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Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 9
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Worpswede

1898-99

Brief an die Familie

Worpswede, den 18. September 1898.

Liebsten,

also mir geht es weiter gut. Am Montag konnte ich ja meiner lieben Mutter nicht mehr Lebewohl sagen. Vom Armenhause war ich zu Vogeler gewandert und glaubte Euch dort zu finden. Statt dessen kam ich in ein großes Tohuwabohu. Das Dach lag auf dem Rasen neben dem Hause und Vogeler stieg verträumt die Leiter vom Dachstuhl herab. Als ich dann weiter meines Weges wandelte, oben an der Sandkuhle vorbei, sah ich unten im Tale Euer Karößlein. All mein Rufen und mein Armwinken brachten Euer Fahrzeug nicht zum Stehen. So tröstete ich mich denn, daß es keine Trennung für die Ewigkeit sei.

Seitdem wandle ich getreulich morgens und nachmittags zu meiner Mutter Schröder ins Armenhaus. Es sind ganz eigenartige Stunden, die ich dort verbringe. Mit diesem steinalten Mütterlein sitze ich in einem großen grauen Saale. Unser Gespräch verläuft ungefähr so. Sie: »Jo, komt Se morgen wedder?« Ich: »Ja, Mudder, wenn Se's recht is?« Sie: »Djo, is mir einerlei – – – .« Nach einer halben Stunde beginnt dies tiefsinnige Gespräch von neuem. Dazwischen kommen aber höchst interessante Episoden. Dann hat die Alte eine Art von Halluzination. Dann beginnt sie irgendwelche Jugendbilder zu erzählen. Aber so dramatisch in Rede und Widerrede, mit verschiedenem Tonfall, daß es eine Lust ist, zuzuhören. Man möchte alles gleich zu Papier bringen. Leider verstehe ich nicht alles. Und fragen darf man nicht, sonst kommt sie aus dem Konzept und kehrt in ihr Jammerdasein zurück. Auch die Nachtszenen, die sie mit unserer steinalten Olheit verlebt, wenn jene aus dem Bett gefallen ist und jammert, sind druckfähig. Und zwischendurch muß die arme Seele nach »boben«.

Neben dieser Sibyllenstimme klingt noch ein liebliches Gezwitscher an mein Ohr. Das ist das kleine fünfjährige blonde Mädel, das seine Mutter ungefähr zu Tode prügelte und das jetzt zur Erholung die Armenhausgänse hüten darf. Nun hat sich dies Persönchen in ein Gewebe von Traum und Märchen eingehüllt und hält liebliche Zwiegespräche mit ihrer weißen Schar. Dazwischen kräht sie langsam: »Freut euch des Lebens« – und versetzt einem naseweisen Huhn eins mit der Gerte. Mir ist ganz wunderlich in dieser Umgebung.

*

Tagebuchblätter

Den 4. Oktober 1898.

Ich ging durch das dunkle Dorf. Schwarz lag die Welt um mich her, tiefschwarz. Es war, als ob mich die Dunkelheit berührte, mich küßte und streichelte. Ich war in einer andern Welt und ich fühlte mich selig da, wo ich war. Denn es war schön. Und ich kam wieder zu mir und war froh, denn hier war es auch schön und dunkel und weich, wie ein lieber, großer Mensch. Und die Lichtlein leuchteten in den Häusern und lachten hinaus auf die Straße und mir zu. Und in mir lachte es wider, hell und freudig und dankbar. Ich lebe.

 

Mein Modell, der alte Jan Köster, sagte heute, nachdem er drei Stunden stillgesessen hatte, in ironischem Ton: »So, dat Sitten is 'ne Lust. Min Arsch is ganz blind.«

Der alte von Bredow aus dem Armenhaus, der hat ein Leben hinter sich! Jetzt lebt er im Armenhause und hütet die Kuh. Sein Bruder wollte ihn vor Jahren in die ordentliche gesetzte Welt bringen. Aber der Alte hat seine Kuh und sein Träumen so lieb gewonnen. Davon läßt er nicht mehr. Jetzt hält er die Kuh am Gängelbande, geht mit ihr auf der gelbgrauen Wiese, gibt ihr bei jedem Schritt eins mit der Gerte und philosophiert. Er hat studiert. Dann war er Totengräber während der Cholera in Hamburg. Dann wieder sechs Jahre Matrose, hat überhaupt wohl doll gelebt, ergab sich dem Trunke, um zu vergessen und hat nun im Armenhause Abendfrieden.

Den 18. Oktober 1898.

Heute zeichnete ich ein zehnjähriges Mägdlein aus dem Armenhaus. Seit acht Jahren ist sie da, sie und ihre kleine Schwester. Sie hat vier Hausväter erlebt, spielt mit dem kleinen Karl des jetzigen, der sie sehr liebt ... »Und wenn ich Kinder hätte, könnte sie mit denen auch spielen.« Sie kann nicht hören, wenn eins Schläge kriegt, dann läuft sie hinaus in den Garten. »Nachsagen« tut sie auch nicht, nur wenn Meta Tietjen ihr die Strickstöcke wegnimmt, »dat geiht jo nich,« oder wenn sie sagt, daß die aus dem Armenhaus Läuse hätten, und sie sind doch immer so reinlich gekleidet. Und sie könnte so froh sein, daß sie als kleines Kind ins Armenhaus gekommen ist, da wüßte sie von nichts von. Sie hätte es so gut, sagt sie mit strahlendem Gesichtlein. Mit wie wenig ein gutes Herz doch zufrieden ist.

Und wie gut habe ich es dagegen. Heute ist mir ein großes Fenster in die Wand gebrochen. Nun ist es Licht in meinem grün blauen Stübchen. Allmählich wird alles geregelt. Das anregende Neue wird zur süßen Gewohnheit und in mir wohnet stiller Frieden. Das ist, glaube ich, die Stimmung, in der ich arbeiten und lernen kann. Mackensen kommt alle paar Tage und gibt eine famose Korrektur. Es tut mir gut, mit ihm umzugehen. Es brennt solch ein Feuer in ihm für seine Kunst. Wenn er davon spricht, hat seine Stimme einen warmen vibrierenden Klang, daß es in mir selber bebt und zittert. Wenn er Dürer zitiert, so tut er es mit einer Feierlichkeit in Ton und Gebärde, als wenn ein frommes Kind seine Bibelsprüche hersagt. Sein Gott ist Rembrandt. Ihm liegt er voll Bewunderung zu Füßen und folgt inbrünstigen Schrittes seinen Spuren.

Vogeler geht in diesen Tagen nach Dresden. Schade, daß er nicht hier bleibt. Der ganze Mensch wirkt märchenhaft auf mich. Ich habe neulich seine Magda besucht, das Lehrerstöchterlein. Die ist auf allen seinen Bildern. Er zeichnete sie schon, als sie noch zur Schule ging, und machte ihr kleine Geschenke. Als sie größer wurde, wollte Mackensen ihr lehren, Photographien zu vergrößern in Kreide, um damit Geld zu verdienen. Vogeler sagte aber, das wäre nichts für sie; Blumen sollte sie zeichnen. Jetzt stickt sie für ihn Wandschirme und Matten und lebt sich tief hinein in den Märchengeist seiner Kunst. Dann sitzt sie tagelang in seinem Atelier und er zeichnet sie unaufhörlich, oder er sitzt still neben ihr auf dem Sopha in ihrer Wohnstube und zeichnet sie. Jetzt geht sie nach Berlin auf die Kunstgewerbeschule, um das Zeichnen und Sticken zu lernen. Und was dann wird? Er hat sein Haus vergrößern lassen. Für mich ist das Verhältnis zu zart und zu träumerisch, als daß es so einen Allerweltsschluß haben sollte.

Den 24. Oktober 1898.

Ich war einen Abend bei am Endes, der wirkte wie warmer, lauer Frühlingsregen und Frühlingssonnenschein auf mein Gemüt. Die Zartheit der Liebe, mit der diese beiden Menschen verkehren, durchleuchtet ihr ganzes Häuslein mit rosenrotem Licht. Und jeder, der diese Atmosphäre atmen darf, muß auch zart und weich werden. Er ist eine weiche Künstlerseele mit strengem, keuschem Formensinn. Dürer und Donatello, Botticelli, die liebt er. Die hängen in schönen ernsten Rahmen an seinen Wänden. Und er lauscht den Schwingungen der andern Seele. Er versteht das Unausgesprochene und antwortet unausgesprochen. Dieses Zwiegespräch bringt das ganze Sein in liebliche Schwingungen. Und dann sein Weiblein. Sie hat ein Herz, vor dem man knien möchte. Sie haßt die Spinnen. Sie haben für sie etwas Niedriges. Und doch, wenn sie in ihrem Schmuckkästlein von Haus eine findet, nimmt sie ihre Feindin mit ihrer großen Liebe in dem kleinen Herzen und setzt sie hinaus vors Fenster, auf daß sie doch froh weiterlebe.

Den 29. Oktober 1898.

Mackensen ist in Amsterdam gewesen bei der Rembrandt-Ausstellung. Der ganze Mensch ist durchglüht von einem heiligen Feuer für »diesen Giganten, diesen Rembrandt«. Das Gesunde, das Urdeutsche, das liebt er mit Leib und Seele.

