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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Zweites Kapitel

Das andre Paar – Herr und Frau Minardi wohnten nicht in dem alten, dem eigentlichen Rom. Der junge Ehemann war ein moderner Mensch, gehörte daher in die moderne Stadt, nach Neu-Rom. Sehr zum Leidwesen seines altmodischen Schwiegervaters hatte Herr Minardi durchgesetzt, in einem Villino jenseits des Tibers auf den ehemaligen Wiesen, die einstmals die Hadriansgruft umgrünten, ein elegantes Quartier zu beziehen. Wenn Sor Rodolfo seine Kinder besuchte, erinnerte sich der alte Herr voller Wehmut, wie er als junger Mensch auf jenen historischen Fluren, von denen aus die Engelsburg von allen Völkerschaften Europas belagert wurde, glückliche Zeiten verlebt. Mit deutschen Künstlern, deren Frauen und Töchtern zog man an schönen Abenden hinaus, schiffte auf einer Fähre über den Fluß und hielt drüben unter Buschwerk, Röhricht und Blumen in harmloser Fröhlichkeit Merenda. Den Hintergrund der Landschaft, die unmitttelbar im Rücken der volkreichen Stadt tiefe Einsamkeit und blühende Wildnis war, bildete der, Monte Mario mit seiner weithin leuchtenden Villa Mellini und langen Reihen breitwipfliger Pinien; bildeten die Zinnen des gewaltigen Grabmals des großen Kaisers, die burgähnlichen Mauern des Vatikans und die blaue Wölbung der Peterskuppel, während der Strom seine gelbe Flut schwerfällig dem Meere zuwalzte, als zaudere er, an der Stadt ewiger Größe und Herrlichkeit vorüberzuziehen; das Wahrzeichen von Roms Campagna, der Soracte, leuchtete herüber und jenseits der Pinciohöhen die Pyramide des Monte Genaro. Das waren Zeiten gewesen! Und jetzt? Wo Herden geweidet und die Deutschen bei jedem festlichen Anlaß sich mit Blumen bekränzt, erhob sich eine Stadt mit Straßen, deren protzige Prunkbauten, zum Teil von der Hefe des Volks bewohnt, schon jetzt mit Einsturz drohten; mit einem monströsen Justizpalast, unwahrscheinlich wie eine Fieberphantasie, und näher dem hochumwallten Ufer, inmitten gänzlich wüster Strecken, ein Villenviertel, welches in Wien oder in Berlin oder irgendwo sonst hätte stehen können. Aber Herr Minardi war von der feinen Lage seiner Wohnung entzückt, und auf ihn kam es an, auf ihn allein.

Wenn Sor Rodolfo in jenem widerwärtigen Teile der Stadt seine Kinder besuchte, traf er gewöhnlich nur seine Tochter zu Hause; gewöhnlich war Herr Minardi ausgegangen. Das machte dem Herrn Ehre; denn Virgilio Minardis Sohn suchte auf das eifrigste nach einer Tätigkeit. Einstweilen hatte er von dem Gelde seines Schwiegervaters die teure Wohnung gemietet und »herrschaftlich« möbliert. Sobald sich etwas gefunden, würde er mit dem Gelde des nämlichen Herrn im Innern der Stadt ein Büro einrichten, eine Advokatur eröffnen und damit den ersten Schritt zum Deputierten tun. Einstweilen war er, wie gesagt, noch auf der Suche, was jedermann von dem feinen Herrn höchst ehrenwert, seine junge Frau geradezu bewundernswert fand. Weshalb sie das tat, wußte freilich nur sie. Jedenfalls äußerte sie ihre Bewunderung in begeisterten Worten zu Vater und Tante, von welchen beiden wenigstens der eine, der immer bereit war, nur an das Gute im Menschen zu glauben, von Herzen mitbewunderte.

Also Herr Minardi suchte. In tadelloser Aufmachung, ein moderner Götterjüngling von Kopf bis zu Füßen, suchte der Sohn eines hart arbeitenden und schwer erwerbenden Vaters, der sich voller Stolz einen Bauer nannte, nach einer seinen Talenten und zugleich seinem Geschmack entsprechenden Tätigkeit. Seine Talente bestanden vornehmlich in einer intimen Kenntnis der Gesetze seines Landes, welche, nach Ausspruch eines hohen Beamten und rechtlichen Mannes, »nur für die Reichen« bestanden. Diese Kenntnisse und deren skrupellose Anwendung hätte der angenehme Zukunftsmann bereits jetzt zum Nutzen seiner Klienten anwenden können, wäre sein Geschmack weniger der eines Kavaliers von Vaters Geldbeutel gewesen, an dessen Stelle jetzt der um vieles gefülltere seiner blonden Gattin getreten war. Immerhin suchte Herr Minardi, und sein Suchen allein war für einen mit so berückenden Leibesgaben ausgestatteten Jüngling aller Ehren wert. Überdies war das bloße Suchen Arbeit und Mühe genug.

