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Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 6
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
projectide14e60fd
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Worpswede

1897

Tagebuchblätter

Worpswede, im Sommer 1897.

Worpswede, Worpswede, Worpswede! Versunkene-Glocke-Stimmung! Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit den schwarzen Spiegelungen, asphaltschwarz. Die Hamme mit ihren dunkeln Segeln. Es ist ein Wunderland, ein Götterland. Ich habe Mitleid mit diesem schönen Stück Erde, seine Bewohner wissen nicht, wie schön es ist. Man sagt es ihnen, sie verstehen es nicht. Und doch braucht man kein Mitleid zu haben, nein, ich habe keins. Nein, Paula Becker, habe es lieber mit Dir, daß Du nicht da lebst. Und das auch nicht, Du lebst ja überhaupt, Du Glückliche, lebst intensiv, das heißt: Du malst. Ja, wenn das Malen nicht wäre?! ... Und weshalb Mitleid haben mit diesem Land? Es sind ja Männer da, Maler, die ihm Treue geschworen haben, die an ihm hängen mit unendlicher, fester Männerliebe! ... Da ist erst Mackensen, der Mann mit den goldenen Medaillen in den Kunstausstellungen. Er malt Charakterbilder von Land und Leuten; je charakteristischer der Kopf, desto interessanter. Er versteht den Bauern durch und durch. Er kennt seine guten Seiten, er kennt sie alle, er kennt auch seine Schwächen. Mir deucht, er könnte ihn nicht so gut verstehen, wäre er nicht selbst in kleinen Verhältnissen aufgewachsen. Es klingt hart von mir, grausam hart, es liegt ein großer Dünkel darin, und doch muß ich es sagen. Dies »In kleinen Verhältnissen Aufgewachsensein« ist sein Fehler, für den er ja selbst nichts kann. Daß der Mensch es doch nie abschütteln kann, wenn er mit den Groschen gekämpft hat, auch später nicht, wenn er im Wohlstand lebt; der edle Mensch wenigstens nicht. Dieser Kampf läßt Spuren zurück. Sie sind fast unsichtbar, aber ihrer sind viele, viele. Ein geübtes Auge entdeckt jeden Augenblick eine neue. Der ganze Mensch war gebunden gewesen, festgebunden. Mangel an Geld schmiedet uns fest an die Erde, man bekommt die Flügel beschnitten, man merkt es nicht, weil die Schere ganz vorsichtig täglich nur eine Ahnung abschneidet. Was hat dies böse, böse Schicksal den Menschen schließlich allmählich abgeschnitten! Das Große, Unbefangene, das unabhängig Stürmende, das Stück Prometheus, das titanenhaft Kräftige im Manne, die Urkraft, die geht verloren. Ist das nicht hart? ... So ist es auch bei Mackensen. Er ist ein famoser Mann, geklärt in jeder Beziehung, steinhart und energisch, zärtlich weich zu seiner Mutter. Doch das Große, das unsagbar Große, das ist verloren gegangen. Im Leben nicht, in der Kunst. Schade, schade.

Der zweite im Reigen ist der kleine Vogeler, ein reizender Kerl, ein Glückspilz. Das ist mein ganzer Liebling. Er ist nicht so ein Wirklichkeitsmensch wie Mackensen, er lebt in einer Welt für sich. Er führt bei sich in der Tasche Walther von der Vogelweide und des Knaben Wunderhorn. Darin liest er fast täglich. Er träumt darin täglich. Er liest jedes Werk so intensiv, den Sinn des Wortes so träumend, daß er das Wort selbst vergißt. So kommt es, daß er trotz des vielen Lesens keins der Gedichte auswendig weiß. Im Atelier in der Ecke steht seine Gitarre. Auf ihr spielt er verliebte alte Weisen. Dann ist er gar zu hübsch anzusehen, dann träumt er mit seinen großen Augen Musik. Seine Bilder haben für mich etwas Rührendes. Er hat sich die altdeutschen Meister zum Vorbild genommen. Er ist ganz streng, steif streng in der Form. Sein Frühlingsbild, Birken, zarte, junge Birken mit einem Mädchen dazwischen, die Frühling träumt. Sie ist sehr steif, fast häßlich. Und doch ist es für mich etwas Rührendes, zu sehen, wie dieser junge Kerl seine drängenden Frühlingsträume in diese gemessene Form kleidet. Das strenge Profil des Mädchens schaut sinnend einem kleinen Vogel zu; fast ist es eines Mannes Sinnen, fast wäre es eins, wenn es nicht wieder so etwas Gehaltenes, Träumendes in sich hätte. Das ist der kleine Vogeler. Ist er nicht reizend?

