Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paula Modersohn-Becker >

Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 4
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
projectide14e60fd
Schließen

Navigation:

Berlin

1896-97

Briefe an die Familie

Berlin, den 16. April 1896.

Also heute hatte ich meine zweite Zeichenstunde, interessant und urkomisch! Ich zeichne eine alte Frau. Mußte den ersten Tag gleich dreimal anfangen, denn Herr A. ist ein strenger Lehrer. Ich begann mit zitternden Händen, denn ich hörte, wie er meine Nachbarschaft heruntermachte:

»Dreck! Dreck! Nicht?« Das arme Opfer hat dann schleunigst »Ja« zu sagen, sonst wirft er die Kohle weg und rennt zur nächsten Staffelei. (So bringt man also Selbsterkenntnis bei!) Beim nächsten Opfer: »Blödsinnig! Nicht?« Und wieder das zerknirschte »Ja«, was er dann meistens in halb singendem Tone wiederholt: Ja-a-a ...

Ich habe eine Angst, daß mir bei gleicher Gelegenheit das »Ja« in der Kehle steckenbleibt, das würde er mir dann für Eigensinn auslegen und fortrennen. Alle guten Geister, steht mir bei! Bis jetzt ist's mit mir noch gut abgelaufen, man muß sich wohl intimer kennen, um jemandem solche Grobheiten an den Kopf zu werfen.

Bei der dritten Staffelei: »Nüscht! Nüscht! Rien! Nichts! Nichts! Mit Andacht arbeiten, mit Passion!« Dabei wischt er mit seiner ganzen Handfläche über die fein säuberliche Kohlenzeichnung, setzt mit dem breiten Daumen ein paar Schatten auf und wischt durch ein Stück Brot ein paar effektvolle Lichter. Dann hat die Sache gleich Schick, genial, eigenartig, flott bis zum äußersten. Das Gute ist, daß er mehr Wert auf die Auffassung, als auf die Mache legt, sonst würde die Sache etwas äußerlich.

Bei der vierten Staffelei: »Mangel an Talent oder Mangel an Fleiß, he? Ganz verfehlt, also?« Dann darf die Ärmste ganz bescheiden auf dieses furchtbare »Also« antworten: »Noch einmal anfangen«. Eine andere wird schrecklich heruntergemacht, weil sie die Windungen des Ohrs, welches sie zeichnet, nicht genug »fühlt«.

Die ganze Sache wirkte auf mich recht beängstigend, aber allmählich so komisch, daß ich mich eines Lachens nicht enthalten konnte. Man strengt sich aber dabei an, natürlich. Heute schien er ziemlich zufrieden mit meiner Zeichnung. Na, zufrieden ist schon zuviel gesagt, denn sie ist ihm viel, viel zu bieder, auch noch etwas hölzern ...

Berlin, den 23. April 1896.

... Die Tage fliegen dahin! Ich habe keine Zeit, mich einsam zu fühlen oder Langeweile zu verspüren. Vier Vormittage der Woche gehören meinem Zeichenunterricht, der bildet jetzt den Inhalt meiner Gedanken. Denn auch, wenn ich nicht in der Stunde bin, denke ich, wie ich dieses oder jenes Gesicht zeichnen würde. So studiere ich auf meinem Wege mit riesigem Vergnügen Physiognomien und versuche, das ihnen Charakteristische schnell zu finden. Wenn ich mit jemandem spreche, so beobachte ich mit Fleiß, was für einen Schatten die Nase wirft, wie der tiefe Schatten auf der Wange energisch ansetzt und doch wieder mit dem Licht verschmilzt. Dies Verschmelzen finde ich das Schwerste. Ich zeichne noch jeden Schatten zu ausgeprägt, ich bringe noch zuviel Unwichtiges auf das Papier, statt das Wichtige mehr herauszubringen. Dann bekommt die Sache erst Leben und Blut, meine Köpfe sind noch zu hölzern und unbeweglich.

Herr A. scheint ein famoser Lehrer zu sein. Er weiß genau, was jeder Schüler leisten kann und verlangt Anspannung aller Kräfte.

»Es ist sündhaft, sündhaft, wenn Sie die Kunst so ohne Andacht behandeln!«

Ich habe bis jetzt zwei alte Weiblein gezeichnet, ein freches mit einem Federhut, und ein müdes, sanftes. Letzteres ist mir besser gelungen. Die Manier ist mir noch so neu, ich fange aber an, eine Ahnung zu bekommen.

