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Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 16
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Worpswede

1903-04

Tagebuchblatt

April 1903.

Nach der Pariser Reise. Heimkehr nach Worpswede.

Ich komme unsern Leuten hier wieder nahe, empfinde ihre große biblische Einfachheit. Gestern saß ich eine Stunde lang bei der alten Frau Schmidt am Hürdenberg. Diese sinnliche Anschauung, mit der sie mir den Tod ihrer fünf Kinder und drei Winterschweine erzählte. Dann zeigte sie mir den großen Kirschbaum, den ihre Tochter gepflanzt hatte, die im achten Jahr gestorben war. »So, so, as dat Sprekword seggt:

Wenn de Bom ist hoch,
Is de Planter dot.«

Ich habe einen großen Drang nach Natur von Rodin, Cottet und Paris mitgebracht. Und das ist wohl das Gesunde meiner Pariser Reise. Es brennt in mir ein Verlangen, in Einfachheit groß zu werden.

*

Briefe an die Familie

Worpswede, den 20. April 1903.

Meine liebe Tante Marie,

es stürmt winterlich um unser kleines Häuschen und alle Frühlingsgefühle werden für ein Weilchen weggehagelt und weggeweht und weggeschneit. Ich umkreise täglich unsere kleinen Obstbäume und spintisiere, welchen von ihnen nun wohl die Nachtfröste geschadet haben. Dann hatte ich im Herbst unsern Garten voller Tulpenzwiebeln gesetzt, die wollen sich nun gerade erschließen, können es aber nicht. Aber weil unser Gärtlein in diesen kalten Zeiten von Elsbeth nicht soviel durchstreift wird, fand ein Rotkehlchenpärchen es einsam genug, darin sein Nest zu bauen. Und so hat die Kälte und hartnäckige Winterlichkeit auch ihren Vorteil und wir können die beiden rostfarbengeputzten Gesellen dicht vor unseren Fenstern hüpfen sehen.

Wie es wohl bei Dir aussieht? Ich gedenke Deiner an Deinem Geburtstage und wünsche, daß die Schwere des Lebens nicht zu hart auf Dir liegen möge und wünsche Deiner Seele Ruhe.

Bei mir gleitet das Leben Tag und Tag dahin und gibt mir das Gefühl, als ob es mich zu etwas führe. Und dieses hoffende, steigende Gefühl ist wohl die stille Seligkeit meiner Tage. Es ist merkwürdig, daß das, was man für gewöhnlich Erlebnisse nennt, in meinem Leben so wenig Rolle spielt. Ich habe, glaube ich, auch welche. Aber sie scheinen mir gar nicht das Hauptsächlichste im Leben, sondern das, was zwischen ihnen liegt, der tägliche Kreislauf der Tage, das ist für mich das Beglückende. Darum habe ich in meinen Briefen auch meist nichts mitzuteilen, denn diese kleinen, meist innerlichen Dinge lassen sich wohl nur von einer kundigeren Hand festhalten als der meinen. So ist auch meine Pariser Reise an mir vorübergegangen, ohne daß ich jetzt noch eigentlich ihrer gedenke. Ich wundere mich oft selbst darüber. Während ich da war, brachte sie mir neue Erkenntnisse und nun bin ich schon wieder damit beschäftigt, weiter auf ihnen aufzubauen. Ich lebe, glaube ich, sehr intensiv in der Gegenwart ...

Worpswede, den 2. November 1903.

Meine liebe Mutter,

daß ich so in Deiner Nähe bin und doch nicht bei Dir! Ich weiß mich nicht hier aus meinen Häuschen wegzustehlen, ohne daß die drei übrigen Insassen trübselig verwaist sind. Otto hat in dieser Zeit eigentlich mehrmals täglich mein Gesicht nötig. Elsbeth macht ihm viel zu viel Radau und ist ihm deshalb nicht sehr sympathisch. So muß ich immer das Öl sein, das die Wogen glättet. Last not least unser neuer unbekannter Hausgeist, den ich nicht den Mut habe, auf dem Ozeänchen unseres kleinen Hauses allein segeln zu lassen. So muß ich Dir meine Liebe schreiben, was bei meiner Natur und Gemütsart fast so viel heißt, daß ich sie zwischen die Zeilen lege.

