Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paula Modersohn-Becker >

Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 15
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
projectide14e60fd
Schließen

Navigation:

Paris

1903

Briefe an Otto Modersohn

Paris, den 10. Februar 1903.

Nun sitze ich im kleinen Grand Hotel de la Haute Loire, wo ich vor drei Jahren abstieg, im selben Kämmerlein 53, nur daß in Nummer 54, wo ich jetzt zwei fremde deutsche Malerinnen höre, damals Clara Westhoff das rote Himmelbett einnahm. Ich fange an, Paris zu genießen, obgleich ich noch sehr befangen bin und mich vor den Menschen ein wenig fürchte. Als ich in die Cremerie ging, um ein Abendbrot zu essen, kam einer von den bekannten spanischen Lausbuben mir grade entgegen. Und als ich hereintrat, passierten mich zwei Franzosen und sagten: » Aha, aha, elle est retournée.« Mir war aber unter dem bunten Völklein in meiner Pelzjacke gar nicht wohl zumute.

Gute Nacht, mein König Rotbart. Denke mal, ich glaube, ich werde Dir doch in ein paar Wochen schreiben müssen, daß Du herkommst, denn hier sitzt Champagner in der Luft, ganz abgesehen von der Kunst auf Schritt und Tritt.

Ich habe dasselbe Gefühl wie das erstemal, wo ich auch so gern in ein Mauseloch kriechen wollte, weil alle Menschen mich so lachend anguckten, und ich an den vielen weichen Stimmen um mich höre und fühle, daß ich nicht ihres Schlages bin.

Ich möchte sehr gern einen Brief von Dir haben, mein lieber Rotbart. Du weißt doch, ich bin auch hier, um mir Worpswede durch die kritische Brille zu besehen. Bis jetzt kann es noch bestehen ...

Dein kleines Weib in der großen Stadt Paris.

Paris, den 12. Februar 1903.

Mein lieber Otto, gestern habe ich erst einen Brief an Dich eingesteckt und heute fange ich gleich wieder einen an. Ich will Dich recht bombardieren, auf daß Du gar nicht anders kannst, als auch viel schreiben. Ich denke furchtbar viel an Dich und Elsbeth, eigentlich immer. Und fast kann ich es bis jetzt noch nicht verstehen, daß ich Euch verlassen habe. Das kommt daher, daß ich im Augenblick noch nicht so genußfähig bin. Alles ist aber heute schon einen Grad besser als gestern. Hauptsächlich fallen mir die fremdartigen Gestalten nicht mehr auf die Nerven und beunruhigen mich nicht mehr so.

Am Abend.

Eben waren Rilkes da und machten mir ihren Gegenbesuch. Gestern abend war ich bei ihnen. Sie sind sehr freundlich zu mir. Aber Paris plagt sie beide mit viel unheimlichen Ängsten. »Es stehen Stimmen auf in der Nacht.« Es herrscht über diesen beiden Menschenkindern immer dasselbe freudlose Verhängnis. Und diese Freudlosigkeit kann ansteckend wirken.

Mein lieber Rotbart, ich wünschte, es wäre einmal einen Augenblick still um mich, daß ich Dir sanft und leise sagen könnte, wie fein und groß Du in meinem Herzen stehst. Und Deine Arbeit zu denken und an Deine weiche Stirn und an Deine Hände, das geht schön. Ich fühle mich ein wenig wie ein Schifflein, dessen Segel warten, daß der Wind sie ergreife. Und morgen soll mich das Louvre ergreifen.

Paris, den 14. Februar 1903.

Lieber, was Du wohl machst und was Du wohl malst? Hast Du die kleinen Rahmen schon gespannt? Darauf freue ich mich besonders.

Das merke ich, eine der Hauptsachen, die man hier in Paris lernen kann, sind die Impromptus. Ich war heute in der Rue Lafitte, der Straße der Kunsthändler. Da sieht man viel von dem, was Du das Künstlerische in der Kunst nennst. Dieses Nicht-Fertigdrehn, das besitzen die Franzosen in hohem Maße. Da kommt ihnen das Bewegliche ihrer Natur zustatten. Wir Deutschen, wir malen immer pflichtgetreu unser Bild herunter und sind zu schwerfällig, aus dem Stegreif eine kleine Farbenskizze zu machen, die oft mehr sagt als das Bild.

Da machen sie hier allerliebste Sachen oft im kleinsten Format. Dahin mußt Du auch noch kommen, denn das liegt grade in Deinem Talente sehr. Nur sind solche Sachen nicht für das Publikum, und stark künstlerische Kunsthändler haben wir wohl wenige.

Anton von Werners Glanzlichter auf den Stiefeln liegen uns allen im Blut.

Dennoch, wie stark ergriffen uns jene wenig ausgeführten Sachen von Segantini.

Heute habe ich Arbeiten von Cottet und Simon gesehen.

Cottet ist mir der weit Liebere im Gefühl, während Simon noch feinere farbige Klänge anschlägt. Mir ist aber sein Farbenauftrag nicht so lieb. Und dann malt er Gesichter und Dinge so flächig, was mir etwas gewaltsam vorkommt. Cottets Auftrag könnte für mich noch geheimnisvoller sein.