Er hat zum ersten Male das Meer gesehen. Sie sahen von ferne einen Reiter; der hielt, stieg ab und machte etwas am Sattel zurecht. Und sie fragten ihn: »Wo ist das Meer?« Und er erhob die Hand und sagte: »Ihr hört es rauschen.«

Er hat einen Mann sitzen sehen in der Dämmerung, auf weißen Birkenspänen sitzend, weiße Holzschuhe schnitzend. Wenn das einer malen könnte, wäre er größer als sie alle.

Er ist oft hart und egoistisch. Aber vor der Natur ist er so wie ein Kind, weich wie ein Kind. Dann rührt er mich. Dann kommt er mir vor, wie ein alter, stolzer Krieger, der seine Knie vor dem Höchsten beugt.

Ich habe eine junge Mutter gezeichnet mit dem Kinde an der Brust, in ihrer rauchigen Hütte sitzend. Wenn ich das einmal malen kann, was ich dabei empfunden habe! Ein süßes Weib, eine Karitas. Sie nährte den großen einjährigen Bambino. Und das vierjährige Mädel mit den trotzigen Augen, die haschte und griff nach der Brust, bis sie sie bekam. Und das Weib gab sein Leben und seine Jugend und seine Kraft dem Kinde in aller Einfachheit, und wußte nicht, daß es ein Heldenweib war.

Mackensen hat einen Mann einen goldenen Herbstbirkenbaum fällen sehen. Und er trat nahe heran. Der Mann rief: »Nehmt Euch in acht!« Und der Baum fiel. Da lag all das Gold zu seinen Füßen. Das war schön.

Ich habe wieder meine junge Mutter gezeichnet. Diesmal draußen in freier Luft. Sie ist in jeder Stellung lieblich und man möchte hundert Bilder von ihr machen. Wenn man das erst könnte! Diesmal steht ihr bräunlicher Kopf gegen eine rote Ziegelwand. Später muß ich sie noch einmal mit der weißen Lehmhütte, die der alte Renken selbst gebaut hat, als Hintergrund, malen. Darauf steht sie dunkel und warm. Und dann mal mit den dunkeln Kiefern als Hintergrund. Ach!

Mir ist, als säß ich in der Ewigkeit
Und meine Seele waget kaum zu atmen,
Mit enggeschloßnen Flügeln sitzet sie
Und lauschet großen Auges in das Weltall.
Und über mich kommt eine sanfte Milde
Und über mich kommt eine große Kraft,
Als ob ich weiße Blumenblätter küssen wollte
Und neben großen Kriegern große Kämpfe fechten.
Und ich erwache, voll Bewunderung schauernd ...
So klein, du Menschenkind! Und doch so riesengroß
Die Wogen, die dir deine Seele küssen.

*

Ich lausche in die dunkle Ecke meiner Kammer,
Wie große, stille Augen schaut es wider,
Wie große, weiche Hände, die mir den Scheitel streichen.
Und Segen fließt durch jede Faser meines Seins.
Das ist der Friede, der hier bei mir wohnet ...
Zur Seite brennt vertraulich mir die Lampe,
Schnurrt wie im Traum an ihrem Lied des Lebens.
Aus dem Gedämmer schimmern weiße Blumen,
Sie zittern schauernd, denn sie ahnen Zukunft.
Mit leichtem Flügelschlag umkreist die Fledermaus mein Lager.
Und meine Seele schaut des Lebens Rätsel,
Zittert und schweigt und schaut.
Und neben meinem Lager surrt die Lampe
Ihr Lebenslied.

Den 11. November 1898.

Abends zeichne ich jetzt Akt, lebensgroß. Die kleine Meta Fijol mit ihrem kleinen frommen Cäciliengesicht macht den Anfang. Als ich ihr sagte, sie solle sich ganz ausziehen, antwortete das kleine energische Persönchen: »Nee, dat do ick nich,« ich brachte sie zu Halbakt und gestern, durch eine Mark, erweichte ich sie ganz. Aber innerlich errötete ich und haßte mich Versucher. Sie ist ein kleines, schiefbeiniges Geschöpflein, und doch bin ich froh, wieder einmal einen Akt in Muße zu betrachten.

Ich lese jetzt das Tagebuch der Marie Bashkirtseff. Es interessiert mich sehr. Ich werde ganz aufgeregt beim Lesen. Die hat ihr Leben so riesig wahrgenommen. Ich habe meine ersten zwanzig Jahre verbummelt. Oder wuchs ganz in der Stille das Fundament, auf dem die nächsten zwanzig Jahre aufbauen sollen?

Du

Sie war elf Jahre alt und träumte noch mit Innigkeit den Traum des Kindes. Sie war noch nicht aufgewacht zu dem, was wir große Leute das Leben nennen. Sie liebte im Garten zu sitzen neben den Blumenbeeten. Sie sprach mit dem Goldlack und den Reseden. Die dufteten sie lieblich an und sie verstand ihre Sprache und lächelte ihnen zu. Und die Blumen freuten sich der braunen Augen, über denen noch ein blauer Traumschleier lag. Sie blühten und dufteten noch lieblicher als zuvor, erzählten in ihrer Sprache manch holdes Märchen ... Das Mägdlein hatte vor jedem Ohr ein Schelmenringellöckchen hangen und hinten rieselte es gleich vielen goldenen Bächlein, zart und weich. Und die Sonne hatte ihr Vergnügen daran und ließ darauf erklingen süße Melodeien.

Das Kind saß im Garten bei den schlanken weißen Narzissen und flüsterte mit ihnen. Die wiegeten sich auf ihren graugrünen Stengeln und fächelten mit den schmalen Blättern und sprachen ihre Sprache. Und die Lüfte waren durchschwängert mit ihrem Duft und umweheten das Mägdelein berauschend. Und die eine der Narzissen, die frömmste unter ihnen, mit dem schneeweißen Angesicht, bat die Schwestern, nicht so lockend zu duften, damit des Mägdleins Sinne nicht erwachten. Und sie dufteten leise und lieblich. Das Mägdelein aber wendete sich zu den großen goldbraunen Hummeln und redete mit ihnen. Sie faßte sie an mit ihren Fingerlein und setzte sie in honigreiche Kelche, daß sie niedertropften unter der schweren Last. Die großen Hummeln brummten dankbar. Erzählten von ihrer Königin und vergaßen ganz, daß sie einen Stachel hatten.

Neben dem Narzissenbeet aber lief ein gelber Weg. Und den Weg entlang lief auf der andern Seite ein rosa-lila Geflimmer von duftenden Levkojen. Hinter diesen Levkojen stand die hohe Planke, die den Garten von dem Nachbargarten trennte. Das Kind hatte nie darüber hinweggesehen, auch nie daran gedacht, was dahinter wohl sein konnte. Es war aber etwas dahinter. Das stand auf den Zehenspitzen und versuchte, durch das Astloch in den Garten zu gucken, aus welchem es so süß duftete.

Und er sah das Kind durch die Blumen, und seitdem hat er oft hindurchgeguckt; er stand oft stundenlang atemlos vor dem Loch in der Planke. Und es war ihm wie ein Märchen und kam über ihn wie ein Traum, wie ein heilig Schauern in sich, und wagte nicht, sich zu rühren. Einmal hat er sich nicht mehr halten können vor Neubegierde und hat inbrünstig geflüstert durch das Loch: Du, du. Da hat das Mägdlein aufgeschaut aus ihrem Traume. Weil es aber niemanden sah, dachte es, die Blumen spielten Versteckens mit ihm. Dem Knaben aber jenseits der Planke war es gewesen, als ob der Himmel sich auftue und er hineinschauen dürfe in all die Pracht. Das Herz hat ihm schier stillgestanden vor Freude. Und hatte kein Wörtlein mehr zu reden gewagt. Aber die Augen hatten in seine Seele gebrannt wie zwei Sonnen, wie Sonnen, die aus südlichen Landen kommen, wo die Menschen nicht kämpfen und ringen müssen mit der Erde um ein wenig Brot, wo sie dahingehen und träumen und dichten gleich Kindern. Jene Sonnenaugen konnte der Knabe nicht vergessen. Er bewahrte sie in dem reinsten Kämmerlein seines Herzens und freute sich ihrer.

Es waren Jahre vergangen. Die Levkojen und Narzissen aus dem Blumengarten standen nicht mehr. Es waren andere Hummeln, die über andern Blumen brummten. Und andere Träume wurden geträumt. Meine Seele war traurig beim Anblick dieser neuen Gärten. Ich schlich mich fort von ihnen und ging hinein in die Stadt. Vor dem Eingang der Kunstausstellung blieb ich stehen, zögerte einen Augenblick und trat ein. Ich ging durch viele große Säle. Mein Auge streifte flüchtig hin über die Bilder, mein Herz aber war bei den alten Levkojen und Narzissen und bei den alten Träumen. Plötzlich stand ich vor meinem Bilde. Ein Paar Sonnentraumaugen lagen auf mir und brachten Frühling in meine Seele. Sie gehörten einer ernsten, stillen Jungfrau. Vor jedem Ohre hing ihr ein Schelmenringellöckchen. In den Händen hielt sie zu jeder Seite eine weiße, schlanke Narzisse. Es kam ein Zittern in meine Seele. Und unter diesem Bilde stand in feinen Lettern geschrieben: »Du«. Die Leute, die vorbeigingen, die Alltagsleute, die schüttelten den Kopf und wußten mit dem »Du« nichts anzufangen. Die braune Hummel aber, die durchs Fenster hineingeflogen kam, die wußte es. Es war eine traurige Geschichte. Ihre Großmutter hatte es ihr oft erzählt, als sie noch klein war ... Und ich? Ich wußte es auch.

