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Briefe und Tagebuchblätter

Paula Modersohn-Becker: Briefe und Tagebuchblätter - Kapitel 12
Quellenangabe
authorPaula Modersohn-Becker
titleBriefe und Tagebuchblätter
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
printrun31. bis 40. Tausend der Volksausgabe
editorSophie Dorothee Gallwitz
yearo.J.
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170606
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Bremen

1900-01

Briefe an Otto Modersohn

Bremen, den 5. Dezember 1900.

Lieber, nun bin ich hier und komme fürs erste nicht wieder weg. Was machst Du bei dieser Himmelsgräue? Müßte ich nicht eigentlich bei Dir sein und Du bei mir? Mir dreht sich hier ein wenig die Welt um und um, macht mich etwas schwindlig, so daß ich mit Mühe auf beiden Beinchen stehen bleibe. Hätte ich mich nicht mit Armen und Beinen gesträubt, so säße ich jetzt heute zum zweiten Male im Theater. Sie meinen es alle so gut und in ihrer Liebe wird mein armes Seelchen fürchterlich malträtiert. Nun muß ich noch morgen abend in » Cosi fan tutte«, um dann Freitag früh heimzukehren und ich freue mich sehr, sehr. Es ist vom Übel, wenn der Mensch nicht da ist, wohin er gehört. Und ich gehöre nicht hierher, in die Stadt. Sei geküßt, mein Mann. Und Freitag nachmittag komme ich zu Dir ins Atelier. Wie hat Dein Velasquez es gemacht, daß er am Hofe solche Bilder malen konnte? Mein Menschlein ist hier völlig ausgelöscht. Merkwürdig. Ich habe nichts zu sagen und nichts zu fühlen. Das ist es ja, was ich Dir sagte: Ich kann nicht viel aushalten. Du bist Einer und ein Feiner.

Bremen, den 23. Dezember 1900.

Die Familie ist wieder um mich versammelt und es ist Vorweihnachtsstimmung. Jetzt wird gerade beraten, was sie mir schenken wollen. Ich sage aber, ich habe schon alles von meinem Mann. Und dann wollen sie mir wieder meinen Brief diktieren, sind überhaupt ein wenig toll. Kurt freut sich aufs Fest wie ein Junge und wir singen Weihnachtslieder die Fülle.

Und Du, Lieber? Bist Du gut und brav zu Hause? Geh nur oft in Deinen Dom zum heiligen Christofferus Otto Modersohn weilte bei seiner Familie in Münster. und laß dessen goldene Blätter über Dir rieseln. Und dann denkst Du dabei an mich und ich an Dich.

Mir geht es bis jetzt noch gut und ich kann die Stadt noch ertragen. Heute morgen wurde ich von Herma geweckt, zog mir Papas dicken Pelz über das Hemdlein und wir stiegen zusammen aufs flache Dach, fütterten die Tauben und hörten die großen Domglocken. Die möchte ich wohl auch einmal läuten ... Heute nachmittag ging ich in der Dämmerstunde durch die Stadt, da stand der alte Knabe, der Dom, so ehrwürdig auf der blauen Luft mit seinen beiden großen Türmen. Und unten schlug es noch einmal hell an, beim Gold der Eingangstüren und rotgold schimmerte dann das Licht der Bogen. Ich beobachte überhaupt, und sehr viel. So hat mir heute die faltige Backe meines Vaters große Freude gemacht. So ein Menschenantlitz einmal richtig malen zu können, das gehört für mich doch zum Schönsten. Wenn man's nur erst könnte!

Es ist Nacht. Und alles schläft außer den Eltern. Mir fallen auch die Augen zu. Ich mußte Dich nur noch einmal schnell besuchen. Mein Pelzzeug führe ich froh in der Stadt spazieren. Und Du, Lieber? Denke nicht traurig an mich und nicht sehnsüchtig, sondern froh, daß wir einander angehören. Ich habe das Gefühl, daß diese Trennung unsere Liebe nur vergeistigen und vertiefen wird.

Bremen, den 24. Dezember 1900.

Du, es ist noch Weihnachtsabend oder schon Weihnachtsmorgen. Es riecht nach Tannen und Kerzenbrand und vor mir stehen leere grüne Römer. Auf meinem Weihnachtstisch ist mein fünfarmiger Leuchter fast niedergebrannt. Sein flackerndes Licht fleugt noch über tausend liebliche Dinge. Viele drollige Sachen für unser Heim, einen wunderbaren alten Spiegel. Daneben kreucht mein Nerztier, das ich mir, Liebe, um den Hals kriechen lasse. Dann liegt auf meinem Tische ein Wolkenträumlein von einem Brautunterrock ... Du? Ob wir wohl selbander gehen eines schönen Tages über den Berg nach dem Kirchlein?

