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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe - Zweiter Band

Johann Wolfgang von Goethe: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe - Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typeletter
authorFriedrich Schiller
titleBriefwechsel zwischen Schiller und Goethe - Zweiter Band
publisherStuttgart. Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
printrunVierte Auflage
year1881
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1801.

785. An Schiller.

Mögen Sie heute Abend, nach der Probe, die doch vor acht Uhr geendigt sein wird, mit uns eine kleine Abendmahlzeit einnehmen, so sollen Sie uns herzlich willkommen sein. Götze kann im Theater auf Ihre Befehle warten und wenn der Fünfte Act angegangen ist, Ihnen den Wagen holen. Wollen Sie auch hineinfahren, so geben Sie ihm deßhalb Ordre.

Mit mir geht es ganz leidlich; ich habe heute früh die Rolle mit der Caspers durchgegangen und bin mit dem guten Kinde recht wohl zufrieden.

Leben Sie recht wohl.

Weimar am 29. Januar 1801.

G.


786. An Schiller.

Ein durchreisender Schauspieler soll heute Abend nach der Probe in einigen Scenen sein Talent zeigen, da man ihm keine Gastrolle zugestehen mag.

Wollten Sie wohl diesen Versuch mit ansehen, so schickte ich gegen 6 Uhr meinen Wagen, der alsdann dort warten und Sie zu mir bringen kann.

Weimar am 6. Februar 1801.

Goethe.


787. An Goethe.

[Weimar, 9. Febr. 1801.]

Ich sage Ihnen schriftlich guten Abend, weil ich eines starken Schnupfens und einer schlecht zugebrachten Nacht wegen übel daran bin und mich zu Hause halten muß. Heute Nacht habe ich gefürchtet krank zu werden, weil ich Frost und Hitze spürte, bin aber doch den ganzen Tag von Fieberbewegungen frei und hoffe, daß es gar nichts auf sich hat.

Mögen Sie sich immer mehr und mehr erholen, und das Manuscript von Faust auf Ihrem Tische nicht müßig liegen!

Schlafen Sie recht wohl. Ich hoffe Sie morgen zu sehen.

Sch.


788. An Schiller.

Halten Sie sich ja, daß dieser Sturm vorübergehe; freilich hätte ich gehofft Sie heute Abend in meiner Einsamkeit zu sehen. Arbeiten möcht' und könnte ich wohl, besonders auch Ihnen zur Freude, wenn nicht mein zerrißner Zustand mir fast alle Hoffnung und zugleich den Muth benähme.

Die Motive die Sie mir gestern erzählten habe ich weiter durchgedacht, und es scheint wohl daß ich sie auch nach meiner Art zu denken sämmtlich billigen werde; ich wünsche nun die Anlage des Stücks auch von vorn herein zu kennen.

Weimar am 9. Februar 1801.

G.


789. An Goethe.

[Weimar, 11. Februar 1801.]

Ich habe Ihnen von meiner Jungfrau schon so viel einzelnes zerstreutes verrathen, daß ich es fürs beste halte, Sie mit dem Ganzen in der Ordnung bekannt zu machen. Auch brauche ich jetzt einen gewissen Sporn, um mit frischer Thätigkeit bis zum Ziel zu gelangen. Drei Acte sind in Ordnung geschrieben; wenn Sie Lust haben, sie heute zu hören, so werde ich um 6 Uhr mich einfinden. Oder wollen Sie selbst Ihr Zimmer wieder einmal verlassen, so kommen Sie zu uns, und bleiben zum Abendessen. Dieß würde uns viele Freude machen, und ich selbst wagte weniger, wenn ich nach der Erhitzung eines zweistündigen Lesens mich nicht der Luft auszusetzen brauchte. Wenn Sie kommen wollen, so haben Sie die Güte es Meyern auch zu sagen, doch daß er vor acht Uhr nicht kommt.

Sch.


790. An Schiller.

Ich nehme die Lectüre mit vielem Vergnügen an, um so mehr als ich Sie selbst ersuchen wollte mir wenigstens den Plan von vorn herein zu erzählen. Nur kann ich heute nicht ausfahren, weil Starke heute früh eine etwas schmerzliche, ich hoffe aber die letzte Operation am Auge vorgenommen und mir das Ausgehen wegen der Kälte verboten hat. Ich schicke Ihnen daher um halb Sechs den Wagen und so können Sie auch nach Tische nach Hause fahren. Ich verspreche mir viel Gutes von dieser Lectüre sowohl für Ihr Fortschreiten als für eigne Production.

Weimar am 11. Februar 1801.

G.


791. An Schiller.

Heute Abend um fünf Uhr werde ich Probe von Tancred halten; ich will Ihnen aber nicht zumuthen dabei zu erscheinen. Nach derselben aber, etwa gegen acht Uhr, komm' ich, wenn es Ihnen recht ist, Sie abzuholen zu dem gewöhnlichen frugalen Abendessen.

Am 20. Februar 1801.

G.


792. An Goethe.

Ich zweifle, ob ich mit meinen Depeschen nach Leipzig und nach Berlin, die ich für heut Abend und morgen frühe zu expediren habe, noch zeitig genug fertig werde, um Sie heute noch zu sehen. Es ist jetzt eine fatale Zeit für mich, wo sich diese Geschäfte ganz unvernünftig zusammen häufen, ich habe schon drei Tage nicht an meine Tragödie kommen können.

Morgen habe ich wieder für acht Tage Rast, und hoffe Sie dann morgen auf den Abend zu sehen.

Sch.


793. An Schiller.

Nehmen Sie es freundlich auf, wenn ich, eingedenk Ihrer gefälligen Theilnahme an den Propyläen, einen Theil eines so eben angekommenen Weintransports zusende. In der Hoffnung daß Sie die übrigen Sorten bei mir versuchen und genießen mögen.

Weimar den 28. Februar 1801.

G.


794. An Schiller

Da es schon spät ist und ich keine Hoffnung mehr habe heute von Ihnen etwas zu hören, so will ich hiermit das Neueste vermelden.

Herr Hartmann von Stuttgart ist angekommen; wenn ich ihn und sein Gemälde gesehen habe sollen Sie ein näheres vernehmen.

Ueber die Preisfrage habe ich wieder nachgedacht und finde vorläufig daß ihr von dem Standpunkte der empirischen Psychologie, wo wir Poeten doch eigentlich zu Hause sind, recht gut beizukommen ist. Man steht zwischen dem Philosophen und Historiker und befindet sich auf dem Gebiete des eigentlichen Gehalts, wenn jener die Form und dieser den Stoff bringt.

Der, durch alle Zeiten und Orte durchgehende, unveränderliche Naturstand scheint mir die Base zu sein, worauf das ganze Gebäude aufgeführt werden muß, doch dies dient mehr zur Beantwortung als zur Aufstellung der Frage.

Mich verlangt sehr zu erfahren, wie Ihnen die Veränderung zuschlägt und wünsche das Beste.

Leben Sie wohl und lassen bald von sich hören.

Weimar am 7. März 1801.

G.


795. An Goethe.

Jena, 10. März 1801.

In Rücksicht auf die Preisfrage kann ich Ihnen noch nicht viel brauchbares mittheilen. Das Einzige gebe ich Ihnen zu bedenken, ob man die Frage nicht ganz aus dem Gebiet der Geschichte hinweg in das Gebiet der Anthropologie verlegen sollte, wobei man einer ungeheuren Moles los würde, die noch dazu nicht viel hilft, denn die Geschichte ist für den philosophischen Gebrauch zu unzuverlässig und empirisch. Für die Sache selbst ist es, däucht mir, ganz gleichgültig ob die Untersuchung nach der Länge oder nach der Breite angestellt wird. Denn wenn man, wie Sie selbst meinen, den Naturstand zur Basis macht, so ist man gleich gut bedient, man mag nun das Ganze der Gegenwart anthropologisch ansehen, oder die verschiedenen Erscheinungen des Menschen rückwärts in der Geschichte aufsuchen: der Mensch ist in jeder Zeit ganz zu finden.

Ich erwarte in Ihrem nächsten Brief noch bestimmter zu hören, wie ich die Frage eigentlich fassen und aussprechen soll, um mit unsern Philosophen darüber umständlicher zu conferiren.

