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Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe - Zweiter Band

Johann Wolfgang von Goethe: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe - Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typeletter
authorFriedrich Schiller
titleBriefwechsel zwischen Schiller und Goethe - Zweiter Band
publisherStuttgart. Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
printrunVierte Auflage
year1881
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Anhang.
I. Briefe Goethes an Frau Charlotte Schiller

1.

Ihr Brief meine Liebe, traf mich zur guten sonnigen Stunde, deren wir uns nicht oft zu rühmen haben und machte mir sie noch erfreulicher, hätte nur nicht zugleich die Nachricht von Schillers Uebel wieder eine Wolke davor gezogen. Da wir geistiger Weise so froh zusammen vorschreiten, warum können wir es nicht auch dem Körper nach? Selbst diesmal, wenn wir zusammen hier gewesen wären, hätte es uns gewiß doppelte Zufriedenheit gegeben. Es sind manche gute und liebenswürdige Menschen hier, und da ich doch gewöhnlich sehr einsam lebe, so thut es wohl auch einmal in eine größere, besonders so sehr zusammengesetzte Masse zu schauen. Von allen Gegenden Deutschlands sind Menschen da, die in ihrer Denkart sehr kontrastiren. Anfangs habe ich viel Bekanntschaft gemacht, zu Ende wird man lässiger. Gearbeitet habe ich dagegen nichts, die Zerstreuung hat ihre völligen Rechte behauptet. Heute über acht Tage bin ich wahrscheinlich schon auf dem Wege, und Ihnen um so viel näher. Möchte ich Sie doch Beide recht wohl und munter finden!

Carlsbad den 25. Juli 1795.

Goethe.


2.

Bei dem schönen Wetter wäre es wohlgethan, wenn man sich heute früh in den Garten verfügte, ich dächte Sie schickten mir die Schlüssel, damit ich einstweilen davon Besitz nehmen und das Ganze beschauen und betrachten könnte und Sie kämen alsdann zu welcher Stunde es Ihnen beliebte. Ich hoffe Schiller wird von der Partie sein.

[Jena, 2. Hälfte März 1797.]

G.


3.

Ich schicke die Schlüssel, daß der Tischer nicht aufgehalten werde. Melde mich auf den Mittag an und bitte um die Glastäfelchen, durch deren Zusammendrücken man die schönen Farben hervorbringt.

Wünsche wohl geschlafen zu haben.

[Jena, 2. Hälfte März 1797.]

G.


4.

Nach Ein Uhr komme ich wenn es Ihnen recht ist, mit Ihnen zu essen und dann zurück zu gehen.

[Jena, Mai oder Juni 1797.]

G.


5.

Wie sehr wünscht ich daß Sie in bessern Tagen zu uns gekommen wären, und auch länger blieben, daß Sie mich mit den Ihrigen in meinem Kloster besuchen könnten.

Von Schiller hatte ich heute einen Brief, ich habe auch geantwortet – grüßen Sie ihn schönstens!

[Weimar, 29. Dec. 1797.]

G.


6.

Wo Sie auch dieses Blatt antrifft, soll es Ihnen sagen: daß man sehr wünscht Sie diesen Abend in Malepartus zu sehen. Ein frugales Mahl ist bereitet und Sie sind zu jeder Stunde willkommen, wenn gleich der Wirth noch einige Wege zu machen hat.

[Weimar, 6. März 1798.]

G.


7.

Vielmals Dank sei Ihnen gesagt daß Sie mich zum Schluß der Woche nicht einer Nachricht haben wollen mangeln lassen, ob ich gleich wünschte von Schillers Gesundheit das bessere zu hören.

Vor die schöne Homerische Welt ist gleichfalls ein Vorhang gezogen und die nordischen Gestalten, Faust und Compagnie, haben sich eingeschlichen. Das wenige was ich an dieser Arbeit gegenwärtig thun kann, fördert immer mehr als man denkt, indem der kleinste Theil, der zur Masse hinzugefügt wird, die Stimmung zum folgenden sehr bedeutend vermehrt.

Ich hoffe mich an Ifflands Erscheinung für die Zeit die ich ihr aufopfern muß, reichlich zu entschädigen, Thourets Gegenwart kostet mich allenfalls vierzehn Tage; auf alle Fälle hoffe ich im halben Mai wieder bei Ihnen zu sein und dann eine längere Zeit in Ihrer Nähe zu genießen. Ist es möglich so versäumen Sie mit Schillern Ifflands Spiel nicht, es macht in unserm engen Verhältniß immer wieder Epoche.

