Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Voß >

Brutus, auch Du!

Richard Voß: Brutus, auch Du! - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Voß
titleBrutus, auch Du!
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1916
firstpub1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid8d2abaf6
created20061119
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel

Weil nun der junge Bildhauer mit der großen Zukunft Roms berühmtestes Modell, das Mädchen von Bellegra, durchaus wiedersehen wollte und weil sie nicht mit den andern Frauen von dem Felsendorf zum Brunnen herabgestiegen kam, so entschloß sich der leidenschaftlich Verliebte, zu ihr hinaufzusteigen: im Dorf würde ihm jedes Kind ihre Wohnung weisen können. Er brauchte nur zu fragen: »Wo wohnt Bellegras größte Schönheit?« und ihm würde geantwortet werden: »Du meinst die Lavinia, fremder Herr? Soll ich dich zu ihr führen?«

Also stieg er hinauf.

Der kahle Fels glühte im Sonnenbrand, durch das verdorrte Gras und die starren Halme der Zichorie – ihre schönen Blüten färbten ganze Abhänge mit lichtem Blau – glitten raschelnd große grüne Eidechsen; die rotbraune Steindrossel flötete ihre schwermütigen Weisen, und die von dem Wohlgeruch des wilden Thymians, Lavendels und der Salbei erfüllten Lüfte ertönten von dem Gesumm der Insekten, dem Gezirp der Zikaden, dieser die heiße Zeit begleitenden Melodie des Südens.

Auf steilem Pfade erreichte Heinrich das Dorf. Die Straßen glichen Gossen. Zwischen den primitiv aufgemauerten Behausungen war es selbst an dem glühenden Tage so kühl, daß den Mann aus dem Norden ein Schauer überlief. Die meisten Häuser waren fensterlos, und der Rauch quoll aus der einzigen Öffnung, der Tür, die schmal und niedrig war. Kinder in Lumpen, halbnackte braune Teufelchen, wälzten sich im Schmutz der Gosse, zugleich mit den kleinen schwarzen Schweinen, den geliebten Hausgenossen der Bewohner. Alte dürre Weiber mit zerzaustem Haar unter dem vielfach gefältelten gelblichen Kopftuch, aufrecht an der ungetünchten Hauswand lehnend. Sie spannen, grauenhafte Nornen, mit knöchernen Fingern an der Spindel und keiften mit den Nachbarinnen, die ihnen gegenüber standen. Wie ein Chor der antiken Tragödie streckten die Weiber pathetisch die Arme gegeneinander aus. Andere putzten, auf den Türschwellen kauernd, den wilden Salat, der um diese Jahreszeit hart war und von bitterem Geschmack.

Heinrich bahnte sich durch johlende Kinder, grunzende Schweine und sonstige Haustiere mühsam den Weg, wurde feindselig angestarrt, angebettelt, angeheult. Ein Schwarm kleiner Wilder folgte ihm auf den Fersen. Seine Frage nach Lavinia unterließ er in der Hoffnung, durch einen glücklichen Zufall die Gesuchte auf der Straße, die im Süden das Haus des Volkes ist, zu finden. Verfolgt und angeheult eilte er vorwärts, vorüber an höhlenartigen Wohnungen; vorüber an Schmutz und Elend; vorüber an Ausblicken durch Torbogen auf blau umdunstete Fernen und strahlende Gipfel. Endlich wollte er sich aber doch bei einem ihm begegnenden Manne nach Bellegras Schönheit erkundigen, sah indessen nur Weiber und Kinder, erinnerte sich, daß aus diesen Felsendörfern alle Mannheit, die gesunde Gliedmaßen aufzuweisen hatte, bereits im ersten Frühling hinabzog in die neapolitanischen und römischen Ebenen zum Mähen der Wiesen und Schneiden des Korns. Im Spätherbst kehrten die Leute zurück, häufig fieberkrank, häufig sterbend, jedoch Geld ins Haus bringend, das alleinseligmachende Geld. Immerhin starben sie eines glücklichen Todes: starben sie doch in der Heimat; denn inbrünstig liebt der Italiener die Stätte, wo er geboren ward, besteht sie auch aus einer gruftähnlichen Behausung, umgeben von Öde und Wildnis.