*

Brief an die Familie

Worpswede, den 25. November 1898.

Liebsten,

... ich lebe währenddem weiter, zeichne, zeichne, zeichne und sehne die Zeiten herbei, wenn ich das erst kann, was ich jetzt möchte. Eigentlich habe ich aber doch einen riesengroßen Malkater, den größten meines bisherigen Lebens. In diesem Klima scheinen solche Art Kreaturen zu gedeihen und sich üppig zu entfalten. So einsichtsvoll ist er aber doch, daß er neben sich noch feine, ganz eigene Stimmungen aufkommen läßt, die mir das Leben reich und schwerhaltig machen: einen Sonnenuntergang mit Glockengeläute, einen Besuch bei einem alten Weiblein mit einem Fuß schon in der andern Welt, die Gedanken noch einmal licht aufflackernd vor der großen Katastrophe. So erzählte sie in den schönen kräftigen Worten des Volkes mit halbgebrochenem Atem von Geburt, Heirat und Tod. Wenn diese Leute mal Gedanken haben, so lauscht man ihnen wie gebannt, meist reden sie aber nur Formel, nur leere Worte, um überhaupt zu reden. Das ist furchtbar und läßt die Gattung einem so niedrig erscheinen.

Jetzt ist die Zeit der Spinnstuben. Jetzt wandern die alten Weiblein von Haus zu Haus mit ihrem Spinnrad. Die Männer verarbeiten dann die Wolle zu den Strümpfen. Sogar mein Garwes strickt in seinen freien Stunden.

Am liebsten gehe ich zum alten Renken »achter de Dannen«, (die Kiefern sind). Der bindet seine Besen, macht manchen lustigen Schnack, wiegt sein Enkelkind auf dem Schoß, dem er unermüdlich ooaa, ooaa auf zwei Tönen vorsingt. Sagt die junge Mutter dann mit einem Schelmenblick: dat Lied kennt se nu all, so erfindet er flugs was Neues und singt nun aaoo, aaoo. Die Menschen haben sich untereinander so innig lieb, hier eine Seltenheit, und lassen Welt Welt sein, was für sie so viel heißt wie Worpswede, Worpswede.

Mein Abendakt macht mir viel Freude. Obgleich das kleine Mädel X-Beine hat, bewegt es sich doch mit solch naiver Grazie. Mackensen ließ sie heute wohl zwanzig verschiedene Stellungen machen. Jede einzelne hätte man festhalten mögen.

Ich lese jetzt Bismarck-Briefe. Der große Mann tritt einem so menschlich nahe. Wenn er von Jägerei, Frauen und Natureindrücken spricht, schattiert er für mich in Onkel Wulf hinein. Bismarck, Werther, Marie Bashkirtseff, Worpswede, alles in einem kleinen Kopf. Ich komme mir doch hier eigenartig vor. Schaue auf das Getriebe der Welt wie vom ersten Rang, und, wie es zu meinem Platz gehört, denke mir nicht viel dabei. Bis jetzt spielte man auf seiner kleinen Bühne doch eine ziemlich große Rolle. Das Spielen hat nun aufgehört. Man ist einfach. Man dehnt sich aus, zieht sich zusammen, ohne vom Publikum geniert zu werden. Ganz selten wünscht sich die Eitelkeit einen kleinen Sporn, einen Sporn, wie ihn nur die Welt geben kann. Wenn es auch ein Tritt ist, so fühlt man doch, daß man wichtig genug ist, getreten zu werden. Das ist aber nur selten und nicht in den höchsten Momenten, in denen man sich gar nichts wünscht.

*

Tagebuchblätter

Den 15. November 1898.

Tagebuch der Marie Bashkirtseff. Ihre Gedanken gehen in mein Blut über und machen mich tief traurig. Ich sage wie sie: wenn ich erst etwas könnte! So ist es eine schmähliche Existenz. Man hat nicht das Recht, stolz aufzutreten, weil man selbst noch nichts ist. Ich bin matt. Ich möchte alles leisten und tue nichts. Mackensen war heute bei der Korrektur zerstreut und unzufrieden, wenn nicht das Weiblein aus Bergedorf gewesen wäre, hätte es hinterher Tränen gegeben. So quälte ich mich zwei lange Stunden entlang und heute nachmittag wieder. Das Resultat unter Null. Ich setze meine Hoffnung auf mein Aktkind heute abend.

 

Grau ist die Welt um mich her und der Himmel blicket trübe. Leise träumend murmelt das Wasser. Bringt Unruhe meiner Seele. Ich wanderte dahin unter Birken. Und sie standen da in ihrer keuschen Nacktheit. Sie erhoben gen Himmel ihre kahlen Zweige und fleheten um Glück inbrünstig im Gebet. Aber der Himmel blickt trübe und sie stehen still und trauern, leise, leise mit fromm gefalteten Händen. Leben – atmen – fühlen – träumen – leben.

Es umschlingt mich das Rätsel des Alls. Und ich setze mich nieder und schweige. Das Wasser rauscht und bringt Unruhe meiner Seele. In mir zittert es. In den Kiefern hängen blinkende Tropfen. Sind es Tränen?

Den 29. November 1898.

Das war ein fürchterlicher Kater, der seinen langen Schwanz um meinen Hals gewickelt hatte und meine Seele schier erdrosselte. Marie Bashkirtseff, die klage ich an. Ich arbeitete furchtbar, es blieb aber eine fleißige Handarbeit. Das Ingenium, mit Frau P. zu reden, blieb aus.

Nun ist der Katerschwanz ab, meine Kehle nicht mehr zugeschnürt, ich rufe Hurrah! und singe den ganzen Tag und zeichne mit Lust. So ist das Leben wieder schön, einzig schön.

Den Schluß dieses Trauer-Worpsweder-Aktes bildete ein lustiger Ball bei Dreyer. Zwar war ich nur zuschauendes Mitglied, und beim Walzer war es mir etwas schwer, ruhig zu sitzen. Aber es gab so viel Anregung. Der Mondscheinweg mit bewegter Luft, die Birken gegen den blauen Abendhimmel. Dann drinnen im Hause Weiberköpfe, rötlich vom Lampenlicht beleuchtet, an offener Tür wieder gegen lichten Abendhimmel. Überhaupt Sachen gegen den Himmel!!! Schließlich die sechs Musiker auf erhöhtem Podium, vier brennende Lichter vor sich, die die schwarzen Kerle fein beleuchteten. Das habe ich mir besonders angeguckt und als ich nach Hause kam, eine kleine Skizze davon gemacht. Ich wünschte, ich könnte radieren. Das wäre fein dazu.

Heute zeichnete ich wieder den Hochedlen von Bredow und lieh von Zeit zu Zeit ein halbes Ohr seinem Redeschwall. Es sieht wüst aus in dem alten Kopfe, viel Unkraut unter dem Weizen. Er zieht Parallelen (innerlich) zwischen seinem Leben und den größten Männern aller Zeiten. Schiller hätte länger gelebt, wenn er nicht bei seinem großen Drama »Die Glocke« für dreihundert Taler Champagner getrunken hätte. Das brauchen die Dichter und solche Leute. Die müssen halb verrückt sein, wenn sie schreiben. – – – Ja, und der Johannes Gutenberg, der ist im Armenhause gestorben. Doktor Faust hatte ihm eine große Summe geliehen, kündigte sie und brachte die Druckerei an sich, ging nach Paris und verkaufte billige Bibeln. Da wäre es ihm beinahe ums Leben gegangen. Die Pfaffen waren hinter ihm. Die Kellnerin in seinem Hotel, die hat ihn noch gerettet. – – Geschichten über Träume und kritische Jahre, ein eigenes Traumgesicht, das beim Erwachen wie ein Nebel entschwand, von »Sünnambulen«, das können nur Frauen sein. Das kann kein Mann nicht sein. – – Steter Refrain: Wer lieben will, muß leiden; man kann seinem Schicksal nicht entgehen.

 

Morgen sitzt mir ein origineller Kopf, recht einer zum Studieren. Nachmittags als Nachtisch gehe ich zu meinen Renkens. Ich habe die Leute richtig lieb gewonnen, besonders die kleine Frau mit ihrer kindlich weiblichen Anmut und jener schlichten Aufopferungsfähigkeit, die ihrer selbst ganz unbewußt ist, wie man sie nur bei den guten Frauen aus dem Volke trifft.

Wenn ich mal soweit komme, daß ich malen kann, möchte ich wohl von ihr mein erstes Bild machen.