Da sind im Louvre ein paar kleine Stilleben von Décamps, ganz kleine Dinger, aber äußerst merkwürdig und feinfühlig, und ein paar kleine Bilder von Millet, die reizen mich technisch sehr.

Ich freue mich, daß es mir allmählich gelingt, in diesem Lärm denken zu können, was mir bisher unmöglich war.

Ich habe ein hundsmiserables, gottverlassenes Gefühl mit mir herumgetragen. Ich fühle schon, wenn ich diesmal etwas lernen will, muß ich es mir teurer erkaufen als das erstemal. Damals hatte ich Dich noch nicht und kein Heim. Ich fühle aber, daß es sehr gut ist, alles einmal aus der Ferne zu besehen. Du kommst nicht schlecht dabei weg.

Manchmal möchte ich auf der Straße in all dem Radau weinen. Ich habe heute bitterlich ein Zimmerlein mit Ausblick auf einen Baum gesucht, bis jetzt erfolglos.

Eigentlich wollte ich morgen gern aufs Land. Aber Rilkes wollen sich eine japanische Ausstellung ansehen, da werde ich mich wohl daran beteiligen. Wenn sie doch ein bißchen fröhlicher wären! Aber sie blasen Trübsal und sogar auf zwei Pfeifen.

Nachmittags zeichne ich Akt in der Akademie. Jede halbe Stunde eine andere Stellung. Das macht mir viel Freude.

Man hält mich hier überall noch für ein Fräulein. Ich trage aber kräftig meinen Ehering, und wenn ich den nicht trage, friere ich.

Grüße die kleine Frau Vogeler und sieh auch zu, daß die Mäuse nicht meine Kunst verzehren.

Paris, den 17. Februar 1903.

Ich bin umgezogen. Auf dem Boulevard war es mir zu laut, so daß ich nie bei mir zu mir kommen konnte, was ich, wie Du ja weißt, sehr notwendig brauche. Nun bin ich umgezogen und bin sehr glücklich. Um mich her ist Stille und vor meinem Fenster steht ein Baum und hinter dem Baum ist ein Garten und hinter dem Garten steht etwas Katholisches, ich weiß nur noch nicht, was.

Und mein Hotel hat einen kleinen Garten, eigentlich Hof, in dem allerlei Schmutz und Liebe herrscht, und in dem mir Madame die schönsten Knospen verspricht.

Du merkst wohl, daß Paris mir allmählich wieder zu tagen anfängt. Es stürmt jetzt von allen Seiten auf mich ein, viel merkwürdige Sachen. Und ich bekomme das Gefühl, daß die Reise mir nützt.

Sonntag war ich mit Rilkes in einer altjapanischen berühmten Privatausstellung, die unter den Hammer gebracht werden soll. Die Bilder waren keine Tafelbilder in unserem Sinne, sondern Papier- oder seidene Rollen. Da herrschte eine große Merkwürdigkeit von Form, Farbe und Geist. Die Sachen können eine kolossale Stimmung ausdrücken, etwas Nächtliches, etwas Düster-Geheimnisvolles, oder auch wieder etwas Mondän-Kokettes. Und wie schön sind die Blätter mit Blumen und Vögeln. Man spürt, wie eng dieses Volk mit der Natur zusammenhängt.

Am Sonntag abend ging ich noch ein wenig allein spazieren. In einer Nebenstraße stand auf einem Karren, den ein Eselein zog, eine Drehorgel, die eine alte Frau spielte. Wie kinderhaft nun alles Publikum elektrisiert wurde! Ein kleines Ladenmädchen, die Blumentöpfe ins Haus bringen sollte, tat dies im Takt sich wiegend und tanzend. Im Hausflur tanzten zwei andere Mädchen. Und ein paar Burschen zogen vorbei, denen zuckte es auch in den Beinen.

Das Ganze war reizend anzusehen. Das ist diese kindliche Empfänglichkeit, die sich auch in der Kunst äußert.

Heute im Louvre. Ich bin Rembrandt näher gekommen, überhaupt den Niederländern. Schließlich sah ich noch merkwürdige hochkünstlerische Nachbildungen nach Zeichnungen von Ingres und Reproduktionen wundervoller antiker Porträts, die von merkwürdigem fließenden Farbenauftrag sein müssen. Ein sehr reizvolles Bildnis der Kleopatra.

Du siehst, mein Lieber, ich trinke jetzt in vollen Zügen und bin sehr genußfähig. Mündlich mußt Du mir später alles genau abfragen.

Paris, den 18. Februar 1903.

Merkwürdig ist es, daß jetzt das Sprachrohr zwischen uns beiden so endlos lang ist. Merkwürdig ist es überhaupt, daß ich nun an Deinem Geburtstage nicht bei Dir sein werde.