Montags und Dienstags zeichne ich bei Stöving. Aber nicht mit derselben Freude, dahinter steckt nicht diese Kraft. Er tadelt nicht stark, lobt aber auch nicht richtig, man weiß nicht, was er gut und was er schlecht findet. Er beschaut nicht die Sache als ein Ganzes, sondern geht auf jeden einzelnen Zug ein. Er bringt keine Begeisterung mit.

Meine beiden freien Vormittage, Freitag und Sonnabend, verbringe ich im Museum. Bei den Deutschen und Holbein bin ich jetzt ganz zu Hause, aber Rembrandt bleibt doch der Größte. Seine himmlischen Lichtwirkungen! Der hat auch mit Andacht gemalt. Erinnerst Du Dich an die »Gesichte Daniels«? Ein rührendes Bild. Man braucht gar nicht fromm zu sein und spürt doch im Anschauen einen Hauch jenes frommen Danielschauders. Der Rembrandt hat es auch weg mit den Schatten, darum interessiert er mich so sehr ... Ich muß schnell zur Ruhe, um all das Reiche, Neue schnell aufzunehmen.

Berlin, den 18. Mai 1896.

Mein lieber Vater!

Jetzt weiß ich mein Glück schon drei Tage! Ich trage es stündlich in meinen Gedanken herum und kann es doch nicht fassen. Ich darf also wirklich meine Zeichenstunde fortsetzen! Ich werde alle meine Kräfte anspannen und soviel aus mir machen wie nur möglich. Ich sehe ein prachtvolles Jahr vor mir voll Schaffen und Ringen, voll augenblicklicher Befriedigung und erfüllt vom Streben nach dem Vollkommenen.

Ich zeichne täglich soviel wie möglich. In meinen Porträts ist manches gelungen, aber auch viel fremdes Übertriebenes.

Wenn ich kein Modell habe, gehe ich in den Garten und versuche in Aquarellfarben zu skizzieren. Oder die große Akanthusstaude. Der Rohbau mit seinen rötlichen und bläulichen Tönen erweckt mir eine riesige Lust zu den Farben.

Dich muß ich auch zeichnen, aber erst, wenn die Polle wieder gewachsen ist. Hast Du Deinen Friseur schon gerüffelt? Tue es, bitte, bitte. Oder gib Dein liebes Haupt einem Besseren, Würdigeren in die Hände. Bei unserem nächsten Zusammensein zeichne ich Dein Porträt, das geht aber ganz gewiß nicht ohne Polle.

... Weißt Du, daß wir in Hamburg waren, ich Glückskind auch? Daß wir Bismarck sahen, unsern alten großen Bismarck? Aber alt ist er geworden, ganz alt. Der Jubelruf des Volkes, den seine Ohren jahrzehntelang freudig aufgenommen haben, wird ihm jetzt lästig. Er winkte leise ab. Sein Auge flog über die Menge, ohne doch zu sehen. Ich reichte ihm eine Rose in den Wagen, er nahm sie und roch daran. Ich war erschüttert. Zum ersten Male sah ich unsern großen, großen Kanzler, aber Schicksal und Alter haben seine Kräfte gebrochen ...

Berlin, den 10. Januar 1897.

Liebsten!

Heute wird aus meinem Sonntagsbrief ein Montagsbrief. Es ging nicht anders. Die Tage haben bei mir viel zu wenig Stunden und die Wochen zu wenig Tage.

Ich kann Euch nur wieder und wieder schreiben, wie gut es mir geht und wie sehr ich Euch danke. Die Wochen sausen. Mir graut es ordentlich. Im Ölmalen habe ich jetzt schon einen ganz winzigen Schimmer. Meine Gemälde werden Euch zu Papas Geburtstag überraschen. Bis dahin müßt Ihr es wieder vergessen. So sehr schön sind sie natürlich noch nicht. Es macht aber doch viel Freude, wenngleich ich unter U. nicht halb so gern male und arbeite wie unter Dettmann, sein künstlerischer Ernst ist nicht so groß. Er macht dem Publikum oft ein X für ein U, wenn es nur hübsch aussieht. In den Stunden ganz Gesellschaftsmann, hier mein gnädiges Fräulein und da mein gnädiges Fräulein, und während er so oft mit Dir spricht, malt er das halbe Bild fertig. Ich habe es ihm aber gesagt, mein drittes male ich ganz allein. Das imponierte ihm halb, halb ärgerte es ihn. Er sieht übrigens aus wie eine Künstlerkarikatur aus den Fliegenden Blättern. Seine Hauptforce sind Wasserfarben, mit denen er sehr flott hantiert. Da will ich denn nächstens meinen Aquarellfarbenkasten bei ihm einweihen.

