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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Siebzehntes Kapitel

Ganz Rom wußte, daß sich die Frau für ihren Liebhaber ruinierte, die Marchesa Margherita di San Silvestro für den Dichter Mario Mariano. Obgleich zu den Wissenden auch der Gemahl der Dame gehörte, kam es doch zu keinem Skandal; ja, der Liebhaber erschien noch immer auf den Empfängen der Marchesa und wurde von dem Gemahl im Klub oder im Café Aragno freundschaftlich begrüßt. Im Klub trafen sich Gatte und Liebhaber bisweilen als Gegner im »Bridge« und es kam vor, daß der Gatte dem Liebhaber bei irgend einem Hasardspiel hohe Summen abgewann: das Geld seiner Frau Gemahlin! Ganz Rom wußte, daß der Marchese ein Dämchen aushielt, also für das gewonnene Geld gute Verwendung hatte. Trotzdem würde kein Italiener aus Hamlet zitieren, daß im Staate Italien etwas faul sei.

Faul manches andere –

Inzwischen gelangte Herr Mariano zu immer strahlenderer Glorie; und das sowohl als Poet und Lebenskünstler wie als Herrenmensch und Übermensch. Er erblühte unter den Strahlen seines Ruhms wie eine Blume unter der Sonne seines Vaterlandes. Mit dem Inhalt seiner Dichtungen hatte sein eigenes Leben nur dann etwas gemein, falls er darin seinem Menschlichen, Allzumenschlichen die Maske abnahm. Sobald sich sein Pegasus lichten Höhen zuwandte, bestand für den Dichter kein Grund, die Erhabenheiten seiner Poesieen in sein Leben zu übertragen: er durfte ungestraft das Göttliche besingen und das Gemeine vollbringen ...

Über das bis dahin unberührte Herz der Marchesa war die Leidenschaft wie ein Sturm hereingebrochen, als Elementargewalt alle Empfindungen in dieser Frauenseele entfesselnd. Sie erbebte bis ins Innerste, wenn sie des Geliebten nur gedachte. Erwartete sie ihn, so war's, als ob der Anfang ihres Lebens käme; hörte sie seinen Schritt, so erbleichte sie; vernahm sie seine Stimme, so hätte er ihr befehlen können, vor seinen Augen in einen Abgrund sich zu stürzen. Ihre Liebesstunden hatten für sie nichts von dieser Welt: sterben in seinen Armen wäre der Wonnen allerhöchste gewesen. Solche Macht auf die Unselige ausübend, scheute der Edle kein Mittel, ihre Leidenschaft bis zum Wahnsinn zu steigern. Sie beschwor den Freund, ihr zu gestatten, sich von ihrem Gatten zu trennen oder mit ihm zu entfliehen. Beides jedoch wäre dem Herrn unbequem gewesen. Auch hätte es ihn von Rom und seinen dortigen verschiedenen Wirkungskreisen entfernt, was durchaus nicht in seiner Absicht lag. Als Eroberer der großen römischen Welt hielt er es für eine Ehrensache, in dieser Welt Sieger zu bleiben.

Jetzt aber mußte die Marchesa sich erinnern, daß sie eine Tochter besaß. Auch diese Tochter hatte sie über dem einen Gedanken, der ihr ganzes Wesen und Fühlen erfüllte, am liebsten vergessen; hätte in der Geliebten auch die Mutter untergehen lassen. Doch das Leben trat als unerbittliche Mahnerin vor die Verlorene hin: am nächsten Ostersonntag sollte die Marchesina die klösterliche Erziehungsanstalt verlassen; sollte sie von der Mutter abgeholt, in das Elternhaus gebracht und in die Welt eingeführt werden.