Ich war heute sehr bei Dir, Lieber. Am Nachmittag drückte mir mein Vater schweigend Deinen Brief in die Hand. Dann ging ich unter Glockengeläute durch die dämmernde Stadt. Ist es nicht komisch? Ich hatte gerade am Morgen an M. erzählt, was Du mir nachmittags schriebst. Es steckt in solcher Stadt soviel Originalität in Form und Farbe, man hat es noch nicht im geringsten erschöpft. Mir kommt es vor, als ob man es noch nicht angefangen hat.

Daß ich Dich noch vor meiner Berliner Reife wiedersehen soll, ist mir eine große, tiefe, innige Freude. Und daß Du dann noch einmal gemütlich unter den Meinen sein wirst. Du Lieber, sie haben Dich alle so lieb.

Ein Augenblickchen blickte Vogeler heute herein, hier in unsern Weihnachtsnachmittag. Er war gerade im Begriff, seiner Martha und sich Trauringe zu besorgen ... Weißt Du wohl, wir beiden, wir haben es so sehr gut. Ich habe die ganze Zeit solch ein großes stilles Dankesgefühl in meinem Herzen. Meine ganze Familie läßt Dich grüßen. Ich bin bei Dir mit meiner ganzen Liebe und umgebe Dich damit. Fühlst Du es wohl?

Wenn Du schon am zweiten Januar kommen würdest, so wäre es mir sehr lieb, denn ich möchte gern früh weg nach Berlin, um früh wiederzukommen. Wenn es Dir aber nicht paßt, so warte ich natürlich bis zum dritten.

Ob wir das nächste Weihnachten schon bei uns feiern? Lieber, ich mag an dieses Glück noch gar nicht denken. Und Du? ... Sei innig geküßt von mir.

Bremen, den 25. Dezember 1900.

Heute morgen, als ich mich gegen zehn Uhr endlich in den unteren Kaffeeregionen des Hauses einfand, – wir drei Schwestern hatten wieder Glockenläuten auf dem flachen Dache gefeiert – da fand ich Deine Karten aus Münster und ich lief mit dem Blick entlang die kleine Straße mit den Giebelhäusern auf Euren lieben Dom zu und dachte: »Da geht er nun jetzt wirklich in seinem großen braunen Kragenmantel«. Mein Mann, Du verziehst mich, Bismarckbriefe und Andersen, welche Fülle der Genüsse! Ich danke Dir für alles. Ich danke Dir, daß Du überhaupt auf der Welt bist, wenn auch fern von mir, mein lieber, lieber König Roter. Trotz alledem habe ich unbescheidene Pläne, die ich Dir schnell sagen muß. Könntest Du vielleicht Sylvesterabend bei uns sein? Dann sind wir immer so still und innig alle zusammen. Da möchte ich es meinen Eltern und Dir und mich nicht zu vergessen, also uns allen von ganzen Herzen wünschen, daß der neue Bruder, und mein Mann unter uns weilt.

Du mußt aber selbst wissen, Lieber, wie Dir zumute ist und wie Deine Eltern sich dazu stellen werden. Wie verbringst Du Deine Tage? Mir geht es gut. Alle hier sind beflügelt von einer Festfreude, und der innere Sonnenschein, den ein jeder in sich trägt, der macht goldene Brücken. Ich wärme mich an diesem Stück Christentum und nehme es entgegen wie ein Märlein. Und dann, weißt Du, ist es solch ein Fest für Frauen, denn diese Mutterbotschaft lebt ja immer noch weiter in jedem Weibe, das ist alles so heilig. Das ist ein Mysterium, das für mich tief und undurchdringlich und zart und allumfassend ist. Ich beuge mich ihm, wo ich ihm begegne. Ich knie davor in Demut. Das und der Tod, das ist meine Religion, weil ich sie nicht fassen kann. Das muß Dich nicht betrüben, Du mußt es lieben, Lieber. Denn das sind ja doch die größten Dinge dieser Erde. Ich liebe ja auch die Bibel. Ich liebe sie aber als schönstes Buch, das meinem Leben viel Lieblichkeit geschenkt hat. Laß Dich das nicht bekümmern, wenn ich in Münster bin, werde ich es schon nicht erzählen. Nur Dir, Dir.

