erbarmen – Verheißung ewiger Seligkeit – – Welch himmlischer Klang lag in den Worten! Es war doch himmlisch schön, daß die Kirche des gekreuzigten Gottessohns den Menschen ihre Sünden vergab und ihnen die ewige Seligkeit verheißen konnte. Der Priester von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe würde sie ihrem sterbenden Kinde bringen. Aber sie? Sie wartete, wartete: kam doch mit dem Priester auch ein anderer.


Der Priester!

Das Häuflein vor dem Schloß, das die halbe Nacht gewartet hatte, sank vor dem Ehrwürdigen, der das höchste Heiligtum brachte, auf die Kniee, hob flehende Hände zu ihm auf. Die Nebelgestalten umwallten die Lebenden wie Geister von Gestorbenen.

Geweihte Kerzen wurden gebracht und angezündet; von dem Geistlichen, der Dienerschaft und dem nachdrängenden Häuflein der Getreuen wurden Gebete gemurmelt: Sterbegebete ...

Allein war der Ehrwürdige gekommen, ohne den andern.

Er war von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe aus nach Rom zurückgekehrt.

Der Mord des österreichischen Thronfolgerpaars; die Greueltat, von gedingten Meuchelmördern an Italiens verhaßtem Erbfeind vollzogen, ließ Herrn Mariano seine Gläubiger nicht mehr fürchten.

Rom rief seinen Sänger, Italien rief seinen Apostel, das Vaterland, das heilige, bedurfte des erhabenen Dichters.

Er eilte zurück!

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