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Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 8
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Norwegen

1898

Tagebuchblätter

Juni 1898.

Es ist abends halb zehn Uhr, noch tageshell. Wir sind nach himmlischen Tagen in unser Hotel in Christiania eingekehrt.

Sonntag mittag gingen wir in Stettin an Bord des Dampfers »Melchior«; diesen »Melchior« habe ich in meine Seele geschlossen. Vorn am Bugspriet zu stehen und in die feuchte Bläue zu sehen, war lieblich. Mir zog sich ein Schleier süß und dicht um alles Reale und ließ meinen Geist sich ausgießen über den Wassern zu schweben, nicht denkend, nur vage empfindend.

Von Zeit zu Zeit wurde der Schleier gelupft in Gestalt einer Norwegerin, zirka fünfunddreißig, Original. Sie kehrte heim zum väterlichen Strand von einer Ungarreise. Übervoll von Erlebnissen suchte sie Opfer, denen gegenüber sie sich ausschütten konnte mit unglaublich klapperschlangenähnlicher Geschwindigkeit. Sie hatte auch wirklich viel Interessantes erlebt. Briefmarkensammelnderweise geriet sie in Korrespondenz mit einer jungen Ungarin. Bilder wurden gewechselt, schließlich erfolgte eine Einladung nach Ungarn. Ahnungslos, aber mutig machte sich die kleine Norwegerin auf den Weg und geriet unter die höchsten ungarischen Magnaten, von einem Fürsten zum andern. Sie ward in Ungarn zur Berühmtheit, wurde als norwegisches Kulturtier herumgezeigt und stand in vier Zeitungen. Sie ist die Tochter des Christiania-Garnisonpredigers und hat sich ihr Reisegeld selbst verdient, bezeichnend für norwegisch fortgeschrittene Frauenverhältnisse, als Korrespondentin eines großen Handelshauses.

Meine zweite Bekanntschaft war ein junger Mann von der Jura; »Kgl. Fuldmaegtig« stand auf der Karte, die er mir in die Hand stopfte, als wir uns um zwölf Uhr nachts trennten nach einem wunderschönen Sonnenuntergang. Unsere Unterhaltung spielte sich sehr komisch in drei Sprachen ab: norwegisch, deutsch und englisch. Trotz dieser erstaunlichen Vielzüngigkeit sind, glaube ich, unsere besten Witze einander verborgen geblieben.

Nummer drei: ein Ehepaar aus Christiania. Sie, geborene Schwedin, war oder spielte steife Dame. Er hatte ein kluges, unrasiertes Gesicht. In den Mundpartien spukte der Gourmand. Die Augen betrachteten mit etwas überlegenem Hohn die Außenwelt. Er interessierte mich noch mehr, als einige Christiania-Stockphilister mir berichteten, er wäre stadtbekannt, nicht beliebt, sehr reich und verschwenderisch. Ich glaube, er ist aus engen pedantischen Verhältnissen, hat die Ketten gesprengt, hat seinem Vergnügen gelebt und ist nun auf jenem Standpunkt, wo er über die Welt lacht und die Welt, um sich nicht zu blamieren, über ihn lacht.

Mir macht es großen Spaß, solche Charaktere, die sternschnuppenartig an meinem Lebensschifflein vorbeifliegen, in ihren Grundrissen festzunageln. Wenn ich überhaupt Begabung zur Malerei habe, wird im Porträt doch immer mein Schwerpunkt liegen, das habe ich wieder gefühlt. Das Schönste wäre ja, wenn ich jenes unbewußte Empfinden, was manchmal leicht und lieblich in mir summt, figürlich ausdrücken könnte. Das überlasse ich aber kommenden Jahrzehnten.

Auf meinem schmalen Schiffsbettlein schlief ich nicht allzu ruhig. Wenn ich aufwachte, steckte ich immer den Kopf durch meine Luke. Der Himmel und das Meer strahlten in matten roten und lila Farben. Das einzig Greifbare, Wirkliche schien die tiefschwarze Welle zu sein, die das Schiff gleich unter mir barg.

