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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Fünftes Kapitel

Einer der Freunde Orazios war ein sehr ungewöhnlicher Mensch, Er hieß Mario Mariano, stammte aus Kalabrien und rühmte sich, Banditenblut in seinen Adern zu haben. Er war groß und schlank, von prachtvoller Gestalt mit tiefschwarzem üppigem Haar und dunklem Gesicht, dessen scharfe Züge an einen Raubvogel erinnerten, doch mehr an einen Geier als an einen Adler. Seine Augen waren gleich durchsichtigem gelbem Bernstein, seine Lippen schienen blutrot gefärbt. Es waren Lippen, deren Sinnlichkeit etwas Aussaugendes, Unersättliches, Vampirartiges hatten, und der Blick dieses noch jungen Menschen konnte Furcht, Entsetzen, Abscheu einflößen. Aber er wirkte auf viele berückend, geradezu bannend. Seine Hände waren gepflegt wie die einer eleganten Frau: lang und schmal, mit polierten rosigen Nägeln. Er hatte eine leise weiche Stimme, deren Wohllaut von ihm heimlich ausgebildet wurde wie das Organ eines Sängers. Er sprach nicht, sondern er flüsterte, hauchte. Aber diese leise, leise Stimme wirkte wie Magie, wie Hypnose. Von hypnotischer Wirkung war der ganze Mensch. Je heftiger jemand dagegen sich wehrte, um so rückhaltloser erlag er dem Zauber dieses Organs, dieses Blicks, überhaupt des ganzen Menschen. Sehr junge und sehr reine Gemüter ergaben sich dem Unheilvollen, ja Satanischen, das von diesem Manne ausging, blindlings und – rettungslos; Ältere und sehr Ernsthafte, sehr Männliche dagegen haßten ihn. Aber auch die Jüngeren liebten ihn nicht, sondern fürchteten ihn. Sie fürchteten seinen Zauber, seinen Zwang.

Person und Leben dieses eigentümlichen Menschen umgab etwas Geheimnisvolles, Dunkles. Er schien arm zu sein, wohnte in dem Volksviertel der Monti, hatte stets irgend ein weibliches Wesen um sich, welches ihm sklavisch ergeben war, doch bald einer neuen Geliebten weichen mußte. Die Liebe, die er den Frauen einflößte, war Taumel, Rausch, Wahnsinn; war eine Orgie der Leidenschaft. Man raunte von Selbstmorden und Attentaten, ausgeführt von verlassenen Geliebten auf ihren gewissenlosen Verführer. Niemals sprach er von seinen Liebesabenteuern, selten vom Weibe überhaupt, beständig bewegte er sich in hohen Gedankengängen, äußerte er sich in großen Worten, gewaltigen Bildern, und immer war seine Sprache ein Flüstern, ein Raunen.

Er studierte nichts, tat nichts und – war alles, wußte alles. Seine Kameraden, die er pathetisch seine Jünger nannte, behaupteten von ihrem Meister, er könnte alles sein: Staatsmann, Künstler, Dichter, Übermensch: der Übermensch Friedrich Nietzsches. Auch Priester, Asket, Heiliger. Über jeden Gegenstand verstand er glänzend zu sprechen, mit dem Wohlklang seiner tief gedämpften Stimme so hinreißend, daß er seine Zuhörer in Verzückung versetzte und es über sie wie eine Betäubung kam. Wenn er den Entbehrenden, die häufig Hungernde waren, die Genüsse des Lebens schilderte, so waren die Lehren eines Oskar Wilde blasse Schatten gegen die glühenden Farben, womit Mariano seine Bilder einer dionysischen Lebenslust malte. Ja, Dionysos wollte er sein! Aber nicht mit Efeu wollte er sein Haupt kränzen, sondern mit Rosen, mit scharlachroten, glühenden, duftenden! Bei solchen Anschauungen hauste er in dem Viertel des römischen Volks, dem Quartier des Plebs. Das würde jedoch bald anders werden: bald würde er aus den Höhlen des Elends hervorgehen, ein Bezwingender, Siegreicher, Leuchtender!

Alsdann würde nicht nur Rom und Italien, sondern die Welt von ihm hören. Einem Geschlecht kalabresischer Straßenräuber entstammend, würde er Italiens geistiger Herrscher werden. Dieser Mensch besaß die große Geste der romanischen Rasse in ihrer ganzen, fast furchtbaren, fast frechen Großartigkeit ...