Und trotz alledem bin ich vielleicht mehr denn je bei Dir und in Dir. Du bist mein lieber Schatten, in dem ich mich kühle, und das kühle Wasser, in dem ich meine kleine wunde Seele bade, von der ich das Gefühl habe, daß sie so aussieht wie mein Akt. Du bist mein lieber, großer, stiller Wald, in dem es leise rauscht und flüstert. Und wenn ich auch ein wenig hinausgelaufen bin auf die Wiese, so komme ich bald wieder und setze mich still bei Dir nieder.

Du bist mein lieber Geselle und ich gedenke in herzinniger Liebe Dein und küsse Dir die lieben Hände und die milde Stirn, aus denen kommen Deine Bilder. Die sehen für mich aus wie Deine Bilder, und der rote Bart gehört auch dazu.

Weißt Du, ich denke hier oft an Deine Bilder. Sie müssen noch viel, viel merkwürdiger werden. Da muß ein Hauch und ein Ahnen in ihnen sein, wie in der Natur, wie sie uns in Augenblicken erscheint, wenn unser Auge ungetrübt und klar in das seltsame Wesen der Dinge schaut. Ein Ausdruck von Dir ist: man hat so ein Gefühl, da geht es um. Wenn Du nun ein Bild malst, ist es das erste, daß Du dies Gefühl in seiner ganzen Stärke zum Ausdruck bringst. Du mußt alle Mittel dazu am Schnürchen haben: die Technik, die Farbe, die große Form. Aber während Du über die Mittel nachdenkst, laß keinen Augenblick den Zweck außer Auge, Deine Kompositionen als Bilder entstehen zu lassen.

Die Franzosen haben doch eine entzückende Delikatesse und Feinfühligkeit im Ausdruck. Und dabei handhaben sie ihr Werkzeug mit so großer liebevoller Sauberkeit. Merkwürdig, je mehr ich Rembrandt verstehen lerne, desto mehr fühle ich auch, daß sie ihn verstanden haben.

Ich freue mich, daß Du jetzt Sachen im kleinen Maßstabe vorhast und fange an zu glauben, daß man erst wahrhaft malen kann, wenn man auch im kleinen sich ausdrückt. Ist das Kleinere nicht der viel schnellere, leichtere Ausfluß einer glücklichen Stunde? Ich denke an Millet, Rembrandt, Böcklin.

Hier sind eine ganze Menge Rembrandts. Wenn sie auch gelb sind von Firnis, so lerne ich trotzdem viel von ihnen, das Krause in sich, das Leben.

Hier ist ein kleines Ding, ich weiß nicht, ob es auch eine Frau Potiphar ist. Es ist ein Frauenakt im Bett. Wie die gemalt ist, und wie die Kissen gemalt sind in ihrer Form mit den Spitzeneinsätzen, das alles ist ganz entzückend. Dann die heilige Familie mit dem reizenden offenen Fenster. Dann zwei kleine denkende Philosophen, die in irgendeinem gotischen Bau sitzen, wo ein wenig Sonnenlicht über die Fliesen huscht.

Der barmherzige Samariter scheint sehr in der Farbe gelitten zu haben. Der muß wundervoll gewesen sein.

Ich glaube, daß Paris doch bald wieder eine Kaiserstadt werden muß, das Volk ruiniert alles. Das Parkett im Louvre geht auch kaput und im Saal antiker Bilder, der sehr ruhig und abgelegen ist, waren heute zehn Trunkenbolde schlimmster Güte und ich allein. Über die Antike ein andermal.

Nun laß Dich küssen, mein lieber Neununddreißiger. Mit dem Jahre Vierzig soll die große Kunst beginnen. Darauf trinke ich am Sonntag dreimal meinen Milch-Kakao.

Möge die neue silberne Glaskugel uns und unseren Kindeskindern erhalten bleiben!

Ich sende Dir hier eine Photographie von Cottet. Ich finde sie sehr schön und ernst. Schreibe mir darüber.

Paris, den 19. Februar. 1903

Als ich heute abend vom Croquis nach Hause kam, fragte ich: » Pas des lettre?« und man sagte mir: » Rien du tout, madame«. Das machte mich ein wenig traurig; aber ein Stündlein später klopfte es an die Tür und der Garçon ruft: » Voici ma petite dame! Voilà tout ce que vour désirez!« und reicht mir Deinen geschwollenen Brief ... Mit dem Garçon habe ich nämlich einen kleinen Punkt. Mit ihm rede ich ungefähr das einzige, was ich rede. Hoffentlich strebt er keinen großen Punkt an, denn dann haben wir ja gar keinen Punkt mehr.

Paris wird mir mehr und mehr das Paris von vor drei Jahren. Dieselben alten Gesichter, die auf der Pont des Arts die Veilchen anbieten. Dieselben hutzeligen Leutchen, die am Seinequai ihre Bücher ausbreiten.

In der Akademie findet man mich wohl auch dieselbe, denn sie reden mich immer Mademoiselle an. Da hab ich's neulich einer Dänin, die viel redet, gesagt, daß ich verheiratet bin, nun mag die es verbreiten. Denn ich war innerlich etwas empört, daß man es mir gar nicht ansieht, daß ich seitdem doch Deine Frau geworden bin, und ich trage doch den Ring. Aber darauf achtet man hier in Paris nicht.

