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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Sechstes Kapitel

An des Mädchens Seite schritt er durch die nächtlichen Straßen des Volksviertels. Seine Begleiterin schien seine Gegenwart nicht zu bemerken; schien von der Welt, vom Leben nichts zu empfinden. Eine Weile blieb er stumm, rührte dann an ihren Arm. Als sie auch das nicht zu fühlen schien, sprach er sie an:

»Wohin gehst du?«

Sie murmelte etwas Unverständliches, ihn auch jetzt nicht beachtend. Er sprach weiter:

»Erlaube mir, dich zu begleiten.«

Sie fuhr fort, wie im Irrsinn vor sich hin zu reden. Doch verstand er sie jetzt. Ein Name war's, den sie beständig wiederholte, der Name ihres Verführers, ihres Verderbers.

»Mario! Mario! Mario!«

»Soll ich dich an ihm rächen?«

Sie aber immer nur:

»Mario! Mario! Mario!«

»Soll ich ihn töten? Ich würde dadurch zugleich Italien von dem Schandfleck befreien, den dieser Mensch, deiner Meinung nach, für Italien einst werden wird.«

Sie auch jetzt nur:

»Mario! Mario! Mario!«

Da faßte er sie hart an, und endlich kam sie zur Besinnung. Zum zweitenmal tat er die Frage, wohin sie ginge, und ob er sie begleiten dürfte? Jetzt antwortete sie ihm:

»Wohin ich gehe? Wohin könnte ich gehen? In den Fluß; dorthin, wohin ich gehöre. Ob Sie mich begleiten dürfen? Dorthin, wo jetzt mein Zuhause ist, muß ich allein gehen.« Er bat sie:

»Komme mit mir, du Arme.«

»Wie nennen Sie mich?«

»Du Arme!«

»Bedauern Sie mich?«

»Von Herzen.«

»Sie bedauern eine Dirne? ... Sie hörten ja doch, was ich bin: eine Dirne!«

»Vertraue mir und komme mit mir.«

»Als Ihre Geliebte? Nach dem ersten sogleich einen zweiten?«

»Ich werde dich nicht anrühren.«

»Nicht?«

»Ich rühre kein Weib an, am wenigsten eine Verlassene und Unglückliche. Mein Leben gehört meinem Vaterland. Mein Vaterland ist mir Geliebte, Gattin, Göttin. Du darfst mir also vertrauen.«

»Du bist gut.«

»Gut? Es gibt nichts Böses, kein Verbrechen, keine Schurkerei, die ich nicht begehen könnte.«

»Für Italien?«

»Für mein Vaterland.«

»Und ich soll zu dir kommen?«

»Und sollst bei mir bleiben, selbst meine Armut mit mir teilen. Sie wird freilich Entbehrung, Hunger und Not sein. Ich bedarf einer Gefährtin, einer Helferin. Du kannst mir Stärke zum Ausharren geben; kannst mir helfen zu hungern und zu entbehren. Unglückliche und Verzweifelte, von den Menschen Mißhandelte sind die rechten Helfer.«

»Helfer für dich?«

»Für Italien. Für dein und mein Vaterland.«

»Was kümmert mich das Vaterland?«

»Ich werde dich lehren, es zu lieben; werde dich lehren, für dein Vaterland zu leben. Auch zu sterben für dein Vaterland ... Willst du mit mir gehen?«

»Ja.«

»So komm!«

Das Haus, in dessen höchstem Stockwerk der Apostel und Übermensch, der Wüstling und Verderber ein ärmliches Quartier bewohnte, lag zunächst dem Durchgang der Via Cavour nach San Pietro in Vincoli, unweit des Palastes der Geliebten Alexander Borgias, der Mutter des Cäsare und der Lukretia, also auf historischem Lokal. Aber welches Stück römischer Erde wäre nicht ein Blatt Weltgeschichte gewesen. Die beiden, die das Schicksal zusammengeführt, kreuzten die Via Vaccina, gelangten zum Torre delle Milizie, zum Trajansforum und dem Venezianischen Platz. Hier bog Orazio in den bereits menschenleeren Corso Umberto ein.

