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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Drittes Kapitel

Das erste, was Signora Lavinia in ihrem Hause durchsetzte, war ein Salon, ein »salotto«, nach ihrem Geschmack. Der junge Ehemann fand die Einrichtung echt römisch geschmacklos; da sie aber seiner Gattin gefiel und er ihr am liebsten die Sterne vom Himmel heruntergeholt hätte, so ließ er ihr auch darin freie Hand, glücklich, ihr einen Wunsch erfüllen zu können. Also prangte das Staatsgemach in den buntesten Farben, Teppiche, Vorhänge, Möbelbezüge, Tischdecken – Jedes Stück zeigte ein andres Kolorit. Aber der Stolz der Herrin dieser Herrlichkeiten waren zwei lebensgroße Mohrenknaben aus pechrabenschwarzem Ebenholz mit gold- und silberdurchwirkten Lendentüchern und orangefarbenen Turbanen. Die holden Knaben trugen gelbe Kandelaber, darin grellrote Wachskerzen steckten. Heinrich erduldete beim Anblick des schwarzen Dioskurenpaares körperliche Qualen, ein Märtyrer des Kunstgeschmacks seiner Gemahlin.

In diesem pompösen Raum »empfing« Frau Heinrich Weber, und eben das war das Erstaunliche, wie sie empfing! Wie eine Dame der Gesellschaft, eine Repräsentantin der großen Welt. Man drängte sich herzu, um Frau Heinrich Weber empfangen zu sehen, und das nicht nur die Herrenwelt. Am begeistertsten zeigte sich das schöne Geschlecht.

Jeden Freitagnachmittag war Frau Heinrich Weber zu Hause. Für ihre Intimen auch an anderen Abenden. Sehr bald scharte sich um sie ein Kreis von – eben von Intimen. Er bestand aus jungen Künstlern, Schriftstellern, Journalisten verschiedener Nationen, eleganten Nichtstuern und was sonst zu dieser Gattung von Ebenbildern der Gottheit gehörte. Darunter befand sich auch der Landsmann der schönen Frau, Herr Amerigo Minardi. An ihren Nachmittagen empfing die Dame von fünf bis sieben; an den Abenden, römischer Sitte gemäß, erst nach neun. Freitags servierte ein Lohnlakai kleine Kuchen; an den intimen Abenden bereitete sie ihren Gästen eigenhändig ein Glas Limonade oder Punsch. Sie verrichtete diese hausfrauliche Tätigkeit mit höchster Anmut, und ihre Bewunderer hatten Gelegenheit, an ihrer Hand – sie hatte die Farbe matter Goldbronze – einen großen Rubin funkeln zu sehen.

Wovon an diesen Abenden die schöne Wirtin mit ihren Gästen, Namen und Herren, sich unterhielt? ... Wovon man eben in römischen Salons sich unterhält. Auch das war einfach erstaunlich: wie es die Dame des Hauses verstand zuzuhören. Selbst Tante Minchen mußte bewundernd zugestehen: dergleichen sei eben nur in diesem Lande und bei diesen Frauen möglich! Daß hätte man in Naumburg oder sonstwo im lieben Deutschland erleben sollen, daß ein Mädchen aus einem Bauernnest im Handumdrehen in solcher Weise sich verändern konnte! Beim Ausmalen eines derartigen Vorgangs am Strande der grünen Saale versagte Tante Minchens Vorstellungsvermögen vollkommen ...

»Kleide dich doch wenigstens vormittags an! Ich bitte dich nicht, es schon in der Frühe zu tun. Aber doch vormittags, damit ich dich wenigstens bei Tisch angekleidet finde. Schön bist du immer, aber – Genug, ich bitte dich!«

Genug, er bat sie, und sie ließ ihn bitten. Überdies verlangte er von ihr, daß sie ihm für sein Marmorbildnis Modell stand. Also konnte sie für die Colazione unmöglich sich ankleiden, um gleich nachher wieder sich auszuziehen, Es war dieses Für-ihn-sich-Ausziehen wahrlich schon Opfer genug: war sie doch nicht mehr das vielbegehrte Mädchen von Bellegra, sondern die vielbewunderte Frau Heinrich Weber. Sie konnte den Namen noch immer nicht aussprechen, mußte ihn mühsam buchstabieren. Er klang gar so häßlich! Auch erklärte sie ihrem Gatten, nur für diese eine Figur stehen zu wollen. Er nannte seine neueste Skulptur sein Lebenswerk; also bedurfte er ihrer später nicht mehr als Modell.