Weißt Du, was ich finde? Deine holde Geliebte, die Kunst, macht Dich Deiner kleinen Pariser Geliebten ein wenig abspenstig. Sie möchte mal wieder einen Liebesbrief haben. Aber laß auch nur Glück und Segen Deinen lieben Händen, daß unter ihnen Pracht und Glanz und Leuchten erblüht. Das ist ja doch das Allerschönste für mich.

Also die Monographie ist heraus. Rilke brachte sie mir gestern. Ich habe nur erst darin geblättert. Es scheint mir viel Gutes und viel künstlerisch Schiefes nebeneinander zu gehen.

Klara Rilke hat einen feinen Auftrag: sie soll die Tochter Björnsons in ganzer Figur klein modellieren. Sie hat nichts von Björnson, nichts Nordisches, ist originell, kapriziös und parisienne in ihren Bewegungen.

Die Fastnachtstage machen die Stadt bunt von Konfetti. Vor drei Jahren watete ich selbst bis an die Knöchel in diesem bunten Schnee, dieses Jahr bekam ich nur von weitem ein paar Pierrots zu sehen.

Übrigens habe ich mit meinen Wirten ein ganz niedliches Verhältnis, ging mit ihnen, Mutter und Tochter, sogar gestern in die Stadt, den Umzug der Studenten zu sehen. Ihnen erzähle ich von Dir und sie hören aufmerksam zu. Es sind echte Pariser Kleinbürger und amüsieren mich sehr.

Das Hotel besteht in der Hauptsache aus einem großen Portal. Das Haus selbst sieht winzig daneben aus. Im Hofe läuft manchmal ein Riesenkaninchen. Es ist eben alles komisch und gemütlich, die Menschen haben so eine Naivität in ihrer Art zu leben.

Mir kommen hier viel künstlerisch gute Gedanken. Ich fühle und empfinde mit immer größerer Lebhaftigkeit, wie das Intime die Seele aller großen Kunst ist. Das geht durch die Tanagrafiguren, durch Rembrandt und Millet. Deshalb bin ich glücklich über meinen Aufenthalt hier, da er mir diese Erkenntnis in so hohem Maße bringt.

Paris, den 26. Februar 1903.

Lieber, Du ließest mich lange warten. Die Rafaellistifte müssen sehr schön sein, wenn sie mich so in den Schatten stellen können. Aber wie freue ich mich für Dich, daß Du so im Schaffen bist.

Sage einmal, kommst Du noch? Für mich wäre es ja sehr schön. Ich will aber in Deinem Entschluß gar keine Rolle spielen. Es muß davon abhängen, wie es Dir in Deine Kunst und Deine Zeit hineinpaßt.

Schönes gibt es ja hier die Überfülle. Auch ich möchte sehr, sehr gern, daß Du die Kunst Rodins erlebtest. Er ist doch wohl der größte Lebende. In einer französischen Zeitschrift sind Kunstgespräche herausgekommen, die er mit ein paar jungen Mädchen führte, das heißt, es sind mehr Kunstmonologe. Aber sie sind sehr einfach und lassen sich auf alle hohe Kunst anwenden. Ich freue mich darauf, sie mit Dir durchzusprechen. Lieber, ich freue mich überhaupt so sehr, daß Du mich hierher gelassen hast und ich bin Dir von ganzem Herzen dankbar und ich glaube, ich werde es mir in meinem späteren Leben nach gewissen Zeiträumen immer wieder wünschen.

Manchmal bin ich abends bei Rilkes. Aber auf Verkehr kommt es mir im Augenblick nicht an. In mir arbeiten so viel Eindrücke. Es muß so manches durchdacht werden. Meistens verbringe ich den Abend sehr angenehm mit Schreiben und Lesen und Denken mit dem Blick auf das ewige Lämplein des Karmeliterklosters, das hinter meinem Garten blinzt.

Das Luxembourg-Museum ist wieder eröffnet; da gab es viel Schönes: Manet, der Akt mit der Negerin, die Sonne auf der Terrasse. Renoirs, nicht so schön wie unserer in Bremen. Zoloaga: zwei schwarze Damen, ein Herr und ein falbes Windspiel vor der Luft, und dann ein Zwerg mit einer silbernen Kugel wie unsere im Arm, ganz fabelhaft in der Farbe.

Das Schönste für mich war aber das Wiedersehen mit dem großen Cottet-Triptychon. Der rechte Flügel, wo die Frauen und Kinder bange im Abend warten, ist förmlich und farbig von wunderbarer Größe.

Dann Degas'sche Pastelle. Sehr interessant in ihrer Form und sehr künstlerisch und kapriziös in der Farbe.

Und Worpswede! Neulich sah ich im Louvre unsere Rousseausche Landschaft mit den Kühen. Da waren mir unbewußt die Tränen in die Augen gekommen, vor stillem Glück, daß ich solch eine Heimat habe.

Paris, den 2. März 1903.