Dann ist da noch der Modersohn. Ich habe ihn nur einmal gesehen und da auch leider wenig gesehen und gar nicht gefühlt. Ich habe nur in der Erinnerung etwas Langes in braunem Anzuge mit rötlichem Bart. Er hatte so etwas Weiches, Sympathisches in den Augen. Seine Landschaften, die ich auf den Ausstellungen sah, hatten tiefe Stimmung in sich. Heiße, brütende Herbstsonne, oder geheimnisvoll süßer Abend. Ich möchte ihn kennenlernen, diesen Modersohn.

Nun kommt der Overbeck. Ihn habe ich versucht, fühlend zu sehen. Ich habe ihn aber nicht richtig fassen können. Seine Landschaften sind tollkühn in der Farbe, doch ich glaube, sie haben nicht das Modersohnsche Empfinden.

Hans am Ende kenne ich gar nicht.

Ein Schröder, der augenblicklich in Worpswede ist, gehört, glaube ich, doch nicht zu den »Worpswedern«; er soll sehr »musikalisch« musizieren.

An unserem Mittagstisch der Berliner Maler Klein, ein hübscher Kerl mit weichen, frauenhaften Zügen und feinen, nervösen Händen; im braunen Sammetanzug. Als Künstler kenne ich ihn nicht. In irgend einem Verhältnis zu ihm steht Fräulein von Finck, denn sie duzen sich. Ich war auf sie schon vorbereitet und war also nicht so sehr erstaunt, sie in Hosen zu Tisch kommen zu sehen. Sie interessiert mich. Sie scheint klug zu sein. Sie hat vieles gesehen, ich glaube empfindend gesehen. Sie hat in Paris studiert, wie lange? Mit welchem Erfolg? Ich weiß es nicht, jedenfalls möchte ich rasend gern was von ihr sehen.

Das sind die Priester, die Dir, Worpswede, dienen.

 

Worpswede, Worpswede, Du liegst mir immer im Sinn. Das war Stimmung bis in die kleinste Fingerspitze. Deine mächtigen großartigen Kiefern! Meine Männer nenne ich sie, breit, knorrig und wuchtig und groß, und doch mit den feinen, feinen Fühlfäden und Nerven drin. So denke ich mir eine Idealkünstlergestalt. Und Deine Birken, die zarten, schlanken Jungfrauen, die das Auge erfreuen. Mit jener schlappen, träumerischen Grazie, als ob ihnen das Leben noch nicht aufgegangen sei. Sie sind so einschmeichelnd, man muß sich ihnen hingeben, man kann nicht widerstehn. Einige sind auch schon ganz männlich kühn, mit starkem, geradem Stamm. Das sind meine »modernen Frauen« ... Und ihr Weiden, ihr alten knorrigen Stämme, mit den silbrigen Blättern. Ihr rauscht so geheimnisvoll und erzählt von vergangener Zeit. Ihr seid meine alten Männer mit den silbrigen Bärten; ja, ich habe Gesellschaft genug, meine ganz eigene Gesellschaft, wir verstehen uns gegenseitig sehr gut und nicken uns oft liebe Antwort zu.

Leben! Leben! Leben!

