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Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
projectide14e60fd
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England und Bremen

1892-93

Die Jungmädchenzeit Paulas wird durch eine Reise nach England, die ein erstes längeres Entferntsein von zu Hause brachte, eingeleitet. Paula hält sich dort den größten Teil der Zeit auf einem Landgut bei London auf, dessen Herrin eine Schwester ihres Vaters war, die in ihrem Briefwechsel oft vorkommende »Tante Marie«. Ein Nebenzweck des fast einjährigen Aufenthaltes waren die Malstunden in London, womit sie ihre frühen, rein schülerhaft dilettantischen Bremer Studien auf diesem Gebiet fortsetzte.

*

Willey, den 9. September 1892.

Tante Marie denkt, ich hätte Euch von meinen Malstunden geschrieben, als ob ich ein großer Künstler wäre; leider muß ich gestehen, daß das bis jetzt noch nicht der Fall ist. Ich wage noch nicht einmal, Euch Proben meines Pinsels zu schicken.

London, den 21. Oktober 1892.

Ich fange beim Neuesten an. Tante Marie und ich kommen eben von einer school of art, in die ich Montag eintrete. Ich habe dort alle Tage Stunden von 10-4 Uhr. Zuerst zeichne ich nur, und zwar ganz einfache Arabesken usw. Mache ich darin Fortschritte, so zeichne ich in Kohle nach griechischen Modellen. Ich sah einige Venusse, ich sage Euch, ganz bezaubernd, die Schatten so weich. Sollte ich noch weiter kommen, so zeichne und male ich nach lebendigen Modellen. So weit hoffe ich aber gar nicht zu kommen, ich bin schon froh, wenn ich eins von den Griechenwerken in Kreide zeichnen kann. Wir sind im Atelier Damen und Herren, fünfzig bis siebzig, die meisten bilden sich zu Künstlern aus. Ich bin, denke ich mir, die Jüngste, und ich denke mir, ich passe nicht so recht unter diese Talente. Aber es ist doch wieder gut, wenn ich sehe, daß ich am weitesten zurück bin und wie weit ich vielleicht gelangen könnte; das spornt auch meinen Ehrgeiz an. Am Montag fangen die Stunden an, ich bin Onkel Charles so dankbar dafür.

London, den 28. Oktober 1892.

Was meine Gedanken jetzt am meisten beschäftigt, sind natürlich die Zeichenstunden. Der Hauptlehrer ist Mr. Ward, mittelältlich, spricht furchtbar schnell, weil er sonst gar nicht Zeit genug hat, alles zu sagen, was er will. Er gibt famose Stunden und lobt niemals. Er hat aber so furchtbar viel Schüler, daß er gar nicht alle Tage nach jedem sehen kann, bei mir war er erst dreimal. Die andern Tage vertreten ihn Unterlehrer. Ich wünschte, Ihr könntet einmal einen Blick ins » antiqua room« werfen. Wenn ich Zeit hätte, würde ich mich immer nur umgucken und verfolgen, wie sich die Zeichnungen von Tag zu Tag der Vollendung nahen. Die Damen haben alle bauschige Schürzen um und sitzen auf furchtbar hohen Böcken, noch höher als Comptoirstühle, vor ihren Staffeleien. Ich habe mir lieber eine niedrige männliche Staffelei gewählt, denn diese Höhe ist zwar himmlisch künstlerisch, aber für mich armen Sterblichen doch zu gefährlich. Heute habe ich ein Auge mit Umgebung gezeichnet, das war zwar nicht » antiqua«, aber doch furchtbar häßlich. Im Anfang ist alles dreimal über Lebensgröße ...

London, den 10. November 1892.

Heute habe ich furchtbar viel Zeit, denn denkt Euch, heute ist ein echter Londonnebel, und im Atelier herrschte eine solche ägyptische Finsternis, daß man nichts sehen konnte, und bei Licht kann man die Gipse ja nicht zeichnen, weil dann die Schatten anders fallen. Ich habe einen dreiviertel Stunden langen Weg, den wollte ich natürlich nicht umsonst zurückgelegt haben und so ging ich ins Zimmer, wo das lebendige Modell sitzt, es war ein Mann, als Mönch gekleidet. Ein feines, entschlossenes Gesicht. Ich spannte auf mein Zeichenbrett einen frischen Bogen und setzte mich an meine Staffelei; aber dabei ließ ich es auch bleiben. Ich kriegte nämlich auf einmal solch einen Schreck, wie ich mich unter all den Künstlern sah, daß ich meinen Schwanz einkniff und davonschlich. Tante Marie wunderte sich, daß ich überhaupt den Mut hatte, mich dahin zu setzen ...

London, den 18. November 1892.

... Nun noch über meine Zeichenstunden. Ich sammle mir jetzt wieder einen Stoß Zeichnungen und dann schicke ich sie Euch. Heute sah ich, wie meine Nachbarin einen Schädel zeichnete. Sie hantierte damit wie mit einem Schnupftuch, mir lief schon beim Ansehen eine Gänsehaut über den Rücken. Eine andere zeichnet ein Gerippe. Da nimmt sie die Rippen 'raus und beguckt sie sich in der Nähe, steckt sie wieder an ihren sicheren Platz, alles in größter Gemütsruhe. Nee, so weit möchte ich doch nicht kommen.

