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Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
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Elftes Kapitel

Dieser Orazio Petroni, der ein Student der römischen Alma mater war, hatte ein noch fast knabenhaftes Aussehen. Klein, überschlank, fast weiblich zierlich, glich er seiner schönen Schwester nur in den Augen. In diesen weit offenen mächtigen schwarzen Augen brannte ein Feuer, weit über des Jünglings Jahre hinaus. Die unheimliche Glut schien des Knaben Seele ergriffen zu haben und sie zu verzehren. Cola Rienzi, der letzte Volkstribun, mochte solche Augen gehabt haben, und Heinrich konnte sich gut vorstellen, wie in diesen Augen der Wahnsinn des Fanatikers aufsteigen konnte. Gekleidet war der Neffe des Priesters wie ein Bewohner der Großstadt und war der dunkle Anzug wohl sein einziger; wenigstens war er abgenutzt genug. Auch seine Hagerkeit, seine eingesunkenen Augen und fahle Gesichtsfarbe sprachen von einer Armut, schlimmer als Entbehrung; von einer Armut, die Hunger und Not war.

Bevor Lavinia gegangen, hatte sie die Reste des Festmahls auf den Herd gestellt, auf dem noch das Feuer glimmte. Geschäftig holte der Greis die Speisen herbei, dabei aufgeregt redend:

»Wo stecktest du wieder? Gewiß hast du in den Klippen in der heißen Sonne gelegen? Als ob dein Kopf nicht Feuer genug in sich hätte! Hast gewiß geträumt und gedichtet? Brauchst kein böses Gesicht zu machen, weil ich in Gegenwart des fremden Herrn davon spreche. Der Herr ist unser guter Freund; denn er ist ein Deutscher. Unser Bundesgenosse, unser Bruder ist der Herr. Es ist für uns eine Ehre, daß er zu uns heraufgestiegen kam ... So begrüße doch den Herrn, gib ihm doch deine Hand! ... Du, Orazio! Der Herr ist deines Oheims geehrter Gast ... Hörst du nicht?«

Der junge Mensch hörte wohl, starrte aus finsteren Augen auf den Fremden, nahm nicht dessen ausgestreckte Hand, sagte:

»Freund, Bundesgenosse, Bruder? Ich bin nicht der Freund, Bundesgenosse, Bruder eines Deutschen. Will es nicht sein! Ich hasse die Deutschen! Wir alle hassen sie! Es ist Lüge, daß wir ihre Freunde sind. Sie sollten nur auf unsre Universität kommen und uns Studenten reden hören. Auch die Professoren, Italiens Wissenschaft. Sie sollten nur in Rom auf Monte Cittorio die Deputierten hören, wenn sie auf den Gängen unter sich sind. Oder in Villa Madama die Senatoren. Oder bei Aragno die Journalisten, Advokaten, Schriftsteller. Es ist alles Verstellung, Komödie, Lüge. Auch im Quirinal, so brüderlich der König mit dem Deutschen Kaiser tut, ist alles nur Lüge, Lüge! Wir Studenten wissen es besser, wir, Italiens Jugend und Zukunft! Und Italiens Jugend ist Italiens Macht. Denn die Regierung und der König – diese Regierung und dieser König! Mit seiner russischen Montenegrinerin! Italiens König empfing seine Krone von Italiens Volk: von der Revolution. Dabei ist kein Gottesgnadentum. Oder doch: das Gottesgnadentum des Volks gab dem König die Krone. Wann waren Rom und Italien am gewaltigsten, am herrlichsten? Als Republik! Also muß Rom zum drittenmal eine Weltmacht und zum zweitenmal eine Republik werden. Du aber, Oheim, wie kannst du von Ehre sprechen, wenn ein Deutscher zu uns freien Bergbauern heraufkommt? Wie kannst du ihn in deinem Hause willkommen heißen und ihm an deinem Herde einen Sitz anbieten? Sieh mich nicht so an! Ich kann nicht lügen wie die andern; wie selbst die Regierung, selbst der König lügt. Du solltest stolz darauf sein, daß deiner Schwester Sohn nicht auch lügen kann. Der Herr Deutsche aber –«