Hiebei folgt ein Briefchen von August an Karl und ein Brunnen. Man muß das Gefäß ganz voll Wasser schütten, und alsdann zu plumpen anfangen, wodurch alsdann eine inverse Danaidenarbeit entsteht, auch hat er noch ein Püppchen beigelegt.

Leben Sie recht wohl und grüßen Schillern aufs beste.

Weimar am 14. April 1798.

G.


8.

Ihre liebe Hand war mir heute auf dem Couvert nicht erfreulich zu sehen, noch weniger der Inhalt Ihres Briefs.

Fast sollte ich glauben, daß der hohe Barometerstand Schillern eben so sehr zuwider sei als ihm der niedere günstig ist, wie ich bemerken konnte da ich in Jena war. Möchte er doch bald wieder hergestellt sein.

Zur Unterhaltung schicke ich einen Brief von Humboldt, der recht viel Interessantes enthält. Schade daß ich gerade eine bedeutende Stelle nicht lesen konnte! Ich habe sie roth vorgestrichen, vielleicht haben Sie die Güte sie sich von Schillern in einer leidlichen Stunde dictiren zu lassen, da er mit der Hand besser als ich bekannt ist.

Faust rückt alle Tage wenigstens um ein Dutzend Verse.

Gestern habe ich meine camera obscura wieder zurechte gestellt und bei Betrachtung des Apparats meinen Gang in diesem Theile der physikalischen Wissenschaft bezeichnet. Man sieht recht die Umwege die man gemacht hat, wenn man die Mittel und Werkzeuge deren man sich zu seinem Zweck bediente, noch alle vor sich sieht.

Ich richte mich ein bei Ifflands Hiersein zahlreiche Gesellschaft zum Frühstück zu sehen, wozu Sie auch schönstens eingeladen sind, die Jahrszeit ist günstig, da er fünf Wochen später kommt als das vorige Mal, und mein Haus ist groß genug, da ich alle Zimmer und den Garten brauchen kann; ich werde dagegen die Abendessen aufgeben.

Dann habe ich noch meinen Pachter in das Roßlaer Gut und Professor Thouret in die hiesige Schloßdecoration einzuführen, ist das geschehen, so werde ich nach dem Beispiel des Kaiser Asverus sagen:

Beschlossen hab ich es, nun gehts mich nichts mehr an!

und zu Ihnen hinüber eilen. Möchte ich Sie doch Beide recht wohl mit den Kindern im Garten finden.

August grüßt Karln auf das Schönste.

Man sagt Richter werde auch zu gleicher Zeit mit Iffland eintreffen, nicht weniger bedrohen manche fürstliche Personen unsern Theatralischen Jahrmarkt mit ihrer Gegenwart.

Leben Sie recht wohl und versäumen unsere geistreichen Frühstücke nicht.

Weimar am 18. April 1798.

G.


9.

Haben Sie Dank daß Sie mir nochmals An Schillers Statt ein Briefchen senden wollen, möge es doch bald wieder recht gut gehen. Ungern entsage ich der Hoffnung Sie beide die nächste Woche zu sehen, denn Iffland spielt wirklich Dienstag zum erstenmal.

Daß sich die vielen Irrsterne diesmals im zehenten Hause versammeln ist freilich eine bedeutende Konstellation, wir wollen sehen was für Witterung daraus entsteht.

Faust hat diese Tage immer zugenommen; so wenig es ist, bleibt es eine gute Vorbereitung und Vorbedeutung. Was mich so lange Jahre abgehalten hat wieder daran zu gehen war die Schwierigkeit den alten geronnenen Stoff wieder ins Schmelzen zu bringen. Ich habe nun auf Cellinische Weise ein Schock zinnerne Teller und eine Portion hartes trocknes Holz dran gewendet und hoffe nun das Werk gehörig im Fluß zu erhalten.

Leben Sie recht wohl, grüßen Sie Schillern schönstens und überstehen Sie geduldig das rauhe Wetter in Hoffnung eines Blüthenreichen Frühlings.

Mittwoch etwas weniges von der ersten Vorstellung.

Weimar am 21. April 1798.

G.


10.

Je seltner dem Dichter, in unsrer Zeit, auf seine Mittheilungen, eine erwünschte, theilnehmende Stimme entgegen kommt, um so erfreulicher war mir Ihr Blatt, das mir einen schönen Lohn, für meine stillen treuen Arbeiten darbietet. Nehmen Sie dafür meinen herzlichen Dank und verzeihen, wenn ich mit einer Vorlesung zögere. Durch die anhaltende Arbeit, so wie durch die vielen Proben, ist mir eine Art Ueberdruß entstanden, der sich, hoffe ich bald verlieren wird, um mir, in Ihrer und der Ihrigen Gegenwart einen neuen Genuß zu erlauben. Leben Sie recht wohl.