Bei Mariano traf Orazio Silvia Bartolini. Hätte er etwas anderes lieben können als sein Vaterland, einen Freund oder eine Frau, so würde er dieses Mädchen geliebt haben und das gleich, als er sie zum ersten Male sah. Sie schien noch ein Kind zu sein, war überschlank mit sylphenhaft feinen Gliedmaßen und eben solchem weißen Gesichtchen, darin die Augen in einer Traurigkeit dunkelten, daß Orazio das Mädchen nicht lächelnd, nicht heiter sich vorstellen konnte. Seit einiger Zeit besuchte er um ihretwillen die »leuchtenden Nächte« des Übermenschen, der sogar diese flammende Seele in seinen Zauberkreis zu bannen wußte, vielleicht sein größter Triumph, von ihm jedoch vollkommen unbeachtet, da für ihn eine so unscheinbare Persönlichkeit wie die Orazio Petronis überhaupt nicht existierte.

Orazio sprach mit Silvia niemals ein Wort, sah sie nur immerfort an. Er sah, daß sie armselig gekleidet ging, daß sie von Fieberschauern geschüttelt wurde; sah, daß sie von dem Geliebten den Blick nicht abwandte, mit allen Sinnen an dessen faunischen Lippen hing, welche die großen Worte so leise sprachen, daß, um sie überhaupt nur zu hören, in dem großen Raum eine Stille herrschte wie in einer Kirche ...

Auch in dieser Februarnacht hatte Mariano die Seinen um sich versammelt. In dem Zimmer war es bitter kalt, der Westwind umheulte das Haus, einige Kerzen brannten und ließen ihren flackernden Schein auf die Gestalten fallen, die den magischen Meister umdrängten. Was den Jüngern dieses geistigen Messias an Speise fehlte, ersetzte ihnen Phrase und Geste. Sie nährten sich von dem durch ihn entzündeten Enthusiasmus, berauschten sich am Wohllaut seiner Sprache, welche die Sprache Dantes und Petrarkas war. Es brauchten nur große Worte zu fallen: »Freiheit – Vaterland – Roms Weltruhm – Roms ewige Herrlichkeit« – und durch die jungen Seelen ging Ein Erbeben, brauste ein Sturm, strömte eine Glut, darin in Begeisterungsflammen Italiens Zukunft geschmiedet wurde. Und Italiens Jugend, die Italiens Zukunft war, betete zu dem Genius des von Göttern und Menschen geliebten Landes, daß ihrem Vaterlande wieder ein Brutus erstünde, ein Größter und Herrlichster.

Spät in der Nacht trennten sich die Versammelten, von Mariano mit der Gebärde eines Souveräns verabschiedet. Er war unter den jungen Leuten der einzige, der nicht nur gut, sondern elegant gekleidet war. Allerdings mit einer sehr besonderen Eleganz, das Hemd seidig wie Spinnweb, mit feingefältelten Manschetten, die bis auf die glänzenden Fingernägel herabfielen, und stark parfümiert. Trotz der elenden Wohnung in Roms Volksviertel und seinem Nichtstun besaß er immer Geld, dessen Ursprung niemand kannte. Da er keinen Beruf hatte, nur hie und da ein Gedicht niederschrieb, für welches er in seinem Vaterlande keine drei Lire erhalten hätte, blieb die Quelle seines Einkommens rätselhaft. Übrigens war er nicht geizig, sondern besaß auch in Geldsachen etwas Großartiges, als verdiene er spielend und verachte eine Sache, um derentwillen seine Vorväter Banditen geworden, einige derselben sogar – der Enkel war stolz darauf – im Kampf mit ihren Opfern gefallen waren oder als Straßenräuber gerichtet wurden.

Von den in jener Nacht bei Mariano Versammelten hatten sich außer einem alle entfernt. Nur Orazio Petroni war geblieben: die Augen des Mädchens hielten, sehr wider seinen Willen, ihn fest. Auch hatte ihr Blick heute etwas Trostloses, geradezu Hoffnungsloses, und das Fieber brannte in ihren Augen. Da ihr Geliebter sich um sie nicht zu kümmern schien, so wollte Orazio – Ja, was wollte er?

Mariano sah ihn verwundert an. Sein Blick fragte den unentschlossen Dastehenden, den er vielleicht zum erstenmal beachtete, was er eigentlich immer noch wollte? Bevor Orazio auf die stumme Frage antworten konnte, kam es zwischen den beiden zu einem peinlichen Auftritt, herbeigeführt von dem noch so kindlichen Geschöpf, welches bereits eine Verführte, das Opfer eines Wüstlings war. Es war der Ausbruch eines leidenschaftlichen, eines tief unglücklichen Weibes, einer Verzweifelten.