Ihr alter Vater fährt mit seinen neunundsechzig Jahren noch morgens um sechs Uhr hinaus ins Blockland mit der Schiebkarre und verkauft den ganzen Tag über Besen. Da kam er neulich entrüstet nach Hause. Sein ungeratener Sohn hat bei allen Kunden verbreitet, sein Vater sei gestorben. Da sind dem Jungen die Besen abgenommen und der Alte war um das Verdienst gebracht.

Den 12. Dezember 1898.

Morgens zeichne ich jetzt Anna Böttcher, kolossal fein in der Farbe und in der Form des Kopfes. Nachmittags hole ich mir die alte Adelheit Böttcher, »die alte Olheit« als Modell. Es herrscht Rivalität unter den alten Weiblein wegen des Modellgeldes. »De grote Lies hett ehre gode Mötz upsetzt und denkt, nu holt Se se. Die vertellt mi immer so wietlüftig Tüch, von Jungens und Deerns und wo dat was und wo dat würd. Ich hör gar nich to, segg nur von Tid to Tid ›jo‹, un heff min Gedanken up en anner Ziel«. So redet das Weiblein in mich hinein. Es ist immer noch viel Leben in ihm, ein heißes Für und Wider, dabei schon ein wenig kindisch. Hat sie was ausgegessen, so sagt sie zur jungen Frau: »Moder, vergiff mi, ick hev unrecht«. Das rührt mich.

Fräulein Westhoffs Modell klagt über ihr Ohrenleiden: »Ick hev allens probiert, wat mi die Lüe seggt hebben, allens, nur nich Reinemachen«.

 

Mich befriedigt das Zeichnen nicht. Ich bin atemlos. Ich will immer weiter, weiter. Ich kann die Zeit nicht erwarten, daß ich was kann.

Und dann sehne ich mich wieder nach dem Leben. Ich fing gerade an es ein wenig zu kosten. Ich hatte vorher nicht den Sinn dafür. Und hier gibt's kein Leben, hier ist's Traum.

Ich lese jetzt den Zarathustra. Neben viel Verworrenem und Dunklem, welche Perlen! Dies Umschaffen und Neuschaffen der Werte! Dies Predigen gegen die falsche Nächstenliebe und Aufopferung seiner selbst.

Falsche Nächstenliebe lenkt ab vom großen Ziele. Mit dieser Auffassung als Rüstzeug wäre manche große Seele nicht vom Alltagsleben in kleine Teile zerstückelt. Diese Auffassung muß der nächsten Generation angeboren werden.

Den 15. Dezember 1898.

Die alte Olheit erzählte mir heute den Roman ihres Lebens. »Se harr in Bremen deent, Besselstraten. Denn harr se sick verheirot. Irgendwo mutt se jo doch bliven. Is jo ok god gangen, nur, dat hei nu dot is.«

Morgens zeichne ich die Frau Meyer aus dem Rusch. Sie hat vier Wochen gesessen, weil sie und ihr Mann ihr uneheliches Kind so schlecht behandelt haben. Eine strotzende Blondine, ein Prachtstück der Natur, einen leuchtenden Hals in der Form der Venus von Milo. Sie ist sehr sinnlich. Doch Sinnlichkeit, natürliche Sinnlichkeit, muß sie nicht mit dieser zeugenden strotzenden Kraft Hand in Hand gehen? Diese Sinnlichkeit hat mir etwas von der großen Mutter Natur mit den vollen Brüsten. Und Sinnlichkeit, Sinnlichkeit bis in die Fingerspitzen, gepaart mit Keuschheit, das ist das Einzige, Wahre, Rechte für den Künstler.

Den 16. Dezember 1898.

Heute kam meine Blondine wieder. Diesmal mit dem Jungen an der Brust. Die mußte als Mutter gezeichnet werden. Das ist ihr einziger wahrer Zweck. Köstlich, diese leuchtenden weißen Brüste in der brennend roten Jacke. Das Ganze hat so etwas Großes in Form und Farbe.

Nachmittags meine Alte: »Ick seg to de grote Lies, ick will mich man ehrlich hollen, dat ick redlich ins Begreffnis kumm wie mien Mann. Darum bitt ick unsern Hergod alle Dog, dat hei mi nich horen und nich stehlen läßt. Dor kannst Do nix an maken, wenn hei dat will.«

Ich mußte innerlich über diese Unschuld kopfschüttelnd lächeln. Halb verdorrt, halb blind, fast ganz im Grabe und den lieben Gott bitten, daß er einen nicht huren läßt.

Man bekommt hier draußen eine lutherische Sprache. Man hört täglich die derben Volksausdrücke, die eine Sache klipp und klar beim Namen nennen. Wenn die Alte an meinem Arm bis vor die Tür gegangen ist, dann sagt sie: »No mutt ick erst pessen gan,« oder: »No mutt ick mien Water laten.« Das Röcklein geschürzt, und ich entfleuche keusch.

Ich komme jetzt, glaube ich, in die rechte Worpsweder Stimmung. Die Versunkene-Glocke-Stimmung, die mich zuerst beherrschte, war süß, sehr süß; aber es war nur ein Traum, der sich tätig auf die Dauer nicht festhalten ließ. Dann kam die Reaktion und danach das Wahre: ernstes Streben und Leben für die Kunst, ein Ringen und Kämpfen mit allen Kräften.

 

Mein ganzes Wesen ist wie durchsonnt, durchweht, berauscht, trunken von Mondschein auf lichtem Schnee. Schwer lagerte er auf allen Ästen und Zweigen. Tiefe Stille war um mich her. In die hinein fiel herab der Schnee von den Bäumen, ein leises Knistern, und wieder Frieden. Dies unbeschreiblich süße Gewebe von Mondschein und zart-schneeigem Äther, das mich umgab. Die Natur sprach mit mir und ich lauschte ihr zitternd selig. Leben. – – –

 

Mir soll die Natur größer werden als der Mensch. Lauter aus mir sprechen. Klein soll ich mich fühlen vor ihr Großen. So will es Mackensen. Das ist das A und O seiner Korrektur. Inniges Nachbilden der Natur, das soll ich lernen. Ich lasse zu viel meinen eigenen kleinen Menschen in den Vordergrund treten.

Da ging mir heute ein Licht auf bei Fräulein Westhoff. Die hat jetzt eine alte Frau modelliert, innig, intim. Ich bewunderte das Mädel, wie sie neben ihrer Büste stand und sie antönte. Die möchte ich zur Freundin haben. Groß und prachtvoll anzusehen ist sie und so ist sie als Mensch und so ist sie als Künstler. Wir sind heute auf kleinen Pritschschlitten den Berg hinuntergesaust. Das war eine Lust. Das Herz lachte und die Seele hatte Flügel. Leben – –

Schnee und Mondgeschimmer ...
Schlanke Bäume schreiben
Zitternd ahnend suchend
Hin das Abbild ihrer Seele
Auf das weiße Winterlaken.
Legen fromm ihr holdes Wesen
Nieder auf den keuschen Boden ...
Wann kommt mir der Tag,
Daß in Demut einen Schatten
Hin auf reinen, keuschen Boden
Ich kann werfen ...
Einen Schatten meiner Seele.

Den 19. Januar 1899.

Heute beim Baden fiel mir der Satz ein: »Hier in der Einsamkeit reduziert der Mensch sich auf sich selber.« Es ist ein sonderliches Gefühl, wie all das Bunte, Anerzogene, Geschauspielerte, was ich besaß, wegfällt, und eine vibrierende Einfachheit entsteht. Ich arbeite an mir. Ich arbeite mich um, halb wissentlich, halb unbewußt. Ich werde anders, ob besser? Jedenfalls aber vorgeschrittener, zielbewußter, selbständiger. Ich habe jetzt eine gute Zeit, fühle eine feine junge Kraft in mir, die mich jauchzen und jubeln macht. Ich arbeite fleißig. Ermüde nicht und habe abends noch einen klaren Kopf, der noch etwas auffassen kann. Ich bin jetzt stolz und doch bescheidener als je, wenig eitel, da wenig Zuschauer vorhanden sind. Das Leben ist mir gleich einem kräftigen knusperigen Apfel, in welchen die jungen Zähne mit Vergnügen beißen, sich ihrer Kraft bewußt und ihrer froh. Mackensen sagt: »Die Kraft ist das Allerschönste.« Am Anfang war die Kraft. Ich denke und erkenne es auch. Und doch wird in meiner Kunst die Kraft nicht Leitton sein. In mir fühle ich es wie ein leises Gewebe, ein Vibrieren, ein Flügelschlagen, ein zitterndes Ausruhen, ein Atemanhalten: wenn ich einst malen kann, werde ich das malen.

Draußen hält jetzt die Natur einen großen feinen Tanz. Es ist ein Windesbrausen, ein Regenpeitschen und Hagelschauern, eine Allgewalt und Urgewalt, daß der Mensch sich winzig klein fühlt, und dann lacht, kampfbereit seine Kräfte zu messen an jenem unnennbaren Naturgeist, dessen kleinstes Atom dies trotzige Menschlein voll Unvernunft im Streben ausmacht.