Auch in dem Haushalt des Villino auf den einstmaligen Gefilden am Tiberstrand brachte bereits der Morgen eines jeden Tages eine Enttäuschung. Die junge Frau erschien im hellen Hausgewand an dem auf das liebevollste von ihr selbst gedeckten Frühstückstisch in dem wie ein Schmuckkästchen gehaltenen Speisezimmer. Eine junge Dienerin in gesteiftem blauem Kattunkleide mit weißer Schürze und einem etwas sehr koketten Häubchen, trug den Kaffee auf, der immer wieder abgetragen werden mußte, da der Hausherr immer wieder auf sich warten ließ, bis er endlich verschlafen und verdrießlich eintrat, ohne für das behagliche Hauswesen einen Blick zu haben. Auch kein freundliches Wort für seine mit heimlichem Beben darauf harrende Hausfrau. In schweigender Hast nahm er das Frühstück ein, worauf er sogleich fortstürzte; denn er mußte suchen und hatte sich auch heute wieder verspätet.

Eine junge hübsche Dienerin und nicht Dame Filomena, die ja doch die Heirat gestiftet, also das Glück des Hauses Minardi begründet, war in demselben zu sehen. Wie konnte das geschehen? Sie, die Stifterin, hatte es doch erstrebt; hatte die Regierung im Hause Müller für alle Zeiten Tante Minchen überlassen wollen. Aber ihr lieber Neffe hatte sie abgelehnt: einfach abgelehnt! Es war eine Katastrophe gewesen. Die tödlich Gekränkte hatte alle Register ihrer sittlichen Entrüstung gezogen, und diese verfügte über gar gewaltige Akkorde. Mit leisem Lächeln hatte der junge Ehemann zugehört, als wären die brausenden Töne liebliche Melodieen gewesen. Das Verwünschungswort: »Undankbarkeit« wurde ihm ins Gesicht geschleudert. Ganz erstaunt hatte er gefragt, ob es denn auf der Welt Dankbarkeit gäbe? Ob sie auf Dankbarkeit gerechnet hätte? Ob je ein Mensch sich dankbar erwiese? Gerade sie sollte die Menschen doch kennen. Solches hatte der Undankbare seiner Frau Tante lächelnd ins Gesicht gesagt. Nun war es über die Gattin hergegangen: ob sie wüßte? Nein! Das Kind wußte nichts; aber das Kind sollte es erfahren, alles erfahren, den ganzen Handel, die ganze Niedertracht. Da Dame Filomena dabei ihre eigene Niedertracht hätte eingestehen müssen, so begnügte sie sich mit einem Wutanfall, dem ein Tränenstrom folgte. Das Kind weinte mit der Getreuen, konnte ihr jedoch nicht helfen, da sie keinen andern Willen als den des Gatten kannte und diesem sich unbedingt beugte. Was Dame Filomena betraf, so spendete sie dem von ihr gekuppelten Paar als Hochzeitsgeschenk ihren Fluch und prophezeite der jungen Frau alles nur erdenkliche Unglück. Wenn sie auch die Menschen nicht gekannt hatte – denn sie hatte auf Dankbarkeit gerechnet – so kannte sie doch Amerigo Minardi: jetzt kannte sie ihn! Weil sie sich an ihrem Neffen, dem Stolz des Hauses Minardi, nicht rächen konnte – fürs erste wenigstens nicht – so traf ihre Rache den Haushalt ihres alten Herrn, darin sie fortan eine wahre Schreckensherrschaft führte. Besonders Tante Minchen wurde zu solcher Dulderin, daß sie – wäre sie katholischen Glaubens gewesen – verdient hätte, bereits bei Lebzeiten als Märtyrerin kanonisiert zu werden.