In Kopenhagen machten wir eine schöne Spazierfahrt auf dem Boulevard; die Strandpromenade, auf der sich nachmittags die elegante Welt tummelt. Im übrigen machte die Stadt einen etwas eingeschlafenen Eindruck auf mich, vielleicht, weil mir das Berliner Hetzsystem noch zu sehr in den Gliedern sitzt.

Die Einfahrt in Christianiafjord, die war himmlisch. Zu beiden Seiten tauchten die blauen Berge in der Ferne auf; dunkle nähere schoben sich davor, kleine schwarze zackige Inseln lagen im Vordergrund, vor diesen wieder leichtgeschwellte weiße Segel. Das Herz mußte einem im Leibe lachen.

Nach der schönsten Überfahrt, die sich denken läßt, fuhren wir ein in den Hafen, vorbei an der guten wettergepeitschten »Fram«, mit welcher Swädrup in den nächsten Tagen wieder eine Expedition unternehmen will. Da liegen die großen Dampfer mit ihrem mächtigen wellengestreiften Spiegelbild, dazwischen fröhliche kleine grüne und blaue Fischerkähne.

 

Den 16. Juni, bei taghellem Lichte, im nebligen Regen, nachts um zwei Uhr auf dem kleinen Dampfer zwischen Bergen und Namsos.

Wir schifften uns ein. Eine schmale Holzbrücke führte uns auf das kleine grüne Dampfschiff. Ein ekler Fischgeruch drang uns entgegen. Er kam aus den großen Fischkästen, die auf Deck standen. Er kam aus dem Kajütenraum. Er haftete an allem.

Weiße Möwen strichen in weitem Bogen über meinen Kopf. Ihre Flügel streiften den klaren Spiegel meiner Seele und verdunkelten ihn.

Die Schwermut saß am fernen Ufer und ihre Harfe tönte von mächtigen Akkorden. Ich hörte die weichen Molltöne der großen Lebenssymphonie und ward betrübt.

Am Ufer standen Leute, den Abgang des Schiffes anzuschauen. Sie blickten herüber mit leeren Augen. Ihre Haltung verriet ein Leben ohne Inhalt.

Ich blickte auf das Meer. Es lag glatt und grau vor mir. In der Ferne stieß es an steinichte Berge. Die schauten mich an mit einem matten Blau. Ein Streifen Goldes zeigte noch, daß hier einst eine Sonne war.

Nebel stiegen auf und schlangen lange Schleier um die Berge. Und die Welt stand da in Stille und Traurigkeit.

Nur das kleine Ding, auf dem wir fuhren, ließ seine Stimme erschallen in furchtbar warnenden Tönen. Und ich hörte das Stampfen der Schraube und hörte das Rauschen der Wellen. Sonst war alles tiefe Stille.

Manchmal drang vom Lande her der einsame Schrei des Strandläufers, eintönig, traurig, grau.

*

Briefe an die Familie

Lilleon, Norwegen, den 20. Juni 1898.

... Da sind wir schon 3 Tage auf unserem »Rittergut« und fühlen uns schon ganz heimisch in unserem Stüblein mit den hellgestrichenen Holzwänden, den niedrigen Decken, den freundlichen weißen Gardinen und den selbstgewebten Teppichen.

Und draußen fühlt man sich noch wohler. Da geht es leuchtend grüne Grashügel auf und ab, darauf freudige kleine Birken stehen, die ihre Arme lachend gen Himmel strecken. Darüber lacht dann, wenn wir es ganz fein haben, ein durchsichtig blauer Himmel, auf dem weiches schimmerndes Gewölk dahinzieht. Es ist nur grün und blau, was hier in der Natur spricht. Sprechen kann man es eigentlich gar nicht nennen, sondern singen, flöten, jubilieren. Denn beim Anblick hüpft einem das Herz in freudigen Sprüngen. Oder, was noch lieblicher ist, es schreitet sacht und leise, kaum hörbar, und träumt von Böcklinschen Gefilden.

In der Ferne liegen die blauen Berge, von Fichten bestanden, die von der Abendsonne in ein strahlend goldenes Braun gekleidet werden. Jene holde Stimmung dauert ungefähr von neun Uhr bis elf. Alles geht hier mit himmlischer Ruhe vor sich. Es ist nicht, wie unser Abendrot, das im Nu verschwindet. Ganz in der Ferne strahlt es von weißem Schnee. Von Zeit zu Zeit, wie heute zum Beispiel, ist es recht kalt.