*

Briefe an die Familie

Worpswede, Juli 1897.

Heute morgen hatte ich mir vorgenommen, meinen Pinsel ruhen zu lassen. Ich schnürte den Rucksack und packte mein Mittagsessen und Goethes Gedichte ein und wanderte ins Moor, an einsam von Kiefern umstandenen Bauernhöfen vorüber, durch die unglaublich grünen Hammewiesen, durch rote Heide, an schlanken nickenden Birken vorbei. Wo es am schönsten war, legte ich mich nieder und schaute in die Wolken, dann schlief ich einmal, dann wanderte ich wieder ein Stückchen. In mir klang es voll froher Lieder, es war so friedlich in mir und um mich her.

Als ich heimkehrte, begann ich draußen zu malen, aber der Himmel machte mir einen Strich durch die Rechnung und schickte gewaltigen Regen. Da beschlossen wir, zu Hans am Ende zu gehen, den wir bis jetzt nur flüchtig sahen. Er zeigte uns viele seiner Skizzen und vorzügliche Radierungen. Dazwischen Klingersche Sachen, einen schönen Dürer und Arbeiten der Worpsweder Freunde. Er konnte mit wenig Worten einen ganzen Menschen zeichnen. Alles was er sagte, war nach meinem Geschmack. Die zarte Art, wie er mit seiner jungen Frau sprach, hat mich ganz für ihn eingenommen, ich fühlte, wie er jeden Augenblick mit seinen Gedanken bei ihr war und höre ihn noch »Magdalein« sagen.

Vorgestern abend hatten wir köstliche Stunden bei Heinrich Vogeler im Atelier und Sonntag werden wir bei Mackensen sein.

Das Leben ist beinahe zu schön für

Euer Kind.

Worpswede, Juli 1897.

Ihr Lieben!

Ich bin glücklich, glücklich!

Nur ein paar Zeilen, Euch dies zu melden, denn es schlägt zehn Uhr. Früher konnte ich mich draußen nicht vom Monde trennen ... Gestern und heute malten wir in Südwede an einem ganz blauen Kanal. Am Abend stakten uns die drei Vogeler-Brüder auf der Hamme. In der Dämmerung leuchteten die saftigen Hammewiesen. Dann zogen von Zeit zu Zeit diese ernsten schwarzen Segel mit ihrem unbeweglichen Steuermann vorüber.

Dann kam ganz leise der Mond. Ich dachte an Euch und dann wieder gar nichts, sondern fühlte bloß.

Heute machten wir eine Expedition nach Schlußdorf. Man hielt dort Missionsfeier unter freiem Himmel. Man sah viel feine Männerköpfe, aber die Frauen waren häßlich in ihrer bunten städtischen Kleidung. Dennoch erinnerte das Ganze an Mackensens »Heidepredigt«.

Ganz Worpswede schlummert schon. Nur auf der Kegelbahn gegenüber poltern noch einige unruhige Geister.

Die Nacht ist wundervoll sternenklar.

Heute habe ich mein erstes Pleinairporträt in der Lehmkuhle gemalt. Ein kleines, blondes, blauäugiges Dingelchen. Es stand zu schön auf dem gelben Sand. Es war ein Leuchten und Flimmern. Mir hüpfte das Herz. Menschen malen geht doch über eine Landschaft. Merkt Ihr, daß ich nach einem langen fleißigen Tage todmüde bin? Aber innerlich so friedlich, fröhlich.

 

Mutter, der Fouragezuwachs war herrlich! »Und der leere Kasten schwoll.« Jetzt haben wir genug bis ans Ende unserer Tage ... Mein Sonntag? Morgens Modellmalen an meinem lieben Blondkopf, Anni Brotmann, in der Lehmkuhle. Nachmittags Treffen mit den Vettern und auf gemeinsamer Wanderung reiche Beute an Brombeeren und Motiven.

