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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Zweites Kapitel

Endlich fand sie die Kraft, sich loszureißen; vielmehr, zu entfliehen. Von der mütterlichen Hinterlassenschaft, die sie zu einer der reichsten Erbinnen des Landes gemacht hatte, war ihr als Letztes ein kleines Besitztum geblieben, Es lag an der lateinischen Meeresküste, zwischen Porto d'Anzio und Ostia und bestand in einem über zyklopischen Unterbauten aufgeführten mittelalterlichen Kastell, nebst den Hütten einiger Hörigen inmitten von Wildnis und Sumpf: Fieberland! Der Marchese di San Silvestro führte gegen seine Gattin einen Prozeß, den zu gewinnen er sicher sein durfte. Die Tochter ließ er bei der Mutter. Seiner Geliebten wegen wäre dem Herrn die Anwesenheit des jungen Mädchens lästig gewesen. Einstweilen wenigstens.

Also folgte Nicoletta ihrer Mutter in eine Einsamkeit, die Einöde war. Überdies ein Seuchenherd. Allerdings lag das Haus, welches den stolzen Namen eines »Palazzo« führte, auf steil abfallendem Tufffels hoch über den Sümpfen. Diese waren im Frühling von schier unirdischer Schönheit. Ein Paradies war's, das die Hölle eines Siechtums verbarg, für das der Tod als Erlöser, als Wohltäter galt.

Rings um das Kastell des alten Fürstengeschlechts – die Marchesa war eine geborene Prinzessin Montalto – deckten Blütengefilde das Land, dem zur Sommerzeit die verderblichen Nebel entstiegen. In diesen Dünsten schwärmten die Moskitos, deren Stich dem Menschen das tödliche Gift einätzte. Gleich einem Symbol bestand der Blütenteppich aus Asphodelen, den homerischen Blumen des Hades, des Totenreichs der Antike. Aber Nicoletta bestaunte die rosigen, hyazinthenähnlichen Dolden, die sich aus dem bläulichen Blattwerk erhoben, Stengel an Stengel. Bis zu dem gelben Gestade, bis zu der glanzvollen Meeresflut ergoß sich der Rosenschimmer der Asphodelenblüte. Kleine vergißmeinnichtblaue Falter flatterten darüber hin in solchen Mengen, daß sie einem hin und her wogenden Gewölk glichen. Blaudrosseln mit strahlendem Gefieder stiegen daraus empor und erfüllten mit ihrem flötenden Gesang die Lüfte: das Totenland war um die wonnige Zeit des Frühlings eben Märchenland, in dessen blühende Wunder die Tochter der unseligen Frau mit hellem Jubel sich stürzte. Ihr bis zur Brust stieg die Asphodelenflut. Die blaßblauen Falter mochten die junge Gestalt für eine Blume halten; denn sie setzten sich auf ihr goldiges Haar, auf Schultern und Brust. Das Leben in diesen Gefilden wurde zur Dichtung.

Oder die Marchesina ritt ihren kleinen schwarzen Renner, der so jung und so voller Jugendfeuer war wie die Herrin selbst. Zwei bewaffnete Diener begleiteten das Kind des Herrenhauses; denn selbst nahe den Toren Roms war die Campagna in jenen Gegenden noch immer Banditenland. Die kleine Kavalkade sprengte durch den Buschwald, der Urwald war. Hier gab es keinen andern Weg als den von Büffeln und Wildschweinen getretenen Pfad. Das Unterholz bestand aus Myrten und Mastix, aus Lorbeer und Laurustinus, darunter ein Teppich von Zyklamen und Orchideen sich ausbreitete, darüber hohe Korkeichen aufstiegen, bis zum Wipfel von blühendem Gerank durchwuchert, jeder Ast und Zweig umsponnen, umstrickt von den blauen, rosigen, gelben Blüten der Wucherpflanzen. Sie kletterten die Stämme hinan, stürzten sich in dichtem Gefäll hernieder, krochen am Boden hin, durch all das Buschwerk, durchschlängelt auch dieses in der Üppigkeit tropischer Urwaldpracht. Wildnis war's und Herrlichkeit zugleich! Das holdselige Frauenwesen, welches aus staunenden Augen die Schönheit der Erde sah, fühlte die ganze Wonne ihrer Freiheit und Jugend.