Ich finde es schade, des Abends zu Bette zu gehn. Mein Gefühl der Kraft will weiter kämpfen, sich immer und immer wieder seiner bewußt werden, wachen, nicht ruhen. O bleibe lange bei mir. Dann gleicht mein Leben dem Fluge des jungen Adlers. Ich bin froh der Schwingen, ich bin froh der Bewegung, ich jauchze der blauen Himmelsluft. Ich lebe.

Den 24. Januar 1899.

Wieder liegt ein schöner Tag hinter mir, wieder ist meine Seele froh. Ich strecke die Arme von mir und mich durchschauert die Wonne des Lebens.

Mein Aktmodell, mein Rubensweib, hatte abgesagt. Da machte ich einen Spaziergang in der Dämmerung, hinaus zu den überschwemmten Wiesen. Da zog es mächtig durch meine Seele und die Macht der Dämmerstunde lag auf mir, erdrückend, atemraubend. Ich fühlte mich so gottgesegnet. Ist es nicht ein Geschenk, diese Herrlichkeit alle so empfinden zu können? Und ich lechze nach mehr, mehr, unermüdlich will ich danach streben mit allen meinen Kräften. Auf daß ich einst etwas schaffe, in dem meine ganze Seele liegt. Es wird nichts Großes; aber etwas Anmutiges, Jungfräuliches, Herbes und doch Verlangendes. Wann? In zwei Jahren. Gott lasse es dahin kommen. Gott sage ich und meine den Geist, der die Natur durchströmt, dessen auch ich ein winzig Teilchen bin, den ich im großen Sturme fühle. Da war es wie ein gewaltig Atmen.

O heilger Geist zeuch bei mir ein
Und laß mich deine Wohnung sein
Zu steter Freud und Wonne.
Sonne, Wonne,
Himmlisch Leben
Wirst du geben.

Ich strecke die Arme danach aus und wieder durchschauert es mich.

 

Ich lese die »Wahlverwandtschaften« und bin durchwärmt von der Anmut dieses Buches. Zum ersten Male tritt mir der Mensch Goethe nahe. Ich fühle ihn als durch und durch ästhetischen Menschen, innerlich und äußerlich. Die Anmut der Unterhaltung, dieser Frauenliebreiz, sie reden von einem Herzen, das sie tief empfunden hat. Ich fühle mich wohl in dieser Atmosphäre. Sie wirkt auf mich wie Tante H. und M. Und erziehlich wirkt das Buch auf mich. Wir modernen Frauenzimmer, die wir die Anmut fahren lassen und andern Gütern nachjagen, vereinigen sollen wir sie mit ihr, müssen wir. Sich anmutig kleiden, anmutig bewegen der Anmut wegen, das muß ich noch mehr in Fleisch und Blut übergehen lassen. Das Prinzip besteht schon seit meiner Backfischzeit: der Anmut wegen und nicht des Publikums, denn das könnte zuweilen fehlen, wie in meinem Kasus. Auch ist ein Kultus der Anmut so ungleich höher als ein Kultus des Publikums.

Eine Woche Berlin. Große Freude, wieder in Worpswede zu sein. Arbeite mich mühsam ein.

*

Briefe an die Familie

Worpswede, den 15. Januar 1899.

Meine liebe Tante Marie,

Sonntagabend ist es und mollig, lauschig bei mir im Zimmerlein. Ein paar trockene Weihnachtstannenreiser habe ich mir in den Ofen geschoben, nun duftet es traumhaft, herzig, weihnachtlich. Den Tag über bin ich weit draußen im Moor gewesen, im Sturm, bei sausenden Wolken. In diesem Lande entdeckt man immer neue Schönheiten. Diesmal kam ich zwischen ein Wirrsal von Birken, von altehrwürdigen moosbegrünten Bauernhäusern mit uralten Wacholdern vor der Tür. Hier und da stehen ein paar knorrige alte Kiefern, gewaltig und groß, fast wie aus einer andern Kultur stammend. Dazu der tiefdunkelbraune satte Moorboden, die schimmernde Wintersaat. Ja, es war fein. Und dabei noch der Kampf mit dem Element, das mutwillig an allem zauste und raufte und übermütig lachte.

Nun wirkt auf mich die Ruhe in meinem Kämmerlein so süß. Ich habe Deinen Brief hervorgenommen. Aus dem zieht es hervor wie ein Stück alte Friedrichstraße. Daß man einmal Kind war, gar nichts dachte, lebte, ruhig lebte, und nun auf einmal groß ist, das ist doch sonderbar. Was ich meine ersten zwanzig Jahre getan habe, kaum kann ich's sagen. Auf einmal war es soweit. Von dem zweitenmal zwanzig werde ich wohl mehr zu erzählen haben. Wenigstens lebe ich jetzt mit vollem Bewußtsein und schlürfe langsam am Becher des Lebens. Mein Los ist ein gesegnetes.

Worpswede, den 11. Februar 1899.

Liebsten,

da bin ich wieder auf meinem Landgut und bin da mit Freuden. Es ist auch eine Frühlingspracht um mich her. Der Himmel lacht in köstlicher Bläue, und aus den Taugewässern lacht es noch köstlicher wieder. Die Lerchen tirelieren, und die Haselsträucher haben Kätzchen.

Mir jubelt mein Herz bei all der Schönheit. Schon der Marsch hier hinaus war eine Lust. Sobald ich Bremen hinter mir liegen hatte, nicht mehr das Peinliche meiner Ruppig-Struppigkeit fühlte, meine grüne »Handarbeitstasche« auf den Rücken schnallte, die Jacke und das Pelzkäppi auszog, ward ich wieder ganz Mensch, und freute mich dieser Gattung. Eine liebliche Frühlingsheiterkeit, ein Frohsinn ohne Grund und Ziel zog in meine Seele ein, und nistet jetzt noch da. In Lilienthal, da hätte ich gerne Pauken geschlagen, oder mächtig in die Saiten einer Harfe gegriffen und mit einer Laudi-Stimme die Schubertsche Allmacht gesungen. Da mir aber Pauken und Harfen und Stimme fehlten, ergab ich mich drein. Ließ mich selber als Instrument benutzen, und jemand spielte auf mir, daß die Saiten mächtig tönten, und noch lange, lange nachzitterten. Die Pracht aber waren die grünblauen Wasser, zwischen den grünen Wiesen. Das Vibrieren hatte mich nun allmählich müde gemacht, ich ging ein paar Schritt ab von der Landstraße, legte mir mein Bündel unter den Kopf und tat einen feinen Schlaf. Von da träumte ich mich weiter, bis ich mein liebes Nestlein hier erreichte.

Hier ist alles Influenza, in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Dessenungeachtet war der Empfang sehr herzlich, teilweise mit Freudentränen untermischt. Nun bin ich wieder an der Arbeit und genieße sie mit ganzem Herzen.

Außerdem ist ein allgemeiner Donnerstagskegelabend zur Taufe gehalten worden. Eigentlich bin ich ja gar nicht für Kegeln, namentlich nicht für Weiblein, aber man braucht einen materiellen Kitt für alle diese empfindlichen Gemüter. Sie sind so von der Einsamkeit verzogen. Beim Kegelschieben da steigen sie alle aus sich heraus, spielen eine lustige Rolle, und sind so heiter miteinander vereint. Bei einem ästhetischen Genuß bleiben sie in ihrer fein- und vielnervigten Hülle und reiben sich aneinander, sie sind zu verschieden und zu ähnlich.

Das ist die einzige Angst, die ich hier für mein Menschlein habe.

Ich glaube, ich werde mich von hier fortentwickeln. Die Zahl derer, mit denen ich es aushalten kann, über etwas zu sprechen, was meinem Herzen und meinen Nerven naheliegt, wird immer kleiner werden. Das schwindet wohl mit dem Alter, wenn der glühende Subjektivismus erlischt und das kalte elektrische Licht des Objektivismus aufgeht. Da kann man mit jedem sicher jedes sprechen. Und vor diesem schrecklichen Zustande bangt mir sehr.

*

Tagebuchblätter

Den 19. Februar 1899.

Morgens beim Aufstehen kommen mir immer die großen Gedanken. Heute: die Kompliziertheit eines Charakters wächst bei dem feinen Verständnis desselben. Von nicht untergeordneten Menschen in diesem Falle nicht verstanden sein, vereinfacht. So geht es mir wenigstens hier draußen, wie ich glaube.

 

Die »Wahlverwandtschaften« verlieren für mich, sobald sich der Knoten schürzt. Es ist ähnlich wie in »Tasso«, wo der erste Akt auch das Schönste ist. Nachher fühlt man, wie der Künstler sich mit der Zeichnung quält. Das ist ein Schritt vorwärts bei den Modernen. Da entsteht es so glatt und folgerichtig. Man spürt nicht die Geburtswehen. Das ist wohltuend. Zum Beispiel Hauptmanns »Fuhrmann Herrschel« Die Sache steht da groß und plastisch und erhebt den Zuschauer. Fein!

Hellbeck of Bannisdale von der Humphrey Ward.