Der Herr Deutsche aber unterbrach den jungen Fanatiker in seiner Flammenrede pro Italien kontra Germanien. Mit einem liebenswürdigen Lächeln meinte der Mann, der ein Barbar war: »Ihre Offenherzigkeit macht Ihnen Ehre, junger Herr, Sie besitzen den Mut Ihrer Meinung. Daß Sie diesen etwas sehr jugendlichen Mut gerade in dem Hause Ihres Oheims dessen Gast gegenüber zeigen, wird Ihnen mein gütiger Wirt auf meine Bitte hin gewiß verzeihen. Auch bitte ich ihn herzlich, sich darüber nicht zu kränken, was er, seiner bekümmerten Miene nach, alles Ernstes tut. Ihrer Philippika entnehme ich, daß Sie die Deutschen hassen und daß dieser Haß von vielen Ihrer Landsleute geteilt wird.«

»Von vielen? ... Von ganz Italien!« Da rief der Deutsche:

»Nicht geteilt von Italiens Volk! Nicht geteilt von denen, die für mich Italiens Volk bedeuten, sein wahres Volk. Also nicht geteilt von dem Landmann, der im Schweiße seines Angesichts seine Scholle bebaut, nicht geteilt von jenen, die ihres Volkes Kraft und Stärke, ihres Volkes Tüchtigkeit und wahre Zukunft sind. Diese aber und nur diese nenne ich Deutschlands Freunde und Bundesgenossen.«

»Freunde und Bundesgenossen? Italiens Volk? Italiens Volk wird aufstehen wider seine Freunde und Bundesgenossen wie ein Mann, sobald –«

Der alte Herr ließ den Leidenschaftlichen nicht weiter reden. Er rief aus:

»Du bist ein Sohn des Landes, das unter Deutschlands Schutz groß wurde, groß und stark!«

Ausbrechend erwiderte der Jüngling:

»Groß und stark? Italien groß und stark durch Deutschland? ... Immerhin – jetzt brauchen wir dieses Deutschland noch, um Italien groß und stark zu machen. Später jedoch –«

Nicht ohne Spott fragte der Deutsche:

»Also deshalb hat Italien soeben erst seinen Bund mit Deutschland erneuert: weil Italien Deutschland noch braucht?«

»Deshalb. Nur deshalb?«

Erglühend rief jetzt auch Heinrich:

»Mit diesen Worten sprechen Sie über Ihr Vaterland das Urteil aus; denn dann ist in Italien allerdings alles Lüge, Lüge, Lüge!«

»Für sein Vaterland lügen, heißt, seinem Vaterlande dienen; für sein Vaterland Meineide schwören, heißt, diesem die Treue halten. Wir Italiener können für unser Vaterland noch ganz andre Dinge vollbringen. Wir können Verträge brechen und Verrat üben; können totschlagen und morden. Das sind nicht etwa Schandtaten, sondern Heldentaten.«

»So sprechen Sie, ein Jüngling?«

Heinrich sagte es still und traurig und bekam zur Antwort:

»So sprechen Männer! So spricht aus meinem Munde Italien zu Ihnen, dem Deutschen. Aber Sie werden ja sehen; o, Sie werden selbst sehen!«

Der greise Priester schlug die Hände zusammen:

»Selbst sehen Italiens Treubruch und Verrat! Verhüte es der allmächtige Gott!«

Der Neffe rief:

»Wenn Deutschland an uns glaubt, so verdient es nicht nur unsern Haß, sondern auch unsre Verachtung.«

Da schrie der Sohn des verachteten Landes auf:

»Jetzt ist's genug!«

Er erhob den Arm und wollte auf den Frechen zustürzen. Dieser sah dem Fremden, den Faustschlag erwartend, ruhig entgegen. Da ließ Heinrich den Arm sinken. Der Priester aber wies seiner Schwester Sohn aus dem Hause, dessen Gastlichkeit der Jüngling geschändet hatte.