Mein lieber Gesponse, Du müßtest auch herkommen. Es gibt dafür viele Gründe. Aber ich nenne nur den einen, großen, größten: Rodin.

Den Eindruck dieses Mannes und seines ganzen Lebenswerkes, das er in Abgüssen um sich gesammelt hat, müßtest Du haben. Diese große Kunst, die sich mit unglaublicher Willensstärke ganz im Verborgenen und in der Stille bis zur vollen Blüte entfaltet.

Über das einzelne Werk kann ich wenig reden, denn dem muß man viel öfter und in ganz verschiedenen Stimmungen nahetreten, um es ganz in sich aufzunehmen.

Aber man hat so ein wunderbares Gefühl bei dieser Arbeit aller Welt zum Trotz, ob sie seine Wege billigt oder nicht, bei dieser felsenfesten Zuversicht, daß es Schönheit ist, die er der Welt bringen will.

Viele erkennen ihn ja an, obgleich die meisten Franzosen ihn mit Boucher und Seyalbert und wie die kleinen Lichter heißen, in einen Topf tun.

Mit einem kleinen Kärtlein Rilkes, der mich als » Femme d'un peintre très distingué« empfahl, trat ich am Sonnabend, seinem Empfangsnachmittag, in sein Atelier. Es waren schon allerhand Leute da. Die Karte sah er sich gar nicht an, nickte mir nur zu und ließ mich ruhig zwischen seinen Marmorgebilden wandeln. Da ist viel, viel Wunderbares. Manches ist mir nicht verständlich. Aber darüber wage ich so schnell nicht zu urteilen.

Beim Weggehen fragte ich ihn, ob es möglich sei, seinen Pavillon in Meudon zu besehen, da stellte er mir den Sonntag zur Verfügung, da durfte ich denn in dem Pavillon ungestört wandern.

Aber ein Studium ist da beieinander und eine Anbetung der Natur, das ist schon schön! Er geht immer von der Natur aus. Auch seine Zeichnungen, Kompositionen macht er vor der Natur.

Die merkwürdigen Formenträume, die er auf das Papier wirft, sind für mich die eigenartigste Erscheinung seiner Kunst. Er nimmt die allerkleinsten Mittel, er zeichnet mit Bleistift und tönt dann in merkwürdigen, leidenschaftlichen Wasserfarben. Leidenschaft des Genies herrscht in diesen Blättern, ein Sichnichtkümmern um die Konvention. Sie erinnern mich an jene altjapanischen Sachen, die ich hier sah, vielleicht auch an antike Fresken oder die Figuren auf antiken Vasen.

Du müßtest sie sehen! Sie sind für einen Maler starke Anregungen in ihrer Farbigkeit. Ec zeigte sie mir selbst und war freundlich und reizend zu mir. Ja, Merkwürdigkeit in der Kunst, die hat er. Und dabei diese Durchdrungenheit, daß alles Schönheit in der Natur sei. Früher hat er diese Kompositionen aus dem Kopfe gemacht. Aber er fand, daß man dabei noch zu konventionell wäre. Nun macht er sie vor dem Modell. Wenn er frisch ist, zwanzig in anderthalb Stunden.

Der Pavillon und zwei andere Ateliers liegen inmitten von sich überschneidenden Hügeln, die mit stumpfem Gras bewachsen sind. Man hat einen wunderbaren Blick auf die Seine, auf die Ortschaften daran und auf Paris mit seinen Kuppeln.

Das Wohnhaus ist ganz klein und eng und man fühlt, wie das Leben bei ihm gar keine Rolle spielt. » Le travail ç'est mon bonheur« sagte er.

Ich war mit Fräulein von M. schon am Morgen nach Meudon gegangen. Dort durchstreiften wir das Land und pflückten gelben Huflattich, von dem ich mir heute ein Kränzelein gebunden habe. Die Gegend um Paris herum mit ihren entzückenden Fernen und Durchblicken hat einen zauberischen Reiz, den muß man kennen, wenn man die Leute verstehen will. Als Kontrast zu unserem Norden wirkt alles so sanft und hingebend ... Ich küsse Dich, mein lieber Rotbart ...

Paris, den 3. März 1903.

Heute morgen erwachte ich in meinem Mahagonibett wie eine Braut, denn gestern abend beim Schlafengehen, als ich schon die Lampe gelöscht hatte, wurde mir noch Dein Brief hereingereicht.

Lieber, das war eine Seligkeit. Ich las alle Deine Worte ganz langsam, ein jedes für sich, und ließ sie sanft und lieblich über mich hinströmen und sonnte mich in ihnen und lachte über sie und freute mich in Dir.

Ja, mein König, Dir gehört mein All, Dir weihe ich es. Nimm alles in Deine lieben Hände. Und wenn der Frühling über unsern schönen Berg ziehet, dann wollen wir uns in Liebe vereinen.

Lieber, mir war es wie Dir. Auch ich wollte nicht soviel von unserer Liebe schreiben, um uns die Trennung nicht so schwer zu machen. Nun ist es aber doch wunderschön, daß wir uns einmal zwischendurch alles Liebe gesagt haben, dann geht hinterher das Schweigen davon wieder viel leichter.