Überhaupt waren es zwei schwere Tage, ehe wir hier unser Lilleon erreichten. Mittwoch Mittag ging es ab von Christiania. Wir fuhren bis Drontheim, Ankunft morgens um 7 Uhr. Dieser Ort hat sich nicht lieblich in meine Seele eingeschrieben. Rauchende Schornsteine, Nebel, scheußliche Holzbaracken, deutsche Kellner, das sind die Reminiszenzen.

Als Stern in all dieser Dunkelheit leuchtet der alte gotische Dom, der mich mit seinen schönen großen Linien völlig wieder mit der Welt aussöhnte. Er wird jetzt renoviert, doch aufs allersorgfältigste, so daß all die alten Motive, meist noch aus den ersten Anfängen der Gotik, erhalten bleiben.

Abends um 9 Uhr ging es wieder nach Namos. Ein scheußlich kleines grünes Ungetüm von Fischdampfer nahm uns auf, das die Lüfte mit seinen Nachgerüchen verpestete. Onkel Wulf war dieser Duft liebliche Vorahnung. Ich habe ihn mehr als hundertmal verwünscht. Den nächsten Nachmittag um 5 Uhr erreichten wir Namos, einen Haufen kleiner halbfertiger Holzhäuser. Die kleine Stadt selbst ist vorigen Sommer innerhalb zwei Stunden völlig niedergebrannt. Drei Stunden Wagenfahrt und ein freundliches Zureden mit der achtzehn Jahre alten Lilleon-Mähre führten uns nun endlich zum Ziel. Wirt und Wirtin sind beides nette Leute. Sie gute Hausfrau und Köchin, schwatzt aber furchtbar gern, kommt fast zum Schluß jeder Mahlzeit herein und hält ihren Schnack.

Die hiesigen Bauernhöfe sind nicht mit den unsrigen zu vergleichen. Sie sind ein Komplex von Holzhäusern. Wenn die Leute gerade Lust haben, bauen sie sich ein neues dazu. Denn das Holz steht ihnen ja vor der Tür, und meist haben sie in der Nähe auch ein Bächlein, das ihnen im Frühling eine kleine Mühle zum Holzschneiden treibt. Onkel Wulf und ich haben fünf Zimmer und zwei Eingänge, und bewohnen erst den vierten Teil des Hauses. Was die Leute mit dem übrigen Dreiviertel des Hauses anfangen, ist mir rätselhaft. Gegenüber dem Wohnhause stehen zwei Scheunen auf pilzförmigen Holzpfosten, damit die Bodennässe und die Ratten wegbleiben. Daran reiht sich der Stall, und ein kleines Milchhäuschen. Alle diese Wirtschaftsgebäude sind, wie hier meist in Norwegen, mit einer warmen roten Farbe angestrichen, die zu dem Grün und Blau der Natur schön stehen.

Sehr komisch wirkt das »hier müssen wir alle hin« des Hauses. Es hat auf mich solch einen tiefen Eindruck gemacht, daß ich es nicht unerwähnt lassen kann. Bei der ganzen Einrichtung herrscht die Dreizahl vor, und bringt die Seele in fromme Stimmungen. Drei Stufen führen den Pilger zu der kleinen weißen Tür, die ihm den Eintritt in einen kleinen Saal gestattet. Die Wände sind lieblich mit frischen Ebereschenzweigen geschmückt, aus jeder Fuge sprießt es. Drei Fensterlein lassen gerade soviel Licht hinein, daß ein magisch malerisches Halbdunkel entsteht. In der Ferne winkt eine lange Bank von riesenhafter Höhe, auf die man sich nur mit größter Fertigkeit schwingen kann. Und nun wieder die Dreizahl, fragend und ernst. – Drei Deckel. – Wähle. –