Als sei ein Unglück geschehen, machte die Marchesa dem Freunde von dem Bevorstehenden Mitteilung:

»Zu Ostern muß ich verreisen.«

»Wohin?«

»Nach Subiaco.«

»Darf ich Sie begleiten?«

»Unmöglich!«

»Wollen Sie eine Wallfahrt zum heiligen Benedikt nach seiner Felsengrotte und zu seinem Rosenbusch machen? Dahin könnten Sie mich wirklich mitnehmen, es gäbe ein brillantes Motiv zu einem ganzen Zyklus von Sonetten: Die Wallfahrt zu den Rosen San Benedikts ... Also darf ich mitkommen? In Tivoli treffen wir uns.«

»Ich bitte dich, scherze nicht!«

»Es ist mein heiliger Ernst.«

»Ich muß in Subiaco meine Tochter abholen.«

»Die kleine Nicoletta?«

»Sie wird sechzehn Jahre.«

»Sie soll reizend sein!«

»Meine Tochter, Mario. Ich habe eine Tochter. Meine Tochter kommt!«

»Wenn sie doch reizend ist –«

»Sie wird mit mir leben. Und ich – und ich!«

»Und du? ... Du liebst mich.«

»Ja, ja, ja!«

»Sage mir's. Du sollst es mir sagen!«

»Ich liebe dich, liebe dich, liebe dich!«

»Ich küsse dich, küsse dich, küsse dich!«

Sie glitt neben ihm zu Boden, weinend, schluchzend, in Verzweiflung.

Er küßte sie ...

Am Karfreitag begab sich die Marchesa in ihrem Automobil nach Subiaco. Sie fuhr über Tivoli. Da in der Hadriansvilla Veilchenblüte war, so stieg sie bei der kaiserlichen Ruinenstadt aus, deren Wiesengründe von den lieblichen Frühlingsblumen blauten. Auf diesen lebendigen Teppich ließen Spiräen und Syringen ihre schlanken schneeigen Blütenzweige herabfallen, märchenhaften Fontänen gleich. Darüber stiegen Zypressen und Pinien auf, dunkelten Lorbeer und Laurus, und in dieser Wildnis von Waldung und Blumen Ruine an Ruine; gestürzte Säulen, zertrümmertes Gebälk, zerbrochene Stelen, Statuen, Hermen, Altäre, die Leichname von Herrlichkeiten, wie solche die Welt seit jenen Zeiten nicht wieder gesehen – nicht wieder sehen würde.

Am Karfreitag in der Hadriansvilla begegnete die ihrer Tochter entgegenfahrende Marchesa zufällig Herrn Mariano und am Abend des nämlichen Tages besuchten die beiden die Klöster Sankt Benedikts.

Die Frau, die ihre Leidenschaft an den Rand eines Abgrundes geführt, schritt hoch über der Tiefe, darin der junge Anio brauste, neben dem Freunde hin und fühlte sich an des Geliebten Seite, als wandelte sie über Frühlingsgefilde.

Der Dichter sprach zu ihr von den Zeiten Kaiser Neros. Dieser werde schwer verkannt. Nicht als perverser Imperator, miserabler Sänger, Komödiant, Wagenlenker, sondern als kaiserlicher Allmensch, als faustischer Übermensch habe er sich seine welthistorische Bedeutung errungen.

Kaiser Nero sei bereits vor zwei Jahrtausenden der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen: der unsterbliche antike Lebenskünstler, der jeden Genuß kennen und auskosten, auf die höchsten Höhen der Menschheit hinauf, in ihre tiefsten Tiefen hinabsteigen, über Gipfel hinschreiten und in Abgründe versinken wollte.

Herr Mariano sagte der Frau, die ihn liebte: auch in ihm liege etwas Neronisches, und dieses mache ihn zum Dämon und zugleich zum Gott.

Zu Zeiten Neros hätten die Völkerschaften solchem Geist Tempel erbaut, Bildsäulen aufgestellt und Opfer dargebracht: dem Dämon und dem Gott im Menschen.

Auch Menschenopfer hätte solcher dämonische Gottmensch gefordert.