Ich habe diese bis jetzt noch nicht viel zum Gespräch bringen können; wenn die Ferien angehen, wird es hoffe ich besser damit gehen, weil sich jetzt am Ende der Collegien die Arbeiten häufen. Schelling will eine Deduction der verschiedenen Kunstgattungen a priori liefern, worauf ich begierig bin.

Was mein eigenes Thun betrifft, so kann ich noch nicht viel Gutes davon sagen. Die Schwierigkeiten meines jetzigen Pensums spannen mir den Kopf noch zu sehr an, dazu kommt die Furcht, nicht zu rechter Zeit fertig zu werden; ich hetze und ängstige mich und es will nicht recht damit fort. Wenn ich diese pathologischen Einflüsse nicht bald überwinde, so fürchte ich muthlos zu werden.

Vielleicht sind Sie mitten unter Ihren Weimarischen Zerstreuungen productiver als ich in meiner Einsamkeit, welches ich Ihnen herzlich wünsche.

Die Tage sind heiter und ich genieße sie in meinem Garten.

Leben Sie recht wohl. Ich hoffe, das nächstemal Sie besser zu unterhalten.

Sch.


796. An Schiller.

Meine Hoffnung, daß Sie, in diesen schönen Tagen, recht weit vorgerückt sein würden, benimmt mir Ihr Brief. Vielleicht kommt es auf einmal, wie es mir auch sonst, in ähnlichen Fällen, gegangen ist.

Hartmann von Stuttgart ist hier und es thut mir recht leid daß Sie ihn nicht kennen lernen. Ein großer, derber, junger Mann von 28 Jahren, den man eher für einen Musikus als für einen Maler halten würde. Sein Wesen und Betragen ist naiv, in Absicht auf Kunstgesinnung ist er auf dem rechten Felde, nur nicht immer auf dem rechten Wege. Sein großes Bild ist sehenswerth. Der Gegenstand nicht zu schelten, aber doch nicht ganz glücklich.

Es ist recht angenehm mit ihm zu conversiren, ich habe mich an die bedeutendsten Puncte gehalten, damit man, mit so einem schönen Talent, mit so einem guten Menschen, in eine wahre Verbindung kommt und auch in der Ferne ein Verhältniß unterhalten kann. Das Beste ist, daß er nichts verliert, wenn das Wahre wahr ist, da so viele sich nur dem ächten deßhalb widersetzen, weil sie zu Grunde gehen würden wenn sie es anerkennten.

Mit meinem Faust geht es sachte fort. Wenn ich auch täglich nur wenig mache, so suche ich mir doch den Sinn und den Antheil daran zu erhalten.

Wegen der Preisfrage sind wir ganz einig. Man könnte verlangen

Eine gedrängte, lichtvolle Darstellung des Bestehenden im Menschen, mit Entwicklung der Phänomene der Cultur aus demselben. Man betrachte sie nun als ein Ganzes der Gegenwart oder der Succession oder als beides zugleich.

Wie Sie bin ich überzeugt daß man auf diesem Wege am ersten zum Zweck gelangen und, bei dem unendlichen Stoff, eine faßliche Darstellung erwarten könne.

In Stuttgart ist, wie ich durch Meyern höre, dem es Hartmann erzählt hat, große Bewegung und Unzufriedenheit über unsere Kunsturtheile. Wenn man das Detail vernimmt, so sieht man freilich in welcher jämmerlichen Denkweise sie gefangen sind. Ihren Aufsatz haben sie für eine Arbeit von Böttiger erklärt. Wenn sie sich auf den Styl der bildenden Kunst nicht besser verstehen als den Styl des Schreibens, so sieht es freilich windig aus. Man macht sich immer eine Illusion über die Menschen, besonders über seine Zeit. Die Confusion, die durch so viele Individuen entsteht, deren jeder ein anderes Interesse hat dieses oder jenes gelten zu machen, ist unendlich.

Sie erhalten zugleich ein Trauerspiel, in welchem Sie mit Schrecken abermals, wie mich dünkt, aus einem sehr hohlen Fasse, den Nachklang des Wallensteins hören werden.

Ich schließe mit dem Wunsch für schönes Wetter und produktive Stunden.

Weimar am 11. März 1801.

G.


797. An Goethe.

Jena, 13. März 1801.

Die Schilderung die Sie von Hartmann machen läßt mich recht bedauern, daß man ihn in die wilde Welt muß hingehen sehen, ohne sich einer so guten Requisition für das rechte ganz versichern zu können; denn wie nahe man einander auch in einem ernstlichen Umgang von einigen Tagen oder Wochen kommen kann, so kann einen doch nur eine stetige Fort- und Wechsel-Wirkung im Einverständniß erhalten.

Schade ist's, was die Kunstkritik in den Propyläen betrifft, daß man die Stimme so selten erheben kann, und einen Eindruck den man gemacht, nicht so schnell wieder durch einen neuen zu secundiren Zeit hat. Es würde sonst gewiß gelingen, die Künstler und Kunstgenossen aus ihrer faulen Ruhe zu reißen; schon der Unwille über unsre Urtheile verbürgt mir dieß. Daher wollen wir es ja im nächsten Falle recht viel weiter treiben, und Meyer muß uns in den Stand setzen, den Schaden specialiter zu treffen und die falschen Maximen recht im einzelnen anzugreifen.

Von dem Stück, das Sie mir zugesendet, ist nichts gutes zu sagen; es ist abermals ein Beleg, wie sich die hohlsten Köpfe können einfallen lassen etwas scheinbares zu produciren, wenn die Literatur auf einer gewissen Höhe ist und eine Phraseologie sich daraus ziehen läßt. Dieses Werk in specio ist doppelt miserabel, weil es gegen den Gerstenbergischen Ugolino ein ungeheurer Rückschritt ist; denn diese Tragödie, welche Sie vielleicht nicht kennen hat sehr schöne Motive, viel wahres Pathos und wirklich genialisches, obgleich sie kein Werk des guten Geschmacks ist. Man könnte versucht sein, sich derselben zu bedienen, um die Idee der Tragödie daran aufzuklären, weil wirklich die höchsten Fragen darin zur Sprache kommen.

Ich habe diesen Mittag mit Zigesar und andern bei Lodern essen müssen und bin diesen Abend zu einem Kränzchen eingeladen. Die Abende gehen meistentheils in Gesellschaft hin, und ich kann eher über zu viel Zerstreuung als über zu wenige Unterhaltung klagen.

Doch geht es mit meiner Arbeit besser, ich habe auch wieder mehr Muth und sehe etwas entstehen.

Leben Sie recht wohl. Viele Grüße an Meyern.

Sch.


798. An Schiller.

Zuvörderst wünsche von Herzen Glück, daß die Arbeit gut von statten geht; ich habe an Faust auch einiges gethan und so rückt man denn immer, obgleich langsam, weiter.

Hartmanns Aufenthalt ist vielleicht für uns nützlicher als für denselben, indem wir eine nicht ganz ausgebildete Denkweise eines vorzüglichen Menschen kennen lernen. Uebrigens fällt es mir manchmal ein daß man auf die Kunst eigentlich eine geheime Gesellschaft fundiren sollte, wobei das Lustige wäre daß sehr viele Künstler in die höhern Grade gar nicht kommen könnten: auch müßte man sie selbst dem Fähigsten nicht geben, sondern wenn er endlich dahin gelangte ihm nur erklären daß er sie erreicht habe. Sprechen, schreiben, drucken wird etwas nützen, aber nicht viel; indessen wollen wir uns auch dieses nicht reuen lassen.

Hartmannen haben wir gleich veranlaßt hier etwas zu componiren und zwar einen etwas widerstrebenden Gegenstand: den Admet wie er, ungeachtet der Leiche im Hause, den Herkules aufnimmt und ihn bewirthet. Wie wir hierauf gekommen sind, sollen Sie künftig hören, zum schreiben ist es zu umständlich.

Leben Sie recht wohl, in der Einsamkeit sowohl als in der akademischen Societät, und gedenken an uns.

Weimar am 14. März 1801.

G.


799. An Goethe.

Jena den 16. März 1801.

Es geht mir hier noch immer ganz ordentlich und mit jedem Tag geschieht etwas. Ich denke, so lange als ich über meinen Garten noch disponiren kann, welches bis Ostern sein wird, noch hier zu bleiben und in dieser Zeit die rohe Anlage des ganzen Stücks vollends hinzuwerfen, daß mir in Weimar nur noch die Rundung und Polirung übrig bleibt.