Nun zuletzt zur eigentlichen Hauptsache, zum Flusse, zum Namsen. Er hat die Breite der Weser und ist, wenn er sich gut benimmt, klar. Er kann aber sehr viel Unarten haben, und das Wetter kann die scheußlichsten Tricks spielen. Dabei ist der Lachs das denkbar launischste Geschöpf der Welt. Meine Seele schreit Petrus an nach Erfolg. So hat uns der gestrige Nachmittag denn auch zwei Lachse ins Haus gebracht, aber helfen kann ich es nicht, ich finde trotz alledem das Fischen einen äußerst stumpfsinnigen Sport. Da soll man drei, vier Stunden warten, bis so ein Kerl anbeißt, um dann zehn Minuten das arme Tier zu Tode zu quälen. Ich finde es so recht einen Sport um schlechte Laune zu kriegen. Bis jetzt geht es noch gut. Und es ist ganz entzückend zu sehen, mit welch knabenhafter Leidenschaft Onkel Wulf sich für die Sache begeistert. Ich behalte meine Antipathien natürlich auch weise für mich. Das Schlimmste ist, wenn ich verzogen werden soll, indem man mir eine Angelrute in die Hand drückt. Dem zu entgehen manövriere ich umsichtig.

Meinem Vater vielen Dank für seinen treuen Brief. Milly, schickst Du mir nicht eins von den Büchern? Hier in der himmlischen Natur ist die Seele so bedürftig danach, auch ein großes Stück Mensch aufzunehmen. Wie lange mein Aufenthalt dauern wird, kann ich noch nicht sagen. Das bestimmen, glaube ich, die Herren Lachse.

 

... Wir leben hier ein höchst beschauliches Leben. Ein Tag geht so schnell zu Ende wie der andere. Oder eigentlich geht er nicht zu Ende und unser Aufenthalt besteht in einer dreiwöchentlichen Helligkeit. Das Wetter hat uns höchst begünstigt, wenigstens vom menschlichen Standpunkt aus, der ja nicht immer mit dem Standpunkt der Lachse zusammentrifft.

Dreimal haben wir Ausflüge nach einem kleinen einsam gelegenen Waldsee gemacht. Der Erfolg dieser Expedition waren kleine rotgefleckte Forellen, von denen, ich muß es mit Grausen berichten, einige meiner Angel zum Opfer fielen. Nun verfolgen mich die Seelen dieser Fischlein und mein Rouleaux, welches ein Muster von Punkten hat mit Kreisen darum, blickt mich jetzt an wie eine Ewigkeit von Fischaugen.

Heute morgen wurde das Vieh unseres Gehöftes hinaufgetrieben zur Sennhütte. Das ist ein langer Weg, darum sollte zeitig aufgebrochen werden. Da waren zuerst die beiden Pferde mit Schlafdecken, Milchkübeln und allem möglichen Hausrat behangen, geführt von dem malerisch schmutzigen Kuhjungen. Wir begleiteten sie und stießen am Saume des Waldes auf das andere Vieh. Das gab ein fröhliches Getümmel, die Schafe, die hübschen bunten Kühe und das muntere Zicklein.

Hinterher in bedächtigem Schritt die betagte Sennerin und das kleine rothaarige Töchterlein unseres Bauern.

Daß ich von Lachs und Forellen lebe und reichlich schöne Flöde bekomme, weißt Du. Aber hast Du schon mal vom richtigen Beine eines wehrhaften Elks gespeist? Im Ganzen hört sich die Sache schöner an als sie ist, aber neulich hätten wir beinahe zwei Elke aufgestöbert.

Wir wandelten durchs Moor, ungefähr bis zu den Knöcheln im Sumpf, woran man sich aber sanft gewöhnt. Da brachen sie vor uns los, wir hörten es in den Büschen krachen, der Junge vor uns hatte sie noch eben gesehen.

Uns blieb nur ihr schrecklicher Nachlaß, nämlich ein ungeheurer Fliegenschwarm, der sie umgeben hatte und sich jetzt auf uns stürzte. Mir benahm die Sache Hören und Sehen, so daß ich schnurstracks in den Sumpf hineinraste, was mir natürlich Hohn einbrachte. Ich fand es aber furchtbar und wundere mich nur, daß Dante sich nicht Fliegenschwärme für sein Inferno ausgedacht hat.