In der Nähe der Kirche – nur das Haus Gottes zeigte bröckelnden bunten Bewurf, und sein armseliger Schmuck war der Stolz der kleinen Gemeinde – stieß der Fremde auf den geistlichen Herrn, einen Greis, auf einen Stock gestützt, mühsam schreitend, in fadenscheinigem Priesterrock mit erloschenen Blicken und einem Gesicht, darauf die Entbehrungen und das Elend eines langen Lebens tiefe Spuren eingegraben hatten. Es war eine Mitleid erregende Gestalt, dennoch die Heiligkeit des geistlichen Berufs verkörpernd.

Auch für den geistlichen Herrn schien die Ankunft des Fremden ein Ereignis zu sein. Er blieb stehen und erwiderte den Gruß des jungen Künstlers mit freundlichem Neigen des ehrwürdigen Hauptes. Darauf versuchte er die Kinder von dem »Tedesco« – in der sabinischen Bergwildnis kannte man für den Fremden nur diesen Ausdruck, und der Begriff des goldspendenden »Inglese« war in jenen Gegenden noch unbekannt – der Ehrwürdige versuchte die Bande der kleinen Dämonen mit dem Stecken zu verscheuchen. Aber das Gewürm gebärdete sich nur um so zudringlicher, heulte nur um so satanischer und ließ von dem Opfer nicht eher ab, als bis dieses eine Hand Kupfermünzen hinter sich warf. Jetzt wälzte sich die Horde heulend im Straßenschmutz, wie Berserker um jedes Geldstück kämpfend.

Bevor Heinrich an den Seelenhirten von Bellegra seine Frage nach der Wohnung der Gesuchten richten konnte, redete dieser ihn an:

»Seien Sie gegrüßt, Herr, und verzeihen Sie meinen Kleinen. Sie sind nun einmal nicht anders, was für mich ein rechter Kummer ist. Ich bin eben ein alter Mann und hätte längst einem jüngeren Platz machen müssen. Doch belassen sie mich hier oben. Man hat mich dort unten eben vergessen.«

»Es mag für Sie in dieser Wildnis ein hartes Leben sein, ehrwürdiger Herr.«

»Hart nur deshalb, weil ich wenig nützen kann. Selbst herzliche Liebe hilft wenig, wenn der Mensch alt und gebrechlich geworden ist.«

»Immerhin ist es Liebe, und Liebe ist das Höchste.«

»Das haben Sie schön gesagt. Die höchste Liebe besaß unser Herr Christus. Aus höchster Liebe zu uns starb er am Kreuz. Ein glückseliges Sterben müßte es sein.«

»Der Tod für die Menschheit?«

»Ja, ach ja!«

»Sie aber leben für die Menschheit, für die Armseligen und Beladenen. Es muß herrlich sein, für sie leben zu dürfen.«

»Es nützt ihnen nicht viel ... Nochmals seien Sie bei uns willkommen. Seit einiger Zeit steigen selten Fremde zu uns herauf.«

»Doch wohl die deutschen Künstler aus dem Casino Baldi?«

»Auch sie nur noch selten. Der Herr ist Deutscher und Künstler.«

»Ihr Italiener seht uns unser Vaterland gleich an?«

»Engländer und Franzosen kommen nicht zu uns. Nur die Deutschen lieben unser wildes Land. Sie sind unsere guten Freunde.«

»Das sind sie, und die Italiener sind unsere treuen Bundesgenossen.«

»Freilich! Freilich! Unsere treue Bundesgenossenschaft mit Deutschland ward von uns beschworen. Italien hält seinen Schwur. Hat doch Italien Ihrem großen Vaterlande Großes zu danken.«

»Das sagen Sie, der Priester?«

»Sie meinen, weil das Jahr 1870 für die katholische Kirche ein böses Jahr war? Denn das war es, lieber Herr.«

»Sie müssen so denken.«

»Abgesehen von dem zwanzigsten September haben wir Italiener von Ihrem Vaterlande nur Gutes erfahren. Im Schutze von Deutschland blühte Italien auf.«

»Mich freut, daß Sie das anerkennen und so aufrichtig aussprechen.«

»Ganz Italien anerkennt es.«

»Möge es so sein!« »So ist es ... Darf ich den Herrn bitten, mir in mein Haus zu folgen?«

»Gern.«

»Es ist ein äußerst bescheidenes Haus; aber wir alle hier oben sind sehr arm.«

»Das zu hören tut mir leid.«

»Der Herr ist sehr gütig. Es wird mir eine Ehre sein, den gütigen Herrn aus Deutschland in meinem armen Hause willkommen zu heißen.«