Weißt Du, ich spreche so oft von Dir, als ich nur kann. Mit Rilkes läßt sich das gar nicht so gut machen, die hören nur halb zu, die sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Da erzähle ich nun meinem Garçon, der aus der Bretagne ist, viel von Dir und was Du für schöne Bilder maltest. Neulich wollte ich ihm besonders imponieren und zeigte ihm Dein Bild in der Monographie. Da fand er Dich aber gar nicht schön. Da wurde ich ärgerlich und sagte: Du hättest einen roten Bart und das andere Gesicht sähe so fein dazu aus. Und für mich selbst dachte ich in Stille und Innigkeit an Deine lieben Hände und an Deine Seele. Davon sprach ich ihm aber nicht, denn ich merkte doch, daß ich an die falsche Adresse gekommen war und hatte ein etwas verächtliches Gefühl gegen ihn.

Und wie ist es mit Deiner Reise? Ich will Dich in keiner Weise bestimmen, aber diese farbigen Zeichnungen Rodins wären, glaube ich, auch für Dich ein großes Erlebnis. Zu sehen, wie weit man gehen kann, ohne sich um das Publikum zu kümmern. Weißt Du, es ist ein ähnlicher Mut, wie ihn Rembrandt seinerzeit in seinen Radierungen ausgesprochen hat.

Paris, den 7. März 1903.

Ich denke mir, es ist Mittagszeit. Du bist in Deinem braunen Mantel aus dem Atelier gekommen, oder ist es schon so warm, daß Du nur die Rüstung trägst? Na, jedenfalls bist Du nach Hause gekommen und findest auf der Truhe in unserem kleinen schwarzgelben Vorplatz meinen Brief liegen. Daß Du Dich nun freust, das weiß ich. Ich weiß nur nicht, ob Du Dich in die Veranda oder in die Wohnstube setzt um ihn zu lesen, da ich nicht weiß, ob die Veranda im Augenblick schwimmt oder nicht. Und dann, wenn Du gelesen hast, trägt B. liebliche Speisen auf und es schmeckt Dir hoffentlich wunderschön. Mir wird es wenigstens wunderschön schmecken, wenn ich wieder heimkomme, denn dieses Essen im Wirtshaus mag ich ganz und gar nicht. Unter den vielen Leuten sitzen, die einen alle gar nichts angehen.

Wenn ich dagegen an unsere stillen Mittage denke, wenn wir zusammen nebeneinander auf dem Rohrbänklein sitzen und Du wenig sprichst, wenn es Dir gut schmeckt ... ja, auf alles das freue ich mich.

Ich freue mich aber auch ganz konzentriert, daß ich hier bin, und nutze meine Zeit gut aus. Ich zeichne jetzt fast täglich im Louvre Bilder und Plastiken. An der Hand der Skizzenbücher läßt sich dann fein erzählen. Überhaupt habe ich jetzt eine Riesenlust am Skizzieren. Ich hoffe, daß mich dieser Aufenthalt weit bringt. Das müssen wir in Geduld abwarten.

Im übrigen lerne ich mancherlei verrückte Verhältnisse kennen. Ich aber bleibe still, denke an Dich und Deine liebe Urgesundheit und Unverdorbenheit und Unverschrobenheit und küsse im geheimen geheimnisvoll meinen Ehering, zu dem ich merkwürdigerweise in der Fremde ein Verhältnis bekomme, obgleich ich große Angst habe, daß ich ihn mal verliere, weil er so lose sitzt.

Paris, den 10. März 1903.

Mein lieber Roter.

Ich denke abends beim Einschlafen manchmal an kleine Kinder und sehe sie mit Liebe an und schlage beim Lesen mit großem Verständnis Vokabeln nach wie: Wickelkind, Nähren und so weiter. Überhaupt merke ich und fühle ich, wie diese beiden Jahre an Deiner Seite mich leise zu einer Frau gemacht haben. Als Mädchen war ich innerlich jubelnd und erwartungsvoll, nun als Frau bin ich auch voller Erwartungen, aber sie sind stiller und ernster. Auch haben sie das Unbestimmte der Mädchentage abgelegt. Ich glaube, es sind jetzt nur ihrer zwei ganz bestimmte: meine Kunst und meine Familie.

Mein lieber Mann, unter all dem vielen, was in mir arbeitet, geht es mir hier ganz wunderlich. Manchmal scheint es mir gar nicht glaublich, daß ich Dich und Elsbeth und unser kleines Häuschen besitze. Und wenn ich dann darüber nachdenke, so fühle ich, daß es gerade dieser wundervolle gewisse Besitz ist, der mir die Ruhe gibt, an all die Dinge so gesammelt und glücklich heranzutreten. Weißt Du, erotisch bin ich im Augenblicke gar nicht, das kommt wohl von der vielen geistigen Arbeit, die in mir umgeht. Aber wenn es möglich ist, liebe ich Dich vielleicht täglich rückhaltsloser in alle Falten und Fältchen Deines Wesens hinein. Ich habe einen so großen Stolz in Dich gesetzt.