Er sagte, und seine Stimme klang so sanft, als spräche er zu einem kranken Kinde:

»Ich wohne weit, vor Porta del Popolo draußen, unfern der Flaminischen Straße, am Tiberufer. Wir müssen durch den ganzen langen Korso, und du bist zu Tode erschöpft. Willst du ausruhen? Darf ich dir etwas zur Erquickung geben lassen?«

»Mich hungert nicht. Und wenn auch –«

»Tu hast recht, Unsereinem macht das Hungern nichts.«

»Gar nichts.«

»Es wäre immerhin besser, du genössest etwas. Ich habe Geld genug. Tue mir den Gefallen.«

Da sagte sie ihm:

»Du sprichst zu mir, wie bisher noch kein Mensch zu mir sprach.«

Ohne zu antworten, führte er sie in ein nahes Nachtlokal und ließ ihr heißen Milchkaffee geben, dazu kleine Kuchen aus säuerlichem Hefenteig. Sie trank und aß mit Gier. Orazio selbst genoß nichts, freute sich zu sehen, wie sie sich labte, und pries den Zufall, der ihn zwei ganze Lire bei sich haben ließ. Gerade Tags zuvor hatte er einem Analphabeten ein Schreiben an seinen Advokaten aufgesetzt: denn in seinem Vaterlande führten sowohl die an Glücksgaben Reichen wie die im Geiste Armen mit Leidenschaft Prozesse wider irgend einen Nachbarn, Neider, Feind.

»Ich danke dir!«

Sie sah zu ihm auf mit ihren todtraurigen Augen, darin ein feuchter Glanz lag. Dann gingen sie weiter die nächtlich-öde Palaststraße hinunter, deren lange Reihen angezündeter Laternen ins Endlose zu führen schienen, ein Lichtweg durch Finsternisse von nahezu mystischer Symbolik. Plötzlich fragte er sie:

»Wer bist du eigentlich? Ich weiß nicht einmal deinen Namen?«

Sie sagte ihm, daß sie Silvia Bartolini hieße, und daß sie Volksschullehrerin wäre.

»Hattest du denn keine Anstellung?«

»Nein.«

»Eine Lehrerin ohne Anstellung? Bei solchen Scharen von Unwissenden?«

»Ich war an einer Schule in den Sümpfen dort unten am Meer.«

»Also hattest du das Fieber?«

»Das macht nichts.«

»Hungernd und fiebernd kamst du nach Rom?«

»Kam ich nach Rom.«

»Deine Eltern?«

»Mein Vater ist auf den Ponzainseln. Er war schon dort, als ich noch ein kleines Kind war... Du weißt, was es bedeutet, auf den Ponzainseln zu sein?«

»Ich weiß... Deine Mutter?«

»Als sie meinen Vater in Ketten legten, wurde meine Mutter, was ich geworden bin – was er sagte, daß ich geworden sei.«

»Eine Unglückliche bist du... Also hast du auf der Welt keinen Menschen?«

»Keinen Menschen.«

»Aber daß du Lehrerin bist. Eine Lehrerin für das Volk, für unser armes unwissendes Volk!... Du bist ja selbst noch ein Kind.« »Ich bin achtzehn Jahre.«

»Gewiß bist du eine gute Lehrerin. Und gerade dich schickten sie in das Fieberland, die Mörder! Zum Hunger das Fieber? Denn ich weiß, wie sie diejenigen lohnen, die das Volk unterrichten, die unsres Volkes Zukunft lehren sollen. Was sollen wir tun, damit unser Volk wissend werde? Aber, wenn es das geworden ist, wenn – Du sagtest mir nicht, weshalb du nach Rom kamst?«

»Ich lief fort.«

»Aus deiner Schule? Von deinen Kindern?«

»Ich verließ sie.«

»Wegen des Fiebers und Hungers?«

»Ich sagte dir ja, daß mir Fieber und Hunger nichts machen.«

»Weshalb liefst du also fort?«

»Weil – Bei uns ist es nun einmal so.«

»Was meinst du?«

»Wenn die Lehrerin recht jung ist, das Gehalt recht gering – Bei uns ist es nun einmal so.«