Bei A. machte ich in letzter Zeit kleine Fortschritte. Der sorgt aber dafür, daß die Tannen nicht in den Himmel wachsen. Wenn er den einen Tag lobt, so bin ich ungefähr sicher, daß er am nächsten Tage zu tadeln findet. Ich bekomme die Kohle immer lieber.

Freitag bei Körte wurde immer meine Rötelzeichnung zur Ausstellung eingefordert. Hier feiere ich immer meine größten Triumphe, bin deshalb bei den Konkurrenten sehr unbeliebt, was mich zu einem hochmütigen Air herausfordert und mir riesigen Spaß macht. Laß das Dein väterliches Herz nicht betrüben, Vater, und laß mich nur gewähren. Innerlich bin ich doch oft noch so zitterig und ängstlich wie in meinen Backfischtagen. Das läßt sich am besten überwinden, wenn man die Nase etwas hoch hält. Auf diese Weise kann man sich auch nur einige aufdringliche »wüschte« Mädels fern halten.

Im Akt geht die Sache ruhig ihren Gang. Ich wurde gestern gelobt, Hausmann fand die Sache recht malerisch, gut in Licht und Schatten, wenn auch noch etwas unklar.

Da habe ich Euch wieder mein ganzes Wochenregister vorgebetet. Wenn ich Euch zuviel Zeichenstunde versimple, schreibt es nur ehrlich, dann will ich Euch zuliebe meinen Gedanken eine andere Richtung geben. Ich kann zum Beispiel Frauenfrage machen, die Stichwörter sind mir schon ganz geläufig. So war ich Freitag nach dem Akt in einem Vortrage: Goethe und die Frauenemanzipation. Die Vortragende, Fräulein von Milde, sprach sehr klar und sehr gut, auch ganz vernünftig. Nur haben die modernen Frauen eine mitleidige höhnische Art, von den Männern zu sprechen wie von gierigen Kindern. Das bringt mich dann gleich auf die männliche Seite. Beinah hätte ich ja die Petition gegen das neue bürgerliche Gesetzbuch unterschrieben. Da hat Kurt mich aber so wütend angeschnoben und mich in meiner ursprünglichen Meinung bestärkt, daß ich Purks die großen Männer ihre Sache tun lasse und an ihre Autorität glaube. Ich muß aber doch über mich und die Welt lachen.

Berlin, den 27. Januar 1897.

Mein Vater!

Ich bin wieder heimgekehrt aus dem lauten Berlin in unser liebes einsames, beschneites Schlachtensee.

Meine Gedanken sind dicht neben Dir, Du mußt sie merken. Sie sehen Dich an und versuchen mit den andern fünf Geschwistern die Falten Dir von der Stirn zu glätten. Es ist ein trauriger Gedanke, daß eigentlich alle erst durch uns dahin gekommen sind. Werden sie durch die frohen Momente, die wir Dir gebracht haben, ausgeglichen? hoffen wir wenigstens, daß in Deinem neuen Jahre deren soviel sein werden, daß sich keine neuen Falten zu den alten gesellen. Punkt acht Uhr morgens an Deinem Geburtstag mußt Du an mich denken. Ich will zu derselben Zeit mit meinen Gedanken fest bei Dir sein. Paß dann mal ganz genau auf, ob Du da nicht den Hauch eines Kusses auf deiner rechten Backe verspürst.