Das Buch fesselt mich als Roman. Eine nicht zu unvernünftige Liebesgeschichte hat ja inhaltlich immer etwas Fesselndes. Für mich wenigstens. Als Kunstwerk an und für sich schätze ich das Buch nicht sehr hoch. Es fehlt ihm das Rembrandtsche Fleisch und Blut, ohne daß es rührend unfleischig wirkt wie ein alter Deutscher. Das scheint mir im ganzen der Fehler der englischen Kunst. Sie krankt an falschem Idealismus.

Den 6. März 1899.

Die kleine Berta Garwes erzählte mir gewichtig: »Karl Schröder hat ein Buch, darin schreibt er alle seine Unglücksfälle auf.« Ja, so sind die meisten Menschen. Die Unglücksfälle schreiben sie sich ins Gedächtnis und memorieren sie fleißig; aber das Glück, das viele Glück, beachten sie nicht. Es ist für sie nur ein Übergangsstadium zu neuem Unglück.. Arme, arme Welt. Mir geht's besser.

Brief an den Vater

Worpswede, den 9. März 1899.

Lieber Vater,

heute komme ich, Dich zu verlocken. Montag brauche ich ein neues Modell und möchte gar zu gern Dich auf meinem Thrönchen haben. Willst Du Bremen für eine Woche aufgeben und Dich in meine Arme stürzen? Du sollst auch nicht immer Pfannkuchen haben, sondern etwas Vernünftiges. Nebenbei gesagt tat ich das Pfannkuchenessen auch nicht aus Leidenschaft. Hier draußen ist es jetzt fein, gerade ein Wetter für weite Spaziergänge.

Sonntag habe ich bei Wetzel gegessen, um die anderen Weiblein einmal zu sehen. Es war ganz gemütlich, und ich werde es jetzt immer tun, damit sie nicht denken, daß ich sie meide. Es gab ein nettes Gespräch zum Kaffee und einen schönen Spaziergang durch die halb Schnee- halb Frühlingslandschaft. Überhaupt schlage ich jetzt eine menschensuchende Politik ein. Mein Schifflein ist, ohne daß ich es wollte, in eine lächerliche Einsamkeit getrieben, die dem Studium zwar sehr zum Nutzen ist. So habe ich bei Overbecks und Modersohns Besuch gemacht. Overbecks sind beide Menschen, die es innerlich haben, aber es liegt alles so sehr hinter Schloß und Riegel, und leider bin ich kein großer Stürmer, in der Praxis wenigstens nicht, und lasse nach dem ersten Abprall die Arme schlapp herabfallen. So glaube ich nicht, daß ich mit ihnen sehr weit komme ... Modersohn aber hat mir riesig gefallen; durch und durch fein und gemütlich und mit einer Klangfarbe, zu der ich mein Geiglein auch spielen kann. Er ist mir schon so lieb aus seinen Bildern, ein feiner Träumer.

*

Tagebuchblätter

März 1899.

Also sprach Zarathustra beendet. Ein köstliches Werk. Es wirkt auf mich berauschend mit seiner morgenländischen Psalmensprache, mit seiner tropischen Fülle leuchtender Bilder. Manches Dunkle stört mich nicht. Ich schaue darüber hinweg. Verstehen wir denn im Leben alles? Der Nietzsche mit seinen neuen Werten ist doch ein Riesenmensch. Er hält die Zügel stramm und verlangt das Äußerste der Kräfte. Aber ist das nicht die wahre Erziehung? Sollte nicht in jeder Liebe dies Streben liegen, den geliebten Gegenstand zu seinen schönsten Möglichkeiten zu treiben? Mir war es sonderbar, klar ausgesprochen zu sehen, was noch unklar und unentwickelt in mir ruhte. Ich fühle mich wieder freudig als moderner Mensch und Kind meiner Zeit.

 

Den Niels Lyhne lese ich jetzt zum zweiten Male mit allen meinen Nerven. Er berauscht alle meine Sinne. Meine Seele wandelt durch eine blühende Lindenallee in der Mittagsstunde. Der Duft ist fast zuviel für sie.

Es ist ein eigenartiges Buch mit seiner subtilen psychologischen Durchbildung. Und so einfach dabei, so lebend. Leben mit glühenden Farben, mit Sonnenschein und Nachtigallennächten, dazwischen eine feine säuselnde Musik, die des Menschen Ohr hört, ahnt und nicht versteht.

Nie hat jemand mir so die Stimmung eines Zimmers in die Seele gezaubert. Man fühlt vorher, was für Gedanken in dieser Luft aufsteigen, was für Menschen hier aufwachsen müssen. Ich fühle ihn, den Jacobsen in allen meinen Nerven, in den Handgelenken, den Fingerspitzen, den Lippen. Es überschauert mich. Ich lese physisch.

Worpswede, den 30. März 1899.

Carl Vinnen war auf zwei Tage in Worpswede. Er ist ein feiner lieber Mensch und ein Künstler mit Leib und Seele. Er hat jetzt in Bremen eine ganze Serie Bilder ausgestellt. Große schöne Sachen, entstanden aus inniger Liebe zur Natur, die das eigene Menschlein in den Hintergrund stellt. Und doch fühlt man aus ihnen heraus: der Mensch steht über den Dingen. Das gibt ihm diese große einfache Anschauung.

Es gab gestern ein kleines Fest im Atelier von Otto Modersohn. Es war mein hübschester Abend hier draußen unter den Künstlern. Schon der Raum hatte etwas so fein Gemütliches. Überall mit den Augen auf Modersohnsche Birken und Kanäle zu stoßen, das ließ ich mir gefallen. Schummerbeleuchtung mit Papierlaternen. Zwei gedeckte Tische, einen für die Erwachsenen und einen Kindertisch. An letzterem Fräulein Westhoff und ich, Vogeler, der junge Mackensen und Alfred Heymel, der frühere Besitzer unseres Caro. Letzterer machte mir Spaß. Vogeler hatte mir gerade Gedichte von ihm gegeben, die ich als solche nicht so hoch schätzte, als daß mir der Geist gefiel, der daraus sprach, die junge Kraft, die sich selbst spürt und beweisen möchte. Er sitzt nun in München zwischen Künstlern eingepökelt, allen unsern Feinsten, Modernsten. Gibt mit seinem Vetter Rudolf Alexander Schröder und Otto Julius Bierbaum eine Zeitschrift heraus »Die Insel« usw.

Nachher setzte sich Vogeler hin mit seiner Gitarre und sang nigger songs. Zum Schluß wurden die Tische beiseite geschoben und getanzt. Heymel hatte eine Idee von Tanzen, dachte sich Ringelreihen aus, so daß ich nie genug hatte. Dabei das weibliche Gefühl, daß mein neues grünes Sammetkleid fein saß und sich einige an mir freuten.

Heute früh besuchte mich Vinnen und schaute sich meine Sachen an. Daß solch ein Künstler mich ernst nahm, das war mir eine Riesenfreude. Er war mit vielem zufrieden, lobte das Malerische, Tonige.

 

Ich habe eine Nachtigall gehört, eine Nachtigall in Boltes Garten. Neulich abends zirpte eine Grille und über mir schwirrte eine Fledermaus. Das Leben wird immer schöner.

Des Nachts, wenn ich aufwache, und morgens, wenn ich aufstehe, ist es mir, als wenn etwas Traumhaft-Schönes auf mir liege. Und dann ist es doch nur das Leben, das mit seinen schönen Armen ausgebreitet vor mir steht, auf daß ich hineinfliege.

*

Briefe an die Familie

Worpswede, den 20. April 1899.

Meine liebe Tante Marie,

es ist Mondscheinmitternacht, ein würdiger Augenblick für mich, um in mich zu gehen und meine Sünden zu bereuen. Dein Geburtstag gibt mir auch einen moralischen Schubs, so daß ich unmöglich in meinem geliebten Stillschweigen verharren kann; denn kraft riesiger Überwindung habe ich's jetzt zum Schweigen gebracht, was ja Gold sein soll, was ich bis jetzt zwar noch wenig verspüre. Aber die alte Weisheit hat ja immer recht.

Von mir ist nicht viel Neues zu berichten. Ich arbeite ziemlich, denke viel an die eine Sache, habe manchmal den Himmel voller Geigen hängen und manchmal auch nicht. Zur Zeit ist Mackensen zur Einweihung der Dresdner Ausstellung, die die Worpsweder fein beschickt haben. Zu Ostern waren die Zwillinge bei mir draußen. Es machte mir diebischen Spaß, Logierbesuch zu haben. In meiner Miniaturkammer lagen wir wie die Heringe, traulich, Männlein und Weiblein. Die Gören waren lieb zu haben. Ich komme nun überhaupt in das Alter, wo man sich freut, mal wieder mit Kindern Kind zu sein, während bis jetzt Kindsein das Gewöhnliche und Erwachsensein das Seltene war.

Entschuldige diesen Brief, da mir's arg an Geist und Innerlichkeit mangelt. Einzige Entschuldigung ist die vorgerückte Stunde. Ich war bis jetzt auf dem Kegelabend, wo ich meine wenigen physischen und psychischen Kräfte verpufft habe. Endlich fängt der Frühling an. Ein blühender Kätzchenzweig steht neben mir, zwar nicht von der Sonne herausgezaubert, sondern eine Folge meines kräftigen Torfheizens, ein Umstand, der meinem Portemonnaie und mir wenig behagt.