Liebe Mutter, möge sich alles um Dich her dem Glücke und der Harmonie zuwenden, auf daß Deine Jahre und Tage und Nächte nicht geängstigt werden. Manchmal habe ich wohl das Gefühl, ich möchte Dir ein wenig mehr Freude machen, als ich es tue. Ich weiß aber nicht, wie ich es anfangen soll. Ich komme mir vor, als ob ich selber von mir bis jetzt am meisten habe; und Otto.

Wir kommen nächste Woche einen schönen Abend zu Dir. In zärtlicher Liebe

Deine Paula.

Worpswede, den 30. November 1903.

Meine liebe Schwester,

bei uns hat jetzt der Winter Einzug gehalten. Es friert tüchtig und in ein paar Tagen kann man sicherlich Schlittschuh laufen. Ich sitze in meiner lieben Brünjesschen Klause. Es dämmert. Der Mond steht schon hell am Himmel und vor meinen Fenstern liegt unser geliebter Berg. Elsbeth und ich haben eben zusammen einen Bratapfel verzehrt. Man fühlt es nun schon Weihnachten.

Liebe, ich hätte Dich so sehr, sehr gern zum Fest in unserer Mitte. Ist es Dir so zumute, als ob Du bei uns sein möchtest? Du kannst ja gleich in Bremen durchfahren und hier ganz stille bei uns Deine Weihnachten halten. Wir wollen dann gar nicht von Vergangenem reden, uns leise freuen, daß wir beieinander sind, weißt Du, wenn Dir's nur sonst so ums Herz ist, der Geldpunkt darf Dich dann auch nicht hindern. Du könntest vielleicht auch vierter Klasse fahren, was unsereins ja nicht bedrückt. Entscheide Du.

Wir sind jetzt wieder besonders dankbar in unserem lieben Lande. Vielleicht schrieb Mutter Dir, daß wir eine Reise nach Münster gemacht haben, dort gaben wir uns beide so viel Mühe und es gelang so wenig. Die alten Leute hatten in jeglichem Ding solch eine zähe stille oder laute Opposition. Otto wird dann in ein paar Tagen wie ausgewischt. Ich nenne ihn dann nur mein »Pastörken«, so etwas Ernstes, Blasses hat er dann. Diesen Herbst hatte er leider ein paar nervöse beängstigende Herzklopfen, die ihn, weil er ja überhaupt ängstlicher Art ist, besonders mitnehmen und ihn in seinem Gesundheitsgefühl unsicher machen. Nun geht es ihm aber wieder gut, er flattert mit seinem braunen Mantel wieder durch die Winde und steht in seinem Atelier und malt. Er hat sich an seinen kleinen gezeichneten Kompositionen wieder das rechte Gleichgewicht geträumt. Diese kleinen Blättchen bilden für mich das Schönste, Einfältigste, das Zarteste und Gewaltigste von Ottos Kunst. Sie sind der direkteste Ausdruck seines Gefühls. Die hat er sich angesehen, wieder und wieder angesehen, hat sie in drei verschiedene Größen eingeteilt und nun kleben wir sie mit Liebe und Sorgsamkeit auf. Wohl siebenhundert an der Zahl. Diese kleinen Dinger haben für mich so etwas Rührendes. Sie sind sein Schönstes, die meisten haben sie noch gar nicht gesehen, und die sie gesehen haben, von denen haben es die meisten noch gar nicht gemerkt.

Worpswede, den 18. Januar 1904.

Meine liebe Schwester,

... Otto hat schöne Bilder unter seinen Händen. Herbst und Frühling und allerhand Feines. Außerdem hat er seine »Ideale« neu umgearbeitet und schön abgeschrieben in den Abendstunden in ein Heft mit grünem Umschlag und gelbem Papier, worauf er sehr stolz ist.