Ich komme wieder mit Köpfen zu Dir, hoffentlich wird Euch die Geschichte nicht langweilig. Es ist ja immer wieder dieselbe Couleur in grün. Das kleine bunte Mädchen ist mein erster Pastellversuch, überwältigend schön ist es noch nicht. Das kleine Quecksilber war aber auch für den Anfang recht schwer, denn es hielt keine Minute still. Bis jetzt besteht mein ganzer Reichtum auch erst aus fünf Stiften. Das kleine Ding hatte blaue Augen, ich aber leider keinen blauen Stift. Als ich gerade über diese grausame Schikane des Schicksals nachgrübelte, hörte ich, wie sich zwei vor mir stritten, ob die Augen blau oder braun seien. Da schlug ich mich denn aus Vernunftgründen zur braunen Partei ... Das lachende Mädel habe ich ganz schnell am zweiten Tage gemacht. Deshalb ist es auch ein bißchen zu sehr geschmiert. Und nun meine drei Landschaften, die Ihr ja niemanden zeigen müßt! da sie noch etwas zu sehr Hummer-Mayonnaise sind.

In der Bahn.
Berlin, den 13. Februar 1897.

Ihr Lieben!

Da komme ich noch schnell in der Bahn auf einen Husch zu Euch, um Euch einen kurzen Wochenbericht zu geben.

Hauptsache ist natürlich mein Ball bei Frombergs. Es war einfach ideal! Das Haus war künstlerisch schön mit Blumen geschmückt. Die dunkel getäfelte Halle sah unter ihren grünen Tannenkränzen mit dem lachenden feurigen Mohn und den Girlanden aus frischen weißen Rosen bezaubernd aus. Das Musikzimmer, das in gelben zarten Tönen gehalten ist, war über und über mit Mimosen geschmückt. Und die einzelnen Tische im Eßzimmer! Auf dem einen lag frischer weißer Flieder, auf dem andern Goldlack; Veilchen, Maiglöckchen, edle Teerosen auf anderen.

Max Grube und die Lindner führten einen Prolog zur Einweihung des Hauses auf. Wir drei Malerinnen hatten lustige Gesellschaft an zwei Malern und zwei Bildhauern. Der Maler Müller-Kurzwelly forderte mich zur Française auf, aber denkt nur mein armes Herze! Ungefähr den ganzen Tanz durch pries er mit strahlendem Gesicht die schönen Augen und die schöne Toilette der uns gegenüber tanzenden jungen Frau des Violinspielers Petschnikow. Das war sehr komisch.

Bis drei Uhr schwebte man im siebenten Himmel, nahm immer Abschied und wurde nicht fortgelassen.

Ich schließe in der Schule. Es ist Pause, um mich herum summt und surrt es wie ein Bienenkorb. Es wird ein Klassenausflug geplant. Jeder brennt darauf, der versammelten Gesellschaft einen besonders schönen Vorschlag zu machen. Ich trompete immer »Schlachtensee«, weil ich dort zu Hause bin.

Aber die Pause ist aus und ich muß zu meinem kleinen Backfischmodell zurückgehen.

Berlin, den 20. Februar 1897.

Ihr Lieben!

Ich sitze in der leeren Klasse, um Euch zu schreiben. Ich bin nämlich in der Schule, es ist vor der Stunde. Ich möchte die Tage meines Hierseins versechsfachen können, ich merke, ich bin gerade im Lernen.

Die Farben fangen an, mir himmlisch zu tagen, ihre Verwandtschaft, ihr Charakter und vieles, was sich einfach nur fühlen läßt, gar nicht sagen. Meine neue Lehrerin Jeanne Bauck nennt es auch ein physisches Wohlbehagen. In diesem Wohlbehagen schwebt nun Euer Kind alle Tage.

Fräulein W., die talentvollste aus der Klasse, und ich regen uns immer gegenseitig auf. Wenn einer eine schöne Farbe auf der Palette oder der Leinwand hat, so muß er es dem anderen zeigen. Ich fühle mich jetzt auch so heimisch in der Klasse und bin froh, daß sie mich gern haben. Wie oft sagt eins: »Beckerchen, was werden wir ohne Sie machen?«

In der Pause machen wir ordentlichen Schululk, man kann hinterher noch einmal so gut arbeiten. Es sind alles besondere Mädel, in irgendeiner Richtung muß man vor jeder Respekt haben ... Das ist mein Leben, an dem mein Herz mit allen seinen Fasern hängt, auch wenn ich nicht hier bin, sind meine Gedanken doch hier. Vielleicht bin ich dadurch etwas einseitig. Ich glaube aber, wenn man es zu etwas bringen will, so muß man seinen ganzen Menschen dafür hingeben.

Berlin, den 5. März 1897.

Ihr Lieben!