Mein Leben fließt jetzt dahin wie ein stilles Wässerlein, dem die Sonne Silberglanz verleiht. Die Sonne kann hier wirklich Unglaubliches zaubern. Nach zwei grauen Regentagen trat sie gestern hervor mir ihrer Wärme und ihrem Gold, und es ward eine Pracht und Herrlichkeit; ich wandelte umher wie im Märchen mit froh verwunschenem Herzen.

Die kleinen Birken jubelten und geigten auf ihren grünen Hügeln und die weißen Lämmerwölklein lachten am blauen Himmel und die sanften grauen Erlenstämme wurden noch sanfter.

Ich ging auf meine Klippe ganz nahe hin zum Wasser und sang hinein in das wirbelnde Gesprudel. Und schlanke große Fichtenstämme kamen das Wasser hinuntergeschwommen, tauchten unter, tauchten wieder auf und leuchteten mir zu.

Das Wasser leckte mit seinen weißen Zungen hinauf an meiner Klippe und ich mußte lachen, daß es mich doch nicht fangen konnte und spielte mit ihm. Und die kleine Bachstelze kam mit ihrem schwarzen Käpplein und ihrem schwarzen Brüstlein und wippte und piepte, und wir vergaßen die Feindschaft zwischen Menschen und Tier und saßen ein Weilchen ruhig nebeneinander und freuten uns.

Abends liest Onkel W. vor und ich zeichne und es ist sehr gemütlich. Das Leitmotiv unserer Tage, das dringend und dringender durch alles hindurchdringt, ist – Lachs!

Gestern riß der Köder ab, heute die Schnur. Zwei große Fische gingen dadurch verloren. Der Fluß ist nicht immer im rechten Zustand, er ist trübe, er ist zu hoch, er ist zu niedrig. Das Wetter ist nicht das richtige, es ist zu warm, es ist zu kalt, es ist zu windig.

So ein Lachs stellt viele Vorbedingungen, ehe es ihm überhaupt einfällt, an den Köder zu beißen. Wenn schließlich aber einer so freundlich ist, so freut sich Onkel W. wie ein Knabe und hat seinen Sport und beschreibt mir hinterher haarklein, wo und wie sich das große Ereignis abspielte.

Ich zeichne und male viel. Zuerst machte ich mich an die Landschaft. Die wirkt aber so himmlisch einfach in Farben und Form, es würde ein jahrelanges Studium brauchen diese Einfachheit ohne Roheit wiederzugeben. So habe ich nun das kleine Kalb gemalt und die Hühner, und ich zeichne viel.

Sehr schade ist, daß man nicht wandern kann. Auf zwei Seiten liegt der Fluß, auf zwei Seiten Gebirge und Moor. Man kann eigentlich nur eine Viertelstunde gehen und kommt dann schon ans Ende der Welt. Diese Gefangenschaft hat etwas Beängstigendes.

Aber so kalt wie Ihr Euch die Sache denkt ist es durchaus nicht. Wohl klappern manchmal die Glieder und im Ofen kracht dann ein fröhliches Holzfeuer. Wenn aber die Sonne scheint, so sticht sie schier mehr als bei uns. Das macht die dünne durchsichtige Luft.

In vierzehn Tagen kehre ich, denke ich, heim. Onkel Wulf bleibt noch hier, um auf Schneehühnerjagd zu gehen.

*

Tagebuchblatt

Unter dem Faulbaum

Ich lag unter dem Faulbaum. Meine Seele war ganz einem Zauber hingegeben. Ich blickte hinauf in seine Blätter. Die Sonne färbte sie leuchtend gelb. Und so standen sie auf ihren feinen roten Stielen und lachten auf zum Himmel.

Der war tief blau mit einem weißen Wölklein. Diese Bläue stand gar lieblich zu dem Gelb der Blätter. Und es kam der Wind und spielte mit ihnen und wendete sie um, so daß ich ihre blanke Oberseite sah. Und er kam auch hernieder zu mir und brachte mir Arme voll süßen Duftes.

Der Faulbaum blühte und das war das Schönste an ihm. Denn sein Geruch erfüllte die weichen Lüfte und legte sich auf mich traumhaft, leise, und sang vor meiner Seele ein Märlein von Zeiten, da ich noch nicht war und nicht mehr sein werde.