Ich bin diese Zeit gar nicht so recht im Malen drin, dafür lese ich tüchtig, hauptsächlich französisch. Ich möchte der Sprache noch ein wenig näher kommen. Im Augenblick lese ich George Sand: » Lettres d'un voyageur«, die mich teilweise sehr interessieren, eigentlich die Briefe nicht so an und für sich als die verschiedenen Verhältnisse, die sie mit den verschiedensten größten Männern gehabt hat und die aus diesen Briefen hervorgehen. Über sie als Künstlerin kann ich noch nicht urteilen, nur scheint es mir, daß sie ein wenig an weiblicher Zuchtlosigkeit im Stile leidet. Wie mir scheint, wäre weniger mehr.

Ich bin so tollkühn gewesen und habe mich mit meinem Brief in unser braunes Wohnzimmer gesetzt. Die muß ich eigentlich immer bei Brünjes schreiben. Da habe ich mein Denken und Fühlen näher zusammen. Hier kommt Elsbeth alle Augenblicke mit allerhand kleinen Anliegen und ich fürchte, daß mein Brief dadurch Löcher bekommt.

*

Briefe an Otto Modersohn

Worpswede, den 15. April 1904.

Lieber, wie ich Dir Adieu sagte, da hatte ich ungefähr so ein Gefühl, wie Elsbeth, wenn sie uns glücklich in den Wagen gesetzt hat und nach Bremen fahren sieht, und denkt, daß sie nun einen ganzen Tag oder zwei vor sich hat, an denen ihr niemand etwas verbietet. Ich fühle mich so göttlich frei! Und wie ich über den Berg ging und den Lerchen zuhörte, da hatte ich in mir so ein stilles Lächeln und das Gefühl kam über mich: »Was kostet die Welt?«, wie man es als Mädchen oft hat. Weißt Du, gerade, daß Du im Hintergrunde meiner Freiheit stehst, das macht sie so schön. Wenn ich frei wäre und hätte Dich nicht, so würde es nichts gelten.

Nun denke ich mir schon aus, wie ich ganz nach Gutdünken diese paar Tage verbringen kann. Erst einmal habe ich mir ganz etwas Reizendes zum Essen bestellt: kalten süßen Reis mit kalten Schnittäpfeln und Rosinen. Regnen tut es auch nicht und unsere Wäsche flattert lustig im Winde.

Und dann bin ich hingegangen und habe mir Anemonen ausgegraben und sie in unsern kleinen Wald gepflanzt. Die sollen nun blühen, wenn Du wiederkommst.

In Deinem Atelier bin ich auch gewesen. Ich sagte ganz stolz und leise zu mir: »Dies ist das Atelier meines Mannes«. Das neue Bild muß noch besser werden. Es ist ein wenig unsicher in der Stimmung. Ich möchte sagen, es wirkt auf mich statt groß, schwülstig. Ich möchte mit Dir davon noch einmal reden. Die Idee hat mir aber sehr gefallen und den Kopf der Alten hast Du famos herausgebracht. Ich muß an die alte »Kaiserin« auf dem Klinkerberg denken. Hast Du wohl auch daran gedacht?

 

Lieber, weißt Du, wo ich vergangene Nacht geschlafen habe? Bei Brunjes. Es war ganz reizend. Ich kochte mir meine Eier auf meinem kleinen Petroleumofen wie in alten Zeiten. Dann saß ich mit meinen beiden Fenstern weit offen bis zehn Uhr. Zuerst sang die Amsel noch und das Rotkehlchen. Nachher schweigen auch sie. Durch den Abend klang es leise wie die Stimme der erwachenden Natur. Zwischendurch tönte noch das ferne Bellen des Hundes.

Ich hänge an diesem Stübchen wie Du an Deiner Junggesellenbude bei Grimm. Das Schlafen, das Aufwachen, nachts das Kettenklirren der Kühe und morgens die Hahn- und Hühnerstimmen, das alles freut mich.

