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Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 18
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
projectide14e60fd
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Worpswede

1905-06

Briefe an die Familie

Worpswede, 11. April 1905.

Liebe Mutter, das Nachhausekommen war wunderschön. Für unser weißgestrichenes Verandadach mit den grünen Christelbändern und für die üppigen neuen Stuhlkissen danke ich Dir vielmals. Der kleine helle Raum machte mir vielen, vielen Spaß. Ich danke Dir überhaupt, daß Du in der Zeit, da ich in der Welt herumflog, meine Stelle so lieb vertreten hast. Du hast mir dadurch ermöglicht, den Inhalt meines Lebens zu erweitern. Ich sehe diese Pariser Reisen an als Ergänzung meines hiesigen etwas einseitigen Lebens und ich fühle, wie dieses Untertauchen in eine fremde Stadt mit ihren tausend Schwingungen nach zehn ruhigen Worpsweder Monaten mir ungefähr Lebensbedürfnis wird.

Die Natur hat in diesen zwei Monaten geschlafen. Die Birken wollen noch nicht grün werden, im Grase schimmern verstohlen die Anemonen und heute habe ich mir zwei Veilchen aus unserem Garten an die Brust gesteckt. Es ist merkwürdig, wie der Reiz des hiesigen Frühlings grade in seiner Spärlichkeit beruht.

Heute habe ich alle meine Modellkinder aufgesucht, und, merkwürdigerweise war in alle den vier Häusern, in die ich hineinguckte, ein neuer Hinnerk oder eine Metta angekommen. Ich blickte ordentlich neidisch auf all dies zappelnde neue Leben.

Worpswede, den 7. Juni 1905.

Meine liebe Tante Marie,

ich habe Dir schon gleich schreiben wollen, als ich hörte, Du lägest im Bett. Nun habe ich es so lange verzögert, und ich muß sehr hoffen, daß Du schon wieder aufgestanden bist und diesen schönen Sommeranfang mit hellem Herzen wieder in Dich eingehen lassen kannst. Ich habe so ein starkes Gefühl, daß Gesundheit die Hauptsache ist, und bin so sehr froh und dankbar, daß wir bis jetzt damit gesegnet sind.

Von uns ist das Gewöhnliche zu melden, es geht uns sehr gut. Elsbeth geht hier jetzt in die Dorfschule und kann schon die unmöglichsten Wörter schreiben und die Schöpfungsgeschichte erzählen, auch 2-1 rechnen, so daß die Fundamente zu ihrer Kulturmenschwerdung gelegt sind, was ihr bis jetzt noch Freude macht. Außerdem hat sie ein weißes Kaninchen, das sie an seinen langen Ohren hin- und herschleppt, und dem sie unentwegt Futter pflücken muß, indessen ich, wenn ich nicht male, schlafe oder esse, zwei hungrigen Elstern die Kehlen vollstopfe. Otto zieht währenddessen herum mit einem Glashafen voll Laubfrösche, denen er Brummer fängt und einem anderen Glashafen voll Molchen, Wasserkäfern und Fischen, denen er eigentlich Regenwürmer fangen sollte, was er aber schlecht kann. Außerdem fangen in unserem Garten die Rosen und Nelken zu blühen an, was für ihn und uns immer eine schöne Zeit bedeutet. Außerdem ist Malen eine schöne Kunst, die schwer geht.

Das ist so ungefähr der Stand der Dinge hier.

Worpswede, den 26. November 1905.

Meine liebe Mutter,

die paar hellen Tagesstunden, die jetzt nur noch uns scheinen, sind vorüber, ich habe mein kleines Aktmodell weggeschickt und mein Lämpchen angesteckt mit dem Vornehmen und dem Vorsatz, meine Schreib-»Idiosynkrasie« zu überwinden. Dein großer, langer Grauer und Dein zweiter Grauer hatten in mir auch den Willen zur Tat geweckt ...

... Des Morgens male ich jetzt Clara Rilke im weißen Kleid, Kopf und ein Stück Hand und eine rote Rose. Sie sieht sehr schön so aus und ich hoffe, daß ich ein wenig von ihr hineinbekomme. Neben uns spielt dann ihr kleines Mädchen, Ruth, ein kleines, molliges Menschenkind. Ich freue mich, auf diese Weise mit Clara Rilke öfter zusammenzukommen. Sie ist mir trotz allem von allen noch die liebste. Sie hat drei bis vier Wochen ganz dicht neben Rodin gewohnt und ist noch sehr unter dem Eindruck dieser Persönlichkeit und seiner einfach großen Aussprüche. Rilke, als Rodins Sekretär, bekommt da nach und nach Europas Intelligenz zu sehen.