... Nun erst die Neuigkeit von der Schule. Ich habe die Landschaftsstunden aufgegeben und arbeite nun die ganze Woche Porträt. Ich bin in der Malklasse, die außer mir noch die fünf tüchtigsten Porträtmädchen enthält. Ich will natürlich noch zeichnen, denn das sehe ich an den begabten Mitschülerinnen, wie es bei ihrem Malen oft noch beim Zeichnen hapert. Das mochte sich Fräulein Bauck auch gedacht haben und so läßt sie ganz einfach und energisch uns alle zeichnen. Dieser ruhige Wille, mit dem sie das bei einer neuen Klasse durchsetzte, hat mir imponiert. Als es nun ans Zeichnen ging, denkt Euch, welcher Schreck, war keiner von all den Köpfen richtig. Das Modell hatte eine so schwere doppelte Neigung, ein wenig nach links und ein wenig nach vorn. Dieses Wenige auszudrücken, war uns allen nicht gelungen. Wie sie da jeder von uns eine kleine Skizze machte und uns die Hauptmomente der Neigung vormachte, war famos. Sie ist überhaupt sehr für das Gründliche. Wir verstehen sie noch nicht ganz. Ich glaube, sie will uns eine ganz andere Art zu zeichnen beibringen, keinen Strich durften wir machen wie wir wollten, sondern alles was sie wollte. Dieses Arbeiten mit gebundenen Händen ermüdet furchtbar, man hat das Gefühl, man kann gar nichts. Das Ergebnis war natürlich auch schlimm, so daß die meisten Köpfe ins Feuer wanderten.

Ihr wollt wissen, was sie für eine Persönlichkeit ist? Nun erst das Äußere. Da sieht sie, wie leider die meisten Künstlerinnen, recht ruppig-struppig aus. Ihr Haar, das in seiner Jugend wohl wenig Pflege genossen hat, gleicht mehr gerupften Federn. Ihre Figur ist groß, dick, ohne Korsett, mit einer häßlichen blaukarierten Bluse. Dabei hat sie aber ein paar lustige helle Augen, mit denen sie die ganze Zeit beobachtet und, wie sie mir nachher sagte, mit denen sie immer senkrechte und wagerechte Linien in meinem Gesicht zog. Daraus möchte man fast schließen, daß ihr Zeichengenius größer ist als ihr Malgenie, denn dann würde sie doch mehr an die Farben denken. Ich weiß aber noch gar nichts und werde erst in den nächsten Wochen einige ihrer Bilder bei Schulte sehen. Bis jetzt ist sie mir noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Berlin, den 14. März 1897.

Nach einem schweren Arbeitsmorgen sage ich Dir, lieber Vater, tausend Dank für den schönen Pastellkasten. Ich muß den Blick immer wieder über die schön getönten Stifte gleiten lassen und brenne darauf, ihn einzuweihen.

Mir sitzt jetzt ein kleiner ungarischer Mausfallenjunge, der kein Wort Deutsch versteht, den man deshalb auch nicht ausschelten kann, wenn er morgens eine halbe Stunde zu spät kommt. Es geht aber lustig, ihn zu zeichnen.

Am Donnerstag war ich zum ersten Male nach der Stunde bei den Kupferstichen. Ich war schon ein paarmal früher an der Glastür, aber die unheimliche Feierlichkeit dahinter schreckte mich stets zurück. Gestern nahm ich mir ein Herz und trat ein, mich eigentlich als Eindringling in das Allerheiligste fühlend. Ein Bedienter trat an mich heran und drückte mir lautlos einen Zettel in die Hand, auf den ich mein Begehr schreiben mußte: »Michelangelo, Handzeichnungen« ... Er brachte mir eine Riesenmappe. Ich war ganz gierig auf die schönen Blätter. Nebenbei hätte ich mir als einziges Weiblein unter dieser mächtigen Männlichkeit am liebsten eine Tarnkappe aufgesetzt. Dann vergaß ich aber die leidige Welt über Michelangelos gewaltigem Linienzug. Diese Beine, die der Mensch zeichnet!

Abends im Akt hatten wir einen famosen Kerl. Zuerst, wie er so dastand, bekam ich einen Schreck vor seiner mageren Scheußlichkeit. Als er aber eine Stellung einnahm und plötzlich alle Muskel anspannte, daß es nur so auf dem Rücken spielte, da ward ich ganz aufgeregt ... Ihr Lieben, daß ich das haben darf! Daß ich ganz im Zeichnen leben darf! Es ist zu schön. Wenn ich es nur zu etwas bringe. Aber daran will ich gar nicht denken, das macht nur unruhig.