Dann ging ich heute morgen nach dem Gartenberg, setzte mich auf mein Skizzenbuch und hatte wieder eine schöne Stunde. Wir haben wunderbares Wetter. Du wirst Dich wundem, wie diese zwei Tage alles grün gemacht haben. Nun lebe wohl, mein lieber Lieber. Wie es Dir wohl ergeht und wann Du wohl wiederkommst zu Deinem kleinen Weib?

*

Briefe an die Familie

Worpswede, den 30. April 1904.

Meine liebe Tante Marie,

... Ich versuche, mich gerade hineinzudenken in Deine Umgebung und fühle so, wie Du der geistige und körperliche Mittelpunkt eines gewiß sehr großen Kreises bist. Da wird Dein Geburtstag zum allgemeinen Feste, wo jeder Deiner Jünger und Jüngerinnen versucht Dir seine Liebe zu zeigen. Ob Ihr wohl einen Ausflug in die Umgegend macht? Da blüht gewiß jetzt alles und das muß in Eurer Obstgegend ja wunderbar sein.

Bei uns kommt der Frühling etwas später als bei Euch, aber es ist auch schon ganz wunderbar. Die Birken nehmen ihre zarten grünen Schleier um und drunten auf der Erde liegen die weißbesternten Anemonenkissen. Und dann die blühenden Weidenkätzchen! Mir ist es jedesmal wieder so neu, und so viele Freuden, die man ganz vergessen hatte, ziehen einem durchs Gemüte. Dann plappern ganz dicht vor unserem Kammerfenster des Morgens die Stare und ein Rotschwänzchen hat auch unter unserm Dach gebaut.

Otto war jetzt vier Tage in Münster bei seinen Eltern. Da habe ich Paula Becker gespielt und in meinem früheren kleinen weißen Bettchen unter dem Strohdach geschlafen. Das machte mir einen Heidenspaß. Nachts hörte ich die Kühe mit ihren Ketten klirren wie in alten Zeiten und morgens weckten uns die gackernden Hühner. Mittags kam ich dann zu Besuch nach Hause, da hatte ich uns allerhand kindliche Speisen bestellt.

Ein anderes Spiel ist jetzt bei uns Duncan zu tanzen, Herma, Frau Vogeler und ich. Es macht uns sehr große Freude. Wir üben uns allerhand ein. Mutter ist die allerbegeistertste Zuschauerin. Otto hat früher die Flöte gespielt und sie in einer mammonlosen Zeit verkloppt. Der soll sich nun wieder mit Inbrunst diesem Instrumente widmen um unsere Reigen zu begleiten. Er knurrt zwar noch dagegen, gegen die Flöte nämlich.

Und gestern habe ich die erste Nachtigall gehört ...

Worpswede, den 13. Januar 1905.

Meine liebe Tante Marie,

... bei uns will dieses Jahr kein Winter kommen. Es ist immer Frühlingswetter, entweder starke Frühlingsstürme oder sanfter Frühlingsregen oder linder Frühlingssonnenschein. Mir will diese Zeitlosigkeit gar nicht gefallen. Ich sehne mich, einmal ordentlich Schlittschuh zu laufen und die Lungen voll starker reiner Luft zu pumpen. Otto ist eigentlich bei jeglichem Wetter zufrieden, er hat es insofern besser. Haben sie Dir von Bremen aus geschrieben, daß ich Ende Januar wohl nach Paris komme? Ich freue mich ganz kolossal darauf, lebe innerlich eigentlich in Gedanken nur darauf hin. Es ist sonderbar, daß ich von Zeit zu Zeit eine so riesige Sehnsucht nach Paris bekomme. Das rührt wohl davon her, daß unser Leben hier sich meist nur aus inneren Erlebnissen zusammenbaut, da bekommt man manchmal starke Sehnsucht, äußeres Leben um sich her zu haben, aus dem man sich immer flüchten kann, wenn man es gern möchte.

*

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