Otto malt, malt, malt. Wir haben auch so viel verdient, daß wir vielleicht nach Weihnachten mit einem kleinen Haken nach Schreiberhau zu Euch reisen können. Das wäre sehr hübsch. Im ganzen habe ich wieder meinen Winterschlaf angetreten mit allerhand Sehnsuchtsgefühlen, vielleicht auch deshalb meine Schreibunlust. Im stillen plane ich wieder einen kleinen Ausflug nach Paris, wofür ich mir schon fünfzig Mark gespart habe. Dagegen fühlt Otto sich urgemütlich. Er braucht das Leben nur als ein Ausruhen von seiner Kunst und kommt immer auf seine Rechnung. Ich habe von Zeit zu Zeit den starken Wunsch, noch etwas zu erleben. Daß man, wenn man heiratet, so furchtbar festsitzt, ist etwas schwer ..

Worpswede, den 6. Dezember 1905.

Liebe Milly,

wir führen hier ein reichbewegtes Leben und ich will Dich etwas davon merken lassen. Also: erstens hast Du uns drei jeden Donnerstag abend als Stammgäste von Wetzels Kegelbahn zu denken. Die beiden Ehepaare Vogeler, Ehepaar Krummacher, Ehepaar Hartmann und unsere rötliche Wenigkeit. Ich bin sehr stolz auf Ottos Kraftäußerungen, viermal an einem Tag das ganze »Regiment«. Ich benehme mich dagegen diskreter. Da Schneider Ranke in Ottos graue Hose einen etwas helleren Hosenboden eingesetzt hatte, mußte ich die letzten Augenblicke, vor denen wir gingen, meine Malkünste an ihm üben. Der Flicken wurde der übrigen Hose äußerst ähnlich, welche Talentprobe Ottos und mein Herz erfreut.

Vergangene Woche hatte ich zwei Theaterabende in Bremen. Die Eysoldt aus Berlin gastierte in »Elektra« von Hofmannsthal und in Wildes »Salome«. Sie leistete allerhand Feines und Individuelles, sehr sensitiv Durchgebildetes. Die übrigen Mannschaften waren abscheulich.

Frau W. lieh mir die Wagner-Wesendonkschen Briefe, denen ich mich aber ebenso fern fühle, wie neulich dem »Tristan und Isolde«. Meine Seele oder vielmehr mein Körper und meine Nerven sträuben sich gegen diese hypnotisierende Musik; trotz seiner deutschen Stoffe halte ich doch Wagner für undeutsch. Ich bitte dieses Urteil zu entschuldigen. Ich bekam es mehr instinktmäßig, bin aber so weise und so alt geworden, daß ich solche Sachen nicht mehr ausspreche.

In der Malerei suche ich in den wenigen hellen Stunden, die uns der Winter bringt, dem ewig sich erneuernden Ziele nahezukommen. Ganz abgesehen davon, daß man Talent hat oder nicht, finde ich doch Kunst sehr schwer.

Wir bekamen heute eine telegraphische Einladung zum Schreiberhauer Winter. Vielleicht rutschen wir nach Weihnachten einmal herüber. Außerdem freuen wir uns auf eine retrospektive Jahrhundert-Ausstellung in Berlin mit Sammlungen von Leibl, Marées, Feuerbach usw.

... Bei uns ist der graue Dezemberhimmel mit Nebel, Regen und Tauwinden. Elsbeth prünt mit Schmerzen und mit Freuden an einer Weihnachtsarbeit für Dich, glaubt fester denn je an den Weihnachtsmann.

Leb wohl, geliebte Schwester. Otto sitzt Modell bei Clara Rilke ...

Worpswede, den 17. Januar 1906.

Meine liebe Milly,

nun sitzen wir wieder zu Hause in unserem braunen Wohnzimmer bei der Lampe.

Wir haben eine wunderschöne Reise hinter uns. Im Riesengebirge bei Hauptmanns haben wir Schnee und Winter erlebt. Die Landschaft, die im Sommer gar nicht so stark zu uns gesprochen hatte, wirkte prachtvoll! Großartig und ernst lagen die weißen Berge unter dem wolkigen Himmel, der sie teils einhüllte. Dann war bei Hauptmanns ein lieber, interessanter Kreis. Der Bürgermeister Reicke und seine Frau und der Soziologe Sombart, da gab es dann bei Tisch und Nachtisch immer interessante Debatten unter den Männern. Alle diese studierten Leute wirkten so anders als die Maler, mit denen wir gewohnt sind, umzugehen. Es kam viel Feines dabei heraus, hauptsächlich wenn Hauptmann und Sombart gegeneinander zu Felde zogen. Die Tagesstunden wurden dann ordentlich zum Schlitteln gebraucht, es ging prachtvoll, diese Berge herunterzusausen.