Und Herr Mariano schilderte der Frau an seiner Seite die Darbringung eines derartigen Opfers. In Gestalt eines schönen Jünglings lag es hingestreckt vor dem Altar, darauf junge nackte Priester die heiligen Flammen entzündeten. Und Herr Mariano erklärte seiner Geliebten: statt des Jünglings hätte dem göttlichen Dämon ein Weib geopfert werden müssen, ein junges, zärtliches, leidenschaftlich liebendes –

Er blieb stehen, deutete in den Abgrund zu seinen Füßen, daraus über den Strudeln die Ruinen eines Neronischen Nymphäums sichtbar waren, und der Dichter sprach:

»Dort unten fischte Kaiser Nero nicht nur in goldenen Netzen Anioforellen – auch Opfer fielen seiner Gottheit dort unten: Ecce Deus – Ecce homo!«

Und er führte das Opfer weiter, vom Rande des Abgrundes zurück, näher dem Abgrunde zu ...

Jetzt die Dämmerungen eines Steineichenwaldes voll geheimnisreicher Schatten, die Seele mit frommen Schauern erfüllend, ein Sanktuarium der Natur, eine weihevolle Vorbereitung auf das Mysterium, welches des Ankömmlings harrte und welches selbst in dem Lande wundersamer Heiligtümer seinesgleichen nicht hat.

Hier nun begann der Mann, der soeben dem Kaiser Nero göttliches Wesen zugesprochen hatte, von der Magie der katholischen Kirche und der Herrlichkeit San Benedikts zu reden:

»Daß Nero seine menschlichen Fackeln lodern ließ, bedeutet eine seiner erhabensten Taten: die Christen, die zu des Imperators Fest brannten, leuchteten dem Sonnenaufgang der Kirche des Gekreuzigten als Morgenröte voraus. Auch das Wunder des Daseins eines San Benedikt entstieg dem Neronischen Menschenbrand, dessen Gluten durch die Ewigkeit fortlodern werden.

Aus edelstem Hause, dem Geschlecht der Anicier entsprossen, entfloh der große Heilige, fast noch ein Knabe, Roms Sittenverderbnis. Diese Wildnis nahm ihn auf. In diesen damals noch unzugänglichen Felsenwänden entdeckte er über den Ruinen des kaiserlichen Lusthauses eine Höhle, gelangte auf wundersame Weise hinauf, machte sie zu seiner Zelle, wurde von einem frommen Siedler mit Speise versehen, die an einem Stricke zu dem jungen Asketen hinabgelassen werden mußte.

Der Schrei der Adler in den Lüften, das Schäumen des Anio in der Tiefe, der Sturm, der durch die Wipfel dieser nämlichen Eichen rauschte, an diesen nämlichen Felsen rüttelte, waren die einzigen zu ihm dringenden Stimmen der Welt. Er lauschte auf sie, und er lauschte auf eine Stimme, die beim Brausen der Elemente zu ihm sprach.

Und siehe, es war die Stimme des Herrn!

In der Einsamkeit dieser Welt entstand in der Seele des Jünglings der Gedanke an die Gründung eines Ordens, welcher der Menschheit eine geistige Kultur gab, wie die Zeit vorher sie nicht kannte.

Nur in der Flucht vor der Welt konnte so Großes, so Gewaltiges geschaffen werden.

Zu dem Manne, der es schuf, durften nur die Elemente sprechen, in seiner Seele nur die Stimme des Herrn.

Er durfte vom Weibe nichts wissen; mußte von sich abtun alles, was vom Menschen in ihm war; mußte vom Menschen sich erlösen wie der Gottessohn am Kreuz die Menschheit von der Schuld, der Sünde, dem Elend – nicht hat erlösen können.

Heilig der Mann, der solches vollbracht!

