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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Fünfzehntes Kapitel

Ich werde wiederkommen, hatte Heinrich Weber dem Mädchen von Bellegra zugerufen, und er kam wieder. Er konnte nicht anders: wiederkommen mußte er – da es auch in Gottes Namen für ihn »stärker« war als er. Wie ein Zauber war's. Hexerei ist's! So nannte er es bei sich selbst und wollte dem Spuk nicht erliegen, kämpfte dagegen, rang mit seiner Leidenschaft wie mit einem Feinde. Tiefer war jedoch ein Dämon und daher für den Sterblichen unbesiegbar.

Leidenschaft!

Keine Verliebtheit war's; kein jugendlicher Rausch. Auch kein Sturm aufgewühlter Sinne, sondern etwas Großes, Gewaltiges, das den ganzen Menschen packte, ihn umklammerte wie mit Geierkrallen. Leidenschaft! Wessen Seele davon nicht ergriffen ward, dessen Vernunft begreift sie nicht, die Macht, die zu Sonnenhöhen emporführt und in Abgründe hinabschleudert, die erschafft und zerstört, Selige und Unselige macht, die Gottheit und Teufel zugleich ist. Na gibt es kein Aufhalten, kein Zurück, kein Anhören der Vernunft; da gibt es nur ein Schicksal, das an dem Menschen sich erfüllen muß, und wäre das Ende auch Wahnsinn, Verzweiflung. Nein –

»Kein Ende, kein Ende!«

Und so mußte denn der von Leidenschaft für das fremdartige Frauenwesen Ergriffene, der ein junger Mensch und großer Künstler war, wiederkommen. Immer wieder und wieder.

Tagtäglich erklomm er den Berg, dessen Kuppe die höhlenartigen Wohnungen des ärmlichen Bergvolkes trug, dem der alte Priester das Evangelium göttlicher Liebe und Duldung verkündete, er selbst liebend und duldend. und das während eines ganzen Lebens von Entsagung und Elend.

Aber Heinrich ging seinen einsamen Weg nicht mehr am frühen Morgen, zu welcher Tageszeit Bellegras Frauen zu dem Felsenquell hinabstiegen, um in den schön geformten Kupfergefäßen Wasser zu schöpfen und in dem natürlichen Becken ihr Linnen zu waschen. Wenn er gegen Abend sich aufgemacht, so umwölkte der Dunst des heißen Tages die Fernen, so daß nur die nächsten Gipfel dem Nebel geheimnisvoll entragten und die über der Meeresküste ihrem Untergang sich zuneigende Sonne, einem Himmelszeichen gleich, als blutrote Scheibe hervorbrach. Am Quell selbst harrte er fortan der Geliebten. Es geschah dann, daß er seine Leidenschaft als Todesübel, als Wahnsinn empfand; daß er dagegen am grimmigsten ankämpfte. Aber es geschah auch dann, daß er sich den himmlischen Machten mit gelähmten Lebensgeistern ergab. Jeden Tag war es das nämliche, nur daß seine Leidenschaft mit jedem Tage hoffnungsloser ward; glaubte er doch mehr und mehr zu erkennen, daß es kein zweites Herz von solcher Unzugänglichkeit gäbe: Leidenschaft erweckend, blieb es von jeder leidenschaftlichen Regung unberührt. Auch darin erwies sich dieses Mädchen als die getreue Tochter ihres Volks, von dem in des Künstlers nordischer Heimat die Sage ging, in keinem andern Lande der Welt sei die Liebesleidenschaft der Frau von solcher Verzehrenden Glut. Doch galt dieser Ausspruch eben der – Frau, der Gattin. Nur diese gestattete sich, in Liebe zu entbrennen; in einer Liebe, die beseligen und zerstören konnte, und das einen andern als den Gemahl...

Während von einem in Scharlach, Violett und Orange auflodernden Himmel purpurne Dämmerung herabsank, kam die Geliebte einsam als letzte zum Brunnen. Pochenden Herzens ging Heinrich ihr entgegen, sprach zu ihr von seiner Liebe: seines Lebens erster und – letzter, wie er mit heißen Worten ihr sagte. Sie ließ ihn reden. Hatte sie Wasser geschöpft, durfte er ihr helfen, den schweren Krug auf das Haupt zu heben; durfte er ihr das Geleit geben und fortfahren zu ihr zu sprechen, immer nur von dem einen, das für ihn das einzige war.