Sie, mit der Orazio bisher nicht ein Wort gewechselt hatte, ging mit dem starren Blick einer Nachtwandelnden auf ihn zu und sagte:

»Sehen Sie ihn an; o, sehen Sie ihn an! Hörten Sie ihn heute sprechen? Große Worte, herrliche Worte! Worte eines Dichters, Propheten, eines Genius! Wissen Sie, was er ist? Ein Seelenverderber, ein zwanzigfacher Mörder! Zwanzigfach mehr Mörder als tötete er mit Gift oder Dolch. Mich hat er zwanzigfach getötet. Das Gift seiner Küsse hat er in meine Seele gegossen, die unschuldig war; den Dolch seiner Lüste hat er in mein Herz gestoßen, dessen Schlag ihm gehörte. Sehen Sie ihn an; o, sehen Sie ihn an! Sie wissen, wer er ist. Keine Worte können jedoch sagen, was er ist: ein Dämon, ein Teufel, der leibhaftige Luzifer! Und dieser Mensch will Italiens Heros werden! Beflecken wird er Italien, es schänden mit seinem Schimpf, den Italien von seiner Ehre nicht wieder wird abwaschen können und tauchte es jede seiner Schollen in das Blut seiner Söhne. Denken Sie an mich, wenn die Zeit kam; denken Sie an eine Unselige, die dieser Würger zwanzigfach mordete, und ich bin nur eine von vielen.«

»Nur eine!«

Mariano sagte es. Während des ganzen Vorfalls stand er mitten im Zimmer und betrachtete unverwandt die wie im Fieber Phantasierende, bohrte den Blick seiner Wolfsaugen in die ihren. In dem Ton, mit dem er die beiden Worte: »Nur eine!« sagte, lag der Zynismus eines Menschen, für den es auf Erden nichts Hehres und Heiliges gab. Also auch nicht die Hoheit der Jungfrau. Das Mädchen zuckte unter des Menschen Worten zusammen wie unter einem Faustschlag. Aber, wie von seinem brennenden Blick gewaltsam angezogen, schwankte sie auf ihn zu, stürzte zu seinen Füßen nieder, flehte ihn an:

»Schlage mich, töte mich, mißhandle mich! Nur verjage mich nicht. Lasse mich bleiben, deine Dienerin, deine Sklavin, deine Dirne!«

»Meine Dirne? ... Eine Dirne verjagt man, wirft man fort.«

Sie schrie auf, taumelte in die Höhe, stand vor ihm mit verzerrten Zügen, irrem Blick. Doch er, mit einem Lächeln, wie Orazio niemals gesehen, sagte, ohne seine Stimme zu erheben:

»Fort mit dir! Diese Nacht noch! Ich habe mit dir nichts mehr zu schaffen, nichts mit einer Dirne.«

»Du jagst mich hinaus, in die Nacht, auf die Straße?«

»Nachts von der Straße nahm ich dich auf. Aus Barmherzigkeit.«

Sie stöhnte:

»Du sagtest, du liebtest mich.«

»Lüge!«

»Du wußtest, daß ich unschuldig war, rein und gut.«

»Ich wußte es.«

»Und verführtest mich.«

»Ich ließ mir deine Hingabe gefallen.«

»Verdarbst mich.«

»Es ist genug. Geh!«

»Und du?«

»Und ich?«

»Du gehst zu einer andern? Diese Nacht noch? Von einer andern bestellt, von einer andern bezahlt!«

»Ich gehe diese Nacht noch zu einer andern.«

»Um auch diese zu verderben, wie du mich verdorben hast.«

»Wenn sie sich verderben läßt, wie du dich verderben ließest.« »Unglück über sie, Schande und Verzweiflung über sie, wie sie über mich kamen!«

»Hier hast du Geld, und jetzt bist du bezahlt.«

Sie schleuderte ihm das Geld vor die Füße: Stück für Stück, und sagte zu Orazio langsam Wort für Wort betonend:

»Sehen Sie ihn an; o, sehen Sie ihn an: Italiens zukünftiger Heros, Italiens unvertilgbarer Schandfleck, Italiens unsterblicher Schimpf.«

Sie schritt zur Tür. Ohne jede Umhüllung, im dünnen schlechten Kleide schritt das Mädchen mit der Kindergestalt und dem Kindergesicht aus dem Zimmer, aus dem Hause, in die Sturmnacht hinein.

Orazio folgte.

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