»Schändlich, schändlich!«

»Ich hätte es gut haben können, dort unten in den Sümpfen.«

»Aber du wolltest es nicht gut haben?«

»Ich wollte nicht.«

»Und da?«

»Ging mir's schlecht.«

»Und da liefst du fort?«

»Nicht sogleich.«

»Wegen der Kinder!«

»Sie hatten mich lieb.«

»Endlich ertrugst du's nicht mehr? Und in Rom dann?«

»Fieber und Hunger, frierend und krank, keinen Menschen und kein Obdach. So fand er mich.«

»Du Arme! ... Ob es wohl in andern Ländern auch so ist? Kein Land der Erde könnte so herrlich sein wie unser Vaterland, und dann ist es bei uns – so! Aber es wird anders werden. Groß und herrlich wird unser Vaterland werden, nachdem es erst klein und jammervoll geworden, zerschlagen und besiegt.«

»Wie meinst du das: zerschlagen und besiegt?«

»Von unsern Feinden! Von Österreich und Deutschland!«

»Von unsern Bundesgenossen?«

»Ich sagte: von unsern Feinden! Unsre Todfeinde sind sie!«

Noch immer hatten sie die ins Unendliche leitende Lichtstraße vor sich. Die Flammen schwebten durch die Finsternis, darüber funkelte der Sternenhimmel, von dem sie herabgefallen schienen. Der Sturm hatte sich gelegt, in den besänftigten Lüften wehte ein Hauch wie der Vorbote des Frühlings.

Sie kamen am Café Aragno vorüber. Das berühmte Erquickungslokal war noch hell erleuchtet. Offiziere in ihren fast allzu reizvollen Uniformen, Herren im Frack, mit weißer Weste und Halsbinde, aus Theatern und von Empfängen kommend, füllten die eleganten Räume, in denen die meisten Gäste gute Bekannte waren. Nahezu ein jeder las die erst in später Stunde erscheinende »Tribuna«. Dazwischen wurde leidenschaftlich debattiert: in Tripolitanien sollten neue Siege erfochten, neue Heldentaten begangen worden sein, wie Orazio knirschend dachte. Denn um Italien auf den Gipfel seiner Größe zu erheben, mußte es erst seinen tiefen Sturz erleiden; mußte es besiegt, geschlagen werden. Wut über Italiens afrikanische Triumphe im Herzen, blieb der junge Fanatiker unter einer der großen Glastüren stehen und schaute hinein. Er sah einen Bekannten, einen Landsmann: Amerigo Minardi, der Sohn des Sindakus von Olevano, einer der widerlichsten Gecken, zugleich einer der wüstesten politischen Lärmmacher. Der Jüngling von Bellegra – um ein Stück trockenes Brot zu verdienen, wäre er Straßenarbeiter geworden – haßte den feinen Lumpen, der, um sein Lotterleben weiterzuführen, eine um vieles ältere reiche Frau geheiratet hatte. Aber des Taugenichts Vater würde keine schutzlose Volksschullehrerin so lange verfolgt haben, bis sie entweder das Opfer seiner Lüste geworden oder die Flucht ergriffen hätte. Das war ein Mann, dieser Vater des Lumpen! Ein Republikaner, wie solche das alte Rom besessen hatte, das Rom eines Cato, Agrippa, Cincinnatus. Ein Wunder, daß es in dem neuen Italien noch solchen Mann gab...

Die beiden gingen weiter, noch immer die lange Straße hinunter, darüber die Flammen der Laternen aufzuckten und der Sternenhimmel funkelte. Als sie vor einem altertümlichen hohen Hause vorbeikamen, blieb der Sabiner stehen, deutete auf das in Dunkelheit liegende Gebäude und sagte mit verbissenem Ingrimm:

»Hier wohnte einst einer der göttlichsten Geister aller Nationen. Aber der Mann war ein Deutscher.«