Vorigen Sonntag habe ich wieder mit Fräulein von M. einen Ausflug in die Umgegend gemacht. Da haben wir zusammen auf der Marne gerudert. Die Gegend am Flusse war so grandios in der Form und dann war das Rudern so gesund und kräftig nach dem vielen Pflastertreten. Fräulein von M. ist ein natürlicher, kluger lieber Mensch, nicht ohne Talent. Sie arbeitet bei Cola Rossi Akt und malt bei Blanche. Ob sie es zu etwas Ordentlichen bringen wird? Sie hat bessere Arbeiten gemacht, als die, die wir sahen. Aber sie geht gar nicht bewußt auf ein Ziel los. Wie kann man zu Blanche gehen nach Kalckreuth? ...

Dann hat ihre Atmosphäre leider etwas Unordentlich-Unschönes, wie bei so vielen Malerinnen. In ihrem Zimmer ist es so häßlich. Am nettesten ist sie in der Natur, wo sie alles unmittelbar und jubelnd auf sich wirken läßt.

Weißt Du, einmal muß ich mit Dir zusammen hierher kommen. Ich glaube, vieles, was in Dir schlummert und was Du instinktiv ausübst, wird Dir hier bewußt werden. Ich meine hauptsächlich in der Form. Zum Beispiel möchte ich so gern, daß Du einen anderen Standpunkt zur Antike bekommst. Ich finde, die frühen Werke der Antike sind unserm Empfinden sehr nahe. Das möchte ich Dir alles zeigen.

Paris, den 17. März 1903.

Ich kehre heim. Mich packt es auf einmal so, daß ich zu Euch muß und nach Worpswede.

Liebster, am Sonnabend, vielleicht schon am Freitag bin ich bei Dir. Dein Vater hat mir einen reizenden Brief geschrieben mit einem französischen Anfang, nun will ich eine Nacht in Münster bleiben und dann zu Dir fliegen.

Mache nur die Arme weit auf und sorge dafür, daß wir allein sind. Das kannst Du ruhig sagen, daß das bei solchen Gelegenheiten passender wäre.

Ich liebe Dich so wie Du mich.

Unterwegs geschrieben.

Bis jetzt habe ich es glücklich bis Wanne gebracht und den französischen Staub von den Sohlen geschüttelt und ich freue mich und wundere mich, daß ich alle Leute so gut verstehe, und freue mich über ihre Treuherzigkeit und Biederkeit.

Und morgen, Freitag abend, wird die Post mit mir vor dem kleinen Gitter halten. Und Du wirst meiner harren und aus dem Dunkeln zu mir treten.

Lieber, dieser Tag in Münster, den Du mir vorgeschrieben hast, der wird mir angesichts der harrenden Freuden lang werden. Ich habe großes Reisefieber und kann mir nicht denken, daß ich morgen in der kleinen weißen Veranda bei Dir sitzen werde.

Dieser Brief sollte eigentlich eine Postkarte werden, aber die Tonart wurde mir um einen Stich zu warm für die Worpsweder Postboten. Ich wollte den Stil mäßigen, aber er will nicht und brennt in der Vorfreude durch. Brennt es bei Dir auch? Ich habe den letzten Tag in Paris und die letzte Nacht so riesig intensiv an Worpswede gedacht. Wie Ihr wohl alle ausseht? Ob Elsbeth wohl gewachsen ist? Und ob Du? Und ob sich in unserm Garten schon etwas regt? Nun die Antwort wird mir ja bald werden und ich bestehe aus Fragen.

*

Tagebuchblätter

15. Februar 1903.

Ich sah heute eine Ausstellung altjapanischer Malereien und Skulpturen.

Die große innere Merkwürdigkeit, die diese Dinge haben! Mir scheint unsere Kunst noch viel zu konventionell. Sie drückt sehr mangelhaft jene Regungen aus, die unser Inneres durchziehen. Das scheint mir in der altjapanischen Kunst mehr gelöst. Der Ausdruck des Nächtlichen, des Grauenhaften, des Lieblichen, Weiblichen, des Koketten, alles dies scheint mir auf eine kindlichere, treffendere Weise gelöst zu sein als wir es tun würden. Auf das Hauptsächliche das Gewicht legen!! ... Als ich von den Bildern meinen Blick auf die Menschen gleiten ließ, fand ich sie viel merkwürdiger, viel schlagender, frappanter, als sie je gemalt worden sind. Solche Erkenntnisse kommen uns nur in Augenblicken. Das nivellierende Leben verwischt sie manchmal. Aber aus solchen Augenblicken muß die Kunst entstehen.