Hier hat uns die philosophische Facultät auf ihre Kosten Stoff zu einer lustigen Unterhaltung gegeben. Friedrich Schlegel mußte disputiren, und um ihn zu drücken haben die Herren Ulrich, Heinrich, Hennings &c. ein altes ganz außer Curs gekommenes Gesetz, ihm selbst die Opponenten zu setzen, welche seit undenklicher Zeit von den Disputirenden selbst gewählt wurden, wieder hervorgezogen. Auf den guten Rath einiger Freunde hat sich Schlegel dieser Chicane ohne Widerspruch unterzogen und den einen dieser officiell gesetzten Opponenten, der sich bescheidener betrug, ganz gut behandelt; der andere aber, ein Professor Augusti, ein nach aller Urtheil ganz erbärmliches Subject, welches von Gotha her empfohlen worden, hat den Disputiract mit Beleidigungen und Anzüglichkeiten angefangen, und sich zugleich so unverschämt und so ungeschickt betragen, daß Schlegel ihm auch eins versetzen mußte. Ulrich der als Dekan zugegen war und alle diese groben Angriffe des Gegners passiren ließ, relevirte mit Feierlichkeiten einige Repliken von Schlegeln, dieser blieb ihm nichts schuldig, er hat die Lacher auf seiner Seite, und es gab scandalöse Scenen. Nach der allgemeinen Erzählung aber soll sich Schlegel mit vieler Mäßigung und Anständigkeit betragen haben, und man vermuthet, daß dieser Handel seinen, als Docent schon sehr gesunkenen Credit wieder heben werde.

Von Madame Veit ist ein Roman herausgekommen, den ich Ihnen mittheilen will; der Curiosität wegen sehen Sie ihn an. Sie werden darin auch die Gespenster alter Bekannten spuken sehen. Indessen hat mir dieser Roman, der eine seltsame Fratze ist, doch eine bessere Vorstellung von der Verfasserin gegeben, und er ist ein neuer Beweis, wie weit die Dilettanterei wenigstens in dem Mechanischen und in der hohlen Form kommen kann. Das Buch erbitte ich mir zurück, sobald Sie es gelesen.

Die Aufgabe zu einem Gemälde an Hartmann hat mich überrascht, aber sie hat auf den ersten Blick etwas recht interessantes und einladendes. Ohne sich selbst das Räthsel zu lösen, fühlt man daß es von einem geistreichen Einfall abhängt, ob der Gegenstand glücklich oder refractär ist. Eine vollkommene Selbstständigkeit des Gemäldes ist wohl nicht zu erwarten, aber es ist schon viel, wenn es auf den bloßen Anblick ohne den Schlüssel gleich interessant und auffordernd ist, und sich, sobald man den Schlüssel erhält, rein und vollständig auflöst.

Viel Glück zu den Fortschritten im Faust, auf den die hiesigen Philosophen ganz unaussprechlich gespannt sind.

Leben Sie recht wohl, an Meyern viele Grüße.

Sch.

Die Beilagen bitte gehorsamst, gleich übergeben zu lassen.


800. An Schiller.

Obgleich Florentin als ein Erdgeborner auftritt, so ließe sich doch recht gut seine Stammtafel machen, es können durch diese Filiationen noch wunderliche Geschöpfe entstehen.

Ich habe ohngefähr hundert Seiten gelesen und conformire mich mit Ihrem Urtheil. Einige Situationen sind gut angelegt, ich bin neugierig ob sie die Verfasserin in der Folge zu nutzen weiß. Was sich aber ein Student freuen muß, wenn er einen solchen Helden gewahr wird! Denn so ohngefähr möchten sie doch gern alle aussehen.

Dagegen sende ich Ihnen eine andere Erscheinung, die, wie sie sagt, vom Himmel kommt, allein, wie mich dünkt, gar zu viel von dieser altfränkischen Erde an sich hat. Der Verfasser dieses Werkleins scheint mir sich wie im Fegfeuer zwischen der Empirie und der Abstraction, in einem sehr unbehaglichen Mittelstande zu befinden; indeß ist weder an Inhalt noch an Form etwas über das sonst gewohnte.

Ich wünsche daß Schlegel von diesem Kampf einigen Vortheil ziehen möge, denn freilich habe ich seine Gabe als Docent, auch von seinen besten Freunden, nicht rühmen hören.

Ob wir gleich Ihre Abwesenheit hier sehr fühlen: so wünsche ich doch daß Sie so lange als möglich drüben bleiben. Wenigstens ist mir die letzte Zeit immer in der Einsamkeit die günstigste gewesen, welches ich Ihnen auch von Herzen wünschen will.

Keinen eigentlichen Stillstand an Faust habe ich noch nicht gemacht, aber mitunter nur schwache Fortschritte. Da die Philosophen auf diese Arbeit neugierig sind, habe ich mich freilich zusammen zu nehmen.

Hartmanns erster Entwurf von dem angezeigten Bilde hat schon vieles zur Sprache gebracht, wenn er das prosaisch reelle durch das poetisch symbolische erheben lernt, so kann es was erfreuliches werden.

Uebrigens sagte ich neulich zu Meyern: wir stehen gegen die neuere Kunst wie Julian gegen das Christenthum, nur daß wir ein bischen klarer sind als wie er. Es ist recht sonderbar wie gewisse Denkweisen allgemein werden und sich lange Zeit erhalten können und so lange wirklich als ein Bestehendes der menschlichen Natur angesehen werden können. Es ist dieß einer von den Hauptpunkten auf den zu reflectiren ist, wenn die Preisfrage zur Sprache kommt.

Leben Sie recht wohl und genießen das akademische Wesen nach Herzenslust.

Weimar am 18. März 1801.

G.


801. An Goethe.

Jena, 20. März 1801.

Die mitgetheilten Novitäten folgen hier mit meinem besten Danke zurück.

Diese Adrastea ist ein bitterböses Werk, das mir wenig Freude gemacht hat. Der Gedanke an sich war nicht übel, das verflossene Jahrhundert, in etwa einem Dutzend reich ausgestatteten Heften, vorüber zu führen, aber das hätte einen andern Führer erfordert, und die Thiere mit Flügeln und Klauen die das Werk ziehen, können bloß die Flüchtigkeit der Arbeit und die Feindseligkeit der Maximen bedeuten. Herder verfällt wirklich zusehends und man möchte sich zuweilen im Ernst fragen, ob einer der sich jetzt so unendlich trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich gewesen sein kann. Es sind Ansichten in dem Buch, die man im Reichsanzeiger zu finden gewohnt ist; und dieses erbärmliche Hervorklauben der frühern und abgelebten Literatur, um nur die Gegenwart zu ignoriren, oder hämische Vergleichungen anzustellen!

Und was sagen Sie zu der Aeonis? Haben Sie hier eine feste Gestalt gepackt? Ich gestehe, daß ich nicht recht weiß wovon die Rede ist; wovon die Rede sein soll, sieht man wohl. Indessen ist es gut, daß der Dünkel und der Widerspruchsgeist den Verfasser in die Arena herausgelockt haben, um in Nachahmung Ihres Vorbildes seine Schwäche und Ungeschicklichkeit an den Tag zu legen. Was an dem Stücke gut ist, die Aufstellung zweier Hauptfiguren als ein Gegensatz der sich auflöst und die Begleitung derselben mit allegorischen Nebenfiguren, dieß ist Ihnen abgeborgt, und mit der eignen Erfindung beginnt die Pfuscherei.

Die Erzählung von Tressan hat mir in meiner Einsamkeit Vergnügen gemacht. Von den Ritterromanen, die er bearbeitet hat, ist zwar in ihn selbst wenig mehr übergegangen als eine gewisse moralische Reinheit und Delikatesse; statt der Natürlichkeit der Gefühle findet man nur den Kanzleistyl derselben, und alles ist auf einen sentimentalen Effekt berechnet, aber eine gewisse Einfachheit in der Anlage und eine Geschicklichkeit in der Anordnung befriedigt und erfreut.

Den Ugolino können Sie auf keinen Fall brauchen. Es ist nichts damit zu thun als ihn an den Herrn Dr. Gries aus Hamburg, der sich noch hier aufhält so schnell als möglich zurückzugeben.

Der unaufhörliche Wind, dem ich auch bei verschlossenen Zimmern nicht entweichen kann, macht mir meinen Aufenthalt im Garten oft lästig, und hindert mich auch am Ausgehen, weil er mir die Brust angreift.