Nebenan singt M. Liebeslieder. Und meine Seele wiegt sich sanft in diesen Tönen. Das Leben ist leise und lind für mich und lächelt mich an aus traumverschleierten Augen. Und ich küsse sie und habe sie lieb.

Kurt sagt: »Vier Seiten schreibst Du ihm?« Ich mache ihm schnell eine lange Nase und sage ihm: »Ja!«

Ja, Lieber, und nun muß ich zu Bett und küsse Dich tausendmal.

Bremen, den 26. Dezember 1900.

Wie hast Du mir süß geschrieben, Du! Dein Brief war wie ein weiches Kosen Deiner Hände. Und ich hielt mich Dir hin und ließ es mir so gerne gefallen.

Wie ist doch die Liebe so ein seltsam Ding. Wie wohnt sie in uns und ruht sie in uns und nimmt Besitz von jedem Fäserlein unseres Körpers. Und hüllt sich ein in unsere Seele und bedeckt sie mit Küssen.

Das Leben ist ein Wunder. Es kommt über mich, daß ich oftmals die Augen schließen muß, wie wenn Du mich in Armen hältst. Es überrieselt mich und durchleuchtet mich und schlägt in mir satte, verhaltene Farben an, daß ich zittere. Ich habe ein wundervolles Gefühl der Welt gegenüber. Laß sie treiben, was sie will, und hinken statt tanzen soviel sie will und schreien statt singen soviel sie will. Ich gehe an Deiner Seite und führe Dich an der Hand. Und unsere Hände kennen sich und lieben sich und ihnen ist wohl.

So zwei sich lieben von ganzem Herzen,
Sie können ertragen der Trennung Schmerzen.
So zwei sich lieben von ganzer Seele,
Sie müssen leiden des Himmels Befehle.
So zwei sich lieben mit Gottesflammen,
Geschieht ein Wunder und bringt sie zusammen.

Und bei uns geschieht das Wunder! Wir sehen uns wieder trotz des Abschieds in der kleinen Vogeler-Bibliothek. Und bald, mein Schatz, bald. Komm, wann Du willst, Lieber. Komm Sylvester oder komm am zweiten, mache es ganz, wie Du wünschest, ich finde alles gut.

Ich habe das wundervolle Gefühl, als ob in dieser Zeit der Trennung unsere Liebe geläutert und durchseelter würde. Das erfüllt mich mit einer dankbaren Frömmigkeit gegen das Weltall. Mein König Roter! Ich bin das Mägdlein, das Dich liebt, und das sich Dir schenkt und dessen Scham vor Dir gebrochen liegt und zerronnen ist wie ein Traum. Und das ist meine Demut, Lieber, daß ich mich gebe, wie ich bin und in Deine Hände lege und rufe: Hier bin ich.

So sei es bis an unseres Lebens Ende. Laß Dir leise den Roterbart streicheln und empfange einen Kuß auf jede Wange und dann nimm meine Seele auf und trinke sie. Trinke sie in einem heißen Kuß der Liebe.

Ich bin immer Dein.

Bremen, den 28. Dezember 1900.

Es ist Mitternacht, und eigentlich müßte ich zu Bett. Ich sehne mich aber nach etwas Tiefem, Klarem, Ganzem. Dann komme ich noch ein wenig zu Dir trotz Nacht und Finsternissen. Die Zeit beginnt, daß die Stadt mir wieder über den Kopf wächst, daß sie mich einengt und tot drückt. Diese halben Menschen und Menschlein halbieren mich allmählich und hauen mich in kleine Stücke. Und ich will nicht halb sein, ich will ganz sein. Ich komme nicht zu mir selber hier. Ich höre meine Seele nicht reden und antworten. Das Schönste findet nicht mehr den Weg zu ihr. So Beethovens Fünfte Symphonie, die in Paris mich aufs tiefste ergriffen hatte, und in den Grundtönen meines Wesens gewühlt hatte. Heute drang sie nicht tiefer als eben unter die Oberfläche. Die Nerven wollten nicht und konnten nicht. Und ich selber hasse mich in dieser Halbheit und Lahmheit und mein Menschlein denkt sehnsüchtig der Zeit, da es nicht humpelte und nicht humpeln wird.

Ob mir wohl morgen ein Brieflein von Dir zum Morgenkaffee winkt? Das ist immer so entzückend, wenn ich es den ganzen Tag in der Tasche knittern fühle. Und Du, mein Lieber? Findest Du Dich immer noch artig lieb mit der Welt ab? Rauchst Du immer noch Dein Pfeiflein in Frieden? Ich wünsche es Dir und den Deinen. Doch nun ganz schnell zu Bett. Dies war eben nur ein Epistelchen, ein Seufzerepistelchen und müdes Epistelchen. Lieber, ich habe jetzt die Bismarckbriefe und lese sie. Sind die schön! Eigentlich zu schön für einen, wir müßten sie zusammen lesen. Gute Nacht, mein Roter, ich denke zärtlich Dein und küsse Dich.