Schließlich brachte uns Berlin noch eine Fülle von Bildeindrücken. Otto und ich sahen zum ersten Male das Kaiser-Friedrich-Museum und fanden da viele uns noch ganz unbekannte Kunstschätze. Dann findet in Berlin eine Ausstellung der Maler des letzten Jahrhunderts statt. Sie war noch nicht eröffnet. Wir erhielten aber freien Zutritt und konnten uns an die Wand gelehnten Schätze beschauen: Leibl, Trübner, Böcklin, Feuerbach, Marées. Es waren wundervolle Sachen darunter.

Und nun sind wir wieder zu Hause, wo alles sein gewohntes Geleise geht.

Und Dein Hans ist wieder losgereist? Brauche nur Deine Zeit recht schön zum Lesen und musiziere Dir viel vor. Merkwürdig sind die Glücksgüter im Leben verteilt. Mir zu Beispiel könnte gar nichts Lieberes passieren, als von Zeit zu Zeit sechs Wochen allein zu sein. Nun, ein jeder trage seines in Geduld.

Ich bin in Liebe und Wiederliebe

Deine Paula.

Worpswede, den 19. Januar 1906.

Meine liebe Mutter.

Frau R. ist gestorben. Es hat mich sehr ergriffen, das Ende dieser großangelegten Frau. Langsam, langsam und allmählich der Lebensenergie entzogen zu werden, die sie in so hohem Maße besaß. Sie war noch ein Baum, bereitet, Früchte zu tragen. Und dieser Sturz!

Wuchernde, kalbsköpfige, plattfüßige Existenzen bleiben bestehen.

Wie kann man das Leben verstehen, wenn man es nicht auffaßte als das Arbeiten jedes einzelnen am Geiste, man kann wohl sagen, am heiligen Geiste. Der eine tut es mit mehr, der andere mit weniger Inbrunst. Aber ein jeder, auch der Kleinste, gibt sein Scherflein dazu.

Die Gabe und Arbeit, die Frau R. brachte, war durch Energie und manchen Kampf hervorgebracht. Sie hat stark am Geiste gearbeitet mit Bewußtsein und Willen. Es strahlte von dieser Frau eine starke geschulte Selbstzucht aus, die ich sehr hoch schätze. Für mich war Frau R. die Frau in Bremen, vor der ich die größte Hochachtung hatte. Ich vermute, ich hätte es ihr einmal gesagt. Vielleicht hätte ich es gekonnt, wenn sie noch länger gelebt hätte, denn ich fühle, daß jetzt manche Scheidewände, die Worpswede zwischen mir und der Welt aufrichtete, fallen.

Eine große Scheidewand war immer unser angestrebt bäuerliches Leben, das, wenn es mit städtischem Leben in Berührung kam, an den oberflächlichen Verschiedenheiten sich stieß.

Auch wünschte ich, Frau R. hätte noch erlebt, daß ich etwas würde. Auf die Weise hätte ich mich ihr am schlichtesten dargelegt.

Denn ich werde noch etwas. Wie groß oder wie klein, das kann ich selbst nicht sagen, aber es wird etwas in sich Geschlossenes. Dieses unentwegte Brausen dem Ziele zu, das ist das Schönste im Leben. Dem kommt nichts anderes gleich.

Daß ich für mich brause, immer, immerzu, nur manchmal ausruhend, um wieder dem Ziele nachzubrausen, das bitte ich Dich zu bedenken, wenn ich manchmal liebearm erscheine. Es ist ein Konzentrieren meiner Kräfte auf das Eine. Ich weiß nicht, ob man das noch Egoismus nennen darf. Jedenfalls ist es der adeligste.

Ich lege meinen Kopf in Deinen Schoß, aus welchem ich hervorgegangen bin, und danke Dir für mein Leben.

Dein Kind.

Worpswede, den 11. Februar 1906.

Meine liebe Mutter,

Dein lieber, grauer Geburtstagsbrief kam so schön rechtzeitig mit Deiner mütterlichen Liebe zu mir. Du und die Geschwister, Ihr wart alle mit Euren Briefen pünktlich auf meinem Geburtstagstischchen, das war sehr lieb.

... Ich habe ein Buch gelesen: Napoleon und die Frauen. Ein merkwürdiger Mann. Wie der bei seinem vielbeschäftigten Leben und bei seiner notwendigen Rücksichtslosigkeit hat lieben können, das ist schon schön. Menschlich wirkt diese Überlebensgröße oft so rührend, so voll von großer Sehnsucht.

Vaters Bild! Auch ich finde die Ähnlichkeit sehr groß, wie wir sie auch wohl im Charakter haben. Nur daß Vater nicht so rücksichtslos war wie ich. Ich bin, glaube ich, zäher. Diese Ähnlichkeit war wohl auch der Grund, daß unser so bescheidener Vater mit mir in meinem ganzen Leben nicht zufrieden war.

Ich küsse Dich innig

Deine Paula.

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