Die Augen sind mir tatsächlich dreiviertel zu. Der Morgen graut und graulich miaut unsere Katze Mimmi neben ihren vier Kätzlein. Ich flüchte unter mein Riesenfederbett.

Worpswede, Juni 1899.

Meine liebe Tante Marie,

hast Du meinen zweiten Brief erhalten? Er bestand aus meinem letzten halben Briefbogen, so daß ich nun in der Not Fliegen fressen muß in Gestalt dieses Wischleins. Meine hübsche blonde Wirtin meint, er sei statt in den Briefkasten in den Ofen gewandert. Zur Sicherheit schicke ich deshalb einen zweiten Bogen, über den ich mütterlich schützend die Hände breiten will.

Vierzehn Tage in den Alpen neben Dir zu wandern, finde ich wundervoll und vierzehn Tage sind für so einen Hinterweltler wie ich riesig viel. Ist es nicht ein bißchen kurz im Vergleich zu der weiten Reise?

Ich denke immer, Du müßtest bessere Reisegesellschaft finden, etwas Aufheiterndes; denn ich weiß nicht, ob ich froh und heiter wirke, obgleich ich es bin, wie, glaube ich, wenig Menschen. Wenn ich drei Wochen in der großen Welt gewesen bin, dann werde ich mich ungeheuer freuen auf mein liebes Worpswede hier.

Ich bin lange in dunkeln Abendwiesen herumgewandert, mit leuchtendem Himmel darüber. Nun ist es Nacht, Stille, nur vereinzeltes Hundegebell. Und in mir ist es still und still gehe ich nun zu Bett.

In Liebe

Deine Paula Becker.

Worpswede, Juni 1899.

Liebste!

Was lockst Du mich? Ich kann ja nicht. Es ist ja unmöglich. »Lust haben?« Ich habe jetzt nur den einen Gedanken, mich in meine Kunst zu vertiefen, ganz in ihr aufzugehen, bis ich annähernd das sagen kann, was ich empfinde, um dann vielleicht noch mehr in ihr aufzugehen. Ich könnte gar nicht von hier fort, wenn ich auch wollte. Oder vielmehr, ich kann gar nicht wollen. Ich könnte es da unten gar nicht aushalten, trotz Deiner und trotz der Berge. Es ist nicht Undankbarkeit. Mir war ganz heiß bei dem Gedanken, so lange mit Dir zusammen zu sein, denn eigentlich gebrauchen wir's. Und Deine liebe Art, Dir diesen ganzen Plan auszudenken. Sie macht mir das Herz warm. Doch zauderte ich keinen Augenblick. Ich wußte, ich könnte es nicht. Das einzige, was ich mir an Reisen spendieren will, ist eine Woche Dresden, Onkel Arthur und Tante Gretel und Ausstellung genießen. Sonst will ich hier leben. Leben und als Mensch und Künstler weiter kommen. Ich komme all diesen feinen Menschen näher und fühle, daß ich viel von ihnen lerne. Denn ich will aus mir machen, das Feinste, was sich überhaupt aus mir machen läßt. Ich weiß, es ist Egoismus, aber ein Egoismus, der groß ist und nobel und sich der einen Riesensache unterwirft. So steht's um mich. Verstehst Du es? Ich glaube. Billigst Du es? Ich hoffe. Jedenfalls: ich kann nicht anders, will auch nicht anders. Ich fühle mich kräftig und glücklich und arbeite, arbeite, arbeite, um dem Schicksal nicht in der Schuld zu bleiben. Und das Allerschönste ist es doch ... Lebwohl. Erhole Dich in Deinen geliebten Bergen. Genieße Deine Ferien so sehr Du kannst. Und fühle, wie mich Deine Liebe froh macht und ehrt, wenn ich im Augenblick auch nicht gerade viel an Liebe empfangen und Liebe austeilen denken kann. Eins ist not.

Deine Paula.

Worpswede, Juni 1899.

Meine Mutter,

seit zwei Tagen plane ich diesen Brief an Dich, jetzt endlich in vorgerückter Abendstunde finde ich Zeit und Raum. Laß Dir erst einen Kuß geben für Deinen »Grauen«, als ich Sonnabend um halb elf Uhr von einem langen schönen Streifzug mit meinem Skizzenbuch heimkehrte, lag er auf meiner Abbruzzendecke. Fast plante ich schon, Euch am nächsten Morgen zu überfallen, Hitzeängste hielten mich aber zurück. So verbrachte ich einen gemütlichen Nachmittag und Abend bei Modersohns. Er ist mir besonders lieb, denn neben seinem Lächeln und darunter liegt viel Feines und Ernstes. Sie ist eine kleine Frau mit einer Anschauung für Dinge und Menschen, von gutem ursprünglichem Urteil und Empfinden. Um zehn Uhr kam Fräulein Westhoff angeradelt und holte mich zum Ball, Nachfeier vom Schützenfest. Wir beiden Mädchen, Heinrich Vogeler, Dr. Carl Hauptmann und der Mystiker waren von der Gesellschaft. Walzer ist doch was gar zu Schönes, nur nicht mit dem Mystiker.

Heute nachmittag stakte mich Fräulein Westhoff weit die Hamme hinauf. Wir pflückten gelbe Schwertlilien, schwammen, fühlten uns selig in dem nassen Element, und steckten uns gelbe Wasserrosen ins Haar.

Ich habe jetzt das Skelett bei mir und studiere viel daran, da es mit meiner Anatomie immer noch schwach bestellt ist; radiere und skizziere draußen viel, und lese.

Millys Briefe führen mich im Geiste in das vorige Jahr zurück. Kaum kann ich denken, daß nur ein Jahr seit meiner Reise verflossen ist. Die Zeit scheint mir viel länger und inhaltreicher. Das kommt, glaube ich, vom intensiven Leben.

Worpswede, den 8. Juli 1899.

Meine liebe Tante Marie,

dein liebes Brieflein eröffnet mir goldene Perspektiven. Daß es das alles überhaupt gibt, wovon Du schreibst, ist mir hier fast sonderbar. Die ganze Welt außer Worpswede liegt für mich augenblicklich in Nebel verschleiert. Nun sehe ich auf einmal Türmchen und Zinnen und Berge aufsteigen.

Ich soll wählen zwischen Engadin und Generalbillett? Es ist beides so etwas Herrliches, so daß die Wahl schwer fällt. Ist dir's denn ganz einerlei? Für mich persönlich wäre, glaube ich, das Generalbillett besser. Ich meine, besser für den Charakter, der unter obliegender Atmosphäre vielleicht ein wenig norddeutsch ernst, schwerfällig, unbehilflich wird. Da wäre das General-Herumspringen vielleicht eine gute Kur, denn nach meinem stillen Leben werden ja die vierzehn Tage neuer Eindrücke wie acht Wochen scheinen und auch wirken. Oder glaubst du, daß für Vater der Engadin besser wäre? Ich hoffe noch fest auf ihn.

Ein Tag in München ist ein Traum. Sehr gern blieb ich einen Tag auch in Nürnberg, um Dürer einmal recht gründlich zu fühlen, denn das ist einer, von dem man nie Persönliches genug hat.

Überhaupt habe ich mir vorgenommen, die Reise vierter Klasse zu machen. Ich kenne ja jetzt dieses Lokal, ich bin, durch den Zufall geschoben, zweimal damit gefahren. Nun sehe ich nicht ein, warum ich es nicht aus freien Stücken wählen sollte. Die Leute kamen mir gerade so anständig oder elegant oder unelegant vor wie in der dritten. Außerdem ist es interessant, den ewig wechselnden Dialekt der Bevölkerung zu hören.

*

Tagebuchblatt

(Auf der Sommerreise mit Tante M. und W. D. durch die Schweiz.)

Bin ich nicht ein Mägdelein
Wandelnd hin durch Frühlingswiesen
Bin ich nicht ein Mägdelein
Die das Glück hat auserkiesen?
Freu mich daß die Blumen blühn
Daß die weißen Wolken ziehn
Bin so durch und durch zufrieden
Scheint mir Gutes nur beschieden
Weiß ich, komm ich um die Ecke
Liegt das Glück mir in der Hecke.

*

Briefe an die Familie

Worpswede, August 1899.

Meine Mutter,

es war ein schöner Abend. Ich habe gemalt, mich dann mit dem »Auch Einer« in den Heuhaufen gesetzt, und eigentlich mehr über ihn hinweg als in ihn hineingeschaut, denn es war eben zu schön. Und dann habe ich von Zeit zu Zeit laut aufgelacht, denn ich dachte der gestrigen Komödie, und die will ich Dir erzählen, auf daß Du auch lachest.

Nach einem ziemlich biederen Sonntag schlendern Klara Westhoff und ich zusammen durchs Dorf. Wir finden, der Tag darf nicht so geschlossen werden. Wir wollen tanzen. Aber wo und wie? Im nächsten Augenblick sind wir aber schon wieder bei der Kunst, bei Klaras Kirchenengeln.