Und dennoch –

War es Sehnsucht, was ihr Gemüt bisweilen beschlich? Sehnsucht wonach? Sehnsucht nach – wem? Das war für die Mutter die Frage, die diese unablässig beschäftigte, sie peinigend bis zur Qual. Sollte das Kind – denn ein solches war es ja doch noch immer – nach jenem Blick und Lächeln, jener Stimme sich sehnen, deren Magie die Mutter gewaltsam entflohen war, und das bis in die Einsamkeiten am Meeresstrand? Sollte die Tochter von der nämlichen Sehnsucht ergriffen sein, von welcher die Mutter verzehrt ward? Geflüchtet war sie. Aber war sie es aus der Erkenntnis, daß jener Mann ein Verderber, ein Dämon sei, der Unreinste aller Unreinen? Oder aus Scham, weil der Skandal, der »éclat«, endlich doch gekommen war, zugleich mit ihrem finanziellen Ruin? Wenn sie den Mut zur Selbstprüfung gehabt, so hätte sie erkennen müssen: sie war ihrem satanischen Geliebten entflohen aus – Eifersucht auf ihre Tochter. Keine Erniedrigung wäre für die Frau tief genug gewesen, wenn sie ihr nur ermöglicht hätte, in seiner Nähe zu weilen, um sich von ihm von neuem zertreten zu lassen, wenn er sie danach nur emporgezogen und in seine Arme geschlossen hätte. Ja – Wer kennt die Abgründe in einer Menschenseele, in der Seele der Frau?

Diese Frau hatte dem Geliebten gegeben, was sie zu geben hatte: Ruf, Ehre, Stellung, Vermögen, Leib, Seele; und sie fühlte sich elend, verzweifelnd, weil sie ihm nicht mehr geben konnte: nicht auch ihr Leben; ihr Leben Hauch für Hauch. Was hätte er damit beginnen sollen? Höchstens als Schluß eines Romans, ein höchst banaler Schluß, den er, der große Künstler, würde verachtet haben. Nicht einmal ihr Leben konnte sie ihm zu Füßen legen. Und zu allem Jammer jetzt ihre Tochter –

Wie, wenn das Kind in der tiefen Einsamkeit des neuen Aufenthalts nach dem Entfernten sich sehnte; wenn das Kind – es war eben doch kein Kind mehr! – in seiner Phantasie des Entfernten Bild sich malte in den leuchtenden Farben der Verklärung? Sie hatte Nicoletta verheiraten wollen. Bewerber fanden sich genug für das reizende Geschöpf, Söhne erster Geschlechter. Mit einer ganz ungewöhnlichen, ganz unverständlichen Gleichgültigkeit hatte sich das junge Mädchen selbst dem liebenswürdigsten der Jünglinge gegenüber verhalten. Allerdings wurde die Tochter so wenig gefragt, wie es bei der Mutter der Fall gewesen. Also wurde eine Heirat beschlossen und alles war bereits »kombiniert« – wie das große Wort lautete. Da kam der Zusammenbruch, der Skandal, die Flucht der Mutter mit der Tochter in eine Wildnis. Eine der verwöhntesten und kultiviertesten Namen der Gesellschaft, empfand die Marchesa das Leben in dem burgähnlichen Gemäuer über den Sümpfen als geradezu unerträglich. Hätte dieses Leben jedoch der Geliebte mit ihr geteilt, so wäre es für die Frau der Himmel auf Erden gewesen. Sie hatte ihre Kammerfrau mitgenommen, deren Mutter und Großmutter bereits in dem Dienst des großen Hauses gestanden, und für die Abendmahlzeit machte sie regelmäßig Toilette: tiefer Ausschnitt, doch ohne Schmuck: ihre Diamanten und Perlen waren längst durch falsche Steine ersetzt, ihre Smaragden und Rubinen heimlich verkauft worden: für den Geliebten, der für den viel zu geringen Erlös irgend ein kostbares Gerät, eine Antike oder ein Gemälde aus dem Quatro Cento erwarb. Denn Schulden zu bezahlen, dringende Gläubiger zu befriedigen, dafür war Herr Mariano längst viel zu groß geworden. Die Marchesa konnte auch ohne Smaragden und Perlen bestehen, besaß sie doch eine Büste, deren Schönheit einst die Bewunderung Roms erregt hatte. Jetzt mußte sie mit allerlei Mitteln nachhelfen, um ihrem »welken« Fleisch jugendliche Frische zu verleihen, und auch diese halfen nicht mehr. Ihr alter Kammerdiener hatte sie ebenfalls nicht verlassen. Beide Getreuen dienten ohne Lohn, hielten es für eine Ehrenpflicht, der geliebten Herrin dienen zu dürfen. Als Koch betätigte sich irgend eine geheimnisvolle Persönlichkeit; jedenfalls wurde der Marchesa und der Marchesina nach allen Regeln vornehmen Lebens Colazione und Pranzo serviert. Übrigens gab es genug zu kochen und zu backen. Täglich erschien auf der Tafel – das Tischtuch hatte Löcher und das Geschirr zerbrochene Ränder und Sprünge – eine Platte Makkaroni oder sonst eine ländliche Speise. Einer der Hörigen – alle litten sie beständig am Fieber – schoß eine Wildtaube, Schnepfe oder einen andern Sumpfvogel, brachte einen Fisch und allerlei unheimliches Meergetier: Krabben, Seeigel, Polypen. Es gab wilde Artischocken und im Buschwald milde Spargel. Mit einem Wort: die Tafel war vortrefflich bestellt.

