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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Neuntes Kapitel

Inzwischen hauste der junge Sabiner in seinem feuchten Loch bei der Flaminischen Straße, nahe dem Tiber; dort, wo diesen keine haushohen Steinwände engten, seine Fluten also bei starkem Regenwetter das Ufer überschwemmten und in Sumpf- und Fieberland verwandelten. Es war Orazio gelungen, im Ministerium des Äußern eine Schreiberstelle zu erlangen, so elend bezahlt, daß sie seine Gefährtin und ihn gerade nur vor dem Verhungern schützte. Wäre er aber auch eines langsamen Hungertodes gestorben, so hätte er diesem mit Wonne entgegengesehen; gewährte ihm doch seine Tätigkeit die Gelegenheit, Einblicke in allerlei Verhandlungen und Beschließungen von Italiens äußerer Politik zu erlangen; auch von Italiens geheimer Politik! Und wo ihm sein Amt als kleiner Kopist eine derartige Möglichkeit nicht gestattete, gab es in seinem Vaterlande Mittel und Wege genug, durch die er sich solche Einblicke verschaffen konnte; denn auch für diesen leidenschaftlichen Geist heiligte das Mittel den Zweck. War doch der Jüngling, der aussah wie ein hochaufgeschossener kränkelnder Knabe, um eines viel geringeren Zweckes willen beinahe zum Totschläger geworden ...

Seit dem nächtlichen Gang vom Viertel der »Monti« durch den Korso bewohnte Orazio seinen Schlupfwinkel also nicht mehr allein; das kindliche Geschöpf, welches von dem damals noch unberühmten Banditenabkömmling von der Gasse aufgenommen und auf die Gasse wieder zurückgeworfen wurde, war Orazios getreue Genossin geblieben; war seine rührige Gehilfin geworden. Ihr Leben gehörte ihm; denn er hatte es dem Tode abgerungen, dem sie ohne seine Bruderliebe unrettbar verfallen wäre. Also sollte er mit ihrem Leben nach seinem Willen schalten; sollte nun auch sie ihr Leben dem Vaterlande weihen. Seine Mitarbeiterin sollte sie werden bei dem großen Werk eines heiligen Egoismus, bei dem jeder gute Italiener mithelfen mußte, um dem Genius Italiens sein ihm einzig würdiges Gewand zu wirken: das scharlachrote, das blutrote der Republik! Auch die arme kleine Lehrerin sollte helfen, den mit einem besonderen Saft gefärbten Faden zu spinnen und des blutroten Gewandes Weberin zu sein.

Sie agitierte, und zwar in Kreisen, in denen die Frauen ebenso ärmlich gekleidet gingen und ebenso häufig nicht satt zu essen hatten wie sie selbst; in Kreisen, in denen sie bei ihresgleichen und zu Hause war. Die meisten dieser Frauen in Italiens Hauptstadt waren Analphabetinnen; aber ihresgleichen waren sie doch: Hefe des Volks, daraus viele Lehrerinnen des Volks hervorgehen, unwiderstehlich getrieben von einem geistigen Samaritertum für dieses arme, unwissende Volk ihres Vaterlands, welches auf einer Kulturstufe zu stehen behauptete, die zu Gipfelhöhen der Zivilisation emporführte. Die Frauen, zu denen die Volksschullehrerin ging, lebten inmitten der Hauptstadt in höhlenartigen Wohnungen, nicht viel besser als die Leute von Bellegra in ihrer Felsenöde; nur daß jene Alpenluft atmeten und über einer Welt höchster Herrlichkeiten thronten. Diese Frauen gebaren ihren Männern, rohen und unwissenden Arbeitern, Jahr für Jahr ein Kind, Zukunftsgeschlechter Italiens, die aufwuchsen, wie Kinder solcher Eltern in solcher Umgebung aufzuwachsen pflegen. Solchen Frauen waren Kirchen und Rosenkranz, Lottospiel und Lottobuch schönste Lebensfreude, zu denen sich an Feiertagen ein Gericht von in ranzigem Fett gebratenen Artischocken oder Makkaroni gesellte; waren liebste Zerstreuung die Zänkereien mit den Nachbarinnen, freudigste Erregung ein Totschlag aus Eifersucht oder Neid. Was wußten solche Frauen viel von einer Regierung – den Heiligen Vater hielten sie für gefangen – , was wußten sie anderes, als daß auch sie, die Armen, Steuern zahlen, Kinder gebären und Not leiden mußten: immer höhere Steuern zahlen, immer größere Not leiden! So kam denn die Abgesandte des jungen Fanatikers gerade zur rechten Gemeinde und gerade zur rechten Zeit. Sie verkündigte das Evangelium für das italienische Volk: die Freiheit des Volkes, gleichbedeutend mit Geld und Wohlleben, also mit irdischer Glückseligkeit ...