Also zur Kirche. Sie ist verschlossen. Nur der Turm steht offen. Wir ersteigen ihn zum erstenmal und sitzen nun beide oben auf den Balken neben dem Glockenstuhl. Und da kommt es uns. Wir müssen läuten. Wir schlagen nur einmal mit dem Klöppel an, es klingt zu verlockend. Da zieht Klara das Seil von der großen Glocke, und ich von der kleinen, und sie schwingen sich, und wir werden von ihnen geschwungen, hoch vom Boden empor, und es klingt und tönt und dröhnt über den Weyerberg, bis wir müde sind.

Das war auch gerade der Zeitpunkt, wo der längste aller Lehrer die steilen Treppen alle erstiegen hatte, und uns in seiner Länge zur Rede stellte. Als er aber zwei weißgekleidete Jungfrauen erblickte, lenkte er seine Schritte wieder abwärts.

Wir folgten ihm – und – – der ganze Kirchhof schwarz von Leuten. Wir hatten die Feuerglocke gezogen. Man hatte geglaubt, es brenne. Unten im Dorf war die Spritze eingespannt. Wir machten uns schnell aus dem Staube, wurden aber noch vom Pastor gestellt, der mit bleich schnaubendem Gesicht einige Male: Sacrosanctum! zischte. Wir haben ihn dann aber in einem Extrabesuch beruhigt.

Nun gings zum Zeitungsdrucker, auf daß wir nicht in die Zeitung kämen, schließlich nach Haus. Das gute Brünjespaar wartete meiner in Ängsten: »O, Fräulein, wat har ek en Angst hat, ek ben wohl hunnertmal vor de Dör wesen. Ek dacht, se haren Ehr insperrt«.

Und Frau Brünjes: »Ek har all jümmer seggt, de Grote, de kann dat af, aber us Fräulein, de holt sick en Krankheit in Loch.« Die Nachbarn hatten sie schon getröstet, wir wären gewiß nach Bremen gegangen. Nun war das Weyerberggeläute Abendgespräch: »Hest des Lüern hört?« – »Jo.« – »Weest ok, weer dat don har?« – »Nee.« – »Fräulein Westhoff und Fräulein Becker.«

In Westerwede wurde Klara Westhoff mit Halloh aufgenommen, und Martin Finken wollte »fief Groschen geben, wenn er darbi wesen wär«, – und eine kleine bucklige Jungfrau, die zum Hausinventar gehört, und den ganzen Tag brummig Kartoffeln schält, wurde sonnig und lebhaft bei unserer Moritat.

Worpswede, den 10. September 1899.

Ihr lieben Menschen,

da sitze ich wieder in meinem alten lieben Nest, arbeite fleißig und denke vergangener und künftiger Zeiten, was wohl alles noch kommen und werden wird. Gut hat es mir, glaube ich, getan, die Dinge einmal von draußen zu betrachten und nicht immer von drinnen, ich meine unser Dörfchen mit seinem Drum und Dran.

Ich trete den Licht- und Schattenseiten meines jetzigen Lebens ein gut Teil bewußter jetzt gegenüber, innerlich und äußerlich. Und das ist ein Fortschritt.

Bei meiner Ankunft fand ich vieles verändert. Viel leichtes Gelichter, viel kleine Malweiblein haben ihren Einzug auf unserem Berg gehalten, während die echten, rechten Insassen, Mackensen, Modersohn, Vogeler verreist sind. Ich sehe eigentlich nichts von den Menschen. Versuche mich wieder tief in meine Arbeit hineinzugraben. Man muß eben den ganzen Menschen der einen, ureinzigen Sache widmen. Das ist der Weg, wie etwas werden kann und wird. Das schöne Wetter habe ich benutzt, um draußen Studien zu malen. Ich hatte die Farbe so lange liegen lassen, daß sie mir ganz fremd geworden ist. Große Freude machte es aber. Es macht große Freude. Und doch ist es ein Kampf und ein Ringen mit aller Kraftanstrengung, was manchmal auch nicht so leicht ist, ein Kampf, in dem man in aller Stille kämpfen und siegen muß. Und wäre dieses Ringen nicht, wäre es dann so schön?

Dies schreibe ich hauptsächlich für Mutter, die, glaube ich, denkt, mein Leben sei ein einziger egoistischer Freudenrausch.

Diese Hingabe an die Kunst hat auch etwas Selbstloses. Die einen geben es den Menschen, die anderen einer Idee. Ist darüber dieser zu loben und jener zu tadeln? Ein jeder muß es halten, wie die Natur es von ihm heischt ... Entschuldige diese Verteidigungsschrift. Sie fließt aus einer Art von Selbsterhaltungstrieb.

Sonntag

Liebe Milly,

... Über mich kommen jetzt oft ganz plötzlich Jugenderinnerungen. So erwachte ich heute morgen von einem Geräusch. Da dachte ich, ich wäre noch in unserem alten Stamm-Glyzinien-Mädchenzimmer an der Chaussee. Das Geräusch klang ganz wie jene vibrierenden Töne, die die Tür vom dreieckigen Zimmer bei jedem Öffnen und Schließen von sich gab. Ich hatte so das Gefühl, als würde Papa gleich in unserer Tür erscheinen und uns wecken. Aber er erschien nicht. Da merkte ich, daß ich in meinem weißen Kämmerlein lag, schon sechs Meilen weiter im Leben.

Ich bin immer noch tüchtig fleißig. Neulich war Modersohn da. Der hat mir so viel Liebes über meine Sachen gesagt, daß ich fast gar nicht mehr glaubte, daß es meine Sachen waren. Das war lieblich. Gerade Modersohns Urteil ist mir sehr viel wert. Hinterher zwar bekommt man doch wieder einen kleinen Jammer aus Furcht vor Größenwahn. Na, davon mündlich. Mich freut es hauptsächlich für die Eltern. Ich selbst habe ja mein Teil Glück schon vorweg.

Worpswede, den 21. September 1899.

Liebe Schwester,

noch ein Wort vor dem Schlafengehn. Ich bin eben durch die Mondscheinnacht gelaufen. Es war sehr schön. Genießt Ihr den Herbst auch an Eurer Weser?

Ich verlebe jetzt eine seltsame Zeit. Vielleicht die ernsteste meines kurzen Lebens. Ich sehe, daß meine Ziele sich mehr und mehr von den Euren entfernen werden, daß Ihr sie weniger und weniger billigen werdet. Und trotz alledem muß ich ihnen folgen. Ich fühle, daß alle Menschen sich an mir erschrecken, und doch muß ich weiter. Ich darf nicht zurück. Ich strebe vorwärts, gerade so gut als Ihr, aber in meinen Geist und in meiner Haut und nach meinem Dafürhalten.

Die Einsamkeit macht mich ein wenig bang in schwachen Stunden. Doch solche Stunden helfen auch weiter und zum Ziele. Du brauchst den Eltern dieses nicht zu zeigen. Es ist ein Anfall von Kleinmütigkeit, der eigentlich am besten unbesprochen bleibt. Sollte Ernst Horneffer mal nach Bremen kommen, so laß es mich bitte zu rechter Zeit wissen. Mit dem könnte ich einiges durchsprechen. Ich halte ihn für einen ethischen Menschen.

Worpswede, den 10. November 1899.

Liebe Mutter,

ich möchte Dir nur noch einmal schreiben, was ich Dir im Omnibus noch zurief: Sorge Dich nicht um mich, Liebe! Es tut nicht not, wirklich nicht, Liebe. Ich habe so den festen Willen und Wunsch, etwas aus mir zu machen, was das Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht und selbst ein wenig strahlen soll. Dieser Wille ist groß, und er wird es zu etwas bringen. Bitte, bitte, laßt ihn dahin streben, wohin es ihn zwingt, er kann nicht anders. Rüttelt nicht daran, das macht ihn traurig und gibt dem Herzen und der Zunge harte Töne, die sie selber schmerzen. Harret noch ein Kleines in Geduld. Muß ich nicht auch warten? Warten, warten und ringen? Es ist eben das Einzige, was so ein armes Menschlein kann: Leben wie es sein Gewissen für recht hält. Wir können nicht anders. Und dadurch, daß wir sehen, daß unsere nächsten liebsten Menschen unsere Handlungen mißbilligen, erwächst wohl große Traurigkeit. Aber wir müssen eben wir bleiben, müssen, um so viel Achtung vor uns selber zu haben, als man braucht, um dieses Leben mit Freude und Stolz zu leben.

Das sind einige schwere Mollakkorde, die von Ferne das Durgejubel meines Lebens durchklingen. Aber der Jubel sei stärker als sie, und der Feiertag sei größer, auf daß ein jauchzender Wohlklang hervorgehe, der mehr wertet als jenes Scheinlächeln der Welt, das über müde Lippen und Herzen hinweghuscht. Ich bin noch jung und fühle Kraft in mir, und liebe diese Jugend und dieses Leben zu sehr, als daß ich sie für dieses Lächeln ohne Freude geben möchte.

Wartet nur ein Weilchen. Es muß alles gut werden.

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