Aber das Haus –

Gewaltiges zyklopisches Mauerwerk, dessen Ursprung bis in dunkle Sage hinabreichte, bildete die Fundamente, die an einigen Stellen in den Fels eingesprengt waren, der sich steil über dem Sumpfland erhob als eine natürliche Festung. Über den Bauten eines längst vergangenen Geschlechts hatten die Jahrhunderte weiter geschafft, bald diese, bald jene Zeit, und jede Zeit nach ihrem Bedürfnis. Archäologen und Historiker hätten an dem seltsamen Bau die Freude des Forschers gehabt; weniger bezeigten dies die Nachkommen einer neuen, auch schon seit Jahrhunderten bestehenden Generation, die sich noch vor einem Säkulum in dem festen Hause wider Piraten und Banditen verteidigen mußten. Die Nachgeborenen ließen das Haus veröden, verfallen, zur Ruine werden.

Selbst einige der Gemächer waren in den nackten Fels eingehöhlt und hatten vor Nässe triefende Mauern. Von den Wänden hingen noch die Reste kostbarer Bekleidungen herab, zerrissen und vermodert; der Fußboden bestand aus brüchigen Ziegelsteinen; Ahnenporträts blickten aus Rahmen, die sich vor Feuchtigkeit lösten, auf die Bewohner nieder; unter den notwendigsten Geräten befanden sich Tische mit Platten aus antikem Marmor: »giallo« und »rosso antico«. Aus den Säulen und Gebälken, den Torsen und Inschriften hätte sich mit leichter Mühe ein kleines Museum zusammenstellen lassen. Kaiserbüsten galten gleich gemeinem Gestein, Sarkophage wurden als Brunnendecken und Waschtröge benutzt, Statuen waren in die Wände eingemauert. Dabei ringsum Einsamkeit, Sumpf, Schweigen, Feierlichkeit. Nicoletta, das Kind, das kein Kind mehr war, erlebte jeden neuen Tag als neues Wunder.

Aber die Sehnsucht –

Das Kastell wurde gekrönt von einem Turm, von dessen Zinnen einstmals die Wächter nach heranziehenden Feinden ausspähten. Diese kamen zu Wasser und zu Land. Jetzt stand häufig die hohe Gestalt einer Frau auf dieser Warte und schaute unbeweglich aus: auch spähend, auch wartend.

Nach Rom hin schaute sie, regungslos, starren Blicks. Häufig scheuchte sie erst die einbrechende Finsternis herab, wenn dem Boden die giftigen Dünste entquollen. Gleich grauen Geisterzügen umschwebten sie Fels und Palast. Selbst im Hause, in ihren Gemächern, lauschte die Wartende auf den Hufschlag eines Pferdes, auf den Wohllaut einer geliebten Stimme, auf eine Rückkehr.

Er mußte ja kommen!

Ob auch das Kind lauschte? Auch die Tochter ersehnte? Auch das junge Mädchen heimlich hoffte?

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