Also Herr Minardi suchte. Er suchte auf Piazza Colonna und auf Piazza Venezia, wo er seinesgleichen zu Scharen antraf: moderne römische goldene Jugend, Italiens Gegenwart, die Italiens Zukunft sein sollte. Italiens Zukunft und Größe wurde nicht nur auf Roms Plätzen tausendfältig diskutiert, sondern dort auch geschaffen. Das gleiche geschah im Café Aragno bei einem Glase Wermut und heißen Fleischpastetchen. Auch in diesem welthistorischen Erfrischungslokal, welches Börse, Redaktion, Deputiertenkammer und Senatshof zugleich war, suchte Herr Minardi mit nie erlahmendem Eifer. Noch eifriger als sein Suchen nach einer seinen Talenten angemessenen Beschäftigung war sein Diskutieren und Debattieren; war sein emsiges Weben an dem Gewande der Politik seines Vaterlands. Daß diese Politik groß und glänzend, zu Land und zu Wasser weltbeherrschend sein mußte, darüber gab es keine Debatte. Das war eben so; und deshalb: weil es so war, gab es unter den Staaten Europas nichts Stolzeres, Bezwingenderes, Herrlicheres als Italien, wie es drüben in Afrika, an den Küsten der Erythräa und Tripolitaniens, schon jetzt sich offenbarte; verzeichnete doch Klio, die Unbestechliche, mit ehernem Griffel auf der Tafel der Weltgeschichte Sieg auf Sieg des Landes Julius Cäsars und Mark Aurels, welcher vom Kapitol herab seine Rechte noch immer segnend über Rom ausstreckte.

Daß dieser wahrhaft große Fürst seine Hand niemals möge sinken lassen, aus Scham darüber, sie zur Weihe eines, solchen Genius loci unwürdigen Staates jemals erhoben zu haben. Ein Gedanke Sor Rodolfos war es, als er eines Tags über den weihevollen Platz schritt und zu dem hehren Herrscherantlitz emporschaute, und wurde dieser Gedanke in der Seele des Deutschen, der Italien liebte, zu einem Gebet für Italiens Ehre und Glück ...

Wenn der Professor seine Tochter in Neu-Rom besuchte und sie fast jedesmal allein fand, so machte er seit einiger Zeit die Entdeckung, daß es ihm nicht unlieb war, seinen Herrn Schwiegersohn nicht anwesend zu finden, und er hatte doch von jeher an dem schönen Menschen seine Künstlerfreude gehabt. Erst seitdem dieser sein Tochtermann geworden, hatte sich das anders gestaltet. Romanas Vater überhäufte sich mit Vorwürfen über seine »Schlechtigkeit«, zu der Herr Minardi dem Alten – wie dieser sich einredete – durchaus keinen Anlaß gab: war doch der Vielgewandte gegen ihn voller Achtung und Aufmerksamkeit, und seine Tochter versicherte ihm auf das eindringlichste, sie sei unter der Sonne Roms die glücklichste Ehefrau. Seiner Schwester Minona zürnte er ernstlich, weil sich diese einen Angriff auf das häusliche Glück der Minardi gestattete. An dem nämlichen Tage, an dem solches geschah, verband sich Dame Filomena mit Tante Minchen, und die alten Rivalinnen lebten fortan in einer Eintracht, daß sie nicht mehr, jede für sich, in unterdrückten Seufzern und geheimnisvollen Andeutungen über Herrn und Frau Minardis Eheglück sich äußerten, sondern in allen Tonarten das schönste Duett vollführten. Einstweilen wagten sie jedoch nicht, vor den Ohren des Hausherrn sich hören zu lassen. Eines späteren Tages indes –

»Findest du unsere liebe Romana nicht auffallend verändert?«

Tante Minchen war es, die zu ihrem Bruder diese Bemerkung machte, nur so nebenbei.

»Verändert? Unsere Romana? Wie meinst du das?«

Aber Tante Minchen hatte es eben nur so gemeint; und als sie sah, daß ihre ganz und gar nichts bedeutende Meinung ihren Bruder erregte, wollte sie damit überhaupt nichts gemeint haben: sie hatte sich eben geirrt. Weshalb sollte die liebe Romana denn auch verändert sein? Welche törichten Dinge sie bisweilen sagen konnte!

»Sehr törichte! Ich will dergleichen Torheiten über meine Tochter nicht hören!«

»Gewiß nicht. Beruhige dich nur.«

Seine Tochter auffallend verändert ... Das Wort kam Sor Rodolfo nicht aus dem Sinn, so sehr er sich bemühte, es zu vergessen. Aber veränderte nicht der Ehestand jeden? Besonders die Frau? Eine Ehe macht die Menschen nicht nur glücklich, sondern auch ernsthaft, weil es um eine Ehe eben eine ernsthafte Sache war. Also brauchte sich niemand darüber zu wundern, wenn seine Tochter durch ihre Ehe sich verändert hatte.