Heilig und selig zugleich!«

In solcher Ekstase fuhr er fort zu reden, und seine Worte wurden zu Dithyramben. In Verzückung schaute die Liebende zu ihm auf. Sie hörte in der Tiefe das Brausen des Anio, hörte über ihrem Haupte das Rauschen des Lenzwindes in den Wipfeln der Steineichen; hörte über sich den Adlerschrei und verlor mehr und mehr das Empfinden der Wirklichkeit. Das bleiche Gesicht des Apostels der Weltentsagung, der ein Wüstling war, erschien ihr in den schwarzen Schatten des Haines wie das Antlitz des Heiligen selbst. Sie hätte vor ihm niederfallen können und ihn anbeten:

»Ecce homo – ecce Deus!«

Mysterium!

Gänge, Hallen, Treppen; Treppen hinauf und hinab. Kapellen, Grotten, Altäre, Bildnisse, Statuen; Halbdunkel, Kerzenglanz, Weihrauchnebel, Orgelklänge. Dann Chorgesang: dumpf, geheimnisvoll, geisterhaft.

Immer wieder blasse Bildnisse und flimmernde Altäre; immer wieder Kapellen und Grotten.

Kapellen in den lebendigen Fels gehauen, deren tiefste der »Sacre Speco« ist: die Höhle San Benedikts, des Heiligtums höchstes Heiligtum.

Darin sich erhebend eine weiße Erscheinung,

Ein Marmorbild: San Benedikt als Jüngling.

Bei dem Schein der Kerzen, dem Dunst des Weihrauchs ist es, als erstünde er aus sanft strahlendem Gewölk.

Immerfort Orgelspiel, Psalmeien, Gesang.

Die Töne scheinen aus dem Fels zu dringen, Laute und Stimmen einer unterirdischen Welt.

Die Menge drängt sich: Volk der Sabina. Alle sind dunkel gekleidet. Einem offenen Grabe drängen sie zu, zu einem Totendienst sind sie gekommen.

In einer der Grotten aufgebahrt ein Leichnam, ein jugendlicher nackter Leib. Von der Stirn rinnt Blut. Es bluten die Wundenmale an Händen und Füßen; blutet der Speerstich in der Brust, dicht unter dem Herzen.

Ein Gekreuzigter, Erstochener, Gemordeter: Jesus Christus, der Menschensohn, der Gottessohn:

»Ecce homo – ecce Deus!«

Karfreitag. Zum tausendsten und aber tausendsten Male wird der Herr und Heiland gemartert, gekreuzigt, geschlachtet:

Ein Opfer der Gottheit. Dem allgütigen allmächtigen Gott das allerhöchste Opfer: »Deo optimo maxima hostia!«

»Und vergeblich dargebracht« – flüstert Mario Mariano seinem Opfer zu.

Das Miserere erklingt durch die Wölbungen, in denen es widerhallt, dumpf und schauerlich, ein Totenhymnus, Er führte sie davon, stieg mit ihr hinauf, aus der Todesnacht zum Licht der Sonne empor. O du himmlisches Licht des Tages und des Lebens!

Ein Gärtlein an der Klippe über dem Abgrund hängend. Darin ein Rosenstrauch, tausend Jahre alt und älter, dennoch über und über in Blüten erglühend, ein Wunder, wie alles an diesem Ort. Auch das ein Mysterium. Und der Dichter Mario Mariano sagt:

»Hätte mir der Teufel an dieser Stätte das schönste Weib der Erde gezeigt – ich hätte mich nicht nackten Leibes in diese Dornen geworfen; hätte für das schönste Weib der Erde dem Teufel meine unsterbliche Seele verschrieben und wäre in den Flammen der Hölle selig gewesen!«

Er lächelt. Es ist das Lächeln eines Dämons, dem das Opfer seine Seele verschrieb.

Das Lächeln desselben Mannes ist es, der soeben die Enthaltsamkeit vom Weibe mit den Blicken eines Verzückten als Höchstes des Höchsten gepriesen.

Er war wohl doch mehr »Ecce homo« als – »Ecce Deus«

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