Indessen rückt doch die Arbeit immer fort, obgleich nicht mit schnellen Schritten.

Leben Sie recht wohl, Meyern viele Grüße.

Sch.


802. An Schiller.

Ich vermuthete, daß ich Ihnen durch die Rittergeschichte einiges Vergnügen machen würde, sie ist sehr artig und unterhaltend und dabei ein rechtes Muster von modernem Auffassen und Behandeln älterer Zustände.

Mit Hartmann werden wir, ob er gleich schon zwei Zeichnungen gemacht hat, über den Admet nicht einig werden, weil er in einem Bilde, das ganz symbolisch sein müßte, die Begebenheit natürlich darstellt. Es ist hier eine Kluft befestigt, die nur durch Offenbarung zu überspringen ist. Wir glaubten uns so deutlich darüber gegen ihn ausgedrückt zu haben, allein aus seiner Production sieht man daß er nicht weiß was wir wollen. Es gehört freilich eine völlige Sinnesänderung dazu, und wer weiß ob er bei seinem schönen Talente unter die Berufenen gehört. Professor Meyer hat mir versprochen, wenn Hartmann fort ist, eine Zeichnung in unserm Sinne zu machen, aber nur für unsern stillen Gebrauch.

Ich denke bei gutem und schlimmem Wetter an Sie. Hätte ich voraussehen können daß der Herzog so lange außen bleibt (er kommt erst den 27sten), so hätte ich Sie auf einige Tage besucht; mit nächstem Boten schicke ich wieder einiges zu lesen.

Den üblen Eindruck, welchen das Greisenpaar auf Sie machen würde, habe ich vorausgesehen. Das allegorische Drama habe ich diesen Morgen wieder gelesen; was mir besonders auffiel ist die Bitterkeit und die Trauer in Einem Product. Ich möchte nicht in der Haut des Verfassers stecken.

Zu Ihren Arbeiten wünsche ich viel Glück und freue mich auf die Zeiten wenn wir wieder zusammen sein werden. Faust hat noch keinen völligen Stillstand erlitten.

Weimar am 21. März 1801.

G.


803. An Goethe.

Ich schreibe Ihnen nur ein paar Zeilen um das Botenmädchen nicht leer abgehen zu lassen; denn eben da ich mich zum Schreiben niedersetze, kommen meine zwei Philosophen ins Zimmer. Vorgestern hatte ich Besuch von meiner Frau mit den Kindern und meinem jungen Vetter, der Adjutant bei der holländisch-französischen Armee ist. Er hat mir für einen blutjungen Militair, der viele Jahre dieses Kriegs mitgemacht hat, sehr gesittet und einfach-bescheiden geschienen.

Mit der Arbeit geht es ganz ordentlich, doch fürchte ich wird mich das lange Zögern der guten Jahrszeit und der ewige Wind binnen acht Tagen von hier wegtreiben.

Der vorletzte Act den ich hier angefangen und fertig mitzubringen hoffe, ist die Ausbeute meines Hierseins.

Leben Sie recht wohl. Viele Grüße an Meyern.

Jena, 24. März 1801.

Sch.


804. An Schiller.

Eben bin ich im Begriff auf acht Tage nach Roßla zu gehen nach deren Verlauf wir uns denn wohl wieder treffen werden, worauf ich mich sehr freue.

Wenn Ihr Aufenthalt in Jena nicht ganz so fruchtbar wird wie Sie es hofften, so ist das das gewöhnliche Schicksal poetischer Vorsätze; indessen muß man auch das wenigere mit Dank empfangen.

Ich schicke Ihnen eine portugiesische Reisebeschreibung, welche unterhaltend und lehrreich ist und den Wunsch dieses Land zu besuchen, wohl schwerlich rege machen wird.

Beim Nachdenken übers Beharrende im Menschen, worauf sich die Phänomene der Cultur beziehen ließen, habe ich bis jetzt nur vier Grundzustände gefunden:

des Genießens,
des Strebens,
der Resignation,
der Gewohnheit.

Ueberhaupt geht es bei einer solchen Betrachtung sonderbar, daß nämlich die Differenzen unter den Fällen verschwinden; doch eine gewisse Einheit ist ja was man bezwecken will.

Leben Sie recht wohl. Es hat sich inzwischen manches zugetragen, was Stoff zur Unterhaltung geben wird.

Weimar am 25. März 1801.

G.


805. An Goethe.

Jena, 27. März 1801.

Ich werde Jena nun bald verlassen, zwar mit keinen großen Thaten und Werken beladen, aber doch auch nicht ohne alle Frucht; es ist doch immer so viel geschehen als ich in eben so vieler Zeit zu Weimar würde ausgerichtet haben. Ich habe also zwar nichts in der Lotterie gewonnen, habe aber doch im Ganzen meinen Einsatz wieder.

Auch von der hiesigen Welt habe ich, wie es mir immer geht, weniger profitirt, als ich geglaubt hatte; einige Gespräche mit Schelling und Niethammern waren alles. Erst vor einigen Tagen habe ich Schelling den Krieg gemacht wegen einer Behauptung in seiner Transscendental-Philosophie, daß »in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde um es zum Bewußten zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtsein ausgehe zum Bewußtlosen.« Ihm ist zwar hier nur um den Gegensatz zwischen dem Natur- und dem Kunstproduct zu thun, und in so fern hat er ganz recht. Ich fürchte aber, daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzuwenig Notiz von der Erfahrung nehmen, und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtsein seiner Operationen nur so weit kommt, um die erste dunkle Totalidee seines Werks in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wieder zu finden. Ohne eine solche dunkle, aber mächtige Totalidee die allem technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose aussprechen und mittheilen zu können, d. h. es in ein Object überzutragen. Der Nichtpoet kann so gut als der Dichter von einer poetischen Idee gerührt sein, aber er kann sie in kein Object legen, er kann sie nicht mit einem Anspruch auf Nothwendigkeit darstellen. Eben so kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Product mit Bewußtsein und mit Nothwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an, und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewußtlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus.

Man hat in den letzten Jahren über dem Bestreben der Poesie einen höheren Grad zu geben, ihren Begriff verwirrt. Jeden, der im Stande ist, seinen Einpfindungszustand in ein Object zu legen, so, daß dieses Object mich nöthigt, in jenen Empfindungszustand überzugehen, folglich lebendig auf mich wirkt, heiße ich einen Poeten, einen Macher. Aber nicht jeder Poet ist darum dem Grad nach ein vortrefflicher. Der Grad seiner Vollkommenheit beruht auf dem Reichthum, dem Gehalt, den er in sich hat und folglich außer sich darstellt, und auf dem Grad von Notwendigkeit, die sein Werk ausübt. Je subjectiver sein Empfinden ist, desto zufälliger ist es; die objective Kraft beruht auf dem ideellen. Totalität des Ausdrucks wird von jedem dichterischen Werk gefordert, denn jedes muß Charakter haben, oder es ist nichts; aber der vollkommene Dichter spricht das Ganze der Menschheit aus.

Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz vortreffliche befriedigt, die aber nicht im Stande wären, auch nur etwas gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen, ihnen ist der Weg vom Subject zum Object verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mir den Poeten.

Eben so gab und giebt es Dichter genug, die etwas gutes und charakteristisches hervorbringen können, aber mit ihrem Product jene hohen Forderungen nicht erreichen, ja nicht einmal an sich selbst machen. Diesen nun, sage ich, fehlt nur der Grad, jenen fehlt aber die Art, und dieß meine ich wird jetzt zu wenig unterschieden. Daher ein unnützer und niemals beizulegender Streit zwischen Beiden, wobei die Kunst nichts gewinnt; denn die Ersten welche sich auf dem vagen Gebiet des Absoluten aufhalten, halten ihren Gegnern immer nur die dunkle Idee des Höchsten entgegen, diese hingegen haben die That für sich, die zwar beschränkt, aber reell ist. Aus der Idee aber kann ohne die That gar nichts werden.

Ich weiß nicht, ob ich mich deutlich genug ausgedrückt habe, ich möchte Ihre Gedanken über diese Materie wissen, welche einem durch den jetzigen Streit in der ästhetischen Welt so nahe gelegt wird.

Von hier aus werde ich Ihnen wohl nicht mehr schreiben, denn ich denke auf den Mittwoch wieder nach Weimar zu kommen; vielleicht sind Sie dann wieder dort, und unsere Mittheilungen können wieder eröffnet werden.