»Du hassest die Deutschen?«

»Ich wäre ein schlechter Italiener, wenn ich sie liebte.«

Weiter gingen die beiden. Sie gelangten auf den Platz, in dessen Mitte ein Obelisk sich erhob, eine gen Himmel weisende Säule aus Roms einstmaliger Herrlichkeit. Dem Rachen der vier granitnen Löwen, welche den Obelisken aus der Sonnenstadt Heliopolis umlagerten, entströmten Wasserstrahlen, durch das feierliche Schweigen der Nacht rauschend, breite Rampen führten zu einem Gartenberge empor, von dessen Terrassen, aus Hainen von Lorbeer und Pinien, weiße Ballustraden und Marmorgestalten niederschimmerten. Vor dem Obelisk der Pharaonen des wundersamen Nillandes stehend, sprach der Sabiner, der den Namen des Dichters lieblicher Gesänge führte, und so heiß lieben – so heiß hassen konnte:

»Es war auf diesem Platz eines Juniabends. Die Römer drängten sich in dichter Menge und sahen einem Feuerwerk zu, welches so viel kostete, daß davon ein Armenhaus hätte gebaut werden können, ein Asyl für Fiebernde und Hungernde. In Afrika drüben, in der Erythräa, war vor Monaten eine Schlacht geschlagen worden. Blut färbte die gelbe Wüste purpurn, und die verstümmelten Leichname von Italiens blühender Jugend lagen den Hyänen und Geiern zum Fraß. In den Wüstensand nicht einmal eingescharrt hatte Italien seine von wilden Horden gemordeten Söhne und – seit der Schlacht von Adua waren Monate verflossen!

Erst an jenem Tage, an welchem die Regierung den Römern, anstatt blutiger Zirkusspiele, das kostbare Flammenschauspiel gab, war, so hieß es, mit dem Begräbnis der von Geiern und Hyänen zernagten toten Helden begonnen worden, und das römische Volk feierte die gräßliche Totenfeier mit – der Girandola!

Dort drüben, der Kirche Santa Maria del Popolo gegenüber, war die Tribüne für das Königspaar errichtet; und als König und Königin zu dem Flammenschauspiel erschienen, bejubelte sie das römische Volk, klatschte es dem Herrscherpaar rasenden Beifall.

Ich stand mitten unter dem Volk, war noch ein Knabe, und als ich das Volk jubeln und jauchzen hörte, einem Königspaar zu, welches am Tage nach der verlorenen Schlacht von Adua in seinem Palast seine Koffer hatte packen lassen zu feiger Flucht – Siehst du, Mädchen, da dachte ich: etwas Großes und Grauenvolles muß über dieses jubelnde und johlende Volk kommen, eine blutige Sturmflut, die diesen schwankenden Königsthron in den Abgrund reißt, dieses unwürdige Volk aus einem Abgrund erhebt; und ich, der Knabe, betete, betete, betete. Die rächende Gottheit flehte ich an, sie möge dem italienischen Volk etwas Großes und Grauenvolles bescheren, damit es die Prüfung bestehe. Und – ich bete noch immer.«

»Um was?«

»Um Krieg.«

»Krieg!«

»Mit Österreich, mit Deutschland, mit unsern sogenannten Bundesgenossen und Brüdern, mit unsern Todfeinden... Bete du mit mir, daß die Gottheit mein Flehen erfülle.« Er führte sie weiter; führte sie durch die Porta del Popolo in seine Wohnung. Sie lag in einem ruinenhaften Hause, zu dem von der Flaminischen Straße ein Hohlweg lief. Der Raum war feucht von Moder. Man hörte den Fluß rauschen.

Am nächsten Tage ward Silvias Fieber so heftig, daß sie von ihrem Lager – Orazio hatte ihr das seine überlassen – nicht sich erheben konnte und eine Sterbende schien. Um das notwendige Chinin kaufen zu können, verrichtete der junge Sabiner die Dienste eines Tagelöhners. Fortan sorgte er für sie, wie nur ein guter Mensch für ein Wesen sorgen konnte, welches seinem Schutz sich anvertraut hatte. Er liebte das Mädchen nicht; denn er konnte auf Erden nur eines lieben: sein Vaterland. Aber als ihn die Gerettete zum erstenmal wieder dankbar anlächelte, ging er hinaus und weinte.

Er weinte vor Glück, einem Geschöpf, welches so elend war wie er selbst, etwas Gutes erwiesen zu haben.

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