»Sagen Sie, bitte, eine Freude, wie es mir solche ist.«

So ungeduldig Heinrich war, Lavinia wiederzusehen, folgte er doch der Einladung des ehrwürdigen Mannes, dessen tief menschliche Güte es ihm antat. Er hoffte bei der Gelegenheit, von dem Leben in der Wildnis dieses niedrigsten und demütigsten Dieners der Gottheit Näheres zu erfahren. Auch konnte ihm der Geistliche gewiß über die so leidenschaftlich Gesuchte Bericht erstatten, die der gute Hirte indes sicher für ein verlorenes Schaf seiner Herde hielt. Trotzdem wollte er nach ihr fragen. Also gingen die beiden einträchtig miteinander, der junge Mann bemüht, seinen Schritt dem schleichenden Gang des Greises anzupassen. Die Horde der Heulgeister bildete von neuem das Gefolge. Frauen, alte und junge, hexenhafte und hübsche, schlossen sich dem Zuge an: ihr geistlicher Herr hatte einen Gast! Was der wohl wollte? Wie hell sein Haar war; wie blau seine Augen! Auch die Leute von Bellegra wußten, daß der Fremde ein Deutscher sei; einer von diesen Tedeschi, die in einem Lände lebten, in dem ewiger Winter herrschte und dessen König Bismarco hieß. Der ihre war Giuseppe Garibaldi gewesen. Er sollte tot sein, doch das glaubten die Leute von Bellegra nicht: Giuseppe Garibaldi konnte nicht sterben!

Das Haus des Priesters war ein mehr als bescheidenes; glich einer Ruine und bestand aus wenigen Kammern, von deren Wänden der Bewurf abgefallen war, mit einigen primitiven Gerätschaften, abgetretenem steinernen Fußboden. Als jedoch der Künstler an das einzige Fenster des Wohnzimmers trat, fuhr er fast erschrocken zurück. Er stand unmittelbar über einem jähen Absturz von mehr als dreitausend Fuß Tiefe und blickte weit ins Land hinaus, über ein Gebiet, das im Süden bis zu den Bergen Neapels, im Norden bis gegen das uralte rätselvolle Etrurien reichte. Über dem westlichen Höhenzug des Albanergebirgs glaubte er das Meer aufglänzen zu sehen.

Von der königlichen Rundschau nur mit Mühe sich losreißend, sah er neben sich seinen Wirt, der mit einem Lächeln, welches das traurige Gesicht noch trauriger machte, zu ihm sagte:

»Nicht wahr, Herr Künstler, das ist schön? Jetzt werden Sie vielleicht besser verstehen, daß ich dem Himmel dankbar dafür bin, hier oben leben und sterben zu dürfen, bei meiner lieben Gemeinde, deren elendes Dasein ich mit Freuden teile. Verstehen werden Sie jetzt gewiß, daß ich hier oben ein glücklicher Mensch bin.«

»Ein glücklicher Mensch –«

Unwillkürlich sprach der Junge dem Alten die letzten Worte nach. Er fühlte sich bewegt. Der armselige Priester mit seinem trostlosen Lächeln und dem Bekenntnis seines Glücks erschien ihm als wahrer Diener der Gottheit, die er auf dieser Höhe einem Volke von Halbwilden verkündigte. In diesem Augenblick gewahrte er einen Gegenstand, der seine ganze Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Zeichnung, ein Porträt, ein junges Weib von höchster Schönheit darstellend, zugleich von unnahbarer Hoheit.

»Lavinia!«

Heinrich rief den Namen überlaut. Kaum daß er ihn vor Erregung über die Lippen brachte.

»Der Herr kennt Lavinia?«

»Ich kenne sie. Es ist doch ihr Bild?«

Die Frage war überflüssig; denn ihr Bild mußte es sein. Und dieses Bild in diesem Hause!

Sein Wirt berichtete:

»Es ist Lavinias Großmutter. Auch sie hieß Lavinia. Unter dem Bilde steht der Name des Malers. Er war ein Landsmann von Ihnen, ein Tedesco. Ich kann den Namen schlecht aussprechen. Lesen Sie selbst.«

Heinrich trat zu dem Bilde und las:

»Ludwig Richter, Bellegra, Sommer 1825 ... Ludwig Richter war hier?«

»In diesem Hause, und zwar einen Sommer hindurch bei meinem Vorgänger, dem er als Gastgeschenk dieses Bildnis zurückließ. Ist es schön?«

»Es ist ein Meisterwerk! Und es scheint wirklich die jetzt lebende Lavinia darzustellen.«

In dem Augenblick, als er es sagte, trat die lebende Lavinia ins Zimmer.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.