Ich danke für die Portugiesische Reisebeschreibung; sie ist nicht übel geschrieben, doch etwas dürftig und nicht ohne Ansprüche. Der Verfasser scheint mir zu den Verstandesmenschen zu gehören, die im Herzen feindlicher gegen Philosophie und Kunst gesinnt sind, als sie gestehen. Dieß hat zwar bei dieser Reisebeschreibung nicht viel zu sagen, aber es drückt sich doch aus und wird empfunden.

Leben Sie recht wohl und genießen Sie heitere Tage.

Sch.


806. An Goethe.

Weimar, 3. April 1801.

Am Mittwoch bin ich wieder hier eingetroffen und habe sehr beklagt, Sie nicht zu finden. Möge Ihnen indessen der Aufenthalt auf dem Lande nur recht günstig sein! Ich will während Ihrer Abwesenheit mein Geschäft so weit als möglich zu fördern suchen, daß ich es Ihnen bald nach Ihrer Zurückkunft geendigt vorlegen kann. In etwa vierzehn Tagen hoffe ich am Ziele zu sein. Von meinem letzten Act augurire ich viel Gutes, er erklärt den ersten, und so beißt sich die Schlange in den Schwanz. Weil meine Heldin darin auf sich allein steht, und im Unglück von den Göttern deserirt ist, so zeigt sich ihre Selbstständigkeit und ihr Charakteranspruch auf die Prophetenrolle deutlicher. Der Schluß des vorletzten Acts ist sehr theatralisch und der donnernde Deus ex machina wird seine Wirkung nicht verfehlen.

Meyer hat meinen kleinen Ernst gemalt, wie Sie wissen; das Bild ist fertig und sehr schön ausgefallen, daß es Sie gewiß auch erfreuen wird. Es ist so bedeutend gefaßt und sehr angenehm behandelt; auch die Ähnlichkeit fehlt nicht, so schwer es auch hielt, den Kleinen in eine ruhige Positur zu bringen.

Es hat mir leid gethan, meinen Garten gerade jetzt da das Wetter so schön geworden, zu verlassen; doch habe ich mich auch wieder nach Haus zurückgesehnt; und zum Glück bin ich hier gleich wieder in meine Arbeit herein gekommen.

Ich habe Verlangen wieder einige Zeilen von Ihnen zu sehen, denn in Roßla liegen Sie uns doch, so nah es ist, wie am Ende der Welt. Leben Sie recht wohl und alles Gute sei mit Ihnen.

Sch.


807. An Schiller.

Ich wünsche Glück zu Ihrer Zurückkunft nach Weimar und hoffe Sie bald wieder zu sehen, entweder daß Sie mich besuchen, oder daß ich mich auch wieder nach der Stadt verfüge.

Mein hiesiger Aufenthalt bekommt mir sehr gut, theils weil ich den ganzen Tag mich in freier Luft bewege, theils weil ich durch die gemeinen Gegenstände des Lebens depotentiirt werde, wodurch eine gewisse Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit in meinen Zustand kommt, die ich lange nicht mehr kannte.

Was die Fragen betrifft die Ihr letzter Brief enthält, bin ich nicht allein Ihrer Meinung, sondern ich gehe noch weiter. Ich glaube daß alles was das Genie, als Genie thut, unbewußt geschehe. Der Mensch von Genie kann auch verständig handeln, nach gepflogener Ueberlegung, aus Ueberzeugung; das geschieht aber alles nur so nebenher. Kein Werk des Genies kann durch Reflexion und ihre nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlern befreit werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und That nach und nach dergestalt hinaufheben, daß es endlich musterhafte Werke hervorbringt. Je mehr das Jahrhundert selbst Genie hat, desto mehr ist das Einzelne gefördert.

Was die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so glaube ich auch daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt im Subject, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmüthige, ins Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen unschuldigen productiven Zustand und setzen, für lauter Poesie, an die Stelle der Poesie, etwas das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir in unsern Tagen leider gewahr werden; und so verhält es sich mit den verwandten Künsten, ja der Kunst im weitesten Sinne.

Dieß ist mein Glaubensbekenntniß, welches übrigens keine weiteren Ansprüche macht.

Von Ihrer neuesten Arbeit hoffe ich sehr viel Gutes. Das Werk ist gut aufgefaßt, und wenn Sie sich genug Muße geben, so wird es sich von selbst runden. An Faust ist in der Zeit auch etwas geschehen. Ich hoffe daß bald in der großen Lücke nur der Disputationsactus fehlen soll, welcher denn freilich als ein eigenes Werk anzusehen ist und aus dem Stegreife nicht entstehen wird.

Die famose Preisfrage habe ich diese Zeit auch nicht aus der Acht gelassen. Ich habe, um eine empirische Unterlage zu meinen Betrachtungen zu gewinnen, angefangen mir ein Anschauen der europäischen Nationen zu bilden. Nach der Linkischen Reise habe ich noch manches über Portugal gelesen und werde nun nach Spanien übergehen. Wie sehr sich alles ins Enge ziehe, wenn man solche Betrachtungen recht von innen heraus nimmt, werde ich täglich mehr überzeugt.

Ritter besuchte mich einen Augenblick und hat meine Gedanken auch auf die Farbenlehre geleitet. Die neuen Entdeckungen Herschels, welche durch unsern jungen Naturforscher weiter fortgesetzt und ausgedehnt worden, schließen sich gar schön an jene Erfahrung an, von der ich Ihnen mehrmals gesagt habe, daß die bononischen Leuchtsteine an der gelbrothen Seite des Spectrums kein Licht empfangen, wohl aber an der blaurothen. Die physischen Farben identificiren sich hierdurch mit den chemischen. Mein Fleiß, den ich in dieser Sache nicht gespart habe, setzt mich bei Beurtheilung der neuen Erfahrungen in die größte Avantage, wie ich denn auch gleich neue, die Sache weiter auszuführende Versuche ausgesonnen habe; ich sehe vor mir, daß ich dieses Jahr wenigstens wieder ein paar Capitel der Farbenlehre schreiben werde. Ich wünsche Ihnen das Neueste bald vorzutragen.

Möchten Sie mich wohl Donnerstags mit Professor Meyer besuchen? Bereden Sie es doch mit diesem, dem ich das Nähere geschrieben habe.

Leben Sie indeß recht wohl.

Oberroßla den 6. April 1801.

G.


808. An Goethe.

[Weimar, 15. April 1801.]

Ich heiße Sie herzlich willkommen in Weimar, und freue mich, nach einer so langen Abwesenheit wieder mit Ihnen vereinigt zu sein. Lassen Sie mich doch wissen, ob Sie heute Abend zu Hause bleiben oder ob ich Sie in der Komödie finde.

Ich werde heute mit meinem Stücke fertig, und dieser Tag ist mir also doppelt werth. Weil mir aber das Wetter zusetzt, und meine Arbeit mich in den letzten Tagen etwas angegriffen, so befinde ich mich nicht ganz wohl.

Meine Frau grüßt Sie aufs beste. Auch Niethammer, der diesen Morgen angekommen, empfiehlt sich Ihrem Andenken.

Sch.


809. An Schiller.

Auch ich freue mich recht sehr wieder in Ihrer Nähe zu sein und besonders an diesem Tage anzukommen der eine solche Epoche macht.

Heute Abend um sieben Uhr finden Sie mich zu Hause. Will Niethammer zum Abendessen auch von den Unsern sein, so heiße ich ihn willkommen.

Viele Grüße an Ihre liebe Frau der ich noch einen Dank für ihren freundlichen Brief schuldig bin.

Viel Glück zur Vollendung Ihres Werkes.

Weimar am 15. April 1801.

G.


810. An Goethe.

[Weimar, 18, April 1801.]

Hier sende ich Ihnen das verlangte Werk, nebst dem Entwurf der Rollenbesetzung. Auf dem Exemplar fürs Theater sind ohngefähr sechs Blätter weniger.

Den Nathan will ich heute vornehmen und Ihnen auf den Abend in der Oper eine Definitivantwort darüber sagen.

Sch.


811. An Schiller.

Nehmen Sie mit Dank das Stück wieder. Es ist so brav, gut und schön daß ich ihm nichts zu vergleichen weiß.

Lassen Sie uns gegen Abend zusammen spazieren und zusammen bleiben.