Alles, was ihn heimlich drückte und quälte, leugnete er vor sich selbst hartnäckig ab. Über der Seligkeit, die Gestalt seiner Italia nach diesem vollkommen schönen Frauenkörper bilden zu können, vergaß er seiner Gattin langen Morgenschlaf und ihre durchaus nicht damenhafte Erscheinung noch am späten Vormittag. Er vergaß die schlampige Magd und sein ganzes jammervoll geführtes Hauswesen; vergaß den bunten Salon mit den beiden Negerknaben; vergaß sogar die Freitagnachmittage und die Abende im Kreis der »Intimen«, von denen der Intimste Herr Amerigo Minardi war. Die Gestalt, die er hüllenlos vor sich sah, war so herrlich und hehr, daß er darüber – eben alles andre vergaß. Er arbeitete, wie er in seinem ganzen Leben nicht gearbeitet hatte, schuf und schuf, fühlte alle Wonnen des Schöpfers, ließ sich davon bis ins Innerste durchschauern. Nicht ein einziger der Meister der großen Vergangenheit: nicht Phidias und Polyklet – nicht Michelangelo konnte sich bei seinen Schöpfungen von der Gottheit gewaltiger gepackt gefühlt haben. Und das Bildnis gestaltete sich unter seiner Schöpferhand, das Ideal, welches er in sich trug, trat aus seiner Seele hervor, gewann unter seiner Hand Leben, wurde das von ihm geträumte große Werk, dem er im Augenblick der Ekstase den hohen Namen seines Lebenswerkes gab. Sein Meisterwerk wurde es jedenfalls.

War sie nach der Sitzung hinreichend ausgeruht, so machte sie Toilette, höchst prachtvoll, doch etwas zu sehr nach dem Geschmack ihres Salons mit dem Zwillingspaar. Es stand ihr übrigens vortrefflich, besonders der breitrandige Hut mit dem gewaltigen Federaufbau. Auf ihren Ausgängen begleitete sie die Magd, gleichfalls aufgeputzt. Sehr bald jedoch liebte sie es zu fahren, einstweilen noch in einer gewöhnlichen Droschke, doch war der Mietswagen bereits in Sicht. Zu diesem würde dann der Lohnbediente gehören.

Signora Lavinia fuhr Korso. Sie fuhr in die Villa Borghese, fuhr auf den Janiculus und Montags in die Villa Pamsili. Am liebsten besuchte sie den Pincio, und zwar mußte der Wagen den Weg nehmen vorüber an Trinitá de Monti, vorüber an – Villa Medici.

Welch ein Triumph, als der erste der Herren Franzosen der Equipage begegnete, sie anstarrte und nicht erkannte. Sie befahl zu halten, winkte den Herrn aus Paris huldvoll herbei und sagte, lässig in die Polster zurückgelehnt, huldvoll die mattlila behandschuhte Rechte ausstreckend:

»Wie geht es Ihnen?«

»Ja, aber –«

»Sie kennen mich nicht?«

»Ist es möglich?«

»Was sollte möglich sein?«

»Sie sind es wirklich?«

»Wer sollte ich sein?«

»Ich hörte davon; aber –«

»Nun?«

»Es ist erstaunlich!«

»Was finden Sie so zum Erstaunen?«

»Lavinia Petroni!«

»Frau Heinrich Weber.«

»Wie Sie sich verändert haben!«

»Finden Sie?«

»Eine Dame!«

»Wirklich?«

»Und –«

»Reden Sie doch!«

»Sind Sie als Dame ebenso glücklich, wie Sie bei uns waren?«

»Sehen Sie mich an!«

»Ich sehe.«

»Was machen Ihre Freunde?«

»Sie fehlen uns: das Mädchen von Bellegra.«

»Wirklich?«

»Wirklich!«

»Grüßen Sie Ihre Freunde von mir: und – sie sollen mich besuchen. Auch Sie. Mein Mann wird sich sehr freuen. Wir wohnen Via Margutta Nummer 54. Ich empfange jeden Freitag um fünf Uhr ... Auf Wiedersehen!«

Das war das Mädchen von Bellegra!

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