Und mir ward wundersam lieblich zumute. Ich dachte nichts. Aber mein ganzes Sein in allen seinen Adern empfand.

So lag ich lange. Und ich kam wieder zu mir selbst, zu dem Wind und der Sonne und zu dem fröhlichen Gesumme der Insekten um mich her.

Ja, die liebten auch den Faulbaum und seine Blüten und umschwirrten ihn. Und es waren Bienen da mit ihrem fleißigen Summsen, die flogen eifrig hin und her. Und waren da goldbraune Hummeln. Die brummelten über meinem Kopf und ließen es sich wohlig sein in ihrem warmen Pelzlein. Und war da viel Fliegenvolks. Das steckte manch schwarzes Rüsselein aus und wetzte und streckte die feinen Beinchen.

Und surrte da auch manch munteres Mücklein und geigte sein hohes Geiglein in Freuden.

Und es wiegten sich in der Sonnenblütenwärme die Libellen, die Wasserjungfern mit den schlanken Leibern und den schillernden Flügeldecken.

Dazwischen flog von Zeit zu Zeit ein Flöcklein von dem Weidenbaum am Ufer. Das lachte in seinem Geschimmer und war so schimmernd weiß gegen den blauen Himmel gleich einem Wölklein.

Ja, und daß ich es nicht vergesse, den großen Fluß hörte ich auch, denn der war hinter den Weiden. Nicht sein großes ruhiges Dahingleiten hörte ich, aber wenn er sich an einem Fels stieß und sprudelte, oder am Rande rieselte zwischen den bunten Kieseln.

Und das Ganze gab ein solch anmutiges Konzert von Freude, Friede und Seligkeit, daß meine Seele ihre Schwingen weit ausspannte und getragen wurde von der allgemeinen großen Freude der Kreatur.

*

Brief an die Familie

Lilleon, Norwegen, den 3. Juli 1898.

Da komme ich endlich einmal wieder zu Euch, das heißt schriftlich, denn in Gedanken bin ich oft in Eurer Nähe, vielleicht ein wenig zu oft, denn ich freue mich auf zu Hause.

Ich habe mich hierher geflüchtet mit meinem Schreibzeug, hierher unter den blühenden Faulbaum. Und es ist ein wonniges Plätzchen. Die ganze Luft ist mit diesem einlullenden Duft durchschwängert. Doch die kleinen fidelen Birken mischen ihren würzigen Geruch dazu. Und diese Mischung ist dann etwas ganz Allerliebstes, was man immer wieder mit Wohlbehagen in sich aufnimmt. Meine Faulbäume werden von Hunderten von Insekten aufgesucht, so daß um mich herum ein lieblich sommerliches Gesumme entsteht. Dann gibt es noch Schierling und Spiräen und den Löwenzahn mit seinen gesponnenen Traumköpfen. Geradeaus stehen die Weiden, die eben erst blühen, und mir hin und wieder durch den Wind eine ihrer Schneeflocken schicken. Und hinter diesen Weiden ist der Fluß, der Namsen, der sich in diesen Tagen äußerst schlecht benimmt, da er rapide fällt, so daß in den letzten sechs Tagen nichts zu fangen ist.

Die ersten sechs Lachse sind leider schon den Weg alles Fleisches gegangen. Und meine Hoffnung, daß Ihr einen schönen geräucherten kriegen solltet, war eitel. Väterle, wie gern träte ich Dir meinen Forellen- und Lachsanteil ab!

Diese Fischlosigkeit drückt auf mir, obgleich Onkel Wulf seinen Kummer süß hinunterschluckt. Aber er hat ja nichts zu tun. Jetzt streicht er schon aus Überfluß an Kraft die Fensterrahmen unseres Schlosses grün an. Oder wir stehen zusammen am Strand und werfen »Butterbemmen«. Ich fühle mich dann so in die Zeit zurückversetzt, als Mutter mit uns ins Gehege ging, auf die Sandhalbinsel in der Elbe, und betreibe das Geschäft mit ganzer Leidenschaft.

