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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Sechzehntes Kapitel

Er lebte noch, blieb jedoch längere Zeit ohne Bewußtsein. Man konnte ihn nicht nach Olevano hinabbringen, mußte ihn auf dem wilden Berge lassen. Seine Freunde kamen herauf, wollten bei ihm bleiben, ihn pflegen. Aber das Mädchen, das ihn gerettet hatte, sagte:

»Um meinetwillen liegt er dort in der Kammer, ohne etwas von sich zu missen; um meinetwillen sollte er umgebracht werden, von meinem eigenen Bruder, der um meinetwillen zum Totschläger ward. Ich habe keinen Bruder mehr. Er, der mich durch einen Mord von dem fremden Manne trennen wollte, hat mich mit ihm vereinigt. Ich gehöre ihm. Also habe ich auf ihn ein Recht; ich allein! Gehen Sie daher nur wieder. Ich werde ihn pflegen. Wir Leute hier oben wissen, wie solche Wunden, von Mörderhand geschlagen, zu heilen sind.«

So sprach sie, ließ keinen der Freunde des Todwunden in die Kammer, wachte Tag und Nacht an seinem Lager, pflegte ihn mit den Mitteln, welche die Leute von Bellegra für derartige Fälle seit Jahrhunderten kannten.

Von Subiaco herauf kam das Gericht, untersuchte und protokollierte. Lavinia wurde befragt:

»Du kanntest den Fremden?«

»Ich kannte ihn.«

»Was wollte er an jenem Abend dort unten am Quell?«

»Er wartete auf mich.«

»Also kam er um deinetwillen?«

»Um meinetwillen.«

»Also war er in dich verliebt?«

»Er liebt mich.«

»Also warst du seine Geliebte?«

»Seine Geliebte bin ich.« Der alte Priester rang die Hände und rief in heller Verzweiflung:

»Glauben Sie ihr nicht. Ich weiß nicht, weswegen sie sich selbst beschuldigt, des Fremden Geliebte zu sein; aber ich, der Priester, schwöre Ihnen, sie ist es nicht ... So sage doch den Herren, daß es nicht wahr ist, daß du gelogen hast und aus welchem Grunde du die Unwahrheit sprichst.«

Schließlich war es den Herren sehr gleichgültig, ob das Mädchen seine Selbstanklage widerrief oder nicht. Warum sollte sie seine Geliebte nicht sein? Ein Modell! Und der Fremde ein Künstler. Diese Fremden, diese Deutschen, kamen eigens deshalb nach Italien, um die Liebhaber der Frauen, die Verführer der Mädchen zu werden.

Schade, daß der Dolchstoß nicht tief genug traf! Immerhin mußte nach dem Missetäter gefahndet werden. Freilich befand er sich im Buschwald so sicher wie in Abrahams Schoß. Nach einer Weile würde man die Jagd nach dem Flüchtling aufgeben müssen, doch das war in solchen Fallen das gewöhnliche.

Des Deutschen Geliebte –

Die Tochter seiner verstorbenen Schwester die Geliebte des Mannes, der todwund in seinem Hause lag; der Sohn seiner geliebten Schwester als Mörder geflohen und verfolgt. Es war des Jammers zu viel. Die kleine Gemeinde befand sich in hellem Aufruhr, und der Greis mußte hören, wie seiner toten Schwester Tochter schändlich beschimpft, deren Bruder emphatisch gepriesen wurde: das Mädchen war eine Dirne, der Mörder ein Held! Die Freunde des Entflohenen wußten sein Versteck und versorgten ihn mit Speise und Trank. Die Karabinieri brauchte er wenig zu fürchten.

Schandlieder wurden auf das Mädchen, Preislieder auf den Jüngling gedichtet und gesungen. Auch das war bereits vor Jahrhunderten so gewesen, würde noch nach Jahrhunderten so sein.

Sie, die Geschmähte, kehrte sich wenig um die allgemeine Verachtung, die sie wie ein Bann traf, als gälte sie einer andern, Wildfremden. Da der Fiebernde gegen Morgen am ruhigsten war, sie ihn also am ehesten verlassen konnte, stieg sie jetzt immer zu früher Stunde zum Quell hinab, obgleich zu dieser Zeit auch die andern Frauen das wichtige Geschäft des Wasserschöpfens und Waschens besorgten. Gleich einer Verpesteten wich man ihr aus; doch hatte sie ihr Haupt niemals höher getragen ...

Es kam der Tag, an dem der Bewußtlose aus seiner Betäubung erwachte. Aber noch erschien ihm das Leben als Traum. In diesem Traum trat die Geliebte vor ihn hin, neigte sich über ihn, sprach zu ihm. Er verstand nicht ihre Worte, die einen Ton hatten, wie er ihn aus ihrem Munde niemals gehört.