Weimar den 5. April 1803.

Goethe.


11.

Vor allem werthe Frau, danken Sie Schillern, daß er sich zu meinem besten verwendet hat, es ist nun alles auf einem recht guten Wege. Sodann haben Sie die Güte inliegenden Brief an Frau von Stael zu besorgen und suchen Sie mir wo möglich auf die Fragen, die hiernächst verzeichnet sind, mir morgen Abend mit dem Boten Antwort zu verschaffen; denn wenn ich die Freundin nur einigermaßen empfangen will, daß sie die Paar Tage, welche sie hier zubringt, nicht verflucht, so muß ich doch eigne Anstalten machen; denn es sieht durchaus etwas wüst und zerstört hier aus.

Ich schwimme und bade so gut ich kann. Wenn wir nicht tugendhafter wären als wir selbst wissen und gestehen wollen, so müßte uns ein Zustand der nichts als Aufopferung enthält ganz unerträglich werden. Grüßen Sie Schillern ohne ihn an seinem Werke zu stören, worauf ich mich herzlich freue. Leben Sie recht wohl und verzeihen Sie mir diese Zudringlichkeit.

Jena den 16. Dec. 1803.

Goethe.


12.

Da Frau von Stael erst auf den Sonnabend zu kommen gedachte, so kann ich ihr den unangenehmen Weg recht gut ersparen und was mir obliegt, diese Woche hier vollenden.

Ich schreibe ihr das in beiliegendem Briefe und lade sie auf Sonnabend Mittag zu mir ins weimarische Haus. Da werden denn auch Sie liebe Frau und Schiller mich mit Ihrer Gegenwart erfreuen. Am liebsten wäre mirs wir hielten uns in so kleiner Gesellschaft; haben Sie aber sonst noch irgend einen Gedanken, wen ich einladen könnte, so theilen Sie mir ihn inzwischen mit. Wir können uns Glück wünschen, daß diese winternächtliche Kranken- und Todtenbilder durch eine so geistreiche Natur einigermaßen verscheucht und der Glaube ans Leben wieder gestärkt wird.

Dank und Gruß.

Jena den 19. December 1803.

Goethe.


13.

Sie sind so freundlich und gut, daß ich ein Paar Worte an Sie zu dictiren wage, ob ich gleich vom bösesten Humor bin. Dafür bitte ich Sie mir morgen mit dem Boten etwas zu sagen, wie es in Weimar aussieht.

Mit unserer Hauptunternehmung geht es gut, schön und vortrefflich! hätte ich bis Neujahr hier bleiben können, so wäre alles was mir obliegt mit einem gewissen behaglichen Geschick zu lösen gewesen. Daß ich aber Sonnabends nach Weimar soll und will, macht mir eine unaussprechliche Differenz, die ich ganz allein dulden, tragen und schleppen muß und wofür mir kein Mensch nichts in die Rechnung schreibt. Das ist das Verwünschte in diesen irdischen Dingen, daß unsere Freundin, der zu Liebe ich zu gelegner Zeit dreißig Meilen gern und weiter führe, gerade ankommen muß, wo ich dem liebsten was ich auf der Welt habe, meine Aufmerksamkeit zu entziehen genöthigt bin. Gerade zu einer Zeit, die mir die verdrießlichste im Jahr ist; wo ich recht gut begreife wie Heinrich III. den Herzog von Guise erschießen ließ, bloß weil es fatales Wetter war, und wo ich Herdern beneide, wenn ich höre daß er begraben wird.

Demohngeachtet sollen Sie mich Sonnabends nicht unfreundlich finden und es ist schon etwas besser, da ich mir die Erlaubniß genommen habe meinen Unwillen in einigen Worten und Redensarten herauszulassen.

Wenn Sie recht freundlich sind, so schreiben Sie mir noch einmal vor Sonnabend und schicken mir auch ein Blättchen von Schiller und von Frau von Staël. Ich habe nöthiger als jemals mich durch Freundschaft und guten Willen zu stützen und zu steifen. Schöben sich die Umstände nicht so wunderlich über einander, so hättet ihr mich so bald nicht wieder gesehen. Und so ein Lebewohl ohne Bitte um Verzeihung wegen meiner Unarten. Es ist heute der zwanzigste! Nach dem Neuenjahre wird es, will's Gott, besser werden.

[Jena den 20.] December 1803.

G.


14.

