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Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 5
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
projectide14e60fd
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Bremen

1897

Die Sommermonate 1897 führen Paula nach Bremen in das Elternhaus zurück. Bedeutsam an dieser Zeit ist ihr erstes Kennenlernen von Worpswede, dem nachbarlich gelegenen Heidedorf, das damals gerade durch seine künstlerischen Entdecker, die Maler Mackensen, Modersohn, Vogeler, am Ende, Vinnen, Overbeck und durch ihre geschlossenen Ausstellungen in der Kunstwelt berühmt geworden war. Vom ersten Augenblick an verfällt Paula dem eigenartigen Reiz der dortigen Landschaft. Sie geht zu Studienzwecken für den Sommer nach Worpswede und kehrt im Herbst noch einmal, zum letztenmal, auf die Berliner Malerinnenschule zurück.

*

Bremen, den 14. Juli 1897.

Meine liebe Tante Marie!

... Ich finde, M.'s Wesen liegt ganz offen schon in ihren lieben Augen und ihrem süßen Mund. Sie ist eine ganz zartbesaitete Natur. Ich schwelgte im Zusammensein mit ihr, aber es kam mir vor, fast wie zu gut für mich. Es war ein zu großer Vorzug, nie geärgert oder gereizt zu werden. Ich muß mich ganz im stillen mit meiner Außenwelt reiben, sonst werde ich untauglich für die Welt, so eine Art Molluske, die ihre Hörner immer einzieht. (Oder hat dieses Tier Fühler?) Einerlei, ich habe mir vorgenommen, meine Hörner oder Fühler zu brauchen, nicht zum Stoßen, sondern zum leisen ruhigen Schieben meines Lebensweges.

Malen, malen, malen geht es mir dann wieder durch den Sinn. Das ist die begleitende Melodie zu meinem jetzigen Leben. Oft klingt es leise, traumverloren, märchenhaft. Das nenne ich meine »Versunkene-Glocke-Stimmung«. Oft laut und fein und groß. Dann möchte ich auf einem hohen Berge stehen und möchte laut, laut schreien. Da ich das aber nicht kann, bin ich innerlich und äußerlich ganz still. Es ist, als ob ich nicht lebte, oder als ob nur meine Seele lebte. Das ist sehr, sehr schön. Man wagt sich kaum zu rühren, um den Zauber nicht zu verscheuchen. Es ist wie die Berge in Abendstimmung. Das war ja immer mein Schönstes; wenn sie groß und ernst still dalagen. Und dann muß ich jetzt auf einmal wieder an meine schönen Stunden auf meinem Stein am Wasserfall denken. Da saß ich wie ein Kind und dachte nur an den blauen Himmel und die weißen Wolken.

Ist es egoistisch, daß ich Dir dies alles schreibe? Ich glaube, Du freust Dich daran, nicht wahr? Ihr müßt mich schon alle mit meinem Egoismus nehmen, ich werde ihn nicht los, er gehört zu mir wie meine lange Nase. Manchmal denke ich, wenn ich als Krüppel geboren wäre, so wäre ich vielleicht anders geworden. Da entsagt man schon mit dem ersten Atemzuge der Lust der Welt. Aber so gibt es so viel Wünsche, die das Herz hört und über die es selbstsüchtig nachdenkt und dabei die Wünsche der andern vergißt. Ob das wohl mit dem Alter besser wird? Das ist meine einzige Hoffnung.

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