Neulich erlebte ich etwas Spaßiges: Mutter, Du nahmst doch den weiblichen Akt mit dem schönen, schwarzen Haar nach Bremen. Dies selbe Wesen zeichnete ich auch bei Fräulein B. Sie trug ein schwarzes Kleid mit weißem Kragen wie ich, nur war das ihre von schickerem Sitz. Ihren hübsch beschuhten Fuß streckte sie so kokett heraus, daß ich meine etwas schrummeligen Untertanen bescheiden einzog. Als die junge Dame mit den sanften Taubenaugen zum zweiten Male erscheint, hat sie sich statt der schwarzen Mähne schönes kastanienbraunes Haar zugelegt. Erzählte irgendeine Fabel von Haarwaschen und sich in der Flüssigkeit vergriffen haben. Ich aber dachte in meinem stillen Sinn: »Ja, die Welt, die Welt!«

Berlin, den 3. April 1897.

Ihr Lieben!

Da ist mein Sonnabend schon wieder! Meine Woche war diesmal sehr erlebnisreich. Am Sonntag ging ich zu N.s zur Probe des Stückes, in welchem mitzuwirken ich versprochen habe. Jetzt wünschte ich mir aber lieber meine freie Zeit zurück, denn ich habe Frau N. nicht gern, das Stück nicht gern, und den umarmenden Assessor nicht gern.

Vater, mache keine Sorgenfalten, daß ich so viel Antipathien in einem Moment besitze! Ich gehe groß und heldenhaft dagegen an, indem ich Frau N. anlächle, das Stück schon gelernt habe und den Assessor treulich umarme. Letzteres allerdings mit einem heimlichen Fluch.

Montag war ich bei Du Bois Reymonds. Lucie sprach über ihre Bremer Tätigkeit und zeigte mir einige der dort angefertigten stilisierten Muster. Dann kam ein feines Gespräch über Zeichnen und Malen. Sie sind gar nicht modern und verteidigen sehr die Kontur.

Bei Hausmann haben wir jetzt ein sehr drolliges Modell, eine echte Berliner Portiersfrau mit den dazugehörigen Redensarten. Sie hat noch nie Modell gesessen, wir haben sie, in Ermangelung eines besseren, von der Straße aufgegriffen. Als wir sie anredeten, blickte sie entsetzt an ihren malerisch verblichenen Kleidern hinunter und meinte, sie müsse sich doch erst fein machen. Als sie zum zweitenmal kam, hatte sie wirklich eine unausstehlich blanke neue Schürze umgebunden. Es war zu komisch, welch einen Einfluß das Sitzen auf dieses cholerische, schnellatmige Weiblein hatte. Nach einer Stunde rief sie schon aus: »Nee! Ick hatte immer jedacht, dat Nichtstun wär' das Schönste, es is ja aber viel, viel schlimmer als Arbeeten!« Nach dem ersten Tag verließ sie die Bildfläche mit den großen Worten: »Lieber drei Stuben scheuern!«

Berlin, den 30. April 1897.

Bei prachtvollem Sonnenschein bin ich aufgewacht und habe mich schon die ganze Zeit der schönen Erde gefreut. Es lacht alles und grünt und blüht, da muß man selbst mit lachen. Aber heiß ist es auf einmal geworden, sommerlich heiß. Das Aktmodell fragt ganz naiv, ob wir es nicht wegen seines leichten Kostüms beneideten. Meine freie Zeit brauche ich, um immer weiter fröhlich zu skizzieren. Es ist ja ein Genuß, in dieser Götterluft zu sitzen, vor sich die schlanken zarten Birken. Und Anerkennung strömt mir dabei in vollem Maße zu. Hauptsächlich sind die Bahnwärter meine Gönner. Der eine sagte neulich ein übers anderemal: »Kinners, Kinners, dat is Kunst!!!« ... Zwar muß ich hinzusetzen, daß er sich zuerst vorsichtig erkundigte, ob das, was ich malte, die Birken seien.