[p. e.] Es bleibt also dabei verehrte Freundin, daß Sie morgen Sonnabends um 1 Uhr sich mit Schillern in meinem Hause einfinden und Frau von Staël nochmals einladen ein Gleiches zu thun.

Sie wird mir verzeihen, wenn ich ihr nicht vorher der Form gemäß aufwarte. Ich komme dazu hier nicht früh genug weg.

Leben Sie recht wohl, ich freue mich Sie allerseits zu sehen.

Jena am 23. December 1803.

G.


15.

Hier, wertheste Freundin, die Recension von Hackerts Bildern. Bei näherer Ueberlegung finde ich daß man besser thut sich nicht mit der Commission zu befassen, wenigstens sich nicht anzubieten. Indessen will ich ihm schreiben, wenn er von dorther Aufträge erhält sich gewissenhaft ans Werk zu machen.

Wohlbefinden und Freude.

[Anfang Februar 1804.]

G.


II. Herzog Karl August

An Schiller.Vom 11. Sept. 1799, als Erwiederung auf Schillers Eingabe vom 1. Sept., vergl. Nr. 650

Der von Ihnen gefaßte Vorsatz, diesen Winter, und vielleicht auch die folgenden, hier zuzubringen, ist mir so angenehm und erwünscht, daß ich gerne beitrage, Ihnen den hiesigen Aufenthalt zu erleichtern. 200 Rthlr. gebe ich Ihnen von Michaeli dieses Jahrs an Zulage. Ihre Gegenwart wird unsern gesellschaftlichen Verhältnissen von großem Nutzen sein, und Ihre Arbeiten können vielleicht Ihnen erleichtert werden, wenn Sie den hiesigen Theaterliebhabern etwas Zutrauen schenken und sie durch die Mittheilung der noch im Werden seienden Stücke beehren wollen. Was auf die Gesellschaft wirken soll, bildet sich gewiß auch besser, indem man mit mehrern Menschen umgeht als wenn man sich isolirt. Mir besonders ist die Hoffnung sehr schätzbar, Sie öfter zu sehen und Ihnen mündlich die Hochachtung und Freundschaft wiederholt versichern zu können, die ich für Sie hege, und womit ich verbleibe des Herrn Hofraths sehr wohlwollender Freund

Karl August,
H. z. S. W. 


III. Schiller an Professor Süvern in Berlin.

Entschuldigen Sie, hochgeschätzter Herr, meine so lang verspätete Antwort auf Ihren werthen Brief und die mir gütig mitgetheilte Schrift. Ich habe diese mit sehr großem Interesse gelesen, und freue mich daß die Tragödie der Griechen einen so geistreichen Verfechter, mein Stück aber einen so freundschaftlichen Beurtheiler gefunden hat. Ich fühlte mich Anfangs sehr versucht, mich über die Schrift weitläufiger herauszulassen, und einige Ihrer Behauptungen, womit ich nicht ganz einstimmen kann, zu bestreiten, aber da ich mich vor der Hand bemühen muß, mir den Wallenstein ganz aus dem Sinne zu schlagen, um mich bei meinem jetzigen Geschäft nicht zu stören, so erspare ich dieses auf eine andere Gelegenheit.

Sie werden übrigens schon aus dem gedruckten Wallenstein ersehen haben, daß verschiedenen Ihrer Erinnerungen schon in der ersten Anlage des Stücks von mir begegnet war; nur die spätere Idee, dasselbe auf die Bühne zu bringen, war Schuld, daß ich gewisse Forderungen der Kunst dem Bedürfniß der Theater aufopfern mußte.

Ich theile mit Ihnen die unbedingte Verehrung der Sophokleischen Tragödie, aber sie war eine Erscheinung ihrer Zeit, die nicht wieder kommen kann, und das lebendige Produkt einer individuellen bestimmten Gegenwart einer ganz heterogenen Zeit zum Maßstab und Muster aufdringen, hieße die Kunst, die immer dynamisch und lebendig entstehen und wirken muß, eher tödten als beleben. Unsere Tragödie, wenn wir eine solche hätten, hat mit der Ohnmacht, der Schlaffheit, der Charakterlosigkeit des Zeitgeistes und mit einer gemeinen Denkart zu ringen, sie muß also Kraft und Charakter zeigen, sie muß das Gemüth zu erschüttern, zu erheben, aber nicht aufzulösen suchen. Die Schönheit ist für ein glückliches Geschlecht, aber ein unglückliches muß man erhaben zu rühren suchen.

Doch darüber zu einer andern Zeit. Empfangen Sie schließlich die Versicherung meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit.

Weimar am 26. Juli 1800.

Schiller.

 


 

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