Schnell brach nach dem kurzen Zwielicht des Südens die Nacht herein. Die Sterne funkelten auf. An ihrer Seite stieg er bis zum Gipfel hinan.

Eines Abends sagte er:

»Du erlaubst mir, dir das Geleit zu geben. Das wird dich bei den Dorfleuten ins Gerede bringen.«

»Das wird es.«

»Trotzdem schickst du mich nicht fort?«

»Was wollt Ihr, Herr? Ich bin ein Modell.«

»Modell waren auch deine Mutter und Großmutter. Dennoch bekamen sie brave Männer. Einen braven Mann wirst auch du bekommen.«.

»Wenn Ihr so denkt, was wollt Ihr von mir?«

»Ich liebe dich!«

»Das haben mir viele gesagt.«

»Viele der Franzosen der Villa Medici, denen du ja wohl gehörst?«

»Herr, ja.«

»Denen du aber doch nur gehörst als ein Modell, welches dem Künstler nicht gestattet, seine ganze Frauenherrlichkeit zu schauen?«

»Ihr meint, nur mein Gesicht?«

»Ist es wahr und wahrhaftig so? Lavinia, wahr und wahrhaftig?«

Die Leidenschaft erstickte seine Stimme, daß er nur mühsam sprechen konnte, atemlos ihre Antwort erwartend. Sie wurde ihm erteilt:

»Herr, hört mich.«

»Sprich zu mir!«

»Ihr saht mich das erste Mal bei der Wallfahrt auf dem Monte Autore.«

»Was hat das mit meiner Liebe zu tun?«

»In der Vorhalle des Heiligtums lauertet Ihr mir auf.«

»Ich wartete auf dich.« »Frugt mich, ob ich inmitten der Nacht ein Gelübde leisten wollte.«

»Tat ich das? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich dich in jener Nacht sehen und sprechen mußte.«

»Herr, ich leistete in jener Nacht wirklich ein Gelöbnis.«

»Ich glaube, das sagtest du mir schon damals. Aber auch das weiß ich nicht mehr.«

»Ich leistete das Gelöbnis, daß die Franzosen, denen ich ja wohl gehören soll, nie und nimmer etwas andres von mir sehen sollten als mein Gesicht.«

»Nie und nimmer deine unverhüllte Frauenherrlichkeit?«

»So gelobte ich der heiligen Dreieinigkeit.«

Wiederum rief der Künstler mit erstickter Stimme:

»Ich liebe dich! Ich liebe dich!«

»Herr, ich werde nicht Eure Geliebte.«

Heinrich stammelte:

»Dein Anblick begeisterte mich zu einer Gestalt, die ich nach dir schaffen muß: nach deiner unverhüllten Frauenherrlichkeit!«

»Auch das gelobte ich der heiligen Dreieinigkeit: niemals einem Geliebten, sondern nur einem Gatten anzugehören. Laßt also ab von mir. Ihr müßt Eure Gestalt nach einer andern schaffen.«

Doch Heinrich schien von des Mädchens Rede lediglich die Worte erfaßt zu haben: »Nur einem Gatten.«

Da ließ er ab von ihr.

In den nächsten Tagen kam er nicht zum Felsenquell. Was sollte er noch dort? Seiner hoffnungslosen Leidenschaft neue Nahrung geben, neue Leiden sich schaffen? Sie hatte ein Gelöbnis geleistet, und was sie der dreieinigen Gottheit gelobt, würde sie halten. Nur dem Gatten wollte sie zu eigen sich geben. Seiner Eifersucht war es Trost, seiner Leidenschaft bedeutete es Verzweiflung. Gleich jener berühmten lydischen Königin, gleich jeder tugendhaften Frau, wollte dieses Mädchen nur dem Gatten sich hüllenlos zeigen. Dabei war sie Modell!