Morgen geh ich wieder aufs Land.

Weimar den 20. April 1801.

G.


812. An Schiller.

Indessen Sie allerlei außerordentliche theatralische Ergetzlichkeiten genießen, muß ich auf dem Lande verweilen und mich mit allerlei gerichtlichen und außergerichtlichen Händeln, Besuchen in der Nachbarschaft und sonstigen realistischen Späßen unterhalten. Kann ich es möglich machen so komme ich Sonnabends. Sagen Sie mir doch ein Wort wie es mit Nathan geht, und ob die tapfere Jungfrau sich weiters producirt hat. Von mir kann ich weiter nichts sagen als daß mir der hiesige Aufenthalt physisch nicht übel bekommt und daß ich wohl damit zufrieden sein kann, da ich von meinem reconvalescirenden Zustand ohnehin keine Wunder erwarten darf. Leben Sie recht wohl und erfreuen mich bald mit einigen Zeilen.

Oberroßla am 27. April 1801.

G.


813. An Goethe.

Weimar, 28. April 1801.

Sie verlieren doch etwas, daß Sie diese musikalische Woche versäumen, wo Tanz und Gesang sich zu unsrer Ergötzlichkeit vereinigen. Gern hat uns durch seine schöne Stimme im Sarastro viel Freude gemacht; im Tarare hat er weniger befriedigt, denn die gewaltsame brusque Person widersteht seiner weichen Sprache.

Die Tänzer welche am Montag im Intermezzo sich sehen ließen, haben die Weimarianer in eine zweifelhafte Verwunderung gesetzt; man ist an die seltsamen Stellungen und Bewegungen, wo das Bein ganz lang nach hinten und nach der Seite ausgestreckt wird, nicht gewöhnt. Sie sehen unschicklich, indecent und nichts weniger als schön aus. Aber die Leichtigkeit und Flüchtigkeit und das musikalische Maß hat sehr viel ergötzendes.

Cotta ist in diesen Tagen durchgereist, hat sich aber nur einige Stunden aufgehalten, und wird auf seiner Rückreise etwas länger bleiben, wo er auch Sie hier zu finden hofft. Er hat den Kupferstecher Müller aus Stuttgart mitgebracht, den Sie auch schon von Person kennen, so viel ich weiß. Es ist ein braver Mann, aber der Mann und seine Kunst erklären einander wechselsweise; er hat ganz das sorgfältige, reinliche, kleinliche und delikate seines Griffels. Es sind auch vier Zeichnungen Wächters zum Wallenstein mitgekommen, die zu vielerlei Betrachtungen, besonders wieder über die Wahl der Gegenstände Anlaß gaben. Aber es ist etwas recht tüchtiges, charakteristisches und kräftiges darin. Meyer hat sie noch nicht gesehen, ich bin neugierig ob er den Künstler erräth.

Der Nathan ist ausgeschrieben und wird Ihnen zugeschickt werden, daß Sie die Rollen austheilen. Ich will mit dem Schauspielervolk nichts mehr zu schaffen haben, denn durch Vernunft und Gefälligkeit ist nichts auszurichten, es giebt nur ein einziges Verhältniß zu ihnen, den kurzen Imperativ, den ich nicht auszuüben habe.

Die Jungfrau habe ich vor acht Tagen dem Herzog schicken müssen und habe sie noch nicht aus seinen Händen zurück erhalten. Wie er sich aber gegen meine Frau und Schwägerin geäußert, so hat sie, bei aller Opposition, in der sie zu seinem Geschmacke steht, eine unerwartete Wirkung auf ihn gemacht. Er meint aber, sie könne nicht gespielt werden und darin könnte er Recht haben. Nach langer Veranschlagung mit mir selbst, werde ich sie auch nicht aufs Theater bringen, ob mir gleich einige Vortheile dabei entgehen. Erstlich rechnet Unger, an den ich sie verkauft habe, darauf, daß er sie als eine vollkommene Novität zur Herbstmesse bringe; er hat mich gut bezahlt und ich kann ihm hierin nicht entgegen sein. Dann schreckt mich auch die schreckliche Empirie des Einlernens, des Behelfens und der Zeitverlust der Proben davon zurück, den Verlust der guten Stimmung nicht einmal gerechnet. Ich trage mich jetzt mit zwei neuen dramatischen Sujets, und wenn ich sie beide durchdacht und durchgeprüft habe, so will ich zu einer neuen Arbeit übergehen. Leben Sie recht wohl und kommen ja auf den Sonnabend her.

Sch.


814. An Schiller.

Ich habe diese Tage gerade das Gegentheil von Gesang und Tanzkunst erlebt, indem ich mit der rohen Natur und über das ekelhafteste Mein und Dein im Streite lag. Heute bin ich meinen alten Pachter erst los geworden und nun giebt es so manches zu besorgen und zu bedenken da der neue erst Johannis anzieht. Ich glaube daher kaum daß ich Sonnabends kommen werde. Nehmen Sie sich doch einer Leseprobe vom Nathan einstweilen an, bis ich eintreffe, denn ohne Leitung würden sich die Leute gar nicht zu helfen wissen; es ist ein sehr undankbares Geschäft, doch kann man es nicht ganz los werden.

Einer Vorstellung Ihrer Jungfrau möchte ich nicht ganz entsagen. Sie hat zwar große Schwierigkeiten, doch haben wir schon große genug überwunden, aber freilich wird durch theatralische Erfahrungen Glauben, Liebe und Hoffnung nicht vermehrt. Daß Sie persönlich etwas besseres thun können als sich einer solchen Didaskalie zu unterziehen bin ich selbst überzeugt; es käme darauf an ob ich bei meiner jetzigen Halbthätigkeit dazu nicht am besten taugte. Doch davon wird sich reden lassen wenn wir wieder zusammen kommen.

Ich habe der Versuchung nicht widerstehen können mir einen Spaziergang hier anzulegen, da man vorher keinen Schritt im Trocknen thun konnte bei feuchtem Wetter und keinen im Schatten bei Sonnenschein. Nun hat mich das etwas weiter geführt als billig, und ich muß hier bleiben bis die Anlage fertig ist, weil sie mir sonst zuletzt noch verpfuscht werden könnte. Leben Sie indessen wohl in einer bessern Welt und sinnen Sie auf neue Schöpfungen zu unserer Freude.

Oberroßla am 28. April 1801.

G.


815. An Schiller.

Mögen Sie heute halb Zwölf zu mir kommen, die bewußten Versuche sehen und sodann eine Stunde mit mir spazieren fahren so wird es uns eine Freude sein.

[Weimar] Den 12. Mai 1801.

G.


816. An Schiller.

Ehe ich von Göttingen scheide muß ich Ihnen doch ein Lebenszeichen geben. Es ist mir bisher sehr wohl gegangen, ich habe die merkwürdigsten Anstalten gesehen und den größten Theil der Professoren kennen lernen; man begegnet mir mit viel Neigung und gutem Willen und ich gestehe, daß ich mich lange nicht so wohl und heiter befunden habe.

Die Anstalten sind höchst respectabel, doch werden Sie darüber, so wie über die Menschen erst mündlich von mir hören. Leider scheinen meine Acten auf dieser Reise nicht so anzuschwellen, wie auf der letzten nach der Schweiz; damals war ich freilich im Falle meine Kräfte an der Welt zu versuchen, jetzt will ich zufrieden sein wenn ich sie an ihr wieder herstelle. Kann ich indessen nicht zum Anschauen der Totalität des Göttingischen Zustands gelangen, so wird mir diese Reise von außerordentlichem Nutzen sein; schon jetzt fühl' ich, wie sich mein Geist bei Betrachtung dieser Zustände aufheitert.

Mein Reisegefährte August, welcher Karln schönstens grüßen läßt, ist auch Schuld an meinem mindern Fleiß, indem er mich zerstreut und manche Betrachtung ableitet; doch ist er sehr glücklich, er gewinnt in manchem Sinne und auch mein Verhältniß gegen die Menschen wird durch ihn gelinder und heiterer, als es vielleicht außerdem hätte sein können. Leben Sie recht wohl, grüßen Sie Ihre liebe Frau und erfreuen Sie mich, wenn ich wieder komme, mit Früchten Ihres Fleißes.

Göttingen am 11. Juni 1801.

G.


817. An Goethe.

Weimar, 28. Juni 1801.