*

Diese englische Tante Marie war eine bedeutende, bis zur Härte fest umrissene Persönlichkeit mit stark betonten pädagogischen Grundsätzen. Ihre Art, die für manche Naturen zunächst eine widerständige Art war, und die ungewohnten Formen eines feudal gehaltenen englischen Lebens machten für die kindlich junge Paula das Jahr in England zu einem zwiespältigen: ganz hingegeben genießt sie die reizvollen Landschaftseindrücke und die mächtigen Bilder Londons, die häuslichen und gesellschaftlichen Freuden und die »himmlischen« Reitstunden, die in ihren Briefen den Zeichenstunden Konkurrenz machen, und innerlich reibt sie sich dabei an einem Fremd- und Unverstandensein wund. Es war ein erstes intensives Zusammenstößen mit der »Welt«.

*

Bremen, den 5. Mai 1893.

Meine liebe Tante Marie!

Ich bin so glücklich, daß ich wieder deutsch schreiben darf, ich kann mich im Englischen doch nur ganz dröge und gesittet ausdrücken, das finde ich so furchtbar langweilig. Jetzt sitze ich nun an Tante Minchens Sekretär und ich kann mir so himmlisch einbilden, es wäre wie in alten Zeiten, wo ich noch Dein gutes Kind war. Ich will es jetzt wieder sein und versuche Du nur, die ganze Zeit, wo ich in England bei Euch war, zu vergessen; wenigstens vergiß den schlechten Eindruck, den Du von mir hast. Ich bin nicht so, ganz gewiß nicht. Du hältst mich für äußerst egoistisch. Darüber habe ich so oft nachgedacht und richtig nach dem fürchterlichen Egoismus gesucht. Ich kann ihn nicht finden. Ich habe gefunden, daß ich herrschsüchtig bin und daß ich ganz ans Regieren gewöhnt bin. Aber alle unterwarfen sich mir und weder sie noch ich merkten etwas davon. Ich fand es auch in der Schule ganz selbstverständlich, daß mein Wort das durchschlagende war. Aber hat das etwas mit Egoismus zu tun? Und wenn, könnte ich es helfen?

Jetzt und früher wurde ich fast immer von Mama gelobt, oder wir sahen es als ganz selbstverständlich an, daß ich nicht viel Tadelnswertes tat. Ich kam zu Dir. Ich sah, daß ich fast in allem Dich nicht befriedigte, oder Deine Hoffnungen vereitelte. Nun habe ich eine ungeheure Portion Stolz bekommen. Ja, konnte ich denn dies alles ertragen? Ich verzogenes Kind, konnte ich mich an das alles gewöhnen? Jedesmal, wenn ich Deine Unzufriedenheit sah, wurde ich unglücklicher.

Dann kam eine Zeit, da hatte ich Angst vor Dir, das habe ich bis jetzt vor niemandem gehabt. Ich verschrumpfte mehr und mehr in mich selbst, ich wurde ein lebender Eisklumpen, der nichts von sich gab und für nichts ein glühendes Interesse oder Verlangen fühlte. Und das muß ich haben.

Diesen Eindruck hast Du von mir. Ich bin nicht so, ich kann mir nicht denken, daß ich so war, ich bin mir selbst das größte Rätsel. Ich bin, wir alle sind nicht an Unterordnung gewöhnt. Mit Mama spreche ich wie zu einer Freundin. Du verlangst es anders. In Willey fand ich das Fächerarrangement in morning-room so hübsch. Ich sagte es Dir, Du fandest es eine Überhebung. So behielt ich künftighin meine Kritik. Aber ich hatte so ein sonderbares Gefühl, wie Du mich schaltest. Setzt Mama eine Vase hübsch ein, so sage ich es ihr und wir freuen uns noch einmal darüber. Dadurch ist man sich so nah. Ich will nur sagen, es war mein Schicksal, daß ich so war. Ich bin so anders erzogen und fühlte so oft, daß ich Dich betrübte, ohne es zu wollen. Eben, dann habe ich meinen Stolz, er hat mich vor vielem bewahrt. Wenn ich mir sagte, das ist Deiner unwürdig. Mein Stolz ist mein Bestes. Nun kann ich aber nicht Demütigungen ertragen. Dann werde ich ganz lebensmüde. Mein Stolz war meine Seele. Aber er zeigte sich jetzt nur von seiner schlechten Seite. Nimm mich wieder als Deine Paula von früher an, das andere ist ja nur mein Zerrbild. Ich fühle es.

*

Nach der Rückkehr von England steht die siebzehnjährige Paula vor der Frage des zukünftigen Lebensberufes, beziehungsweise vor der Vorbereitung auf ihn. Der Tag ist da, wo ihre Sehnsucht als Bitte laut wird: laßt mich Malerin werden! Es wird ihr vom Vater abgeschlagen mit der Begründung, daß man befürchte, ihre äußerlich und innerlich immerhin zarte Konstitution sei für die Anstrengungen des künstlerischen Studiums und mehr noch für den Kampf des Sichdurchsetzens in der Kunst nicht gemacht; es fehle ihr die dazu notwendige Energie. An Stelle der Kunstschule und des Ateliers wird das Bremer Lehrerinnenseminar der Schauplatz ihres Arbeitens und Strebens. Paula nimmt die Sache sehr ernst. Nach den für die wissenschaftliche Vorbereitung vorgeschriebenen zwei Jahren steht sie nach sehr gut bestandenem Examen wiederum vor dem Vater: jetzt ist der Beweis der Energie von ihr erbracht. Die Erlaubnis zum Studium der Malerei wird erteilt. Im Herbst 1896 geht Paula nach Berlin, das Haus ihres Onkels Wulf v. Bültzingslöwen und seiner englischen Frau in Schlachtensee wird ihr mit geringen Pausen für die Dauer ihrer Berliner Studienjahre eine zweite Heimat.

*

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