Nach einer andern sollte er seine Gestalt schaffen? So hatte sie ihm zugerufen, voller Hohn, wie ihn jetzt deuchte. Als wäre das möglich? Als hätte der Künstler die Gestalt, die er in seiner Seele trug, in Erz oder Marmor umschaffen können nach dem Bilde einer andern? Dennoch würde er es müssen, wollte er sein Werk aus seiner Seele hervortreten lassen und ihm dauerndes Dasein verleihen; denn:

»Nur einem Gatten –«

Heinrich kannte Künstlerehen: Ehen eines Künstlers mit seinem Modell. Nur zu gut kannte er sie. Es gab davon Beispiele genug, besonders in Rom. Sie mußten auf jeden, den die Leidenschaft noch bei Sinnen gelassen, abschreckend wirken. Wenigstens auf ihn wirkten sie so. Er hatte erlebt, daß Künstler an derartigen Ehen zugrunde gingen. Einfach zugrunde, und zwar als Künstler und als Mensch. Er freilich würde Mannes genug sein, um solchem jammervollen und zugleich unwürdigen Ende zu entgehen. Aber Mannes genug oder nicht – für ihn blieb solche Ehe ausgeschlossen.

Einige Tage hielt er das Fernbleiben aus: ein Mann mußte mit derartigem ja doch fertig werden können: mit einer hoffnungslosen Leidenschaft, wie die seine es war.

Einige Tage ging es. Dann überwand die Leidenschaft den Mann, der Dämon den Menschen.

Nur sie wiedersehen wollte er; nur ihre Stimme hören, ihre Gegenwart fühlen; nur ihr sagen, daß er entsagen würde. Denn sein Weib konnte sie nicht werden. Ein letztes Wiedersehen, ein Abschied sollte es sein. Daher war es von ihm kein Schwäche und er nicht der Überwundene, der Besiegte, wenn er – doch wiederkam ...

Als sei es nicht ein letzter Gang zur Geliebten, in solcher glücklichen Stimmung stieg er zur gewöhnlichen späten Stunde den Berg hinan. Vielleicht hatte auch sie ihn vermißt; vielleicht auch sie in diesen Tagen erkannt – Wunder waren ja doch immer noch möglich.

Selbst für dieses Land war es eine ungewöhnliche Sommerherrlichkeit. Gleich Altären, darauf der Gottheit Opfer entzündet wurden, entstiegen die Gipfel den Tiefen, welche die blauen Schatten der Dämmerung erfüllten. Zwei junge Hirten sangen einander ihre Lieder zu. Auf Frage erfolgte sogleich Antwort, Strophe und Melodie im Augenblick frei erfunden. Heinrich konnte verstehen:

»Blühender Lorbeerstrauch –
Bin ich erst stark, will ich die Herden lassen,
Will ich nicht Lämmer weiden, will ich Feinde hassen
Und sie besiegen, wie es Heldenbrauch!«

Die Erwiderung auf diesen Kampfreim lautete:

»Blühende Narzissen –
Bin ich erst stark, will ich die Herden lassen;
Will heimlich ich ein schönes Kind umfassen;
Will ich mein Liebchen lieben, herzen, küssen!«

Wie recht hatte dieser zweite Sänger! Die Feinde seines Vaterlands bekämpfen und bezwingen, Heldentaten begehen, war gewiß schön und gut; indessen:

»Will ich mein Liebchen lieben, herzen, küssen!«

Was ihm plötzlich nur einfiel? Er sang dem liebeslustigen Knaben seinen Vers nach. Laut klang die kraftvolle Männerstimme durch das Schweigen der einbrechenden Nacht wie in siegreichem Jubel, als sei es die Offenbarung allen Lebens, zugleich die Verkündigung allen Glücks:

»Will ich mein Liebchen lieben, herzen, küssen!«

Am Quell, an dem Heinrich Weber diesen Abend zum letztenmal auf die Geliebte warten wollte, fand sie ihn. Er lag hingestreckt mit der Wunde eines Dolchstichs in der Brust, blutüberströmt, bewußtlos, scheinbar tot. Wie es möglich war, begriff niemand. Sie hob ihn auf und trug ihn den Berg hinan, bis zu dem Hause ihres Oheims; trug ihn in ihre Kammer, bettete ihn auf ihr eigenes Lager.

Erst dann brach auch sie zusammen.

Orazio Petroni kehrte in dieser Unglücksnacht nicht zurück. Der Buschwald, die Wildnis nahm den Geflüchteten auf.

Karabinieri suchten den Mörder.

»Will ich mein Liebchen lieben, herzen, küssen!« –

hatte der junge Hirte gesungen.

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