Ein Abendgang durchs Dorf. Bei Welzel ist Tanzmusik. Wir blicken hinein: Großer Abtanz der Tanzstundenkinder, reizend anzusehen in weißen Kleidern. Der Tanzlehrer, eine urgelungene Fuchsphysiognomie, eröffnet zierlich gespreizt den Reigen.

Wir wandern weiter. Von neuem treffen Paukentöne unser Ohr. Wir gucken zur Tür hinein: Bauernhochzeit. Die Braut druselt unter ihrem Kranz ungefähr ein. Er gähnt. Auf der andern Seite des Saales Bauernquadrille. Im Hintergrund die fürchterliche Blasmusik, rechts die Kuhköpfe.

Beim nächsten Walzer mache ich mit dem Brautvater die Runde. Er brüllt mir beseligt in die Ohren: »Wir beede könnens fein.« Ich nicke nur zu ihm oben hinauf. Hinterher hat man mich sehr ausgelacht, daß wir dort getanzt haben. Das Brautpaar sei ein bißchen dösig, sie hätten vorigen Winter im Armenhaus gesessen und kämen nächsten Winter auch wieder hinein ... Dann machten wir noch einen Abendbesuch in der Hütte gegenüber bei Brotmanns. Es sind ganz arme Leute, aber heute wohnte das Glück in aller Augen. Der älteste achtzehnjährige Sohn war von einer Seereise nach Hause gekommen. Ein fixer, aufgeweckter Blondling. Der erzählte der staunenden Familie von fremden Zonen und Menschen; alle die blonden, blauäugigen Geschwister scharten sich dicht um ihn.

Mutter, hast Du nicht ein bißchen Zeug für die Leute? Die Mädels sind alt: fünfzehn, zwölf, neun Jahr, der Junge vier, und dann gibt's noch ein Baby. Ich möchte der guten Frau gern was bringen.

 

Wieder ist es Nacht, eine schöne, stille, feierliche. Ich habe wieder einen Göttertag hinter mir. Am Morgen malte ich einen alten Mann aus dem Armenhaus, einen Kollegen der alten Olheit. Er saß wie ein Stock mit dem grauen Himmel als Hintergrund.

Das Mittagessen an unserm Weibertisch wird mit großem Appetit eingenommen. Die Hosendamen, es hat sich noch eine zweite hinzugesellt, beweisen ihre Männlichkeit durch jungenshaften Heißhunger. Es macht mir großen Spaß, diese Individuen innerlich und äußerlich zu betrachten. Ich glaube, sie bilden sich wirklich ein, sie seien nicht eitel und gäben nichts auf Äußerlichkeit. Und doch sind sie auf ihre Hosen so stolz wie unsereins auf ein neues Kleid. Ich muß mit dem alten Weisen sagen: Es ist alles eitel.

Ich sonne mich in der Welt und Eurer Liebe!

 

Dank, süße Mutter, für Deinen Kleidersegen! Ich sage Dir, im Hause Brotmann war Freude! Mir tat's wohl, in all die strahlenden Augen zu blicken, die gute Frau drückte mir einmal übers anderemal die Hände.

Ich habe den ganzen Tag gemalt. Erst die Becka Brotmann mit aufgelöstem gelben Haar und angedeutetem Georginenhintergrund. Dann malte ich Anni Brotmann in der Lehmkuhle, wobei uns die Sonne arg zusetzte. Am Nachmittag malte ich Rieke Gefken mit roten Lilien. Ich glaube, das ist meine beste Arbeit, morgen will ich sie Mackensen zeigen.

Gestern wieder ein Stündchen bei Vogeler. Das ist mir immer ein Genuß wie ein hübsches Märchen. Er ist mit seinen Traumaugen zu reizend anzusehen. Er zeigte uns ein Heft mit Entwürfen zu Radierungen von seiner frühesten Zeit bis jetzt, viel feine originelle Dinge. Die Zeit fliegt, fliegt himmlisch dahin für

Euer Kind.

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