Und dann: die Ehe einer Deutschen mit einem Italiener. Das gab Gegensätze! Seine Tochter würde diese Gegensätze freilich nach Möglichkeit überbrücken; aber sie würde dieselben immerhin empfinden, wollte sie doch in allem ihres Mannes Weib sein: ihres Mannes Weib in ihrem Denken und Fühlen, ihrem ganzen Wesen und Sein. Vielleicht versuchte sie sich zu bereden, daß zwischen ihrem Mann und ihr keine Gegensätze bestanden oder daß sie die Schuld daran trug: sie allein! Und hatte sie es glücklich bis zur letzteren Selbsttäuschung gebracht, so würde sie sich gewiß auf das heftigste anklagen und noch mehr Inbrunst, Hingabe, Demut sein. Ja! In Demut verwandelte sich mehr und mehr ihre Liebe zu dem jungen, äußerlich glänzenden Manne, der zu ihr, der Älteren und Unschönen, sich herabgeneigt hatte. Aber schließlich mußte auch ihr Vater erkennen; mit jedem Tage schwand mehr und mehr die Ähnlichkeit mit jenem Mädchen, das damals auf dem Wege nach dem Hause des Sindakus in fast kindischem Entzücken ihrer Begleiterin um den Hals fiel, als sie hörte, sie würde geliebt, geliebt von dem einen und einzigen!

Also hatte Tante Minchen doch recht gehabt! Für ihren Bruder war diese Erkenntnis eine schwere Stunde ...

Wie Herr Minardi kein Auge dafür hatte, daß ihm seine Frau eine Häuslichkeit bereitete, die ein Muster von Behaglichkeit war; wie er selten für notwendig hielt, die Stunde der Mahlzeiten einzuhalten und seine Frau vergebens auf sich warten ließ; wie er Abend für Abend in irgend einem Klub oder sonst einer zweifelhaften Gesellschaft verbrachte; wie er gar nicht daran dachte, daß die Ehe eine Gemeinsamkeit sei – ebensowenig fiel ihm ein, für irgend etwas Teilnahme zu zeigen, das seine Frau betraf oder ein geistiges Band zwischen ihm, dem Italiener und seiner Frau, der Deutschen, hätte bilden können. Denn deutsch in jedem Gedanken, jeder Empfindung war diese Frau geblieben, obgleich sie in Rom geboren war und den majestätischen Namen Romana führte und obgleich sie die fanatische Liebe ihres Vaters für Land und Leute teilte. Es war die Deutsche, die ihren Schiller las, mit dünner Stimme ihren Schumann sang und das Italienische zwar fertig, aber mit einem Akzent sprach, der Herrn Minardi immer neuen Anlaß zu Spott und Hohn gab. Und wie anmutlos sie sich ausdrückte! Ohne den leisesten Anflug von Grazie! Niemals eine pathetische Redensart, eine pompöse Phrase, große Geste! So bar jeder Anmut wie ihre Sprache und Ausdrucksweise, genau ebenso unrömisch plump ihre Bewegungen, ihre Haltung, ihr Gang, ihr ganzes Wesen. Diese Deutschen waren in Gottes Namen ein Volk, von allem verlassen, was den Menschen zierte und ihn zu einem Geschöpf höherer Gattung erhob. Ja, wenn sie Signora Lavinia zum Vorbild genommen hätte! Ein Mädchen aus einem elenden sabinschen Dorf war diese Signora Lavinia gewesen, und jetzt? Man mußte es mit eigenen Augen sehen! Herr Minardi zum Beispiel sah die schöne Landsmännin voller Entzücken, und nicht nur er: Heinrich Webers Frau brachte es in den Kreisen, in denen der Künstler verkehrte, sehr bald zu einer Art von Berühmtheit. Seiner schönen Frau zuliebe, aus Stolz auf sie, erweiterte er diese Kreise, die sich bis dahin auf die deutsche Kolonie beschränkt hatten, und führte seine junge Gattin in Roms kosmopolitische Fremdenkolonie ein: in jene Salons, wie es solche auf der ganzen Welt nur in der Kosmopolis am Tiber gab. Das Erscheinen der in ihrer Haltung vollendeten Dame, die eine Bäuerin und ein Modell gewesen sein sollte, erregte gerade in diesen Kreisen allgemeines Aufsehen.

Das Erscheinen der Signora Lavinia Weber war in diesen Kreisen eine Sensation.

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