Er redete sie an:

»Also kamst du doch zu mir? Ich wußte es wohl. Ich wußte, du würdest meine Liebe erkennen. Hörst du: meine Liebe! Das ist nämlich etwas anderes, ganz anderes, als was ich bisher für eine Frau empfand. Nun kamst du zu mir und nun wollen wir glücklich sein.«

Das Glück ließ ihn von neuem in Ohnmacht und Nacht versinken. Bei seinem zweiten Erwachen fand er an seinem Lager den priesterlichen Greis, und jetzt erfuhr er –

»Verwundet ward ich?«

»Lieber Herr, ja.«

»Von wem?«

»Von einem Unglücklichen.«

»Weshalb haßte er mich?«

»Weil –«

»Weil ich ein Deutscher bin? ... Lavinia!«

Sie war leise eingetreten, stand am Fußende seines Lagers, blickte ihm in die Augen, sagte:

»Um meinetwillen.«

»Weil ich dich liebe?«

»Weil Ihr mich liebt, solltet Ihr sterben.« »Wer rettete mich?«

Als er auch das aus dem Munde des geistlichen Herrn vernommen und ihr seinen Dank stammeln wollte, unterbrach sie ihn:

»Da Ihr um meinetwillen sterben solltet, so tat ich nur meine Pflicht, Euch am Leben zu erhalten. Ihr seid ein Künstler, und ich weiß, was es heißt, ein Künstler zu sein. Spracht Ihr nicht von einem Werk, welches Ihr schaffen wollt? Also mußtet Ihr auch wegen Eures Werkes am Leben bleiben. Ich rettete daher nicht Euch, sondern Euer Werk, welches gewiß groß und herrlich sein wird. An dieses dachte ich, da ich Euch aufhob und den Berg hinauftrug, und mir war's, als hörte ich währenddem eine Stimme zu mir sprechen: Wenn er um deinetwillen sterben sollte, so mußt du um seines Werkes willen dein Gelöbnis brechen. Werdet gesund und – ich gehöre Euch.«

Eine wundersame Zeit kam, die Genesung. Er hatte jetzt leicht hinuntergeschafft werden können, entweder in das Casino Baldi zu seinen Landsleuten oder in die Casa Tedesca zu seinen Freunden. Sor Rodolfo stieg den beschwerlichen Weg immer wieder herauf, um nach seinem Liebling zu sehen und ihn zu bitten: Komm zu uns! Aber Heinrich wollte bei der Geliebten bleiben, um derentwillen er den Dolchstoß empfangen, und die ihn gerettet hatte: um seines Werkes willen! Wie eine Verklärung lag es über dem Geschwächten, wenn er seinem alten Freunde wieder und wieder versicherte:

»Am Quell fand sie mich. Ich lag in meinem Blut und war wie tot. Sie hob mich auf und trug mich den Berg hinauf. Denke doch: auf ihren Armen trug sie mich. So machtvoll ist ihre Liebe. Stelle dir das vor, fühle das mit mir, und du wirst verstehen. Alles wirst du verstehen. Auch du warst einmal jung; auch du lebtest als Jüngling in diesem Wunderlande aller Frauenherrlichkeit; auch du wirst ihre Zaubermacht empfunden haben. Also schilt mich nicht und – laß mich bleiben. Ich bin hier oben dem Himmel näher. Es ist so himmlisch schön, der Menschheit und ihrem Dunst entronnen zu sein.

Aus dem Munde seines väterlichen Freundes vernahm er die warnenden Worte:

»Was soll daraus werden? Sage mir, was daraus werden soll?«

»Zunächst Leben, Liebe, Glück und dann –«

»Und dann?«

»Ein Werk, ein großes und herrliches, wie sie sagte; ein Meisterwerk, mein Lebenswerk. Hörst du: das Werk meines Lebens!«

»Du bist jung.«

»Und werde jung sterben.«

»Nein, nein!«

»Ja, ja! Ihr alle glaubt, ich wüßte nicht, wie es um mich steht. Ich weiß es seit langem. Und darum, siehst du, darum will ich leben – leben – leben! Darum will ich jetzt mein Lebenswerk schaffen nach ihrem Bilde. Du sollst mit mir zufrieden sein, und wenn du es bist, mein lieber Alter, so wird mein Werk gut sein, wird es mich überdauern. Nicht nur mir selbst, sondern auch ihr schenke ich durch mein Werk ewiges Dasein. Das eben ist Künstlerliebe. Eine solche muß die Geliebte verklären. Da sie mich an dem Dolchstoß ihres Bruders nicht sterben ließ, so bleibt mir noch eine kurze Frist. Auch diese danke ich ihr. Mein Vaterland und das ihre werden mein Werk meiner Geliebten zu danken haben; denn mein Werk gehört Italien und Deutschland.«

Sobald er an Kräften zunahm, führte sie ihn hinaus. Mit starkem Arm geleitete sie seine noch schwankenden Schritte. Durch die Gassen des trostlosen Ortes führte sie ihn zu einem nahen Platz in den Klippen, wo er sich lagerte und die Herrlichkeit der Welt zu seinen Füßen hatte. Auf dem Wege dorthin bemerkte er, wie die Leute ihnen auswichen, hörte er, was sie ihnen nachriefen, mußte er begreifen lernen, daß das heldenmütige Mädchen von allen verachtet wurde: um seinetwillen! Begreifen lernen mußte der Liebende den ganzen schweigenden Jammer des ehrwürdigen Greises, dessen Gast er war, dessen wie ein Sohn geliebter Neffe an ihm zum Totschläger hatte werden wollen, während die Schwester für des fremden Mannes Geliebte galt.

Letztere Erkenntnis machte auf Heinrichs ritterliches Gemüt einen überwältigenden Eindruck. Am Tage seines Abschieds trat er vor den Priester hin und sagte:

Als meine Geliebte wird sie in ihrem Heimatsort beschimpft – als mein Weib soll sie in Rom geehrt werden. Sie hat der dreieinigen Gottheit ein Gelöbnis getan, und sie soll ihren Schwur halten. Ich kann diesem Hause, welches den Todwunden aufnahm, kein andres Gastgeschenk zurücklassen als die Sohnesbitte um Ihren väterlichen Segen.«

Das also sollte sich auch an diesen beiden vollziehen: ein Schicksal, ein Verhängnis.

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