Wenn Orazio spät abends von seinem Dienst zurückkehrte, so fand er die Gefährtin seiner wartend. Für ihn war es eine neue und sehr eigentümliche Empfindung: jemand erwartete ihn! Vielleicht ungeduldig, vielleicht sogar sehnsüchtig. Er fand in seiner traurigen Behausung die Spuren einer anderen Gegenwart; fand darin Ordnung und Sauberkeit. Durch einen Strauß wilder Blumen, auf den nahen Tiberwiesen gepflückt und in einem buntbemalten Tongefäß blühend, verriet sich die Frauenhand, die selbst solchem trostlosen Raum einen Hauch von Anmut verlieh.

Mit wahrer Gier verfolgte Orazio Italiens Krieg drüben in Afrika. Würde doch Italien geschlagen, besiegt, gedemütigt, zerschmettert! Zerschmettert dieses Italien eines schändlichen Königtums und einer noch schändlicheren Regierung, die das Volk zu Raubzügen anstiftete, in denen das Leben seiner Söhne verblutete, von wilden Horden gemetzelt. Denn nur aus einem besiegten, einem gedemütigten und zerschmetterten königlichen Italien konnte ein republikanisches Italien erstehen. Sollten keine schmachvollen Niederlagen in Afrika zu solcher Demütigung und Zerschmetterung verhelfen, dann, ja, dann –

Aber sie waren Italiens Bundesgenossen; waren es noch!

Schon wieder dieser Gedanke! In seiner ganzen Ungeheuerlichkeit stieg er in Orazios Seele wieder und wieder als einzige Rettung für sein Vaterland auf.

Wenn Italien von seinen verhaßten Feinden, die seine getreuen Bundesgenossen waren, geschlagen, gedemütigt, zerschmettert wurde, so –

So mußte Italiens Schmach zu seiner Erhebung führen. Italiens Schmach würde das Königreich zusammenstürzen machen wie ein Kartenhaus. Eine blutige Sturmflut würde über Italien hereinbrechen, und wie die Königin der Liebe aus weißem Wellenschaum geboren ward, ebenso göttlich würde Italiens Freiheit dem flutenden Purpur entsteigen, zur Sonne empor, empor zu Glanz, zu ewigem Ruhm ....

Berauscht von diesem Gedanken, davon trunken wie von schwerem Wein, malte Orazio der Genossin seiner Träume die Zukunft Italiens in Tizianischer Farbenpracht. In diesem Zustand von Ekstase taten die beiden jungen Menschenkinder das Gelöbnis:

»Der Tag, an dem auf dem Kapitol die Republik verkündigt wird, soll unser Hochzeitstag sein. Wenn Italien mit der Freiheit Vermählung hält, begehen auch wir unseres Lebens höchste Feier. Dann – und nur dann! – für Italien und für uns das Glück.«

Und der Verlobte zitierte in flammender Begeisterung den Vers des römischen Dichters:

»Tu regere imperio populos, Romane, memento!«

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