Wir haben mit großer Sehnsucht auf Nachrichten von Ihnen geharrt und erst vorgestern, nachdem er fünfzehn Tage unterwegs gewesen, erhalte ich Ihren Brief aus Göttingen. Den meinigen hoffe ich durch eine Gelegenheit, die diese Woche von hier nach Pyrmont geht, schneller in Ihre Hände zu bringen. Das kalte Wetter vor vierzehn Tagen wird, wie ich fürchte, dem Anfang der Brunnenkur sehr ungünstig gewesen sein und Sie zwingen, Ihren Aufenthalt dort zu verlängern. Es hat auch meine Gesundheit angegriffen, und dem Fleiß geschadet. Für Cotta habe ich indeß doch eine Ballade, Leander und Hero, wirklich zu Stande gebracht, nebst noch einigen kleinern Gedichten, was ich Ihnen bei Ihrer Zurückkunft vorzutragen hoffe. Das Schauspiel fängt an, sich zu organisiren, und in acht Tagen denke ich an die Ausführung zu gehen. Der Plan ist einfach, die Handlung rasch, und ich darf nicht besorgen, ins Breite getrieben zu werden.

Aber auch mir droht eine lange Zerstreuung, denn mein Entschluß ist nun ernstlich gefaßt, in etwa drei Wochen an die Ostsee zu reisen, dort das Seebad zu versuchen und dann über Berlin und Dresden zurückzugehen. Viel Vergnügen erwarte ich mir zwar nicht von dieser Reise, ja in Berlin fürchte ich peinliche Tage, aber ich muß neue Gegenstände sehen, ich muß einen entscheidenden Versuch über meine Gesundheit machen; ich wünsche einige gute Theatervorstellungen, wenigstens einige vorzügliche Talente zu sehen und, da es keinen großen Umweg kostet, auch die alten Freunde wieder zu sehen. Meine Erwartungen sind so, daß sie eher übertroffen, als getäuscht werden können. Uebrigens hoffe ich auf den zehnten September wieder zurück zu sein, denn ich werde schnell reisen, und mich nur zwölf Tage in Dobberan, eben so lang in Berlin und sechs Tage in Dresden verweilen. Bei meiner Zurückkunft hoffe ich Sie heiter und gesund wieder anzutreffen und vielleicht selbst an Wohlsein gewonnen zu haben.

Was seit Ihrer Abreise neues hier vorgegangen, werden Sie sonst erfahren haben. Mit den Badischen Herrschaften war eine Frau von Hack hier, eine alte Bekanntschaft von Ihnen, die sich Ihrer mit Antheil erinnerte, und Sie in dem Bilde von Bury ganz wieder erkannte. Auch Knebel hält sich seit einigen Tagen mit seiner Frau hier auf, er soll sehr heiter und im übrigen ganz noch derselbe sein.

Rochlitz aus Leipzig war hier: wie er sagt, so haben Sie ihn aufgemuntert zu den Preisstücken zu concurriren. Er hat wohl eine gute Intention, aber die Kräfte fehlen. Aus Leipzig hat er mir die fertige Hälfte eines Lustspiels zugesendet, und will meine Meinung wissen, ob es mit einiger Hoffnung und Wahrscheinlichkeit um den Preis kämpfen kann; denn wie er schreibt, könnte er es nicht ohne Aufopferung auf den bestimmten Termin vollenden, und möchte daher, wenn er ein Uebriges thun soll, auch des Erfolgs gewiß sein. Das Stück ist, so weit es fertig, allerdings spielbar; es hat einige gute Theaterscenen, die ihre Wirkung nicht verfehlen werden, aber loben läßt sich's nicht, und noch weniger krönen, wenn es auch wirklich unter den Concurrenzstücken das beste sein sollte. Es ist zu trivial, schwach und geistlos. In der Verlegenheit, worin ich bin, ihm einen leidlichen Bescheid zu geben, werde ich mich etwas streng an die Aufgabe eines Intriguenstücks halten: denn was die zwei Akte gutes und piquantes haben, liegt in dem Spiel zweier lustigen Charaktere und keineswegs in der Intrigue. Ich werde ihn ermuntern das Stück zu vollenden, aber es nicht eigentlich zur Concurrenz um den Preis einzuschicken. Daß wir es spielen wollen und werden, kann ich ihm versprechen, und so steht es dann immer bei Ihnen, ob Sie es als ein Concurrenzstück ansehen wollen oder nicht.

Seckendorf schreibt mir aus Regensburg, daß unter der dortigen schlechten Truppe sich ein brauchbarer Schauspieler Namens Eugen befinde, der den Tenor singt, in der Opera die Buffons und im Schauspiel die ersten Liebhaber spielt. Für die letzteren Rollen mache ihn seine mittlere und untersetzte Figur zwar nicht besonders geschickt, aber er meint daß er es mit Kordemann und Haide wohl aufnehmen könne, ja den ersten um vieles übertreffe. Er habe dort wöchentlich zehn Gulden rheinisch, und könne von sechs Wochen zu sechs Wochen abgehen. Ich melde Ihnen dieses, weil Seckendorf doch eher zu tadeln als das Lob zu übertreiben pflegt, und an dem jungen Menschen also doch etwas sein muß, was vielleicht weiter auszubilden ist.

Weil es mit den Propyläen, wie mir Cotta versicherte, noch gar nicht fort will, und zu wenige Exemplare davon in Circulation kommen, wodurch also, wenn Sie auch ganz auf alle Einnahme großmüthig Verzicht thäten, immer der Zweck der Verbreitung leiden muß, so habe ich Meyern die Idee mitgetheilt, die Lit. Zeitung zum Canal zu machen, die Kunstbegriffe worauf es ankommt ins Publikum zu bringen. Sie würden z. B. alle Vierteljahr sich eine Woche von der Lit. Zeitung ausbedingen und das Kunstwesen darin vornehmen. Die Kritik der neuesten Kunstwerke und Kunstschriften wäre das Vehikel für alles was man sagen will, und außer dem großen Vortheil einer allgemeinen Verbreitung gewänne man auch das, daß dem falschen Geschmack sein nichtigstes Tribunal entzogen und dieses genöthigt würde, für die gute Sache zu zeugen. Meyer ist auch meiner Meinung und wird bei seiner nächsten Zusammenkunft mit Ihnen ausführlicher von der Sache reden.

Jetzt sage ich Ihnen ein herzliches Lebewohl und wünsche, daß wir recht bald erfreuliche Nachrichten von Ihnen erhalten mögen. Die schönsten Grüße von meiner Frau und Schwägerin, und von Karin an Augusten.

Sch.


818. An Schiller.

Zu der Entschließung die Sie gefaßt haben wünsche ich von Herzen Glück; es ist recht schön daß Sie sich nach Norden bewegen, indeß ich im nordwestlichen Deutschland mich umsehe; wir werden alsdann manches einander mittheilen und die Zustände vergleichen können.

Da mich die Kur zu aller Arbeit untüchtig gemacht hat, so habe ich hier wenig Zufriedenheit genossen; doch darf ich manches guten und interessanten Gesprächs nicht vergessen. Der Prediger Schütz aus Bückeburg, Bruder der Frau Griesbach, ist ein sehr unterrichteter und angenehmer Mann; besonders merkwürdig ist es wenn man im Stillen eine Vergleichung zwischen ihm und seinen Geschwistern anstellt. Von andern persönlichen Erscheinungen mündlich.

Wenn ich von einem Resultate reden soll das sich in mir zu bilden scheint, so sieht es aus, als wenn ich Lust fühlte immer mehr für mich zu theoretisiren und immer weniger für andere. Die Menschen scherzen und bangen sich an den Lebensräthseln herum, wenige kümmern sich um die auflösenden Worte. Da sie nun sämmtlich sehr recht daran thun, so muß man sie nicht irre machen.

Was auch diese Expedition und Kur auf Geist und Leib für eine Wirkung haben mag, so fühle ich doch daß ich alle Ursache habe mich zu beschränken und nur das nächste und nothwendigste vorzunehmen. Es wird mir also ganz angenehm sein, irgend ein Engagement los zu werden: in ein neues hingegen möchte ich mich nicht gern einlassen; doch das wird sich alles zeigen, wenn wir wieder zusammenkommen und sowohl unser Erworbenes als unsere Kräfte berechnen.