Oder wir rollen große Fichtenstämme, die der Strom ans Land geschwemmt hat, wieder hinein in die Fluten. Denn bei diesen reißenden Flüssen wird wenig geflößt. Die Stämme werden einfach oben ins Wasser hineingeworfen und unten wieder aufgefangen. Bei der fabelhaften Ehrlichkeit der Leute kommt dabei nichts abhanden. So ist oft der ganze Fluß voll dieser großen Stämme. Abends malt die Sonne sie goldgelb, und dann strahlen sie lieblich in dem blauen Wasser.

Die Bücher haben mein Herz erfreut. Ist dieses Jacobsen-Zusammentreffen nicht merkwürdig? Nach seinen sechs Novellen sehnte ich mich gerade etwas mehr von ihm zu kennen. Ich habe bis jetzt nur die Marie Grubbe gelesen, und bin noch vollständig im Banne dieser Bilder, die das Buch einem vorzaubert. Ich habe es ganz, ganz langsam gelesen, mich langsam mit kleinen Dosen berauscht. Teils hier unter meinem Faulbaum, teils an der Klippe beim Wasserfall, denn das ist auch einer meiner Lieblingsplätze. Da sitzt man so zwischen all dem mächtigen Gebrause und der Leidenschaft des Elementes ganz still und klein und fühlt es doch in sich klopfen.

Mit dem Niels warte ich noch ein paar Tage. Ich finde, man darf solche Bücher nicht so schnell nacheinander lesen. Daß Vogeler den Jacobsen illustriert, wundert mich. Wohl kann ich mir denken, daß es ihn reizt, all die vielen Bilder, die in seinem Innern erweckt sind, niederzuschreiben. Aber ich finde, selten bedarf ein Dichter weniger der Illustration als Jacobsen. Ich finde es auch tausendmal künstlerischer, im Sinne des Dichters, wenn man das Bilden der Phantasie des einzelnen Individuums überläßt. Ich freue mich jedoch auf die Sachen schon. In ihrer Art, als Kunstwerk für sich, unabhängig von dem Buche, sind sie gewiß bezaubernd.

Ich freue mich überhaupt auf Worpswede, und auf das, was dort in diesem Jahre entstanden ist. Ich freue mich überhaupt auf Euch alle, auf jeden Einzelnen von Euch. Ich freue mich auf mein Atelier, für das ich schon neue Pläne habe. Ich hoffe, dieser fischlose Fluß wird Onkel Wulf von hier vertreiben, in fischreichere Gegenden. Dann werde ich heimwärts segeln. Jetzt habe ich nicht den Mut ihn zu verlassen. Ich finde, für all das Schöne, was ich genossen, muß ich jetzt auch ein bißchen zappeln.

Nachbarn gibt es wohl, ein paar fischende Engländer, eine Viertelstunde weiter hinauf, aber wir sehen nichts voneinander, was mir sehr behaglich ist. Mit dem Norwegischen geht es so so. Ich kann mich den Leuten wohl verständlich machen, aber das Land ist ein schlechter Platz um die Sprache zu erlernen, die Leute sprechen einen grausam scheußlichen Dialekt und können das reine Christianianorwegisch schwer verstehen.

Eben eröffnet mir Onkel Wulf, er mache eine Nordlandreise nach Tromsö durch die Lofoten. Er will mich mitnehmen, der Gute. Ich brauche mich noch nicht zu entscheiden. Mein »Nein« steht mir aber fest. So werde ich denn bald heimkommen.

Seid alle geküßt von

Eurer Paula.

*

Der Herbst und Winter 1898/99 verzeichnet im Leben Paulas bedeutende Wendepunkte; sie übersiedelt für die Dauer nach Worpswede, die volle Selbständigkeit der Arbeit entwickelt sich. Ganz tief taucht sie in die sie umgebende Natur und ihre Menschenart unter. Eine Schweizerreise im Sommer 1899 unterbricht kurz das intensive Studium. Der Schluß dieses Jahres bringt auch äußerlich einen Abschluß: ein erstes künstlerisches Heraustreten vor die Öffentlichkeit. Das Ergebnis ist negativ; lakonisch bemerkt Paula dazu in einer Aufzeichnung: »Im Dezember 1899 die erste Ausstellung meiner Bilder in der Bremer Kunsthalle. Arthur Fitger donnert alles in Grund und Boden.«

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