Und nun komme ich zu der anderen Erkenntnis, die mir gestern in der Rue Lafitte kam: dieses Schaffen aus dem Moment heraus, was die Franzosen in so hohem Maße besitzen. Es ist ihnen einerlei, ob es gerade ein Bild wird, was sie schaffen, und ob das Publikum sie immer versteht. Die Hauptsache ist ihnen, daß es Kunst ist. Sie schaffen, weil es sie reizt, oft im kleinsten Maßstabe. Degas, Daumier, manche kleinen Sachen von Millet. Dabei haben sie eine entzückend reizvolle Art des Farbenauftrags: feinfühlig, liebevoll und voll künstlerischer Pedanterie. Rodin sagte zu Klara Rilke: » Rien à peu-près«. Dieses Gefühl wohnt der ganzen Nation inne, dieses den Nagel auf den Kopf treffen.

Ich fand mich die ersten Tage in Paris nicht am Platze, und fühlte nicht, daß es mich fördern würde. Das glaube ich jetzt wohl. Heute abend hielt auf der Straße eine Karre, darauf eine Drehorgel, davor ein kleines ruppiges, struppiges Eselein. Wie die Töne den Leuten die Füße bewegten, dieses Tanzgefühl. Ein kleines Ladenmädchen sollte zur Abendzeit die Blumen, die auf der Straße standen, hineinbringen. Das tat sie bezaubernd und reizvoll im Hüpfschritt nach der Musik, und das war nicht sehr originell von ihr, so würde es jede Dritte hier tun. Im Flur tanzten auch zwei. Es ist ein leichtlebiges Völklein. Wenn wir lernen würden, mit unserer Tugend jene Anmut zu verbinden, so wäre unser Wert lieblicher.

20. Februar 1903.

Das sanfte Vibrieren der Dinge muß ich ausdrücken lernen. Das Krause in sich. Auch in der Zeichnung muß ich dafür den Ausdruck finden; in der Art, wie ich hier in Paris meine Akte zeichnete, nur noch origineller und dabei feinfühlig beobachtet. Das merkwürdig Wartende, was über duffen Dingen schwebt (Haut, Ottos Stirn, Stoffen, Blumen), das muß ich in seiner großen, einfachen Schönheit zu erreichen streben. Überhaupt bei intimster Beobachtung die größte Einfachheit anstreben. Das gibt Größe. Bei dem lebensgroßen Akt von Frau M. wies mich die Einfachheit des Aktes auf die Einfachheit des Kopfes hin. Ich fühlte, wie es mir im Blute lag, zuviel machen zu wollen.

Um noch einmal auf das »Krause an sich« zu kommen: das macht mir alte Marmor- und Sandstein-Plastiken, die der Witterung ausgesetzt gewesen sind, so angenehm, daß sie diese bewegte Oberfläche haben.

Der Geist dieses Volkes ist so beweglich und zu Wortspielen geneigt. Ich fragte heute in der Nähe des Temple einen Händler nach dem Preise einer goldenen Litze, mit der er handelte. Er nannte mir den Preis, worauf ich sagte: » Mais si chère, monsieur, elle est vieille«. Worauf er lächelnd erwiderte: » Ah, mademoiselle, c'est le contraire comme chez nous, qui sont chers, quand nous sommes jeunes«. Dann stieg ich in die erste Etage des Temple hinauf, von der mir der Baedeker erzählt hatte. Dort finden sich all die zweifelhaften seidenen Röckchen, die ihre Dienste getan haben, wieder zusammen. Es ist ein Markt von vertanzten farbigen Atlasschuhen und verschossenen künstlichen Blumen, seidenen Kleidern und Spitzenröckchen. Das kaufen sich dann die ärmsten der Mädchen, um ihre Glieder damit zu schmücken.

Auf der Straße habe ich manchmal dieselbe Stimmung wie vor drei Jahren. Alles rast und hastet um mich her und ich fühle mich wie eine verschleierte Königin.

25. Februar 1903.

Ich sehe sehr viel, und komme, glaube ich, innerlich der Schönheit näher. In den letzten Tagen habe ich viel Form gefunden und gedacht. Ich stand bis jetzt der Antike sehr fremd gegenüber. Ich konnte sie wohl schön finden an und für sich; aber ich konnte kein Band finden von ihr zur modernen Kunst. Und nun habe ich es gefunden und das heißt, glaube ich, ein Fortschritt. Ich fühle eine innere Verwandtschaft von der Antike zur Gotik, hauptsächlich die frühe Antike, und von der Gotik zu meinem Formenempfinden.

Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares. Von jeher habe ich mich bemüht, den Köpfen, die ich malte oder zeichnete, die Einfachheit der Natur zu verleihen. Jetzt fühle ich tief, wie ich an den Köpfen der Antike lernen kann. Wie sind die groß und einfach gesehen! Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel. Wie einfach in seinen Flächen solch ein antiker Mund erfaßt ist. Dann fühle ich, wie ich in der Zeichnung in der Natur viel merkwürdige Formen und Überschneidungen aufsuchen muß. Mir liegt das Gefühl des sich Ineinander- und Übereinanderschiebens der Dinge. Ich muß es nur achtsam ausbilden und verfeinern. Ich will in Worpswede viel mehr zeichnen. Ich will mir die Armenhauskinder oder Familie A. oder Familie N. zu Gruppen stellen. Ich freue mich sehr auf die Arbeit, ich glaube, der Aufenthalt hier wird mir sehr gut getan haben.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.