»Verzeihen Sie, ehrwürdiger Herr! Verzeihen Sie nicht nur dem leidenschaftlichen Knaben, sondern auch mir, dessen Gegenwart in Ihrem Hause diesen Auftritt hervorrief.«

Wie gebrochen war der Alte auf einen Sitz niedergesunken. Er stöhnte:

»Meiner lieben Schwester Sohn und hält das Gastrecht nicht heilig! Beschimpft den freundlichen Gast, der im Hause seines Wirts dessen Schutz vertraut ... Ich erzog den Knaben. Um ihm eine möglichst gute Erziehung zu geben, sparte ich von dem Wenigen, was ich besaß. Sehen Sie sich bei mir um: Entbehrung, Armut, Notdurft. Das soll keine Klage sein. Ich habe zum Klagen kein Recht. Priester bin ich in meiner lieben Heimat, Hirte bin ich meiner lieben Gemeinde, deren Leben auch nichts andres ist, als Entbehrung und Armut. Was ich von dem Wenigen nur irgend missen konnte, gab ich dem Knaben. Seine Schwester verließ mich, ging nach Rom, wurde dort, was Mutter und Großmutter gewesen, blieb rein und unberührt, wie es jene beiden geblieben. Glauben Sie mir das, der Sie heute in meinem Hause beleidigt wurden. Glauben Sie mir; ich bitte, glauben Sie mir!«

»Ich glaube Ihnen.«

Mit tiefem Ernst gab Heinrich dem ganz Verstörten diese Versicherung. Ein heftiger Schreck durchzuckte ihn, als er plötzlich erkennen mußte, daß es ihm ans Herz gegriffen, hätte er den Glauben an die Reinheit dieses Mädchens, welches er erst zum zweiten Male gesehen, nicht haben können.

Der greise Priester fuhr in heftiger Bewegung fort:

»Er sprach zu Ihnen im Fieber. Sie sahen ja doch, daß er das Fieber hat. Er holte es sich in Rom. Elend sieht er aus. Auch er kennt Armut und Entbehrung; auch er weiß, was Hunger ist. Ich kann ihm nur mehr wenig geben. Um in Rom sich durchzubringen, muß er Unterricht erteilen. Für wenige Soldi gibt er Knaben, die selbst nicht viel zu essen haben, Lektionen. Dabei studiert er Tag und Nacht. Daher das Fieber: durch Arbeit und Hunger. Und dann die andern, seine Kameraden auf der Universität. Es sind Demokraten, Anarchisten. Sie rütteln an allem, wollen alles zerstören, umstürzen. Auch das Beste, Heiligste! Nicht nur Italiens Königsthron, sondern auch den Thron des Heiligen Vaters, des Stellvertreters Christi auf Erden. Solcher Fanatiker ist meiner lieben Schwester einziger Sohn, und wie er sind alle: alle haben ein geistiges und sittliches Fieber, Italiens ganze akademische Jugend. Das steckt an, wird zur Seuche. Unsre ganze Jugend, die Italiens Zukunft sein soll, ist von der Malaria des Geistes und der Seele ergriffen. Allzu große Unkenntnis der Welt und der Dinge, zu viel böses Beispiel sind die Verführer unsrer Jugend. Darum verzeihen Sie dem armen Knaben. Verzeihen Sie mir!«

»Ihnen, Sie Reinster und Gütigster der Menschen?«

»Danke. Sie sind sehr nachsichtig, sehr freundlich. Und gerade Sie hat man in meinem Hause beschimpft. Bitte, sagen Sie nichts.«

Also nahm der Gast schweigenden Abschied. Aber –

Er wollte wiederkommen!

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