Modelle bieten sich haufenweise an. So rief neulich einer von drei lustigen Arbeitern, die meinen Stand passierten: »Freilein, woll'n Se uns drei Gräbse nich ooch molen?« Einen habe ich auch mal beim Wort genommen, aber sie haben keine Modellausdauer, der Witz beginnt bald, ihnen langweilig zu werden.

Unterdessen ist es Abend geworden. Der Himmel läßt sein Licht noch so hell leuchten, daß ich in meiner Epistel an Dich fortfahren kann, mein Vater. Ich habe einen schönen Arbeitstag hinter mir, der durch einen prachtvollen Botticelli-Genuß in den Kupferstichen unterbrochen wurde. Hier in Berlin sind die Originale zu seinen Dante-Illustrationen. Jedes Bild behandelt einen Gesang, und es ist mir sehr interessant, wie die sonderbaren Phantasien Dantes von einem großen Volksgenossen aufgefaßt werden ... Es wird mir doch zu dunkel, mein Lieber, ich will in Gedanken bei Dir weilen und mir dabei den schönen Abendhimmel betrachten, die Sonne ist prachtvoll untergegangen.

Berlin, den 7. Mai 1897.

... Ein rechter Maitag mit Blütenpracht und Vogelgezwitscher, aber eine scheußliche Anzahl von Elstern, deren Tage jetzt nach Onkel Wulfs Ankunft gezählt sein werden, und Maikäfer schwirren herum, daß es nur eine Art hat.

Ich freue mich stets auf meine Stunden bei Jeanne Bauck. Nachdem ich mich an ihre »Wüschtigkeit« gewöhnt habe, mag ich sie gar zu gern ansehen. Ihre Züge sind gerade so interessant wie ihr Malen. Ich kann mir immer wieder den kleinen pikanten Bogen ihres Nasenloches anschauen. Ihr Mund hört so nett plötzlich auf, gerade als ob der Herrgott plötzlich mit einem feinen Pinselstrich darüber gefahren wäre. Bei ihr male ich also und ich liebe die saftigen Ölfarben aus ganzer Seele.

Kürzlich besuchte ich Jeanne Bauck in ihrem Atelier. Es gibt für mich nichts Schöneres, als ein Atelier zu betreten, dann bekomme ich viel frömmere Gedanken als in der Kirche. Mir ist dann innerlich so still und groß und wunderschön zumute. Es hingen famose Sachen im Atelier, Porträts und Landschaften, eine große einfache Auffassung in jedem Bild und doch nicht manieriert; fein, fein!

Berlin, den 14. Mai 1897.

... Ihr Lieben! Wieder Bleistift. Ich fürchte, Ihr bekommt von mir auch nichts Besseres zu sehen, bis Ihr mich in Euren Armen haltet. Ich mache schon Pläne, wie ich Euch in meinen langen Ferien abkonterfeien will und denke schon tief über die Hintergründe nach, denn das ist eine große Sache. Ich liebe die Ölfarben. Sie sind so saftig und kräftig, es arbeitet sich herrlich damit nach dem schüchternen Pastell. Herma denke ich mir als Versuchsobjekt. Blast der kleinen Seele nur schon recht viel Sitzgeduld ein.

Bei Hausmann habe ich gestern auch in Öl angefangen. Er läßt ganz anders arbeiten als Jeanne Bauck. Während diese das höchste Licht als Norm annimmt und von da in den Schatten arbeiten läßt, geht Hausmann vom Schatten aus. Je tiefer Du den einsetzest, um so heller muß auch das Licht sein. Rembrandt erzielte doch so kolossale Lichterfolge, das kam von der Tiefe seiner Schatten. Die lebende Haut hat aber im Licht so etwas Blendendes, Leuchtendes, daß man sie gar nicht hell genug angeben kann.

Ich habe wieder einen feinen Tag hinter mir. Morgens mein altes Männlein in Öl bei Hausmann, zu Tische bei G.s, und um 4 Uhr besuchte unser Trio den jungen Bildhauer W. Er hat für jede von uns einen kleinen Faun geknetet und wir kamen, um sie abzuholen. Er ist ein riesig einfacher Mensch, dem es nicht im geringsten einfiel, uns die Kur zu schneiden. Aber das war es gerade, was mir so gefiel. Und nun sitze ich vergnügt mit meinem Fäunchen daheim.

Seid alle umarmt von

Eurem glücklichen Malkinde.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.