Auf Hero und Leander bin ich recht neugierig, ich wünschte Sie hätten mir es mitgeschickt. Was Ihr Schauspiel betrifft, so weiß ich nicht, ob Sie von den Malthesern oder von dem untergeschobenen Prinzen sprechen, und ich werde also auf doppelte Weise überrascht sein wenn Sie auch hierin vorwärts rücken.

Die Totalität des Pyrmonter Zustandes habe ich so ziemlich vor mir. Auf meiner Rückreise hoffe ich auch zu completiren was mir noch an Göttingen fehlt. Kassel werde ich mehr im allgemeinen und nur von der Kunstseite zu fassen suchen, weil die Zeit zu einem weitern nicht hinreicht.

Meine Acten sind übrigens sehr mager geblieben; die Badelisten und Komödienzettel machen den größten Theil davon aus.

Bei dem hiesigen Theater sind mehrere Subjecte die ein recht gutes äußerliches haben und perfectibel scheinen. Die Gesellschaft ist im Ganzen eher gut als schlecht, doch bringt sie eigentlich nichts erfreuliches hervor, weil der Naturalismus, die Pfuscherei, die falsche Richtung der Individualitäten, entweder zum Trocknen oder zum Manierirten, und wie das Unheil alle heißen mag, hier so wie überall webt und wirkt und das Zusammenbrennen des Ganzen verhindert.

Mich verlangt sehr auf die Schilderung die Sie uns vom Berliner Theater machen werden.

Der Herzog wird morgen oder übermorgen erwartet; wenn er sich eingerichtet hat, denke ich nach Göttingen zurückzugehen. Blumenbachs Schädelsammlung hat manche alte Idee wieder aufgeregt und ich hoffe ein oder das andere Resultat soll bei näherer Betrachtung nicht fehlen. Professor Hofmann wird mich mit den kryptogamischen Gewächsen näher bekannt machen und dadurch eine starke Lücke in meinen botanischen Kenntnissen ausfüllen. Was ich für meine Farbenlehre auf der Bibliothek zu suchen habe, ist auch schon notirt und wird nun desto schneller zu finden sein. Ich leugne nicht, daß ich wohl ein Vierteljahr in Göttingen zubringen möchte, indem daselbst gar vieles beisammen zu haben ist.


Der Herzog ist nun angekommen und ist im Falle aller Ankommenden: er hofft und amüsirt sich, ich hingegen, als ein Abgehender, finde sehr mäßigen Gewinn und die Weile will alle Tage länger werden. Ich sehe daher mit Sehnsucht meiner Erlösung entgegen, die sich wahrscheinlich Mittwochs den fünfzehnten ereignen wird. Von Göttingen schreibe ich noch einmal, wenn ich einigermaßen etwas zu sagen habe.

Leben Sie recht wohl und reisen Sie glücklich. Grüßen Sie die Ihrigen und gedenken mein.

Pyrmont den 12. Juli 1801.

G.


819. An Schiller.

Unser gestriges Gastmahl war, ohngeachtet der starken Würze, auf dem Wege sehr schlecht abzulaufen. Ihr Außenbleiben machte gleich eine große Lücke in die kleine Gesellschaft, Mellish war nicht vom besten Humor und dieß gab auch mir eine etwas trübe Stimmung. Wir mußten erst einige Stunden essen und trinken, bis wir uns belebt fühlten. Die Jäger, die erst gegen fünf Uhr kamen und mit gutem Appetit in die Ueberreste einfielen, gaben der ganzen Begebenheit eine bessere Wendung. Der ganze Verlauf der Parforcejagd ward nochmals vorgeführt und wir blieben ganz heiter bis gegen sieben Uhr beisammen.

Nun gehe ich nach Jena ohne Sie nochmals gesehen zu haben, in sechs Tagen bin ich wieder hier und schicke indessen ein Paar Lustspiele zu gefälliger Einsicht.

Leben Sie recht wohl, sein Sie fleißig und gedenken mein.

Weimar am 18. October 1801.

G.


820. An Schiller.

Da meine Ankunft noch vor den Ablauf Ihres Geburtstages trifft so säume ich nicht Ihnen noch meinen besten Glückswunsch, von dem Sie schon überzeugt sind, ausdrücklich und schriftlich zu überschicken und zugleich auf morgen, als zum zweiten Feiertag zur bekannten freundschaftlichen Zusammenkunft einzuladen.

Weimar am 10. November 1801.

G.


821. An Goethe.

[Weimar, 10. November 1801.]

Ich freue mich Ihrer Zurückkunft und sage Ihnen den schönsten Dank für Ihren freundschaftlichen Glückwunsch. Morgen hoffe ich von Ihnen zu hören, daß die Musen Ihnen in Jena günstiger als mir gewesen.

Ich erhielt heute von Rochlitz aus Leipzig einen kläglichen Erinnerungsbrief wegen seiner Zauberflöte. Er wartet auf eine Zeile Antwort von Ihnen, was das Schicksal dieses Werkes sei, und erbittet sich das Manuscript zurück.

Leben Sie recht wohl. Ich freue mich Sie morgen wieder zu sehen.

Sch.


822. An Schiller.

Da es wohl Zeit sein möchte daß wir einander wieder einmal sähen, so komme ich, wenn es Ihnen recht ist, heute Abend um Sieben mit dem Wagen Sie abzuholen.

Haben Sie besondere Neigung zur Redoute, so soll Ihnen nach dem Abendessen das Fuhrwerk auch dazu bereit stehen.

Weimar am 27. November 1801.

G.


823. An Goethe.

[Weimar, 14. December 1801.]

Ich glaube, daß wir jetzt auf gutem Wege sind. Das Fieber hat sich ganz gelegt und die schlimmen Zufälle sind bei meiner Frau auch verschwunden. Mit den Kindern ist alles bis jetzt gut abgelaufen. So hoffe ich also mit einer schlimmen Woche wegzukommen.

Wenn Sie für August nichts fürchten, so wäre es für meinen Carl eine große Freude, ihn zu sehen.

Haben Sie selbst keine Scheu vor der Krankheit und mögen nach Tische eine Stunde ausfahren, so machte mir's große Freude, Sie zu begleiten und einen Augenblick wieder zu sehen. Auch würde mir die frische Luft gut thun, denn ich habe nun fünf Tage bloß im Lazareth gelebt.

Sch.


824. An Schiller.

Indem ich mich erkundige wie es mit den Ihrigen steht, schicke ich den Aufsatz über die Kunstausstellung, der leider zu einem großen Volum anwächst; doch macht gegenwärtiges etwa Dreiviertel vom Ganzen aus. Das letzte Viertel das noch bevorsteht, bezieht sich auf die nächste Preisaufgabe und die künftige Einrichtung überhaupt.

Mögen Sie wohl die Gefälligkeit haben beim Lesen einen Bleistift in die Hand zu nehmen und, was Ihnen beifällt, an der Seite zu notiren. Einen Theil der Handschrift habe ich, wie Sie sehen werden, noch gar nicht corrigirt und ich gehe überhaupt das Ganze noch einmal durch.

Am Ende von Langers Lucretia fehlt noch die Darstellung was man denn eigentlich auf dem Bilde sehe.

Leben Sie recht wohl und halten Sie sich gut, bis das allgemeine Uebel sich von Ihnen und unsern Freunden zurückzieht.

Weimar am 15. December 1801.

G.


825. An Goethe.

[Weimar, 15. December 1801.]

Ich habe das Manuscript heute mit aller Besonnenheit durchlesen und wüßte nichts davon oder dazu zu thun; wegen der kleinen Weglassung, wovon Sie gestern sprachen, bin ich noch Ihrer Meinung. Sie finden an einigen Stellen Striche mit dem Bleistift; sie betreffen bloß den Ausdruck, den ich, wie ich schon gestern erinnerte, wo möglich von allem was nicht die allgemeine Sprache ist, befreiet wünschte, da der Aufsatz an die eigentliche Lesermasse des ungeweihten Publicums adressirt wird.

Mit meinen Kranken bessert es sich zusehends. Ich sehe Sie vielleicht morgen, wenn uns das Wetter begünstigt entweder im Freien, oder Abends in der Komödie. Leben Sie recht wohl.

Sch.


826. An Schiller.

Mir ist herzlich leid Sie bei dem kleinen Feste nicht zu sehen.

Auf eine oder die andre Weise sehen wir uns bald. Möchten Sie bald völlig genesen!

G.


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