Bremen, den 10. Januar 1901.

Also nun haben wir uns wirklich getrennt und das so schnell und plötzlich. Ich glaube, jenes besenschwingende Individuum in der Kirche war ein Engel, der uns den trüben Augenblick des Scheidens hinwegfegen wollte. Und nun heißt es zwischen uns beiden schon wieder »Auf Wiedersehn«. Und ein jeder von versucht sich in der zweimonatlichen Zeit des Alleinseins wacker zu halten und tüchtig zu schaffen. Du, mein König, schöne, schöne Bilder, – ich Suppen, Klöße und Ragouts.

War Euer Heimweg auch so wundervoll wie meiner? Ich lief von Ritterhude wieder zu unserem Kirchlein zurück und wieder nach Ritterhude. Allein, allein in dieser weiten Welt von Gelb und Blau, das sich immer mehr auf mich herabsenkte und mich liebend umgab und mich küßte. Ich war sehr fromm in den Augenblicken, angesichts dieser betenden Natur. O, mein Mann, wie wunderbar ist es doch ein Herz zu haben, das bebt und lebt und sich reget in unserer Brust, ein Teil des großen Allebens ... Ein Zug wilder Gänse flog über mich her. Ich liebe diesen Flügelschlag und sein Pfeifen über meinem Haupte. Ich finde es so begreiflich, daß Völker mit phantastischen Religionen in ihm die Zukunft lasen. Mir ist er immer etwas sehr Liebes, sehr Schönes. In Norwegen eines stillen Abends erwuchs dicht über mir ein Hundertflügelrauschen. Ich schaute hinauf und über mir erzitterte das sonnengüldene Gefieder von vielen vielen Staren. Das sprach zu mir in der stillen Stunde.

Und nun sei geküßt, mein Otto. Laufe auch noch schön Schlittschuh und nicht allzusehr mit dem Blick in die Tiefe.

*

Familienbrief

Bremen, den 30. Dezember 1900.

Meine liebe Tante Marie,

... mir geht es zum Überlaufen gut mit meinem lieben Mann. Das Leben ist still und schön. Das Menschlein sitzt ganz regungslos und muckst sich kaum, während das Schicksal mit seiner milden Hand es streichelt. Ich habe das Gefühl, ganz leise zu leben, ganz leise jeden Augenblick zu genießen. Ich finde es dann so wunderbar, wenn Dinge und Empfindungen über einen kommen, und man nicht über die Dinge. Das ist immer verknüpft mit einer Art von Vergewaltigung, möchte ich sagen (ich meine letzteres). So ist meist der gesellige Verkehr in der Stadt. Die Leute warten keinen Augenblick, daß ihnen irgendein kleines sinniges Brünnlein aus Herzensgrunde aufsprieße. Sie machen voreilig alles tot mit Schlagwörtern und Schlaggefühlen. Wir wollen auch nicht hier in der Stadt verkehren, außer natürlich hier zu Hause. Es geht nicht gut. Man gibt nichts, denn bei der oberflächlichen Art des Gespräches behält man vorsichtig sein weniges für sich. Und empfangen tut man eigentlich nur eine traurige entfernte Stimmung.

Otto Modersohn feiert Weihnachten und Neujahr bei seinen Eltern in Münster. Wann wir heiraten, weiß ich nicht. Wir haben eigentlich das Gefühl, wenn wir wollten, so könnten wir es alle Tage. Da wird es wohl so kommen, daß wir uns kurz entschließen, und eines schönen Sommermorgens über den Berg zu dem kleinen Kirchlein wandern.

Draußen leben wir eine stille Gemeinde: Vogeler und seine kleine Braut, Otto Modersohn und ich, und Clara Westhoff. Wir nennen uns: die Familie. Wir sind immer Sonntags beieinander und freuen uns aneinander, und teilen viel miteinander. So mein ganzes Leben zu leben ist wunderbar.

Leb wohl, Liebe. Ich habe Dir wohl gar nichts Richtiges erzählt. Ich vergesse das immer, fühlend, daß die inneren Erlebnisse so viel wertvoller und wichtiger sind als die äußeren. Solange diese mich nicht gerade umschmeißen wollen, gehen sie mich gar nichts an. Überhaupt ... überhaupt ...

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